SPRACHE

©Rupert Riedl, 1999
Manuskript "Zufall, Chaos, Sinn"
Nachdenken über Gott und die Welt

Offenbar eilt nun der Text von Errungenschaft zu Errungenschaft. Da ist wieder eines der hehren Merkmale des Menschen. Der lallende Betrunkene verliert viel vom Menschlichen. Und wie bedauern wir, dass unser kluger Hund nicht ausdrücken kann, was er im Einzelnen wohl meint. Was für ein wunderbarer Weg vom Keckern der Affen zur wohlgesetzten Rede. Und ohne Zweifel stand das Werden der Sprache in enger Wechselwirkung mit der Differenzierung der menschlichen Sozietät, hat ein kollektives Weltbild und mit ihm die Kulturen überhaupt erst entstehen lassen

Woraus entsteht Kommunikation?

spracheNach unserem Sprachgebrauch denken wir beim Begriff "Kommunikation" an die Verständigung zwischen Menschen, aber auch zwischen Tieren, denn wir haben gute Gründe anzunehmen, dass auch Vogelgezwitscher Mitteilungen enthalten kann. Eine solche Bestimmung des Themas empfiehlt, zwei Grenzbereiche zu bedenken. Ein Grenzbereich liegt im Organismus selbst. Denn natürlich kommunizieren, im übertragenen Sinn, auch Hirnregionen untereinander, mit Extremitäten und Organen; und selbst Zellen eines Gewebes müssen einander erkennen. Eine zweite Grenze beginnt im molekularen Bereich des Organismus, etwa am Informationstransfer der Gene, hinter welchen die Prinzipien der anorganischen Welt liegen. Namentlich stereospezifische, autokatalystische Prozesse. Etwa in der Weise, wie von der Oberfläche eines Schlüssels der Abdruck des Schlosses genommen werden kann, von welchem wieder zahllose Schlüssel abgezogen werden können: Vorbedingungen für das genetische Gedächtnis.



Kommunikation im gegebenen Sinn muss dort beginnen, wo es für Individuen einer Art lebensnotwendig wird, den Artgenossen zu erkennen. Natürlich gibt es auch anderen Informationstransfer im Organismenbereich. Beispielsweise erfährt ein Wasserläufer am Vibrieren der Wasseroberfläche, wo eine zappelnde Fliege zur Beute werden kann. Aber gewiss wollte die Fliege nichts mitteilen. Kommunikation, wie wir sie nun auffassen, muss stammesgeschichtlich mit den zwei geschlechtlichen Einzellern begonnen haben. Das ist sehr früh im Werden des Lebendigen: wohl vor rund drei Jahrmilliarden. Wer den Partner nicht erkannte, konnte sein Erbgut nicht "kommunizieren", austauschen oder vereinigen, und war sogleich aus der Geschichte der Organismen ausgeschlossen. Diese Kommunikation ist chemisch kodiert, der Träger der Nachricht ist das Meerwasser. Auch unter den Vielzellern sind viele Tiere und Pflanzen bei dem Prinzip geblieben, ihre Gameten, Eier und Samenzellen einfach ins Wasser zu entlassen, wo sie einander finden und erkennen müssen. Und auch nach der Erfindung der Kopulation ist das Erkennungsprinzip der Gameten gleich geblieben. So muss auch eine Samenzelle des Menschen die Eizelle über ihren chemischen Code erkennen, und die Eizelle ist darauf vorbereitet, nur eine einzige menschliche Spermazelle und nichts anderes einzulassen.

 

Welche Entwicklung hat Kommunikation genommen?

Diesen Ansatz elementarster Verständigung hat sich über das Werden der Vielzeller, als Disposition, auch in die adulten Organismen fortgesetzt; unterstützt durch taktile Annäherung ist sie die einzige Verständigungsweise geblieben, bis tüchtige Fernsinne, in erster Linie Aug und Ohr, entstanden sind. Mit dieser Errungenschaft kommen optische und akustische Nachrichten zu den chemischen hinzu; gleichzeitig aber Dekodierer optischer und akustischer Reize. Man darf sich das nicht in der Weise vorstellen, wie wir einen Menschen an der Physiognomie und an der Stimme erkennen. Das Rotkehlchen erkennt den Partner nur an der roten Kehle, und die Zikade hört aus allen Geräuschen der Welt sogar nur das Zirpen des Männchens. Dennoch bieten beide Nachrichtenarten eine neu Disposition, nämlich die Färbung oder Zeichnung zu modulieren, wie bei Fischen und Tintenfischen. Es sind zunächst Befindlichkeiten, die auf diese Weise sichtbar werden, und die dann wohl erst in zweiter Linie zu einer Nachricht werden können. Das scheint auch für den akustischen Ausdruck zu gelten. Zunächst "singt es" einem Vogel je nach Stimmung, erst daraus kann der Gesang zur Nachricht werden. Nach verbesserter Optik kommt etwas hinzu, was man Körpersprache nennt. Veränderungen des Körpers und der Bewegung, zunächst der eigenen Befindlichkeit entsprechen, werden zu Nachrichten. Das Fletschen der Zähne, das Sträuben der Rückenhaare bei einem Hund wird zum Signal, wie das Auffliegen von Vögeln und das Lospreschen von Wild, wobei sich oft weitere Signale hinzugesellen wie auffallende Flügelzeichnung, oder die sogenannten "Spiegel" der Rehe, ein weißer Fleck am Körperende, der dem Hirsch zeigt, in welche Richtung er losrennen soll. Bei uns Menschen spielt die Körpersprache noch immer eine große Rolle. Freude, Kummer, Zorn drücken sich darin ebenso aus, wie Unterordnung und Imponiergehabe.

Über Sprache in unserem Sinn

Gibt es eine Disposition zur Lautsprache?

Ob man das Gekrächze oder Gekreisch vieler Vögel und Säuger eine Lautsprache nennen soll, sei dahingestellt. Selbst der Lerche und der Nachtigall, um zwei literarisch besungene Sänger zu bemühen, singt "es" sich eben mehr, als sie absichtsvoll singen. Freilich sind Stimmorgane vorhanden. Wer einmal Aras oder Brüllaffen in seiner Nachbarschaft hatte, wird das nicht verkennen. Und die Modulierbarkeit ist uns aus den Strophen des Vogelgesangs bekannt. Warum ist im Tierreich aus dieser Anlage nicht mehr geworden? Selbst bei den Menschenaffen genügt, neben einer geringen Zahl spezifischer Warnrufe, weithin die Körpersprache. Es gibt wohl keine Ursache, einander noch Weiteres zu sagen. Der Kehlkopf sitzt zu hoch, und der Gaumen liegt, für die Bewegung der Zunge, zu flach. Sie können - schon physisch - nicht modulieren. Damit ist uns die Disposition zur Entwicklung differenzierter Lautsprache gegeben. Und das betrifft nicht nur die Stimmorgane selbst und deren Modifizierbarket. Das betrifft noch mehr die soziale Herausforderung, differenzierter zu kommunizieren, sowie Dispositionen im Gehirn, dieser Aufgabe auch gerecht zu werden.

 

Welchen Rang nimmt die Lautsprache ein?

Oberflächlich besehen dominiert bei uns Menschen die Lautsprache. Das betrifft zunächst die Differenzierbarkeit der Mitteilung. Es steht außer Frage, dass wir untereinander über Körpersprache und Gerüche eine nur ungleich geringere Anzahl von Mitteilungen machen können. Mit der Verlässlichkeit der Mitteilungen verhält es sich aber auffallenderweise umgekehrt. Man wird oft beobachtet haben, dass beliebige, verbale Kraftmeierei durch defensives Verhalten, dass auch die wortreichste Beteuerung glücklicher Lebensumstände durch ein trauriges Gesicht Lügen gestraft wird. Es haben sich sogar körpersprachliche Kodizes gebildet, sodass ein Augenzwinkern genügt, um eine Behauptung in ihr Gegenteil zu verkehren.


Die Körpersprache gilt
als die verlässlichere; aber warum? Nur weil sie älter ist? Ich vermute, weil sie weniger steuerbar ist. Mit ihr kann weniger gelogen werden. Diese Vermutung stützt sich auf die Erfahrung, dass die geruchliche Kommunikation als nochmals verlässlicher genommen wird als die Körpersprache. Denn sie erweist sich als überhaupt nicht mehr steuerbar. Dabei erfahren wir erst aus letzter Zeit, welche Fülle an Sympathie- und Sexussignalen, zudem zyklusabhängig und in ganz versteckter Weise, mitgeteilt wird. Freilich ist da noch vielerlei offen. Aber bekanntlich hilft auch die beflissenste Körpersprache nicht, wenn einem, wie die Umgangssprache sagt: einer stinkt. Also sind unsere drei Kommunikationsformen in zwei gegenläufigen Graden angelegt: Verlässlichkeit gegen Differenzierung. Lautsprachlich kann in einer Überfülle gelogen werden. Olfaktorisch stehen dagegen wenige, aber unabweisliche Wahrheiten.

 

Bilden unsere Kommunikationsformen die Wirklichkeit ab?

Eine der merkwürdigsten Eigenschaften aller Kommunikationen ist lange unterschätzt worden. Sie beruht darauf, dass sich Kommunikation völlig anders entwickelt hat als unsere Anschauungsformen. Die beiden werden sogar widersprüchlich. Um das verständlich zu machen, muss ich auf zwei technisch wirkende Begriffe eingehen: die Korrespondenz- und Kohärenz-Bedingungen im Evolutionsgeschehen. Im Grunde ist der Zusammenhang einfach, man muss ihn nur einmal wahrgenommen haben.

Korrespondenz wirkt einseitig, überwiegend vom Milieu auf den Organismus. Die Bedingungen können wechseln wie bei der Wanderung vom Meer aufs Land, und bei Seekühen, Delfinen und Walen wieder zurück zu den Bedingungen des Meeres. Das Produkt nennt man Anpassung. Und die Wirkung ist deshalb einseitig, weil die Beine der Landtiere die Bedingungen des Landes so wenig verändern wie die Flossen der Delfine das Wasser.

Kohärenz steht dagegen für eine Wechselwirkung. Das Produkt nennt man Abstimmung im System oder in der Organisation. So müssen Ober- und Unterkiefer aufeinander abgestimmt sein, ob im Gebiss der Raubtiere oder der Wiederkäuer, genauso Herz und Niere aufeinander, ob bei Fledermaus oder Maulwurf. Dabei haftet die entstandene Organisation dem System unverbrüchlich an. Sie wird zum Schicksal. Mit einer Wiese können Käfer, Spitzmaus und Schnecke zurechtkommen, ob sie ihr Schicksal nun an ein Außen-, ein Innenskelett, oder an die Elastizität eines Muskelgeflechts binden. Umgekehrt wird jeder Säuger mit seiner Vorderhand zurechtkommen, ob damit in den verschiedensten Milieus getrabt, geklettert, geflogen oder gegraben werden muss.

Korrespondenz mit dem Milieu hat auch unsere Sinne der Welt angepasst. Wir verrechnen Raum Zeit, Perspektive und Wahrscheinlichkeit, die Prozeduren der Gestaltwahrnehmung schaffen uns Gegenstände, lösen sie vom Hintergrund und interpretieren deren und unsere Bewegung.

Kohärenz ist dagegen zur Bedingung jeder Kommunikation geworden. Ihre Formen bilden nicht eine Sache oder die Welt ab, sondern dienen ausschließlich der Verständigung. Für chemische, optische wie akustische Kodizes ist das Milieu nur der Träger der Nachricht. Ungemach wird beim Tintenfisch durch Schwarzwerden, beim Hund durch Haaresträuben, bei uns durch das Fließen der Tränendrüse symbolisiert; es hätte ebenso gut mit Streifung, Männchenmachen oder Speichelfluss ausgedrückt werden können. Das Symbol bildet die Sache nicht ab, es steht nur für diese. So auch in unserer Lautsprache. Das M und V der Worte Mutter und Vater haben nichts mit deren Gestalt, Funktion oder Verhalten zu tun. Es genügt, dass der Code verstanden wird. Freilich steht unsere Semantik für eine Fülle von Dingen dieser Welt. Aber sie bildet diese nicht ab. Ausnahmen sind nur die onomatopoetischen Worte, die lautmalend Rumpeln, Zischen und Krachen wiedergeben. Sie spielen aber in unserer Sprechweise eine ganz untergeordnete Rolle. Jede unserer Anschauungsformen muss der Welt entsprechen, Kommunikation jedoch nur den inneren Systembedingungen der Eindeutigkeit. Und wir werden, wenn die Fragen unsere Vernunft betreffen, entdecken, welche Widersprüche sich damit in unserer Disposition, mit der Welt umzugehen, vorbereitet haben.

 

Sprache und Sprachdenken

Wie verwandt sind Sprache und Denken?

Man kann annehmen, dass die uns angeborenen Anschauungsformen unser vorsprachliches Denken angeleitet haben. Das geht schon aus dem Umstand hervor, dass alle Sprachen der Menschen, auch die ganz exotischen wie die der Eskimos, einige elementare Züge gemeinsam haben.  So läuft auch immer noch ein Großteil des Denkens nichtsprachlich oder vorsprachlich ab; was freilich nicht leicht zu kommunizieren ist, weil sprachliche Kommunikation über das Nichtsprachliche - wie hier - an der Oberfläche bleibt, die Verständigung über Inhalte aber sehr erschwert ist. Vom Denken sagte ich schon, dass es fokussiert, wie ein Lichtstrahl der Handlampe im Dunkel. Aber es treten Bilder und Zusammenhänge auf, die sich vervielfältigen können, wie zum Beispiel unser Denken in "Ähnlichkeitsfeldern".

Ich will das illustrieren. Man wandere mit mir einen Strand entlang. Da guckt von einem im Sand verborgenen Gegenstand ein henkelförmiger Teil heraus. Und da er all dem, was wir als einen typischen Henkel kennen, doch nicht ganz entspricht, erleben wir, dass der Gegenstand gedanklich von allerlei Abarten von Henkeln umgeben wird, mit deren Hilfe die Einordnung dieses Gegenstands möglich werden soll. Nun stupsen wir dieses Objekt mit der Fußspitze an. Heraus kommt ein Teil eines in der Brandung abgerollten Säugerschädels, der vermeintliche Henkel entpuppt sich als das beschädigte Jochbein. Und zwar deshalb, weil es gedanklich sogleich von all den Jochbeinen von Säugerschädeln umgeben wird, die wir zu kennen meinen.

Aufschlussreich ist auch die Erfahrung der automatischen Typusbildung. Legt man Versuchspersonen beispielsweise die Abwandlung eines Geschirrs in seinen einzelnen Formvariationen auf Kärtchen vor, den Typus aber nicht, und befragt man sie später, welche Karten sie schon gesehen haben, so wird behauptet, die Karte, welche den Typus zeigt, wäre sicher dabei gewesen. Die Sprache dagegen kann ein Ähnlichkeitsfeld in simultaner Weise nicht wiedergeben. Sie muss das Feld nach den Abwandlungen eines Typus, zum Krügelglas, zur schlanken Amphore und zur Henkelschale, bahnenweise angeben. Sie ist für die Darstellung von Komplexität überhaupt schlecht geeignet. Das ist auch der Grund, warum Musik und bildende Kunst mehr erleben lassen, als man sprachlich ausdrücken kann.

Dennoch muss das Denken die Sprache angeleitet haben, auch wenn diese davon nur Einiges ausdrücken kann. Und umgekehrt ist die Wirkung der Sprache auf das Denken. Fast ist es so, als ob das, was keinen Namen hat, nach unserem Gefühl auch eine schwächere Existenz besäße. Wir selbst fühlten uns ohne einen Namen unwohl. Und darüber hinaus ist die Sprache in der Bezeichnung alles Unanschaulichen überlegen. Energie, Entropie, Infinitestimal, selbst das Unendliche, lassen sich - wie zu lesen - leicht hinschreiben, aber nicht anschauend denken.

 

Hat die Sprache echte Grenzen?

Wenn man die Begrenztheit unserer Hochsprache untersucht, so ist es nicht leicht, dies zugänglich zu machen. Und zwar schon deshalb, weil man den Eindruck hat - unsere große Literatur bedenkend -, ohnedies alles ausdrücken zu können. Ich meine nun nicht, dass uns bei elementaren Erlebnissen die Worte fehlen. Vielmehr deuten uns schon die Künste an, was die bloße Beschreibung großer Werke allein nicht schafft: die Vielstimmigkeit von Orchesterwerken und das ganzheitliche Erleben in der bildenden Kunst. Zwei dieser Beschränkungen meine ich, vorführen zu können. Die eine Beschränkung der Lautsprache beruht auf ihrer Linearität. Wenn nun auch die Musik noch in eine lineare Folge gezwungen ist, so wird ein Gemälde weder zeilenweise komponiert, noch wahrgenommen, vielmehr in hierarchischen Schichten von Ganzheiten: der Geometrie, der Zentren, der Figuren, des Lichts, der Farbgabe, des Timbres seiner Komposition. Nur die Fernsehkamera muss es zeilenweise aufnehmen und wiedergeben. Nach den Bedingungen der Lautfolge kann, was immer nur in Kettenform mitgeteilt werden. Man kann sagen, dass ein System einen Zusammenhang darstellt, bei welches es gleich (schlecht) ist, wo man mit der Beschreibung beginnt. Selbst der einfachste Wechselzusammenhang von A, B und C setzt bei der Beschreibung des Zusammenhangs von A und B voraus, dass die Zusammenhänge von B und C, sowie jene von C und A, zunächst unausgesprochen vorausgesetzt werden. Wir haben dafür auch einen sprachlichen Ausdruck, indem wir sagen, "den Faden" (der Beschreibung des Zusammenhangs) an anderer Stelle wieder aufzunehmen.

Die andere Beschränkung hat mit der definitorischen Art ihrer lautlichen Symbolik zu tun. Wald und Baum ist zweierlei, und obwohl uns die Erfahrung lehrt, dass es zwischen den beiden Übergänge gibt, besitzt unsere Sprache dafür keinen Ausdruck. Wir helfen uns mit Formen der Verkleinerung, im Italienischen auch mit solchen der Vergrößerung; wir geben zu, dass eine mächtige Baumgruppe größer sein kann als ein kleines Wäldchen. Aber es bleibt bei Baum und Wald, Haus und Hütte, selbst bei Riesen und Zwergen, ohne Übergang. Die sprachlichen Symbole sind auf Eindeutigkeit getrimmt; Übergänge würden die Eindeutigkeit stören. Beides nimmt über das Sprachdenken großen Einfluss auf unser Denken. Es leitet zu der ganz verfehlten Erwartung, polymorphen Phänomenen mit der Schärfung von Definitionen entsprechen zu können. Das wird uns im Zusammenhang der Fragen um unsere Logik und den "Sprachrelativismus" noch beschäftigen.

 

Was ist sprachlichen Strukturen gemeinsam?

Was auf das Sprachdenken aller Menschen Einfluss nimmt, das sind die "sprachlichen Universalien". Hierher gehören semantische und syntaktische Grundstrukturen und der hierarchische Bau des Sprechens und Verstehens überhaupt. Die Sprachen aller Völker kennen Nomina und Verben. Nomina werden durch die angeborenen Vorgänge der Gestaltwahrnehmung vorbereitet und dem Sprechen mit deren typologischen Lösungen suggeriert. Man denke an den Begriff "Baum", und man wird zugeben, dass das Gemeinsame, sagen wir: von Fichte und Eiche, nicht sehr merkmalsreich ist. Dennoch gehen wir damit um. Aus der Akademie der Bildenden Künste in Wien wird dazu eine Anekdote erzählt. Der Professor gab den Studenten die Aufgabe, einen Baum zu zeichne, und kritisierte einen mit den Worten: "Das ist doch kein Baum, das ist eine Birke!".

Was die Bildung der Klasse der Verben anleitet, wissen wir noch nicht so genau; dass der Vorgang aber mit Veränderung, mit Bewegung und deren Interpretation, zusammenhängt, und ganz anders sein muss, als die Bildung der Nomen, ist evident. Denkt man den Begriff "Laufen", dann treten keineswegs mehr jene ägyptischen Plastiken auf. Cartoons machen das deutlich: indem bei einem losrennenden Wicht unter seinem Rumpf nur mehr ein Wirbel dargestellt ist, und eine Staubwolke hinter ihm. Es mag das Universelle dieser Trennung nicht sehr spektakulär erscheinen, es wird aber im Zusammenhang mit dem Sprachrelativismus und den Konsequenzen unseres Sprachdenkens an Gewicht gewinnen.

 

Gibt es Gemeinsamkeiten in den Konstruktionen?

Die hierarchische Struktur des Sprechens und Verstehens ist eine zweite folgenreiche Bedingung für das Sprachdenken. Sie bietet drei Aspekte. Einmal zeigt es sich, dass die meisten unserer Begriffe selbst in einer Hierarchie von Begriffen stehen. So ist ein Apfel, in den wir bereit sind, hineinzubeißen, ein Ding, das zu den Baumfrüchten, weiter zu den Früchten, den Fortpflanzungsorganen der Pflanzen und zu den Vegatbilen gehört. Ansonsten könnte es ein Reichsapfel oder ein Adamsapfel sein. Denn erst dann erwarten wir, dass er sich selbst aus jener bestimmten Hierarchie von Unterbegriffen zusammensetzt, die wir als Fruchtfleisch, Zellen usf. kennen.

Ein andermal zeigt die Analyse. dass ein Sprechakt selbst hierarchisch aufgebaut ist. Er führt vom Gedanken oder Kontext über die Satzgliederung und das Wort zur Silbe und zum Phonem und steuert von dort das Sprechen. Und beim Verstehen zeigt es sich, dass das Phonem gespeichert wird, bis das Wort erhellt, und das Wort, bis der Satz und der Kontext verstanden sind. Das macht, drittens, der Vorgang der Entzifferung deutlich. In Bezug auf einen Brief mit sehr ungewohnter Handschrift haben wir das alle schon erlebt. In der Ebene der Buchstaben sind "u", "n" und "v" oft nicht eindeutig unterscheidbar. Das kann auch für "g", "j" und "y" gelten. Stell es sich heraus, dass man oft die Dreiergruppe ("x"nd) findet, so wird es sich um ein "u", das Wörtchen "und", handeln. Zeichen erklären sich also aus Worten, so wie sich Worte aus gedeuteten Zeichen zusammensetzen.

 

Rupert Riedl, Auzug aus Brief

Entziffern wir das Wort "Strauß", so sagt es uns noch nicht, ob ein Blumengebinde, ein Vogel oder ein Komponist gemeint ist. Die Wortbedeutung geht aus dem Satz hervor, ebenso wie der Inhalt eines Satzes aus seinen Worten. - Und ob der Satz ironisch gedacht ist oder nicht, ist dem Satz nicht zu entnehmen. Das ergibt sich aus dem Kontext, wie der Kontext aus seinen Sätzen. Wir haben hier ein Vier-Schichten-System vor uns: Zeichen-Wort-Satz-Kontext. Und die Entschlüsselung zeigt bereits drei Wechselbezüge der Aufklärung, der "wechselseitigen Erhellung", sagt man, und meint damit das Prinzip der "Hermeneutik". Der Begriff geht auf Hermes, den Götterboten zurück, weil es zunächst um die Deutung heiliger Texte ging, und sich erst später eine Hermeneutica prophana anschloss. Sie gilt als die Methode der Geisteswissenschaften. Ihre Parallele zu den Methoden der Naturwissenschaften ist ein wichtiges Thema wissenschaftlicher Methodik und wird uns noch begegnen.

 

Gibt es grundsätzliche Sprach-Unterschiede?

Gegenüber solchen Universalien kennt man naturgemäß eine Vielfalt von Unterschieden zwischen den Sprachen der Völker. Ich will eine Gundunterscheidung darstellen, weil sie zur Ursache von Problemen wurde, welche unseren Sprachentyp, unsere Logik und unser Sprachdenken beherrscht. Ich gehe von der Unterscheidung von Nomen und Verben aus, der wir eben begegnen. Der Vewendungsgrad der beiden ist aber in den Großfamilien der Sprachen verschieden. Vergleichende Sprachforscher stellen das bildlich als zwei Häufungen von Nomen und von Verben auf einer Achse, mit zwei Glockenkurven, dar. Das ist wieder etwas technisch, für unsere Belange aber einfach. In den "zirkummediterranen" Sprachen, die vom Griechischen beeinflusst sind, berühren sich die beiden Glockenkurven nur wenig, in den "zirkumpazifischen" überlappen sie aber sehr weit. Das Chinesische werde ich von nun als Beispiel nehmen.


Die relative Entfernung von Nomen und Verb hat im Griechischen ein Kunstwort einführen lassen, welches die beiden verbindet. Das ist die "Kopula" und meint im Deutschen die Worte "ist" und "sein". Damit ist das Sprechen in Klassenbegriffen nahe gelegt, der Typ des griechischen Aussagesatzes: "Sokrates ist ein Mensch". Und der Aussagesatz legt wiederum die Bildung einer Form des Sprechens nahe, die uns als "logischer Schluss" vertraut ist: "Sokrates ist ein Mensch, alle Menschen sind sterblich, ergo ist Sokrates sterblich." Was uns, nach Art unserer Schulbildung und Sprechens in unserer Sprachumgebung, als eine Selbstverständlichkeit (nämlich des Gebildeten) erscheint, ist in Wahrheit sehr eigenartig - nämlich eine Eigenart unserer Sprache. Wir betreten damit das Thema des "Sprachrelativismus".

 

Wie beeinflusst ist Kultur von Sprachunterschieden?

Es ist naheliegend, dass Sprachen von dem Ambiente beeinflusst sind, in welchem sie gesprochen werden; dass beispielsweise Eskimos andere Dinge ihrer Welt differenzieren als Pygmäen. So haben Eskimos viele Namen - je nach Beschaffenheit - für Schnee, den Pygmäen nie gesehen haben. Auch haben Hochkulturen ihre Sprache weiter oder anders differenziert als Naturvölker. Das alles kann, schon aus Raumgründen, hier nicht das Thema sein. Ich will dafür einen Unterschied erörtern, dem wir eben begegnet sind, und welcher gerade unseren Sprachtyp relativieren lässt. Und das ist nicht nur von Interesse, weil er der unsere ist, sondern weil die Sprachform die Welt überzogen, in einem gewissen Sinn sogar erobert hat. Wenn es im nächsten Abschnitt um das Entstehen der Logik geht, werden wir uns mit der Genese unserer Sprech- und Denkformen befassen. Hier will ich die Unterschiede vorwegnehmen, welche die beiden Großfamilien der Sprachen ihren Kulturen appliziert haben.

Unsere Sprachform suggeriert, auf Grund ihrer Schlussformen, das Zerteilen und Unterscheiden. Dem Chinesischen, das ich als Hochsprache aus dem pazifischen Raum zum Vergleich nehme, ist diese Teilung nicht naheliegend. Das Verbindende steht vielfach im Vordergrund. Uns erscheint das Analytische, das Zerteilen, als ein gehobener intellektueller Akt, und zwar ohne dass wir uns dann noch sehr um die Konsequenz unserer Zerteilung kümmerten. Es kann kein Zufall sein, dass es unsere Sprache ist, die daran beteiligt war, zunächst Glauben und Wissen zu trennen, dann Philosophie und Wissenschaften, Natur - und Geisteswissenschaften, und diese in zahllose Fächer und Subsprachen. Damit ist ein Partikularismus entstanden, der es zwar erlaubt, ungeheures Material anzuhäufen, der es aber gleichzeitig zulässt, diese angehäuften Fragmente unserer Kultur nicht nur beziehungslos, sondern sogar widersprüchlich nebeneinander herziehen zu lassen.

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Die chinesische Kultur machte, vor dem Eindringen europäischer Einflüsse, solche Trennungen nicht. Sie fand, trotz ihrer Differenzierung, Beziehungen zwischen Glauben und Philosophie, und trennte auch Philosophie und Wissenschaften in keiner so radikalen Weise. Das chinesische Weltbild ist eine Einheit geblieben, während sich das unsere zerteilte.

 

Wäre Kommunikation mit Außerirdischen denkbar?

Manchem stellt sich die Frage, ob den Formen menschlicher Sprache und Intelligenz andere, außerirdische, Formen vergleichbar sein könnten? Freilich ist das Sciencefiction. Ein solches Thema produziert einige Prüfsteine, die jedenfalls dazu angetan sein können, über das Verhältnis der sprachlichen Intelligenz der Menschen zu den Dingen der außersubjektiven Wirklichkeit nachzudenken Soll ein Vergleich mit möglicher, außerirdischer Intelligenz versucht werden, so müssen wir für diese gewisse Minimalbedingungen voraussetzen. Dass es ihr beispielsweise darauf ankommt, trotz allen Wandels erhalten zu bleiben. Damit setzen wir Abhängigkeiten von ihrem Milieu voraus und müssen dieses nach unseren universellsten Einsichten bestimmen. Sollte es richtig sein, dass diese Welt, wie es uns erscheint, neben allem Wandel Stetigkeiten besitzt, die wir Bedingungen oder Gesetze nennen, dann wird sich jene andere Intelligenz auf diese ebenso einstellen müssen. Sie muss daher wahrnehmen können und irgendeine Art von Gedächtnis besitzen. Wenn die Welt in ihren Bauteilen hoch redundant ist, aber nicht ganz deterministisch, dann müsste auch diese Intelligenz nur durch Wiederbeobachtung Gesetzliches vom physikalischen Zufall unterscheiden Und wenn es, wie wir die Welt sehen, richtig ist, dass sich der Dinge zwar wiederholen, aber nie in identischer Weise, dann wird auch hier ein typologischer Speicher einem fotografischen überlegen sein.


Diese Überlegungen haben etwas von der Spielerei der "artificial life"-Projekte und dennoch einen erkenntnistheoretisch interessanten Hintergrund. In einer Abwandlung der obigen Argumente kann man nämlich fragen, was ein außerkosmischer Forscher von unserer Welt erfahren kann, wenn es nur die Funktionen unseres Sinnes- und Erkenntnisapparates, diese aber genau kennt. Er würde erkennen, dass die Welt, die uns umgibt, teils indeterministisch, teils gesetzlich stetig ist und hoch redundant, die Dinge sich aber nicht identisch wiederholen. Das bedeutet, dass auch wir, wüssten wir nichts über diese außersubjektive Wirklichkeit oder hätten wir Grund, an allem in ihr Wahrgenommenen zu zweifeln, allein aus der Art unseres Erkenntnisapparates jene Aussagen über die Welt machen könnten. Und nun? Wäre Kommunikation mit außerirdischer Intelligenz denkbar? Im Rahmen jener Einschränkungen vielleicht; nur die Begegnung ist ganz unwahrscheinlich.

 

Die Folgen und die Folgeprobleme

Unsere Sprache und unser Sprachdenken haben es erlaubt, eine ungemein komplizierte Zivilisation aufzubauen, und sie ist durch jene Anleitungen selbst nochmals komplizierter geworden. Das festzustellen, ist trivial. Interessanter ist die Frage, welche Folgen und Probleme sich aus der spezifischen Art unseres Sprachdenkens ergeben.

 

Woraus ist unsere Logik entstanden?

Ein Kennzeichen des Denkens in unseren europäischen Sprachen ist ihre Logik; eine spezielle Art von Logik, wie wir sehen werden. Entstanden ist sie in der Folge des Aussagesatzes und das durch ihn angeleitete Schließen, und zwar durch Aristoteles und seine Zeit, aus dem Bedürfnis, die Umgangssprache von den ihr möglichen Widersprüchlichkeiten zu befreien, den so genannten Antinomien. Im klassischen Beispiel lässt man einen Kreter sagen: "Alle Kreter sind Lügner." In Kurzform genügt die Behauptung: "Ich bin ein Lügner." Um Antinomien auszuschließen, entwarf man eine Logik, die man als "zweiwertig" bezeichnet, weil sie nur wahre und falsche Aussagen zulässt. Eine dritte Möglichkeit, dass etwas möglich, wahrscheinlich, zu erwarten oder zu erhoffen wäre, wird ausgeschlossen: tertium non datur. Damit wird Sicherheit erreicht, allerdings unter Verzicht auf all das, was unsere Entscheidungen in dieser komplizierten und nicht ganz determinierten Welt im Alltag, wie in den Wissenschaften, lenkt. Erst in jüngerer Zeit ist die damit eingeführte Denaturierung unseres Sprachdenkens stärker empfunden worden, und man versucht, mit neuen Methoden gegenzusteuern. Die "fuzzy logic" sei hier erwähnt; mit einer Relativierung des tertium non datur.

Ein zweites Problem ergibt sich aus der Frage, was mit dem logischen Schluss, dem Syllogismus, gewonnen und was verdunkelt wird. Gewonnen wurde die Möglichkeit einer Erziehung zu eindeutiger Sprechweise, eine bedeutende Entwicklung der Mathematik einschließlich der ganzen Computerwelt. Das liegt auf der Hand. Was aber bereitet Probleme? Es ist der Vergleich von Logik und realer Wirklichkeit. Nehmen wir zunächst die Frage, wie man von allen Repräsentanten einer Gruppe von Dingen etwas wissen kann. Schon bei der Behauptung: "Alle Menschen sind sterblich" konnten sich wohl schon die Griechen fragen, wie denn das mit den Viertel- und Halbgöttern wäre, und bei dem Satz: "Sokrates ist ein Mensch", ob er nicht doch ein Halbgott gewesen sein könnte.

Ist ein Merkmal, auch vom letzten Repräsentanten einer Klasse, bekannt, dann ist die Aussage en Faktum. Ist aber nicht alles bekannt, sondern wird vielmehr erwartet, durch den Schluss neue Einsicht gewonnen zu haben, dann ist das, als Hoffnung auf einen "wahrheits-erweiternden Schluss", ein Irrglaube. Schon die Griechen erkannten dies als eine "petitio principii", eine "Erschleichung des Beweisgrundes". Die Unmöglichkeit einer solchen Erweiterung kann man der Frage entnehmen: "Wie viele Schwäne ich als weiß gesehen haben muss, damit auch der nächste Schwan, den ich sehen werde, weiß sein müsste?" Noch einen weißen Schwan oder einhundert? Gleichviel, hinter ihnen allen warten doch noch der Schwarzhals-Schwan und der Trauer-Schwan.

 

Ist unsere Logik begründbar?

Begreiflicherweise ist schon früh nach einer Begründung unserer Logik gesucht worden. Und sogleich schieden sich die Geister. denn man kann ja eine pragmatische wie eine logische Begründung bedenken. Die pragmatische ist leichter abzuhandeln, wenn man anerkennt, dass allein zur Verständigung ein Ordnungssystem in Syntax und Semantik durchgesetzt sein muss. Und wenn man nicht mehr annimmt, dass uns die Worte von Gott gegeben wurden, was ja lange eine offene Frage war, dann müssen wir sie eben als hausgemacht hinnehmen. Anders ist es mit der Frage, ob eine zwingende, oder provozierender ausgedrückt, ob eine "logische Begründung der Logik" denkbar ist. Die Geschichte dieses Themas hat ebenfalls zu einer Polarisierung geführt.  Am Ende, wie man sich ausdrückt: zu alternierenden "Gefangenschaften".

Sollte die Logik dieser Welt, jenseits des uns Erfahrbaren, vorgegeben sein, so ist damit eben eine Begründung aus der uns möglichen Erfahrung ausgeschlossen. Sie sitzt dann unbegründbar im "Gefängnis der Metaphysik". Sollte sie aber psychologisch zu begründen sein, so stellt sich ja die Frage, wie denn eine sich wandelnde Psyche der Logik feste Gesetze begründen könne. Dann sitzt sie im "Gefängnis der Psychologie". Sie kann wandern zwischen den beiden Zellen. Aber heraus kann sie offenbar nicht.

 

Ist unsere Logik ersetzbar?

Seit den Forschungen des Alexander Luria ist man darauf aufmerksam geworden, dass Naturvölker den Syllogismus nicht verwenden. So stellte er einer sibirischen Bäuerin die Frage: "Im hohen Norden sind alle Bären weiß, Kamtschatka liegt im hohen Norden: Welche Farben haben dort die Bären?" Die Bäuerin erklärt, dass sie noch nie in Kamantschka war, er möge jemand fragen, der dort war. Luria besteht nochmals auf dem logischen Schluss; aber die Bäuerin antwortet höflich, dass man es sich bei ihnen abgewöhnt hätte; über Dinge zu urteilen, die man nicht kennen könne.

Man mag dazu neigen, über die Unbildung der Bäuerin zu lächeln. Ich betrachte dagegen ihre Überlegung als beherzigenswert. Denn was hinter dem ganzen Thema steht, das ist die Bedeutung und die Problematik der empirischen Erfahrung. Zudem wissen wir, dass  Kinder den Syllogismus nicht verwenden. Selbst dann nicht, wenn man ihnen zeigt, dass sie sich mithilfe des logischen Schlusses einer Schwierigkeit entziehen könnten. Es entsteht die Frage, wann, und über welchem Weg, der Wandel zu der uns als gebildet erscheinenden Form des Sprachdenkens erfolgt. In der Kinderpsychologie spricht man von einer "Cartesianischen Wende": einer Wende von der naiven Empirie des Denkens zu einer Art Rationalismus, wie sich diesen Descartes dachte. Er besteht hier in der Akzeptanz der Möglichkeiten der Deduktion, also der Ableitung von Bedingungen aus Sätzen und Gesetzen. Und es spricht vieles dafür, dass das mit der Hinnahme der Gesetze der Syntax und des Rechenwesens erfolgt. Ich will das nicht Indoktrination nennen. Und doch handelt es sich um Erziehung, das Hineinziehen unserer Kinder in Vereinbarungen unserer Kultur, die sich zwar als nötig, sogar als erfolgreich erweisen, dennoch aber schwer zu begründen sind.

Das Chinesische, um nochmals auf die erhaltene Hochsprache aus der pazifischen Familie zurückzukommen, verwendet unsere Form des Syllogismus auch nicht. Wenn man von einer chinesischen Logik sprechen will, dann ist auch sie der Erfahrungswelt näher. Das zeigt sich darin, dass man zur näheren Bestimmung eines Begriffes nicht, wie das bei uns der Fall ist, die Definition schärft, also die Ränder eines Begriffes, sondern, dass man, durch Analogien, seine Mitte verdeutlicht. Die Ränder bleiben offen. Und das ist ganz entscheidend. Denn wo immer es sich um polymorphe Systeme handelt, und alle Gegenstände dieser komplexen Welt setzen sich aus mehr als einer Eigenschaft, fast immer aus sehr vielen, zusammen, müssen die Rände unscharf sein. Und es ist viel aufschlussreicher, die Übergänge vom Begriff "Berg" zum Hügel, zur Anhöhe, zum Massiv, zur Erhebung, zum Gebirge zu kennen, als den Begriff "Berg" scharf zu definieren, was nichts bringt. Wenn man also von einer chinesischen Logik sprechen will, dann ist es eine "transistorische Logik". Es werden die Übergänge wahrgenommen. Dem gegenüber erweist sich die unsere als eine "definitorische Logik", als ein Kästchensystem, wo für Baum und Wald, Haus und Hütte, Berg und Hügel jeweils eine andere Lade zu öffnen ist, zwischen welchen das trennende Brettchen jedoch nicht zu entfernen ist.

Zurück zur Frage: Ist unsere Logik ersetzbar? Im Grunde ist sie es nicht. Zu tief hat sie unsere Kultur geprägt. Unser definitorisches Sprachdenken durch das transitive des Chinesischen ersetzen zu wollen, oder umgekehrt, würde beide Kulturen zerstören - wie viele Empfehlungen es auch schon gibt, und zwar zu Recht, sich fernöstlichen Denkes anzunehmen. Doch eines müssen wir, ein anderes sollten wir tun. Wir müssen die Mängel im Auge behalten, wollen wir uns mit unserem logischen Weltverständnis nicht in die eigene Tasche lügen. Logik ohne Erfahrung ist leer, und wir sollten uns fachlich neue Formen von Logiken entwickeln, deren Strukturen der realen Welt näher kommen. Carnaps bedeutendem Werk "Der logische Aufbau der Welt" soll man "den weltlichen Aufbau der Logik" gegenüberstellen.

 

Wie verhält sich unsere Innenwelt zur Außenwelt?

So ergibt sich die interessante Frage, wie sich wohl unsere Sprach-Denk-Welt zur außersubjektiven Wirklichkeit verhält. Auch das hat man längst ins Auge gefasst. Eine besonders schöne Stelle findet sich dazu in Goethes "Faust", wo der als Professor auftretende Mephisto den Schüler systematisch in die Irre lenkt: "Mit Worten" lehrt er in, "lässt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten." So ist es. Wir haben uns eine riesige "Innenwelt" starrer Worte fabriziert, die trotz ihrer Starrheit noch alle verschieden definiert, interpretiert, gewogen und hinterfragt werden können, und die sich bis zum völligen Schwebezustand von der Welt, in der wir handeln und überleben, abheben kann. Eine auch fachlich diskutierte Gruppe solcher Worte kennt man unter dem Titel der "theoretischen Therme", die auch den exakten Naturwissenschaften wichtig sind, obwohl sich für sie in der Natur kein physisches Äquivalent findet, ein solches nicht einmal vorhanden sein braucht. Dennoch sind sie nützlich, vielfach sogar unentbehrlich, und rechtfertigen sich, indem sie Prognosen über Naturgeschehen fördern, welche ohne ihre Verwendung kaum erreichbar wären. So mag unsere schwebende Wortwelt auch ganz allgemein zu rechtfertigen sein. Nur sei der Umstand nicht aus dem Auge gelassen, dass es sich um eine Kunstwelt der Symbole handelt, deren syntaktisch-semantisches Eigenleben an der Erfahrung scheitern können muss.

 

Begründet Logik die Mathematik?

Eine Kunstwelt von besonders hoher Form und Differenzierung ist unserer Kultur, über Zahl und Maß,mit der Mathematik entstanden. Sie steht zwar im engen Zusammenhang mit der Logik, kann aber durch sie nicht begründet werden, weil wie gesehen, die Logik sich selbst nicht zu begründen vermag. So nimmt sich zunächst wie ein Wunder aus, in welchem Maße dieses System in die Welt passt oder, genauer, wie viel von dieser Welt mathematisch erfasst werden kann. Wie erinnerlich, staunte man schon über den pythagorärischen Lehrsatz, über die Verdoppelung des Quadrats über seine Diagonale, oder dass die Halbierung der Saite der Lyra dem Wohlklang der Oktave entspricht.

Es ist mitvollziehbar
, wenn die Schule um Pythagoras und die folgenden "Italischen Mathematiker" an eternale Prinzipien dachten, die der Welt, wie unseren Sinnen und unserem Verstand gleichermaßen vorgegeben sein müssen. Platon meinte später, dass sie an diesen einen Anteil oder eine Erinnerung hätten. Und gewiss sind heute noch manche Mathematiker Platonisten. Das sei später noch weiter verfolgt. Freilich steht auch viel Geschichte und praktische Erfahrung hinter der Entwicklung der Zahlen und der Mathematik. Schon Tiere können Mengen bis acht oder neun auseinanderhalten. Mit Ordinalzahlen scheitern sie dagegen schon beim Begriff des Dritten oder Vierten. Dagegen treffen sich in unserem Zahlenbegriff die Abstraktionsformen der Kardinal- und Ordinalzahl. Piaget hat die Entwicklung dieser Formen bei unseren Kindern aufgeschlossen.

Heute wünscht man im Begründungsproblem nachweisen zu können, dass es sich um ein widerspruchfreies und geschlossenes System handelt. Und das hat in der Philosophie der Mathematik zur so genannten "Grundlagen-Krise" geführt, die zwar geklärt, aber nicht behoben ist. Denn es konkurrieren drei Lösungen: eine beruft sich auf Intuition, eine auf Konventionen und eine auf das Formale, womit der Inhalt vernachlässigt oder vergessen werden kann. Heute muss man die Existenz unentscheidbarer Fragen anerkennen, und dass das System, über die Mengenlehre, nach oben doch offen ist. Aber da selbst der Kosmos kein geschlossenes System sein mag, dürfte der immer wiederkehrende Traum von Determination, Eindeutigkeit und Gewissheit über unser ganzes Wesen von Kommunikation, Sprache und mathematischer Logik wieder einmal ausgeträumt sein - was uns zu einer Abklärung und zu einer neuen Zuwendung zur Natur führen sollte.

Begründet also die Logik die Mathematik? Das hängt davon ab, was man unter einer Begründung verstehen will. Gewiss hat unsere Logik die Entwicklung der Mathematik angeführt oder doch ermutigt. Da sie aber selbst nicht zu begründen ist, kann sie, in diesem Sinne, auch die Mathematik nicht begründen.

So bedeutend Sprache für uns ist, vergesse man ihre eigentümliche Entwicklung nicht, deren Produkt sich von unseren Anschauungsformen gründlich, nämlich wie Definitorik zur Typologie, unterscheidet. Die Widersprüche müssen wir hinnehmen und dürfen dem Sprachdenken nicht alleine vertrauen. Nochmals ist unsere, auf die Struktur des Griechischen zurückgehende Sprechweise gegenüber anderen Sprachformen, etwa dem Chinesischen, zu relativieren, da uns die Distanz von Omen und Verben das Kunstwort der "copula" (ist und sein) eingetragen hat, und über diesen Weg keine transitive, sondern die Beschränkung einer definitorischen Logik. Die Fallstricke, die das für unser Verständnis der komplexen Welt bietet, sei darum nicht übersehen.

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Weitere Beiträge von Rupert Riedl auf dem Zeitzug

 

 


PS: Es war Rupert Riedl, der mir geraten hat, - bevor mein Kind geboren wurde -, mit ihm nur in meiner Muttersprache, in meinem Falle deutsch, zu sprechen. "Neugeborene sind personenfixiert, sie haben kein Problem mehrere Sprachen gleichzeitig aufzunehmen." Mein Kind wurde in Prag geboren, außer mir sprachen alle tschechisch mit ihm. Ich hielt mich an Ruperts Rat und habe mit ihm nur deutsch gesprochen. Es war drei Jahre alt, meine Mutter zu Besuch, die mit ihm auf einen Kinderspielplatz in Prag war. Sie sprach mit ihm deutsch, er antwortete ihr. Die Kinder um ihn sahen auf ihn und fragten auf tschechisch "wie spricht es, das ist kein tschechisch". Worauf das Kind auf tschechisch den anderen Kindern antwortete "Ich bin Tscheche" - das erste Mal war in das Bewußtsein des Kindes gedrungen, dass es zweisprachig ist, für es eine Normalität. Milena Findeis


 

Im ASYMPTOTE Journal ist die Rede von Herta Müller, für ihre tschechische Übersetzerin Radka Denemarková. Wie sie mit ihren Worten die Sinne öffnet - für die Vielfalt der Sprachen - ist lesenswert:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin heute hier, weil im letzten Jahr Radka Denemarková für ihre Übersetzung meines Romans "Atemschaukel" der Magnesia Preis verliehen wurde. Das hat mich sehr gefreut. Ich finde es sehr gut, daß mit dem Magnesia Preis auch Übersetzer ausgezeichnet werden. Denn Übersetzen ist eine eigene Kunst. Ich traue es mir nicht zu, obwohl ich perfekt Rumänisch spreche. Übersetzen heißt ja nicht Ersetzen, also für das Wort aus der fremden Sprache das bekannte Wort in der eigenen Sprache finden. Es muß das entsprechende Wort sein - das ist viel komplizierter. Man muß den Ton des Originals wieder zum Klingen bringen. Die Kunst des Übersetzens ist es, die Wörter anzuschauen, um zu sehen, wie diese die Welt sehen. Übersetzen braucht eine innere Dringlichkeit, die das ganz Andere zur größten Nähe des Originals bringt. In diese Augennähe zu kommen, ist sehr schwer. Ist große Kunst.

Ich habe erst spät Rumänisch gelernt -
erst als ich 15 Jahre alt war und aus einem kleinen Dorf heraus aufs Gymnasium in die Stadt kam. Aber zur Selbstverständlichkeit wurde mir das Rumänische erst noch ein paar Jahre später, als ich bereits studiert hatte und in einer Maschinenbaufabrik arbeitete. In der Fabrik musste ich die Beschreibungen der neu importierten Maschinen, der Funktion ich nicht verstand, aus dem Deutschen ins Rumänische übersetzen, leblos Wort für Wort. Aber ich musste auch den ganzen Tag rumänisch sprechen, weil niemand deutsch konnte.

Von einer Sprache zur anderen
passierten bei ein- und demselben Gegenstand jedes Mal Verwandlungen. Ich begriff: Die Muttersprache hat man fast ohne eigenes Zutun. Sie ist eine Mitgift, die unbemerkt entsteht. Von einer später dazugekommenen und anders daherkommenden Sprache wird sie beurteilt. Die Muttersprache ist momentan und bedingungslos da wie die eigene Haut. Und genauso verletzbar wie diese, wenn sie von anderen geringgeschätzt, missachtet oder gar verboten wird. Wer wie ich in Rumänien aus dem Dialektdorf mit dürftigem Schulhochdeutsch nebenher in die Landessprache der rumänischen Stadt kam, hatte es schwer. Während der ersten zwei Jahre in der Stadt war es meist leichter für mich, in unbekannter Gegend die richtige Straße zu finden, als in der Landessprache das richtige Wort. Das Rumänische verhielt sich zu mir wie mein Taschengeld. Kaum lockte mich ein Gegenstand in der Vitrine, schon reichte das Geld nicht, um ihn zu bezahlen. Viele Wörter kannte ich nicht, und die wenigen, die ich kannte, fielen mir nicht rechtzeitig ein. Aber heute weiß ich, daß dieses nach und nach, das Zögerliche, das mich unter das Niveau meines Denkens zwang, mir auch die Zeit gab, die Verwandlung der Gegenstände durch die rumänische Sprache zu bestaunen. Ich weiß, daß ich von Glück zu reden habe, weil das geschah. Welch ein anderer Blick auf die Schwalbe im Rumänischen, die rindunica, REIHENSITZCHEN heißt. Im Vogelnamen wird mitgesagt, daß die Schwalben in Reihen, eine dicht an der anderen auf dem Draht sitzen. Ich hatte es, als ich das rumänische Wort noch nicht kannte, jeden Sommer im Dorf gesehen. Es verschlug mir den Atem, daß man die Schwalbe so schön benennen kann. Es wurde immer öfter so, daß die rumänische Sprache die sinnlicheren, auf mein Empfinden besser zugeschnittenen Wörter hatte, als meine Muttersprache. Ich wollte den Spagat der Verwandlungen nicht mehr missen. Nicht im Reden und nicht im Schreiben. Ich habe in meinen Büchern noch keinen Satz auf Rumänisch geschrieben. Aber selbstverständlich schreibt das Rumänische immer mit, weil es mir in den Blick hineingewachsen ist.

Zwischen den Sprachen tun sich Bilder auf. Jeder Satz ist ein von seinen Sprechern so und nicht anders geformter Blick auf die Dinge. Jede Sprache sieht die Welt anders an und hat ihr gesamtes Vokabular durch diese andere Sicht anders gefunden—ja sogar anders eingefädelt ins Netz seiner Grammatik. In jeder Sprache sitzen andere Augen in den Wörtern.

Weshalb ich nicht übersetzen kann, liegt auch an meinem Misstrauen gegenüber der Sprache. Als meine beste Freundin sich einen Tag vor der Auswanderung von mir verabschiedete, als wir uns umarmten und dachten, wir werden uns nie wiedersehen, weil ich nicht mehr nach Rumänien darf und sie nie aus dem Land hinaus—als sich die Freundin also verabschiedete, konnten wir uns nicht voneinander losreißen. Sie ging dreimal zur Tür hinaus und kam jedesmal wieder zurück. Erst nach dem dritten Mal ging sie von mir weg, ging so lang wie die Straße war. Die Straße lief gerade und ich sah ihre helle Jacke kleiner und kleiner und seltsamer Weise mit der Entfernung greller werden. Ich weiß nicht, glänzte die Wintersonne, es war damals Februar, glänzten meine Augen in sich selbst vom Weinen oder glänzte der Stoff der Jacke—eines weiß ich jedenfalls: ich schaute der Freundin hinterher und ihr Rücken glitzerte im Weggehen wie ein Silberlöffel. So konnte ich die ganze Trennung intuitiv in ein Wort fassen, ich nannte sie Silberlöffel. Und das war es auch, was den ganzen Vorgang aufs Genaueste beschrieb. Aber was hat ein Silberlöffel mit einer Jacke zu tun? Gar nichts. Und genauso wenig mit einem Abschied. Aber im poetischen Bild brauchen sie einander.

Deshalb traue ich der Sprache nicht. Denn am besten weiß ich von mir selbst, daß sie sich, um genau zu werden, immer etwas nehmen muß, was ihr nicht gehört. Ständig frag ich mich, warum sind Sprachbilder so diebisch, weshalb raubt sich der gültigste Vergleich Eigenschaften, die ihm nicht zustehen. Erst die erfundene Überraschung bringt die Nähe zum Wirklichen zustande. Erst wenn eine Wahrnehmung die andere ausraubt, ein Gegenstand das Material des anderen an sich reißt und benutzt—erst wenn das, was sich im Wirklichen ausschließt, im Satz plausibel geworden ist, kann sich der Satz vor dem Wirklichen behaupten.

Ich bin froh, wenn mir das gelingt. Herta Müller
Asymptote Journal