Zwischen dir und mir wächst tief das Paradies

 
robert-schindel

Lyriker, Autor, Regisseur, *1944 in Bad Hall, Österreich


“Der Dicrobert-schindelhter Robert Schindel lebt schon zu lange auf gepackten Koffern, in der Ruhelosigkeit desjenigen, der auf einen völlig anderen Ton gestimmt ist als seine vorherrschende Umgebung. Ein Österreicher ist er, durch und und durch, aber von jener Sorte, der 1938 von den Hitlerbanditen Auftrittsverbot und bald auch Existenzverbot erteilt wurde. Versteckt überlebte Schindel das “tausendjährige Reich”, während die Adresse seiner Eltern Auschwitz hieß.Aus sehr ungewöhnlichen Augen, die praktisch nie aus dem Staunen kommen, betrachtet er die verquere Welt und Halbwelt. Oft begibt er sich unzufällig auf dünnes Eis, vielleicht auch, um, aus Herzensgüte ein paar Esel zu retten, die dort tanzen” André Heller: Aus dem Vorwort des Gedichtbandes “Robert Schindel, Zwischen dir und mir wächst tief das Paradies”, ©Insel Verlag Frankfurt am Main Leipzig 2003.

 

Mit Robert Schindels Genehmigung, den ich 2012 während des Lyrikfestivals Meridian Czernowitz getroffen habe, wurden aus dem Gedichtband "Zwischen dir und mir wächst tief das Paradie" die drei nachfolgenden Gedichte entnommen.
Milena Findeis





Splitter Tag

Die Nacht ist klar. Ich sehe dich in einem dieser Häuser
Seh ich dich liegen und fast schlafen, links und rechts
Ein Ohr, beide sehe ich, die Nacht ist klar.

Ich schlafe nicht. Melodiös ist mir die Natter
In der Brust geworden mit ihrem Gezische. Hast du sie
Vergessen herauszuholen aus mein Korb? Ich schlafe nicht.

Sondern ich äuge durch das Dunkle, Sternenangeschüchterte
Der Dämmerung, in welcher zwischen beiden Ohren
Wer liegt und schläft sich weg als gings mit Wolken.

Du blickst nach innen, gell, ins Neue, Andre. Wind kommt auf
Als wärs Geschwader deines Atems. Ich könnt schwören
Wenn mir die Atmung ruhig wird, kannst du meine Kröten hören.

Zutraulich sind mir die wie immer, all ihr Quackgeseure.
Ich mach Kaffee. Sollt es nicht etwas hageln, dass sie
Kriechen in die Grillenlöcher meiner Zweckgedanken?

Die Nacht ist klar
Gewesen. Linkes rechtes Ohr
Was fortgeht, das warst du, was kommt, das ist ein Tag.

 
 




Nachthalm (Pour Celan)

Aus Herzen und Hirnen
Sprießen die Halme der Nacht,
Und ein Wort, von Sensen gesprochen,
Neigt sie ins Leben. Paul Celan

1
Nächtens allerweil die müden Verständnisse
Zwei als Partner versteckt im Liebesvertrag
Umarmen einander alleweil die Leiber ab
Bis hin zum Eingestummten

Auch ich bin angekommen im Schweigexil
Meine Klage aber irrt noch umher unterm Schatten
Des Nachthalms. Einer lacht, einer lacht halbe.
Auch meine Klage allerweil stülpt Lachhalme aus.

2
Was aber schweigt hinter den müden Verständnissen?
Wie bitte kommt meine Klage
Doch noch zu ihrer Synagoge?

Alleweil reden
unterm Nachthalm
nachts
jetzt
Verachten was
ich liebe
vergessen
jetzt
nachts.

3
Gestern wird mein Erfolg von Fremden eingefahren wie Ernte
Morgen hatte ich meine Partnerin im Schmatzen erkannt
Als wir uns da hielten im Gepferch
Heute kommt meine Klage zu ihrer Synagoge
Nun nagt sie an einem Schibboleth.

4
Nachthalm allerweil
das ist, was mir
jeglichen Tag schmal
spitz nicht unscharf
Einnachtet.
Nachthalm ihr wisst es jetzt.
Is a giter
nechtlicha Tug.

Ich bin mit dem Nachthalm großgezogen worden.
Aufgewachsen bin ich mit einem
Von Pauls Halmen.

5
Wann bitte fahre ich das Heu ein?
Wer schon esset von meinen Halmen und verdauet sie gut?
Wann kann ich wiederkehren zu meinen Freu-Fremden?
Allerweil fahr ich
das Heu ein
allerweil essen sie
Meinen Weizen.

6
Mei Mädl mein Mädl, far wus
soll ich wiederkehren?

 
 

 


Soska oder die Beschwichtigung

1
Als ich vorlas meine Texte, Worte, Geschichten, Zeug
Tobte im Hintergrund der Stereolärm
Verstandest du nichts. Ich verstehe mich rauschend aber
In den Passaten
Hiesiger Zugeneigtheiten.

Doch spür ich dich brennen an meiner Glätte.

2
Sag ich: ein Gedicht, welches Gedicht
Die Schwären lindert, welches Gedicht
In der Glätte sich auslallt
Nicht. Oh, der ich gescheit bin. Diese

Glätte. Glucksen
Der Rede. Lächeln
Die Wand entlang.

3
Sage ich: wegen meiner Vorstürmerei
Im Zurückweichen bekamst du ganz nackte Augen
Und verstandest ja nichts
Außer das Wichtige.

Ich wollte dich küssen, irgendwie küsst ich dich wohl
Kerbe dich ein in die jüngere
Der beiden Vergesslichkeiten.

4
Sag ich: ein Gedicht, welches
Aushorcht die neuere Kultur, welches Gedicht
Schlingert im Zusammenbrechen

Diese Beschwichtigungen, wie ich beschwichtige. Glatte tu ichs

Wer will sehn, was er spürt. Er muss
Die Tür aus der Angel nehmen
Mit verkleideten Blicken und körperlicher Anstrengung
Da die Angel längst hineingerostet war

5
Ich kenn dich nicht. Wirf
Dich auf mich bevor
Wir Federball spielen
An den Pensionssonntagen
Meines Praters, schmeiße dich schon.

Persönlich weich ich aus zwar, aber du
Fallst glatt aufs Bett, da kann ich dich
Kann ich dich zudecken mit Stereomusik

Und einem Flieder voller Bücher
Tote zerstückelt, Buchstabe neben Buchstabe
Ruhn auf deinem Leib, ich weiche
Zurück, von dort
Dicht schau ich über dich hin
 


©Robert Schindel



robert-schindel-handOhneland. Gedichte vom Holz der Paradeiserbäume. 1979–1984. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986; Geier sind pünktliche Tiere. Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987; Im Herzen die Krätze. Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988; Ein Feuerchen im Hintennach. Gedichte 1986–1991. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992;Gebürtig. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992; Die Nacht der Harlekine. Erzählungen, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994; Gott schütz uns vor den guten Menschen. Jüdisches Gedächtnis – Auskunftsbüro der Angst. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995; Immernie. Gedichte vom Moos der Neunzigerhöhlen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000; Nervös der Meridian. Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003; Zwischen dir und mir wächst tief das Paradies. Liebesgedichte. Vorwort von André Heller; Illustrationen von Christof Subik. Insel, Frankfurt am Main Leipzig 2003; Fremd bei mir selbst. Gedichte. Nachwort von Marcel Reich-Ranicki. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004; Kassandra. Roman, Vorwort von Robert Menasse. Haymon, Innsbruck 1979/2004; Wundwurzel. Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005; Der Krieg der Wörter gegen die Kehlkopfschreie, Capriccios. Haymon, 2008; Mein mausklickendes Saeculum. Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008; Dunkelstein. Eine Realfarce. Haymon, Innsbruck 2010, Der Kalte. Roman. Suhrkamp, Berlin 2013.