RUPERT RIEDL (1925–2005)
Befreier der Morphologie

 

MICHAEL SCHMITT

Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig, Adenauerallee 160, 53113 Bonn

 

 

Der Hörsaal des Instituts für Zoologie der Freien Universität Berlin war vollbesetzt am 29. Juni 1978, als RUPERT RIEDL einen Vortrag hielt über „Evolution und Homologie –  die Beziehung zwischen Naturordnung und Denkordnung“. Er zeigte dem Publikum eine Zwei-DM-Münze und bat um eine Vorhersage per Handzeichen, welche Seite wohl oben liegen werde, wenn er die Münze werfen und wieder auffangen würde. Wie zu erwarten, tippte jeweils ungefähr die Hälfte im Saal auf eine der beiden Seiten. RIEDL warf, fing auf, und zeigte die oben liegende Seite einer in der ersten Reihe sitzenden, völlig unverdächtigen Professorin. „Kopf“ lag oben. Er wiederholte die Prozedur, eine Mehrheit tippte nun auf „Zahl“, aber wieder lag „Kopf“ oben. Im dritten Durchgang waren sich fast alle Anwesenden sicher, dass nun „Zahl“ zu erwarten sei. Als entgegen dieser Erwartung ein drittes Mal „Kopf“ oben lag, ging ein Raunen durch den Saal, und auf die vierte Aufforderung zu einer Vorhersage reagierten nahezu alle erst mit Gelächter und dann mit einem Tipp auf „Kopf“. Augenfaäliger konnte uns kaum klar gemacht werden, dass wir drei gleichförmige Wiederholungen für regelmäßig halten und daraus auf eine Regelhaftigkeit schließen. Tatsächlich war die Münze präpariert, sie bestand aus zwei aufeinandergelöteten „Kopf“-Seiten.

Wenige Jahre zuvor (1975) war RIEDLs Buch „Die Ordnung des Lebendigen – Systembedingungen der Evolution“ erschienen, das zwar nicht leicht zu lesen, aber ungemein anregend war und in gewisser Hinsicht befreiend wirkte. Damals standen die „klassischen“, eher anwendungsfernen Disziplinen in den Grundlagenwissenschaften – und damit auch die Morphologie der Tiere – unter scharfer Kritik. Studierende, die „Wissenschaft im Dienst des Volkes“ forderten, aber auch Politiker, die nach der Effizienz der eingesetzten Hochschulfinanzen fragten, und nicht zuletzt die werten Kollegen aus den „anwendungsnahen“ Zweigen der Biologie und damit im sicheren Hort, fragten nach der Daseinsberechtigung der Morphologie. Waren nun die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an den deutschen Hochschulen sowieso schon weder daran gewöhnt noch besonders motiviert über ihren Nutzen für etwas anderes als die Wissenschaft selbst nachzudenken, so fiel es denen, die Morphologie betrieben, in der Phase des Aufschwungs von Neurophysiologie und  Ökologie erst recht schwer, Außenstehenden die Notwendigkeit ihrer Forschung plausibel zu machen. Die „reine“ Strukturaufklärung war als altmodisch und wertlos diskreditiert, und andere Legitimationen gestalteten sich mühsam. Man verwies auf zukünftige, aber derzeit überhaupt nicht absehbare Nutzungsmöglichkeiten, verstieg sich zu sehr gewagten Folgerungen für eventuelle technische Anwendungen oder spekulierte auf allerallgemeinstem Niveau über äkologische Relevanz jeglicher Befunde an Organismen. Jedenfalls war „Funktion“ gefragt, und nach ihr wurde gesucht, auch wo schwer eine zu finden war. Und nun kam RUPERT RIEDL und stellte Morphologie als Systemwissenschaft dar, die Gesetze formulieren kann und aufs engste mit Erkenntnistheorie verwoben ist. Ein fast hörbares Aufatmen der bedrängten Morphologengemeinde begleitete damals die Lektüre der „Ordnung des Lebendigen“. Dass die frisch erworben geglaubte Legitimation bald von ihrem Reiz verlor, lag nicht nur am Beharrungsvermögen des auch in der Wissenschaft mächtigen Establishments, sondern auch an der Persänlichkeit RUPERT RIEDLs.

RUPERT JOSEF MARIA RIEDL wurde in Wien geboren am 22. Februar 1925 als Sohn des Bildhauers JOSEF RIEDL und seiner Frau ANNA, geb. BAYER. Er wuchs in Wien auf, wo er die Grundschule besuchte, danach die höhere Schule und 1943 das Abitur ablegte. Im selben Jahr wurde er zunächst zum Arbeitsdienst, aber noch vor Jahresende zum Kriegsdienst einberufen. Er war Gebirgsjäger, wurde verletzt und kehrte 1945 auf abenteuerlichen Wegen heim. Zunächst schrieb er sich, 1945, an der Akademie der Bildenden Künste ein, wechselte jedoch 1946 an die Universität, wo er Medizin, Anthropologie und Zoologie studierte. Er leitete 1948/49 die erste ästerreichische Nachkriegsexpedition in Sizilien und in der nordafrikanischen Inselwelt, die „Unterwasser-Expedition Austria“. Mit der Ausbeute dieser Expedition beschäftigte er sich in seiner Dissertation „Zur Morphologie und Ökologie einiger Turbellaria-Acoela des Mittelmeeres“, angefertigt unter der Betreuung von Prof. Dr. OTTO STORCH und Prof. Dr. WILHELM MARINELLI, mit der er am 20. November 1951 im Fach Zoologie promoviert wurde. In den Jahren 1950 bis 1952 hielt er sich verschiedentlich zu Studienzwecken auf Meeresstationen im Mittelmeergebiet und an der Nordsee auf. 1952 war er Leiter der o¨sterreichischen „Tyrrhenia-Expedition“.

1956 wurde er Dozent für Vergleichende Anatomie und Systematik. In diesem Jahr heirateten RUPERT RIEDL und LEOPOLDINE FRÜHMANN. 1960 habilitierte er sich an der Universität Wien fuür das Fach „Zoologie unter besonderer Berücksichtigung der Morphologie und der Meereskunde“. Meeresbiologie war viele Jahre sein Arbeitsschwerpunkt, in dem er auch seine ersten bahnbrechenden Arbeiten und seine ersten Bücher publizierte, z.B. „Fauna und Flora der Adria“ (1963) und „Die Biologie der Meereshöhlen“ (1966).

1963 wurde die Tochter BARBARA (verheiratete SCHWEDER) geboren, 1965 kam die zweite Tochter, SABINA, zur Welt und starb RUPERT RIEDLs Vater. Ein Jahr später starb seine Mutter. 1967 folgte er einer Einladung durch die National Science Foundation auf eine Gastprofessur für Marine Sciences an der University of North Carolina at Chapel Hill, USA. Nach einer Unterbrechung von wenigen Monaten, die er in Wien verbrachte, wurde er auf eine Kenan-Professur für Zoologie nach Chapel Hill berufen. Er kehrte 1971 nach Wien zurück, wo er Ordentlicher Professor für Zoologie wurde. An der Universität gründete er die Abteilungen ,Meeresbiologie‘, ,Ultrastrukturforschung‘ und ,Theoretische Biologie‘. Mit dem schon erwähnten Buch „Die Ordnung des Lebendigen“ (1975) begann seine rege Publikationstätigkeit auf dem Gebiet der Philosophie der Biologie, speziell der Evolutionären Erkenntnistheorie. 1971 bis 1976 war er stellvertretender Leiter des Instituts für Anthropologie, von 1983 bis 1990 Vorstand des Instituts für Zoologie. 1990 gründete RUPERT RIEDL das „Konrad Lorenz Institut für Evolutions- und Kognitionsforschung“, das in der LORENZ’schen Villa in Altenberg untergebracht ist. 1995 wurde er emeritiert, hielt aber noch weiter Lehrveranstaltungen an der Universität Wien ab, ausschließlich über Fragen der Evolutions- und der Erkenntnistheorie. Vor allem engagierte er sich zunehmend im Natur- und Umweltschutz. 1984 beteiligte er sich an der „Hainburg-Bewegung“ zum Schutz der bedrohten Donauauen und war einer der drei Präsidenten des „Forums österreichischer Wissenschaftler für den Umweltschutz“. 1997 gründete er den „Club of Vienna“, in dem – analog zum „Club of Rome“ – interdisziplinär Ursachen und Auswirkungen des Wachstums und Möglichkeiten zu seiner Steuerung diskutiert wurden.

Im Anschluss an seinen Vortrag 1978 in (West-)Berlin diskutierte RUPERT RIEDL ausführlich und offen mit Lehrenden und Studierenden, im Hörsaal, danach im Restaurant und am n#chsten Tag in HARALD WITTEs Privatwohnung. Er wirkte entspannt, hörte zu, machte sich Notizen. Er vermittelte uns den Eindruck, interessiert und aufnahmebereit zu sein. Wir in der Runde profitierten enorm von RIEDLs Faktenwissen, seiner bildhaften Ausdrucksweise und seinen anregenden Ideen. In späteren Begegnungen (bei der DZG-Jahrestagung 1980 in Berlin, beim „Internationalen Symposium ,neodarwinistische oder kybernetische Evolution‘“ in Heidelberg 1987, beim 30. Phylogenetischen Symposium in Neuchâtel 1987, beim 2. Treffen der European Society for Evolutionary Biology 1989 in Rom) war deutlich zu spüren, dass er Kritik nicht ernst nahm und nicht bereit war, von Gesprächspartnern etwas anzunehmen. Er schien sich in der Rolle des unverstandenen, aber intellektuell überlegenen Außenseiters zu gefallen. Was immer der Grund für diese Wandlung gewesen sein mag, sie war sicherlich mitverantwortlich dafür, dass die Bereitschaft in der wissenschaftlichen Gemeinde, RUPERT RIEDL ernsthaft zu rezipieren, im Lauf dieser Jahre spürbar nachgelassen hat.

Nichtsdestoweniger werden RUPERT RIEDLs Beiträge zur Meeresbiologie, zur theoretischen Begründung der Morphologie und zur Erkenntnis der Systembedingungen der Evolution ihren hohen Stellenwert behalten. Seine Thesen zur Evolutionären Erkenntnistheorie und zur Philosophie der Biologie allgemein werden zum Denken und Staunen anregen, auch wenn sie nicht unumstrittenen sind. Seine 446 Seiten starke Autobiographie „Neugierde und Staunen“ ist 2004 im Seifert-Verlag, Wien, erschienen.

Am 18. September 2005 starb RUPERT RIEDL in Wien. Er war seit 2000 Korrespondierendes Mitglied der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin.

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