Nachruf auf Rupert Riedl

Manfred Wimmer, September 2005

„Nichts in der Entwicklung dieser Welt ist für sich alleine zu verstehen.“ (Riedl 1999, S.205)

Eigentlich war dieser Artikel ursprünglich als Überblick über Riedls Schaffen konzipiert. Leider wurde daraus ein wissenschaftlicher Nachruf auf Rupert Riedl, der am 18. September  2005 verstorben ist.

Einleitend seien mir einige persönliche Vorbemerkungen gestattet. Den Menschen Rupert Riedl jenseits aller wissenschaftlicher Aktivitäten und Leistungen zu skizzieren, erscheint als schwieriges Unterfangen. Ich will mich hier auf eine bestechende Eigenschaft beschränken, die darin zum Ausdruck kam, dass in seinem Existieren kaum Differenzen zwischen dem Wissenschaftler und der Privatperson Rupert Riedl gegeben waren. Wissenschaft als Beruf und Wissenschaft als Lebens- und Geisteshaltung erscheinen bei vielen Individuen als getrennte Bereiche. Nicht so bei Rupert Riedl, der in seinem ganzen Menschsein eine Synthese lebte. Eine Synthese, die sich auch in seinen wissenschaftlichen Arbeiten zeigt, deren breit gefächertes Spektrum kaum einen Aspekt des Menschseins ausspart. Eine elementare Form der Neugierde und Offenheit, gepaart mit einem Blick auf „das Ganze“ lassen Konturen eines Menschen entstehen, der sich durch keinerlei disziplinäre Grenzen Beschränkungen auferlegen ließ. Eines Menschen, der sich immer wieder die Frage stellte, in welch größeren Rahmen sein Tun einzuordnen wäre.

Der Anfang

Biographisch gesehen am 22. Februar 1925. An diesem Tag wurde Rupert Riedl als Sohn des Bildhauers Josef Riedl geboren. Ein Mensch, von dem Rupert Riedl immer mit Hochachtung sprach. Häufig wurde folgender Satz des Vaters zitiert, der gleichsam auch als Lebensmotto galt: „Wenn du für diese Gesellschaft etwas tun willst, dann darfst du nicht Maß an ihr nehmen“. Was darin zum Ausdruck kommt, ist zweierlei: einerseits Distanz und andererseits Engagement. Distanz vor allem zum jeweiligen „Mainstream“ und zu den bestimmenden Seilschaften in den Wissenschaften sowie zu aktuellen „Zeitgeistigkeiten“ in Kultur und Gesellschaft. Engagement andererseits für „die Kreatur“ in all ihren Verletzlichkeiten und Zerbrechlichkeiten und deren Einbettung in eine Kultur, deren Rolle sowohl stützend wie auch fördernd gesehen wird.

Die Schulzeit wird als überwiegend belastend und niederdrückend erfahren, die Leistungen sind eher schlecht. Auf die Kriegsmatura folgt die Einberufung zur Wehrmacht 1943. Auf einen langen Lazarettaufenthalt folgt die abenteuerliche Rückkehr nach Wien 1945. (vgl. dazu Riedl 2004, S. 56 f.) Trotz unklarer Zukunftsperspektiven findet sich im Kriegstagebuch bereits 1944 eine Art „Lebensplan“, welcher biologische Expeditionen, wissenschaftliche Filme und Theoretische Biologie beinhaltet. Der Versuch, in den Fußstapfen des Vaters zu schreiten, führt vorerst zu einem kurzen Gastspiel an der Akademie der bildenden Künste (1945-1946), gefolgt von Medizin und Ägyptologie als weitere Stationen des Weges hin zur Zoologie, welche dann zur wissenschaftlichen Heimat wird.

Meeresbiologie

Es folgen frühe wissenschaftliche Aktivitäten im Bereich der Meereskunde – jedoch nicht im Labor, sondern im Rahmen abenteuerlicher Expeditionen und mit riskanten Tauchgängen. Markant und innovativ dabei das Bestreben, Meeresbiologie nicht nur im Labor, sondern in den Lebensräumen selbst zu betreiben. Auf die „Unterwasser-Expedition Austria“ 1948-49 folgte die „Österreichische Tyrrhenia Expedition“ 1952 und eine Expedition ins Ostmediterran (Süddalmatien, Ägäis) 1953.

Sowohl Dissertation wie auch Habilitation stehen in diesem Kontext. Die bekanntesten Resultate dieser Periode sind der Film „Leben im Riff“ (1956) und die Bücher „Fauna und Flora der Adria“ (1963) – später erweitert zu „Fauna und Flora des Mittelmeeres“ (zahlreiche Auflagen) – sowie der Band „Biologie der Meereshöhlen“ (1966). Diese Arbeiten begründeten den Ruf Rupert Riedls als Meeresbiologe, der 1967 zu einer Berufung in die USA an die University of North Carolina in Chapel Hill führte. Auch hier erfolgen zahlreiche marinbiologische Forschungen, die bereits zunehmend mit Überlegungen zur Evolutionstheorie einher gehen. Zentral dabei der Gedanke einer sogenannten „korrelativen Selektion“ oder Autoselektion, d.h. eines zusätzlichen Evolutionsfaktors, der den üblichen Faktoren Mutation und Selektion zur Seite steht und eine eigene Selektionsquelle durch die internen Vorgaben des Organismus darstellt. Für die später entwickelte „Systemtheorie der Evolution“ stellen diese Überlegungen Kernelemente dar.

Evolutions- und Erkenntnistheorie

1971 erfolgt die Rückkehr nach Wien. Was sich hier verdichtet sind Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Naturordnung und Denkordnung, welche konsequent in Richtung erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Grundlagen der Biologie weitergeführt werden. Der darin zum Ausdruck kommende ganzheitliche Gesichtspunkt stellt dabei einen der zentralen Gehalte des Riedl`schen Schaffens dar (vgl. Riedl 1999).

Diese nicht reduktionistische Sicht von Evolution, die den Organismus in seiner systemischen Ganzheit berücksichtigt, wurde als „Systemtheorie der Evolution“ bekannt.

Die logische Konsequenz dieses Ansatzes führt direkt zur Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Viele Mitglieder der biologischen Zunft werteten diesen Schritt als Häresie, als nicht legitime Überschreitung naturwissenschaftlicher Überlegungen hinein in die Philosophie. Nicht so Rupert Riedl, dessen Überlegungen in diesem Grenzbereich erstmals in dem Band „Biologie der Erkenntnis – Die stammesgeschichtlichen Grundlagen der Vernunft“ (1980) erschienen, womit auch einer der Marksteine zur Begründung der Evolutionären Erkenntnistheorie gelegt wurde. Eines der Grundanliegen dieser Theorie ist die Rückführung höherer kognitiver Leistungen auf deren biologische Vorbedingungen – ein Anliegen,  welches sich auch bei Konrad Lorenz in seinem berühmten Buch „Die Rückseite des Spiegels“ (1973) findet. Von den zahlreichen Einsichten, die aus dieser „Naturalisierung“ der menschlichen Vernunft wie auch anderer menschlicher Fähigkeiten gewonnen wurden, sei hier eine der für Riedl wichtigsten herausgestellt: die Adaptierungsmängel. Diese zeigen sich in den „Fehlleistungen“, welche unsere angeborenen (ratiomorphen) Verrechnungsmechanismen liefern können, sobald sie außerhalb des für sie selektionswirksamen Milieus aktiv werden. So scheitern beispielsweise unsere Anschauungsformen außerhalb des „Mesokosmos“, d.h. jenes Milieus, innerhalb dessen sie selektiert wurden. Mikro- und makrokosmische Dimensionen erweisen sich für unsere angeborenen Anschauungsformen als kaum verstehbar. In ähnlicher Weise versagen zahlreiche evolutionär bedingte moralische Regulative innerhalb anonymer Massengesellschaften, weil der selektionswirksame Kontext in der überschaubaren Kleingruppe lag. Ein wesentlicher Aspekt von Bildung bestand für Rupert Riedl in einer Aufklärung über derartige Adaptierungsmängel unserer Ausstattung.

Dieser Versuch, die menschliche Vernunft ausgehend von deren evolutionären Wurzeln zu begründen, führte vor allem bei traditionellen Philosophen zu heftigen Abwehrreaktionen, was Riedl in keiner Weise irritierte, sondern ihm Anlaß zu weitergehenden Publikationen war, von denen hier nur ein Werk angeführt sein soll: „Die Spaltung des Weltbildes – Biologische Grundlagen des Erklärens und Verstehens“ (1985). Was Riedl hier unternimmt, ist nicht weniger als der Versuch, die unsere Kultur bestimmende, Unheil bringende Kluft zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu überbrücken. Ausgehend von dem Aristotelischen Ursachenkonzept kommt Riedl in dem Buch zu dem Ergebnis, dass komplexe Systeme aufgrund ihrer hierarchischen Organisation nur über wechselseitige Erklärungen zureichend verstanden werden können. Nichts in dieser Welt kann bloß ausgehend von seinen Untersystemen (bedingenden Ursachen etc., „bottom up“) verstanden werden, sondern in jedem System spielen auch aus den Obersystemen wirksam werdende „top down“ Faktoren eine Rolle. Wegweisend dabei der Gedanke, dass die Analyse jedes Objektes nicht nur die bedingenden Untersysteme in Betracht ziehen darf (wie dies bei der „klassischen“ naturwissenschaftlichen Methodologie der Fall ist), sondern hier auch immer die entsprechenden Obersysteme mit berücksichtigt werden müssen.

Gesellschaftstheorie

Harald Rohracher, Rupert Riedl
Harald Rohracher, Rupert Riedl 1991

Von da aus kann die Brücke zu Riedls Sicht von Kultur und Gesellschaft geschlagen werden. Dabei ist zu bemerken, dass seine letzten Jahre zunehmend von einem politischen und gesellschaftlichen Engagement gekennzeichnet waren, welches durch eine tiefe Sorge über die sich abzeichnenden und vollziehenden gesellschaftlichen Entwicklungen motiviert war. Dabei ist vor allem der Bildungsbereich eine Zone, an der Riedl sowohl im universitären wie auch im schulischen Bereich immer wieder das Verkommen von Bildungs- zu Ausbildungsstätten kritisiert. Der Einzug ökonomischer MacherMentalitäten in die Wissenschaften verdrängt dabei zunehmend den Blick auf das Ganze, auf die Wurzeln dieser Kultur, und der noblen Forderung „Bildung für alle“ sprechen gegenwärtige Entwicklungen Hohn.

Bildung war für Riedl eines der letzten Korrektive, welches in dem tiefen Sumpf von Humbug und Betrug einen Hoffnungsschimmer wirft. Ausgerichtet vor allem auf eine Kenntnis der Vorbedingungen menschlichen Denkens und Handelns, kann die Rolle der Kultur als humane Ergänzung und Erweiterung unserer biologischen Ausstattung erst richtig interpretiert werden. Die tragenden Säulen jeder Kultur – Glaube, Wissenschaft und Kunst - stellen dabei neue Ordnungsmuster bzw. Differenzierungsformen als Produkte menschlichen Tuns dar, deren Stellenwert und Gehalt erst durch Bildung einsehbar wird. (Riedl 2004, S. 131) . Wie weit diese Einsicht innerhalb von rigorosen, unmittelbar an konkreten Anwendungen orientierten Ausbildungsprogrammen und Effizienz maximierenden mentalen Trainingsprozeduren geleistet werden kann, sei dahingestellt. Auch im Schulbereich ist der Trend unverkennbar: Jene zentralen Bildungsinhalte, für die Riedl einstand, werden zugunsten eindimensionaler, von der Wirtschaft bestimmter „Fertigkeitskanons“ ausgehöhlt (vgl. dazu Weißbuch der Europäischen Kommission 1995).

Rupert Riedl hat hier seine Position immer mit aufrechtem Gang und Vehemenz vertreten und ist wohl damit dem Gehalt der letzten Zeilen seiner Autobiographie gerecht geworden:

„Wenn man aber an den Sinn eines Lebens denkt, dann ist dieser wohl daran zu messen, wie viel es an Humanität und Kultivierung, mit einem Wort `zu einer besseren Welt`, beigetragen hat“.

(Riedl 2004, S. 438)

„Was soll die Teilung in Geistes- und Naturwissenschaften; sind die einen unnatürlich und die anderen geistlos?“

(Die Strategie der Genesis, 1976, S. 40).

„Die Lebensprobleme der Kulturen wandeln sich mit ihrer Zeit und mit ihnen unser Sinn, im Sinne der von uns geforderten Lösungen.“

(Evolution und Erkenntnis, 1982, S. 266)

„Wir werden diese Welt nicht verstehen, wenn unsere Theorien den Bedingungen ihres Entstehens zuwiderwirken. Und wenn wir auch zu klein sind, um die Welt zu ruinieren, unsere kleine Menschenwelt zu ruinieren, das würden wir vermögen.“

(Die Spaltung des Weltbildes, 1985, S. 290).

„Wir müssen die Entwicklungsgesetze dieser Welt erkennen und unterrichten. Und wir bedürfen mehr Bildung, um die Einhaltung dieser Gesetze politisch durchsetzen zu können. Und solange wir dieses Bildungsziel noch nicht erreicht aben, sollten wir wenigstens durch die Differenzierung unserer Individualität und unseres Lebenskreises hinwirken auf eine Welt nach dem Maß des Menschen.“

(Kultur - Spätzündung der Evolution?, 1987, S. 173).

„ ... als Biologe bin ich natürlich Optimist. Leben ist gemacht, um zu überleben.“

(Die Gärten des Poseidon, 1989, S. 236)

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