"Die Ursachen des Wachstums"

Einführung von Rupert Riedl

Seit fast zwei Jahrzehnten kennt man das Buch "Die Grenzen des Wachstums", und die gewonnenen Einsichten haben sich bestätigt. Die Wirkung auf die Gesellschaft blieb gering. Das Wachstum hat weiterhin exponentiell zugenommen. Im Gegenzug ist lediglich die Sensibilität in der Bevölkerung gestiegen. Begriffe wie Umwelt und Ökologie haben sich verbreitet. Umweltorganisationen haben sich zahlenmäßig vermehrt. Darin mag man eine gewisse Hoffnung sehen.

Die Gründe für die Untersuchung


ursachen-des-wachstumsGibt die Sensibilität in der Öffentlichkeit auch Grund zur Hoffnung, so erscheinen die Steuerungsergebnisse der meisten "Entscheidungsträger" weniger begeisternd. Dabei liegt es nicht daran, dass diese Persönlichkeiten die Situation nicht realistisch einschätzen können, es ist vielmehr so, dass sie von der Struktur unserer Gesellschaft in Verantwortungen gebunden sind, die auf Kurzzeitökonomie hinauslaufen. Dahinter stehen wirtschaftliche und persönliche Interessen.

Entscheidungen, die nun entgegen besseres Wissen getroffen werden müssen, führt man bekanntlich auf Zugzwänge zurück, in welchen sich freilich auch eine geringe Risikobereitschaft der INTELLEKTUELLEN verbirgt, Unbeweglichkeit, teils auch Autoritätsgläubigkeit, die sich bis auf die Berufung auf den sogenannten Befehlsnotstand verlängern kann. Dabei darf keinesfalls übersehen werden, daß diese Zugzwänge genauso real sind wie jene auf schnelle Lösungen eingestellten Entscheidungen, die getroffen werden. Es kollidieren Strukturen zivilisatorischer und ökologischer Fakten.
Freilich ist durchaus noch nicht alles sichtbar. Der Filz der Zusammenhänge ist so dicht, daß er keineswegs leicht durchschaubar ist. Die Wechselbezüge zwischen den Einzelwirkungen, die Kohärenzen der Terme, die rekursive Kausalität der Funktionen entziehen sich weitgehend der Optik. Das gilt für Kompetenzen der Ressortministerien, die Funktions- und Verantwortungsbereiche der Einzelinstitutionen der Gesamtwirtschaft und nicht minder für die Forschungs- und Universitätsinstitute.
Denn im Grunde steht die ganze Bildungsstruktur dem Zugang zu unserem Thema entgegen. Und das nicht von ungefähr. Denn es erweist sich, dass wir für das Verstehen komplexer, systemischer Zusammenhänge mit der Ausstattung unserer Sinne und unseres Denkens gar nicht vorbereitet sind. Wir besitzen keinen Sinn für PHASENÜBERGÄNGE, keine Anschauungsform für das Entstehen neuer Qualitäten.
Schon das ist der Grund, warum sich Forschung und Unterricht fast ausschließlich auf jeweils EINZELNE "Gegenstände" aus den Schichten des komplexen Baues dieser Welt beschränkt, beispielsweise auf Physik, Chemie, Biologie oder Psychologie. Zudem besitzen wir einen angeborenen Hang, unsere Lösungssuche auf regelhaft-deterministische, funktional-lineare Zusammenhänge zu beschränken. Die Forschung ist erst in jüngster Zeit, da auf die Querverbindungen, dort auf unsere kognitiven Mängel eingegangen. Und zusammengenommen wird man verstehen, wie viel noch sichtbar gemacht werden muss.
Denn TAGTÄGLICH wird der Bürger über die WACHSTUMSTENDENZEN Wirtschaft informiert, wobei als selbstverständlich gilt, dass abnehmendes Wachstum negativ bewertet, ZUNEHMENDES Wachstum positiv. Das ergibt sich aus den Bemühungen, den Geldwert hoch und die Arbeitslosenrate nieder zu halten, wichtiges Anliegen aller nationalen und internationalen Wirtschaftsgipfel. Dass Wachstum der herkömmlichen Art, noch dazu in seiner exponentiellen Form, zur KATASTROPHE führen muss, wird verdrängt oder verschwiegen. Keine Alternative scheint möglich oder greifbar.


Wovon die Rede sein soll


Der Gedanke, nun "Die Ursachen des Wachstums" zu erforschen, geht von der Pattstellung aus, dass die zivilisatorischen Strukturen der Lösungsfindung so wenig auf die langzeitökonomischen passen, so wenig sie sich den Zugzwängen, in die sie geraten sind, zu entwinden vermögen. Wenn es möglich werden sollte, nicht nur die Grenzen, sondern auch die Ursachen des Wachstums aufzuklären, so scheint Aussicht gegeben, den einzelnen Verursacher auf seinen Beitrag zur Eskalation des Schadverhaltens aufmerksam zu machen. Aussicht dazu geben zwei Entwicklungen: Da ist einmal der Umstand, dass die "Systemtheorie" ihren Gegenstand umfassen beginnt und es bereits Persönlichkeiten in den einschlägigen Gebieten gibt, die bereit und in der Lage sind, sich kooperativ mit der Struktur komplexer Systeme auseinanderzusetzen. Ein andermal ist es die "Evolutionäre Erkenntnistheorie", die einen empirischen Zugang zur Erfassung auch der Mängel der sozialen und kognitiven Ausstattung des Menschen anbietet, womit die Grundlagen seines Verhaltens und Fehlverhaltens prüfbar werden.
Nun soll nicht nur allgemein von "den Ursachen des Wachstums" die Rede sein. Dass so wie alle Systeme auf Wachsen angelegt sind, ist trivial. Schädliches Wachstum ist das Thema. Aber ein Titel wie "Die Ursachen schädlichen Wachstums" wäre zu eng gefasst, denn naturgemäß kann die Schädlichkeit von Wachstumsprozessen nur im Rahmen von Wachstum verstanden werden.
Es muss also wohl von den Systemzusammenhängen der Wachstumsursachen die Rede sein. Aber es wird darauf ankommen, innerhalb dieser Vorgänge jeweils jene herauszuschälen, welche uns direkt oder indirekt bedrohen. Es soll dabei im Auge behalten werden, über welche Möglichkeiten der Gegensteuerung diese Gesellschaft verfügt und wo deren Grenzen liegen. Das gilt für den normativen, gesetzgebenden, genauso wie für den kognitiven Bereich, also jenen, der Menschen plausibel gemacht werden kann.



rupert-riedlWas das Ergebnis sein kann


Letztlich geht es um eine entscheidende Frage, die über jene nach den "Grenzen des Wachstums" hinausgeht: Es ist die Frage, ob sich überhaupt Steuermechanismen vorsehen lassen, die das schädliche Wachstum im Ganzen vermeiden können. Drei Szenarien können vorgesehen werden.
(1) Zunächst hat es sich ja noch gar nicht herausgestellt, ob Systeme, die das Chaos, das sie erzeugen müssen und nicht zureichend abzuführen vermögen, normativ steuerbar bleiben. Mit den geläufigen Vorschriften für Müll- und Emissionsbegrenzungen, nachhaltiger Verwaltung und bürgerlicher Vernunft allein kann das Ziel vielleicht gar nicht erreichbar sein.
Denn eine anspruchsvolle und träge Familie, deren Kräfte nur mehr dazu reichen ihren Abfall auf die Straße zu werfen, kann durch Vorschriften der Straßenreinhaltung nicht verändert werden. Sie muss ihren Abfall in den Hinterhof werfen. Mit anderen Worten: Sollte es gelingen, etwa die CO2- und die NOx-Emissionen normativ drastisch zu reduzieren, so muss sich der chaosproduzierende Dampfkessel ein anderes Ventil finden, um seine Abfälle loszuwerden.
Wäre das so, dann reduzieren sich alle geläufigen Umweltbemühungen auf Kosmetik und Vertuschung. Die Wurzel des Problems wäre nicht gefunden.
(2) Im Rahmen eines zweiten Szenarios muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass ein System des gegebenen Komplexitätsgrades über die Grenzen dessen gerät, was sich mit klassischen Funktionen noch darstellen lässt. Schon die strategische Entscheidungsfindung der Industrie kann an der Rechenbarkeit scheitern. Die kleinste Bewegung an einer der vielen Funktionen kann unvorhersehbare, katastrophal ausbrechende oder aber völlig blockierende Folgen haben.
Das hieße: Prognostik könnte im Ganzen, und zwar prinzipiell, nicht möglich sein. Nun ist unsere Untersuchung nicht auf Prognostik angelegt, aber jede zureichende Beschreibung eines Systems müsste Aussagen über dessen Verhalten zulassen. Und diese Erwartung könnte grundsätzlich enttäuscht werden.
Wäre das so, dann müsste unsere Gesellschaft darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie "die Geister, die sie rief" konventionell nicht mehr loswerden kann. Sie müsste sich ihre Situation als Ensemble von Zauberlehrlingen eingestehen.
(3) In einem dritten Szenario muss bedacht werden, dass die Lösungen 1 und 2 möglicherweise nicht ganz, nur in engen Grenzen, oder gar nicht zutreffen und dass es vielleicht doch einige Schrauben im System gibt, deren Handlung verlässlich regulierende Konsequenzen haben.
Das gilt allerdings unter der entscheidenden Voraussetzung, dass es sich um Handhabungen handelt, die von unserer Gesellschaft noch als sanft und mit dem bestehenden gesellschaftlichen Gefüge verträglich empfunden werden. Man erkennt, das sich in diesem Szenario das Problem von der kognitiven auf die soziologische Ebene verlagert. Es ginge in diesem Szenario um die Bereitschaft der Gesellschaft, Veränderungen hin zu einem nachhaltigen wirtschaftlichen und ökologischen Gleichgewicht zu akzeptieren und auch durchzuführen.

©Rupert Riedl, August 1996, ISBN 3-218-00628-7