Optimismus oder Pessimismus?

 

Die Zukunft und ...
Eine Science-Fiction-Nachlese bei Stanisław Lem und Ray Bradbury

 

Anna Schor-Tschudnowskaja

 

In unruhigen und angstbesetzten Zeiten kann es sich durchaus lohnen, sich wieder mit den Klassikern der Science-Fiction (SF) zu befassen. Einer der Gründe dafür ist, dass die Ereignisse, die gerade passieren und uns im Griff halten, Ereignisse sind, dessen Möglichkeit bis unmittelbar vor ihrem Eintreten als einem „dystopischen SF-Roman entnommen“ abgetan bzw. belächelt worden wären. Im Nachhinein wäre es vielleicht besser gewesen, etwas mehr Respekt vor SF zu haben. Die klassischen Vertreter dieses Genres entwarfen Zukunftsszenarien auch und gerade auf der Grundlage analytisch unterlegter Fantasie und sensibler Vorwegnahme in der (jeweiligen) Gegenwart scheinbar in der Praxis unmöglicher Vorgänge. Sie lebten in einer Zeit, in der kühne und euphorische, teilweise aber auch warnende Zukunftsvisionen Teil des intellektuellen und politischen Lebens und auch der Kunst waren. Heute scheinen weniger Zukunftsvisionen und Nachdenken über die Zukunft denn ihre Vermessung, kalkulierte Prognosen, komplexe Modellrechnungen dessen, was morgen kommen kann oder soll, Hochkonjunktur zu haben. In eine weite Zukunft wagt man kaum noch zu schauen, vielleicht weil der nicht berechnende Zukunftsblick nur noch ein angstbesetzter und enttäuschter ist. Das Utopisch-Zuversichtliche ist der Gegenwart (fast) abhandengekommen – und zwar sowohl in intellektuellen Kreisen wie in der Literatur. Ist die eigene Zukunft zu fremd geworden?

Vor diesem Hintergrund gilt es sich daran zu erinnern, dass zwei große Vertreter der SF kürzlich 100 Jahre alt geworden wären: 2020 Ray Bradbury, im Jahr darauf Stanislaw Lem. Gerade bei den aktuellen überhitzten Debatten zur Zukunft als „Großen Unbekannte“ sowie bei der Notwendigkeit, wenigstens in die nahe Zukunft ohne lähmende Angst blicken zu können, sollten deren Stimmen nicht fehlen. Beide haben sich mit Dingen beschäftigt, die man sich jedenfalls praktisch verwirklicht nur schwer oder gar nicht vorstellen kann, doch auf eine sehr unterschiedliche Art und Weise. Sowohl als Schriftsteller wie auch als Menschen waren sie sehr verschieden, in mancher Hinsicht sogar Gegensätze. Aber sie waren Zeitgenossen und zählen zu den bekanntesten SF-Autoren des 20. Jahrhunderts. Sie stellten sich der Herausforderung der absoluten Fremdheit – ob in Gestalt anderer Planeten oder einer fernen Zukunft.

 

Die literarischen Anfänge von Bradbury und Lem

In diesem Essay möchte ich die Vorstellungswelt dieser Autoren etwas genauer betrachten und behutsam aufeinander beziehen, um ihre Hoffnungen und Phantasien besser zu verstehen und Schlussfolgerungen aus heutiger, aktueller Sicht zu ziehen. Die Leben beider Schriftsteller waren insbesondere geprägt durch Ereignisse ab 1940, beide verstarben erst im 21. Jahrhundert. Sie waren schreibende Zeitzeugen einer bestimmten Epoche und haben als solche deren (utopische) Ambitionen in einer besonderen Art und Weise zum Ausdruck gebracht.

Lem kam 1921 im polnischen Lemberg (heute das ukrainische Lviv) in einer wohlhabenden Arztfamilie zur Welt. Er verfügte bereits in der Kindheit über ein intellektuelles Umfeld, studierte Medizin und hatte glänzende Karriereaussichten. Bradbury, geboren 1920 in der nordamerikanischen Kleinstadt Waukegan, hatte nur einen Schulabschluss, da es in der Familie das Geld für sein Studium fehlte. Geldsorgen begleiteten ihn in seiner Kindheit und Jugendzeit beständig, allerdings gerade deswegen verinnerlichte er von Anfang an den „amerikanischen Traum“ vom sozialen und finanziellen Aufstieg und war durchaus ein Selfmademan.

Die Schrecken des Zweiten Weltkrieges erlebten beide künftige Autoren, vorsichtig formuliert, sehr unterschiedlich: Dem Juden Lem gelang es, im von Deutschen besetzten Lemberg durch puren Zufall zu überleben, nachdem er vielfach Zeuge von Gräueltaten wurde; er musste auch zweimal die Erfahrung der sowjetischen Besatzung sowie mehrerer Judenpogrome machen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren nur noch einige wenige Verwandte am Leben. Es gelang ihm noch rechtzeitig die Flucht vor sowjetischen Truppen nach Krakau, so dass er dann immerhin nicht in der Sowjetunion (an die Lemberg fiel), sondern in der Polnischen Volksrepublik leben konnte – dennoch in einem autoritären sozialistischen Staat. Bradbury verbrachte sein ganzes Leben in den USA und damit zumindest geografisch auf weiter Distanz zu den folgenschweren sozialen Experimenten in Europa.

Bradbury insbesondere, aber auch Lem waren Autodidakten, liebten von früher Kindheit an Bücher, lasen sehr viel und hatten sogar einige Lieblingsautoren gemeinsam, darunter Jules Verne, einen der Urheber des SF-Genres. Ansonsten waren sie literarisch eher unterschiedlich geprägt: Bradbury studierte stapelweise amerikanische und englische Literatur, Lem dagegen polnische, russische und deutsche. Lem tauchte bereits in der Kindheit auch in die Welt der Fachliteratur ein, und zwar nicht nur der medizinischen. Sein ganzes Leben lang wird er beständig die neuesten wissenschaftlichen Veröffentlichungen so gut wie in allen naturwissenschaftlichen Disziplinen verfolgen.

Beide Autoren verfügten über ein sich sehr früh gezeigtes schriftstellerisches Talent und begannen in den 1940-er Jahren zu schreiben und ihre Texte auch zu veröffentlichen – Lem als Intellektueller, Bradbury an Massengeschmack und Unterhaltungsliteratur orientiert. Beide schrieben bei weitem nicht nur SF und hatten Schwierigkeiten damit, dass sie als SF-Autoren gesehen werden. Ihre SF-Thematiken sind aber zum großen Teil ähnlich: das sind vor allem Zukunftsvisionen und die Expansion ins Weltall, Landung auf anderen Planeten und Konfrontation mit Überraschungen, die dort unumgänglich sind, überhaupt die Umstände, in denen Menschen überrascht werden und darauf reagieren müssen, sich den Herausforderungen einer absolut fremden Realität (der eigenen Zukunft oder eines anderen Planeten) stellen. Bei Konfrontation mit Unvorhergesehenem, Überraschendem und Fremden zeigten die Helden von Lem meistens mehr Mut und Gefasstheit, die von Bradbury eher Verwirrtheit und Hilflosigkeit. Dabei wurden beide Autoren immer wieder als Pessimisten bezeichnet. Beide haben daraufhin immer wieder gelächelt und sich nicht unbedingt als solche gesehen. Sie hatten eine bemerkenswerte ironische Art zu denken und zu schreiben, auch und gerade in Bezug auf Ambitionen der Menschen im 20. Jahrhundert sowie jenen, die im 21. zu erwarten wären.

 

 

Für und wider Kontakt mit absolut Fremden

In seinem bekannten leidenschaftlichen Monolog verurteilt der Kybernetiker Snaut, einer der drei Männer auf der Forschungsstation Solaris, die Bestrebungen der Menschen, im Weltall andere vernünftige Lebewesen zu finden, auf eine besonders bittere Art:

„Wir brechen in den Kosmos auf, wir sind auf alles vorbereitet, das heißt, auf die Einsamkeit, auf den Kampf, auf Martyrium und Tod. Aus Bescheidenheit sprechen wir es nicht laut aus, aber wir denken uns manchmal, daß wir großartig sind. Indessen, indessen ist das nicht alles, und unsere Bereitschaft erweist sich als Theater. Wir wollen gar nicht den Kosmos erobern, wir wollen nur die Erde bis an seine Grenzen erweitern. Die einen Planeten haben voll Wüste zu sein, wie die Sahara, die anderen eisig wie der Pol oder tropisch wie der brasilianische Urwald. Wir sind humanitär und edel, wir wollen die anderen Rassen nicht unterwerfen, wir wollen ihnen nur unsere Werte übermitteln und, als Gegengabe, ihrer aller Erbe annehmen. Wir halten uns für die Ritter vom heiligen Kontakt. Das ist die zweite Lüge. Menschen suchen wir, niemanden sonst. Wir brauchen keine anderen Welten. Wir brauchen Spiegel. Mit anderen Welten wissen wir nichts anzufangen. Es genügt unsere eine, und schon ersticken wir an ihr. Wir wollen das eigene idealisierte Bild finden; diese Globen, diese Zivilisationen haben vollkommener zu sein als die unsere, in anderen wiederum hoffen wir das Abbild unserer primitiven Vergangenheit zu finden. Indessen ist auf der anderen Seite etwas, was wir nicht akzeptieren, wogegen wir uns wehren, und schließlich haben wir von der Erde nicht nur das pure Destillat aus lauter Tugenden mitgebracht, das heroische Standbild des Menschen! Wir sind so hierhergeflogen, wie wir wirklich sind, und wenn die andere Seite uns diese Wahrheit zeigt, diesen Teil von ihr, den wir verschweigen, – dann können wir das nicht hinnehmen!“ (Lem 2006: 101).

So beeindruckend diese Passage auch ist, so ambivalent ist ihr Sinngehalt. Was stellt sie dar? Eine philosophische Betrachtung des Wesens der Menschen? Ausdruck der Resignation eines überforderten Forschers? Einen nüchternen Blick auf die eigene Sache? Wenn man genau liest, sind die Worte von Snaut nicht unbedingt ein Appell, nicht mehr nach außerirdischen Intelligenzen im Weltall zu suchen. Er stellt lediglich fest, dass Motive, mit denen sich Menschen auf diese Suche begeben, nicht erfolgversprechend sind. Es ist eher eine nüchterne Betrachtung, die in ein leidenschaftliches Monolog gekleidet ist, und diese Betrachtung hat zum Ziel, dass Menschen sich bewusst machen, was sie eigentlich finden möchten. Es ist anzunehmen, dass Snaut kein direkter alter ego von Lem ist, aber zum großen Teil würde der Autor wohl mit ihm übereinstimmen. Nur deutet vieles darauf hin, dass Lem noch mehr dazu zu sagen hätte.

1967 machte Lem in einem Vorwort ein bemerkenswertes Geständnis: „Ich habe noch ein Buch geschrieben, das ich schätze, obwohl ich es nicht ganz verstehe“ (zitiert nach: Praschkewitsch, Borisow 2015: 183). Damit meinte er den bekannten Roman „Solaris“, den zu durchschauen bis heute nicht leicht ist. Ein solches Urteil klingt besonders hart, wenn man bedenkt, dass Lem seine Werke v.a. daran maß, inwieweit sie seiner jeweiligen ursprünglichen Absicht entsprachen, d.h. ob sie seiner Logik und seinem Willen folgten. Die Logik von „Solaris“ vermochte nicht einmal der Autor selbst ganz zu erschließen, daher sein kritisches Verhältnis zu diesem Werk.

Lem wies dennoch wiederholt auf seine ursprünglichen Intentionen hin. Der scharf analytisch denkende Schriftsteller hat bereits mit dem Titel unterstrichen, worum es in dem Buch grundsätzlich geht – nämlich den Ozean Solaris, die einzige Bewohnerin des gleichnamigen Planeten, und damit um etwas kaum Zugängliches und Begreifbares – jedenfalls aber nicht um Menschen. „Alles Interessante an meinem Roman bezog sich auf das Verhältnis der Menschen zu diesem Ozean der nichthumanoiden Intelligenz – nicht auf zwischenmenschliche Liebesgeschichten“, sagte Lem in einem Interview (Grossmann 2005: o.S.). Die beiden Verfilmungen des Stoffes von Andrej Tarkowskij (UdSSR, 1972) und Steven Soderbergh (USA, 2002) haben nicht nur erheblich zur Popularität, sondern (wenngleich auf ganz verschiedenen Ebenen) auch zur Verzerrung des ohnehin komplexen Romaninhaltes beigetragen. Sowohl die reflexive Begegnung mit dem eigenen Gewissen als auch psychoanalytische Deutungen der Träume und ihrer Materialisierungen schienen Lem sehr befremdlich. Und selbst wenn sich jeder Leser unweigerlich mit Schrecken fragt, wie er denn die „Prüfung“ durch den Kontakt mit Solaris bestehen und welcher ‚Gast‘ denn ihn auf der Forschungsstation im Orbit um den Planeten nachts aufsuchen würde, bleibt die Hauptfigur des Buches der Ozean – und alles, was Menschen im Stande sind an ihm zu verstehen. Und wenn das wahrlich nicht viel ist, dann liegt es gerade nicht an diesem Ozean, sondern an den Motiven und Dispositionen der Menschen, die Snaut so genau benennt und entschieden verurteilt.

In einem während der Arbeit am Roman auf Englisch verfassten Brief stellte Lem seine Hauptgestalt wie folgt vor:

„There lives a gigant ocean, with no machines, no architecture (Earth-like, of course), no literature, no music, no language, but there is some kind of information cruising, some inter-nal steering processes, some intrinsic psychical life, and the scientific team, landing on Solaris, will proceed to make the famous first contact. But there can be no such thing. We have no semantic bridge between us and the living being. We have no common experiences. This creature has no EXTERNAL language, because there is no one, to whom she could speak“ (zitiert nach Orlinski, 2019, S. 246).

Die Herstellung eines Kontakts mit dem Ozean ist zunächst einmal eine literarische Herausforderung, nicht nur eine (futuristisch) wissenschaftliche. Lem greift zum folgenden Trick: Alles, was in diesem Roman mit Menschen geschieht, was sie erfahren und worüber sie sprechen, soll nicht mehr, aber auch nicht weniger als Hilfestellung für das Verstehen des Ozeans sein, mit anderen Worten – für einen Kontakt mit ihm. Denn nur durch menschliche – in Sprache übersetzbare – Erfahrungen kann der Autor das absolut Fremde der Solaris in die Handlung involvieren. Die menschliche Psyche spielt insofern eine wichtige Rolle, als sie jene ‚Folie‘ ist, auf der sich der Ozean ‚abbildet‘ – das einzig mögliche Verfahren, diesen handeln zu lassen. Ein Nicht-Mensch wird zur Hauptfigur, ohne dass der Text die menschliche Perspektive verlässt, d.h. ohne dass ein „literarischer Betrug“ (Lem, zitiert nach Orlinskij 2019: 217) begangen, d.h. dem Fremden wird eine menschliche Perspektive aufgezwungen wird. Das Kontaktknüpfen, so einer der Männer auf der Forschungsstation, wird zu einem Problemkreis von höchster Komplexität, und die „mittelalterliche Scholastik erschien als leicht faßliche, taghell einleuchtende Erörterung im Vergleich zu dem Dickicht, das dieser Problemkreis hervorbrachte“ (Lem 2006: 36). Lem ließ sich geradezu lustvoll auf diese höchste Komplexität ein und lotete die menschliche Erfahrungswelt aus, um dem Ozean ‚das Wort zu geben‘, war aber mit dem Ergebnis, d.h. mit sich selbst, nicht wirklich zufrieden. Die neugierige Hoffnung auf eine angemessene literarische Beschreibung eines Kontaktes mit einem außerirdischen Lebewesen hat er allerdings nicht aufgegeben.

Der Kontakt bei Bradbury ist ebenfalls eine Frage der literarischen Vorstellungskraft, wenngleich auf eine ganze andere Art und Weise. So ist die bekannte Kurzgeschichte „Die nächtliche Begegnung“ („Night Meeting“, Teil der „Mars-Chroniken“) zwar sehr lakonisch, aber eindeutig in ihrer Aussage: Es gibt jenen Zeitraum nicht, in dem eine echte Begegnung mit einem extraterrestrischen Wesen möglich wäre. Kontakte mit ihm sind ein Mythos, eine Phantasie. In dieser Geschichte fährt ein Mann mit dem Auto über den Mars, auf dem es bereits seit vielen Jahrhunderten keine Marsianer mehr gibt, und trifft plötzlich einen von ihnen. Diese Begegnung erschreckt den Mann nur unwesentlich, er bleibt erstaunlich gefasst:

„‘Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?‘ fragte Tom. ‚Bitte.‘
Der Marsianer glitt von seiner Maschine.
Ein zweiter Becher wurde hervorgeholt und gefüllt, dampfend voll. Tom hielt ihn dem Fremden hin.
hre Hände trafen sich – und fuhren wie Nebelschwaden durcheinander hindurch.
‚Gott im Himmel!‘ rief Tom und ließ den Becher fallen. ‚Im Namen der Götter!‘ sagte der Marsianer in seiner Sprache.
‚Haben Sie das gesehen?‘ flüsterten beide.
Sie waren entsetzt und fröstelten.
Der Marsianer bückte sich, um den Becher aufzuheben, doch er konnte ihn nicht greifen, er griff durch ihn hindurch.
‚Jesus!‘ sagte Tom.
‚Das kann man wohl sagen.‘ Der Marsianer versuchte mehrmals, den Becher zu f assen, doch vergeblich“ (Bradbury 1974: o.S.).

Diese Kurzgeschichte lässt schmunzeln, sie ist heiter, hier gibt es keine plagenden Selbstzweifel, keine leidenschaftlichen Monologe und keinen verzweifelten Vergleich mit der Scholastik. Und doch ist ihre Aussage ambivalent: Eigentlich findet hier ein direkter Kontakt statt, von dem die Forscher auf der Solaris nur träumen können. Gleichzeitig wird die beschriebene „nächtliche Begegnung“ für absolut unmöglich erklärt, für etwas, was nicht sein kann. Es ist paradox: Um uns zu sagen, dass das Fremde nicht erreichbar ist, zeigt uns Bradbury eine Begegnung mit diesem. Die Unmöglichkeit des Kontakts begründet er mit einer unüberwindbaren Kluft: Der Marsianer und Tom haben keine gemeinsame Zeit, in der sie die jeweilige andere Welt kennenlernen könnten. Alle wissenschaftlichen Anstrengungen, alle Theorien und Technologien sind hier machtlos, sie entfallen von selbst, machen sich obsolet; man kann sich also entspannt zurücklehnen und anderen Dingen widmen. Und tatsächlich bemüht sich Bradbury nicht wirklich um eine Beschreibung der Fremdheit des extraterrestrischen Wesens. Die beiden Hauptfiguren – der Marsianer und der Mensch (man möchte schreiben: Amerikaner) Tom verhalten sich etwa auf die gleiche Art und Weise. Selbst wenn sie füreinander nicht erreichbar sind und in gänzlich unterschiedlichen Zeiten und Welten existieren: sie sind einander nicht wirklich fremd, sondern im Gegenteil erstaunlich ähnlich.

„Jetzt sah er den Marsianer vor dem Hintergrund des Himmels.
‚Die Sterne!‘ sagte er.
‚Die Sterne!‘ sagte der Marsianer, der seinerseits Tom anschaute.
Die Sterne schimmerten deutlich durch den Körper des Fremden, und sie waren eingewoben in sein Fleisch wie Lichtflecken in der dünnen, phosphoreszierenden Membran eines gallertartigen Fisches. Im Magen und in der Brust des Marsianers flackerten Sterne wie violette Augen und funkelten durch seine Handgelenke wie Juwelen.
‚Sie sind ganz durchsichtig!‘ sagte Tom.
‚Und Sie auch!‘ sagte der Marsianer und trat zurück.
Tom befühlte seinen Körper und war beruhigt, als er die Wärme spürte. Ich bin wenigstens lebendig, dachte er.
Der Marsianer berührte sich an der Nase und an den Lippen. ‚Mein Körper ist real‘, sagte er halblaut. ‚Ich lebe.‘“ (ebd., hervorgehoben im Original).

Genau diese Provokation der nicht fremden Fremdheit hat Lem immer wieder Bradbury vorgeworfen, nämlich die fehlenden Bemühungen, sich selbst mit den bescheidenen Mitteln der vorhandenen Sprache an die Vermittlung des Fremden anzunähern. Lem selbst sah es als eine Art Pflicht für SF-Autoren an, das unfassbare Fremde zu erfassen versuchen. Aber sind die „Mars-Chroniken“ überhaupt SF? Verschiedene Beobachter haben darauf hingewiesen, dass sie eigentlich an das Leben in amerikanischen Kleinstädten denken lassen; zudem würde Bradbury in allen seinen Werken nicht nur die Kontakte unter Menschen, sondern auch und gerade deren Scheitern oder überhaupt völliges Fehlen beachten und untersuchen.

Bezeichnend dafür ist eine andere bekannte Kurzgeschichte, „Die leeren Städte“, in der es auf dem Mars, nachdem ihn alle Menschen verlassen haben, unbeabsichtigt ein Mann und eine Frau zurückgelassen wurden. Die kurze Bekanntschaft der beiden endet mit der Flucht des Mannes in die totale Einsamkeit auf dem menschenleeren Planeten:

„Der Wagen raste auf der stillen Straße davon und kümmerte sich nicht um ihr Stampfen und Schreien. Die Auspuffdämpfe hüllten das weiße Kleid ein, das sie in ihren dicken Händen zerdrückte, und die Sterne schimmerten hell, und der Wagen verschwand draußen in der Wüste und wurde von der Dunkelheit verschluckt.


Er fuhr drei ganze Tage und Nächte hindurch. Einmal glaubte er sich von einem Wagen verfolgt, und der kalte Schweiß brach ihm aus, und er nahm eine andere Landstraße, die an kleinen toten Städten vorbei quer durch die verlassene Marswelt führte, und er fuhr und fuhr, eine Woche lang, bis er zehntausend Meilen zwischen sich und Marlin gebracht hatte. Schließlich hielt er in einer kleinen Stadt namens Holtville, wo es ein paar kleine Läden gab, die er am Abend beleuchten konnte, und eine Handvoll Restaurants, in denen er sitzen und sich etwas zu essen bestellen konnte. Und dort ist er geblieben, mit zwei vollen Tiefkühltruhen, deren Inhalt hundert Jahre lang reicht, und mit ausreichend Zigarren für zehntausend Tage, und mit einem guten weichen Bett.


Und wenn irgendwann in all den langen Jahren einmal das Telefon klingeln wird, hebt er nicht ab.“ (Bradbury, 1974, o.S.)

Die Idee der Fremdheit wird hier von einer ganz anderen Seite betrachtet: Auf dem fremden Planeten begibt sich ein Mensch in eine totale Einsamkeit, um ja nicht mit einem anderen Menschen zusammen zu sein, den er sehr unsympathisch, unerträglich, ja vollkommen fremd findet. Die erhabene Idee einer Erschließung des Mars tritt hier in den Hintergrund. Wird der fremde Planet überhaupt noch ernst genommen? Oder will Bradbury sagen, dass es die Menschen sind, die den Mars nicht ernst nehmen? Dass sie überall und immer dieselben bleiben würden? Dass das Wagnis, andere Planeten zu besiedeln, sowie der technologische Durchbruch, der dazu notwendig ist, nichts an der menschlichen Natur ändern würde? So sehr um die Menschen bemüht und von ihren Irrungen und Hoffnungen ergriffen, widmete er den nicht-menschlichen Wesen kaum Aufmerksamkeit.

Bemerkenswert ist die Antwort, die Bradbury 2003 in einem Interview auf die Frage gab, ob er gerne selbst zum Mars aufbrechen würde. Bradbury, der konsequent Flugzeuge mied und Autos für eine der schlimmsten Erfindungen des 20. Jahrhunderts hielt, sagte:

„Sicher! Ich würde für die Möglichkeit einer solchen Reise viel eben. Ich betrachte den Mars als meine zweite Heimat, ich möchte gerne dort begraben werden. Ich fühle mich zu diesem Planeten hingezogen und bin überzeugt, dass die Reise dorthin zu einem Schlüsselereignis für unsere Zivilisation wird.“ (zitiert nach Praschkewitsch 2014: 114).

Diese pathetischen Worte stehen in einem gewissen Widerspruch zu den „Mars-Chroniken“, welche sich viel mehr dem Irdischen und Menschlichen widmen denn dem fremden Planeten. Lem hat wohl nicht zufällig einst festgestellt, dass Bradbury in seinen Werken „in konzeptioneller mehr noch als in ästhetischer Hinsicht“ sehr „ungleich“ und inkonsistent sei (1984, Bd. II: 360).

 

 

Faszination der Fremdheit

Lem war nicht nur Autor, sondern auch Literaturkritiker und Theoretiker. Als solcher studierte er sehr genau die zeitgenössische (und insbesondere die US-amerikanische) SF-Literatur und legte eine Art Theorie dieses Genres vor. In der zweibändigen Abhandlung „Phantastik und Futurologie“ (1984) hält er zur Herstellung von Kontakt mit extraterrestrischen Wesen fest: „Stark phantastische Objekte sind vor allem diejenigen, mit denen wir bis dato nirgends zu tun hatten. Und der Kontakt zu solchen Gegenständen zeichnet sich gerade dadurch aus, daß wir diese Gegenstände im eigentlichen Sinne nicht betrachten können.“ (Bd. 1: 33). Er geht sehr ausführlich auf „Erfassungsschwierigkeiten“ ein, die einen SF-Autor erwarten, und folgert daraus v.a., dass

„der Eindruck von Unheimlichkeit […] auch bei der Berührung mit außerirdischen Objekten, z.B. mit kosmischen Wesen, mit einer Maschine aus dem Jahre 30 000 etc. mitwirken [müsste]. Für die Definition dessen, was man dann sieht, fehlen dem Erzähler Begriffe, Bezeichnungen und ein Bezugssystem…“ (ebd).

Das paradoxe Dilemma ist klar umrissen und besteht aus gleich zwei Herausforderungen. Erstens müsste ein SF-Autor etwas ‚Unheimliches‘, ‚Unfassbares‘, etwas, was noch nie ein Bestandteil der menschlichen Erfahrungswelt war, sprachlich erfassen und erfahrbar bzw. vorstellbar machen. Und zweitens müsste er in einem literarischen Werk ein Wesen agieren lassen, dem eine menschliche Perspektive abgeht. Lem stellte sich diesen Herausforderungen bereits in den 1950er Jahren. Bis zu seinem letzten Roman „Fiasko“ (1986) wird er immer wieder nach Wegen suchen, dieses Problem zu lösen.

Einer der Auswege war die Schaffung von neuen Wörtern: Kontakt mit Fremdem erfordert Erweiterung der Sprachpotenziale. Die russischen Lem-Biografen Gennadij Praschkewitsch und Wladimir Borisow (2005) haben ein Lem-Wörterbuch zusammengestellt. Ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, zählt es knapp 200 Wörter: Lebewesen und Körperorgane, Handlungen und Eigenschaften, Speisen und Getränke, wissenschaftliche Disziplinen und Geräte und vieles mehr – all das, was absolut neu, d.h. absolut fremd ist und mit dem bestehenden Vokabular nicht anschaulich benannt werden kann. Lem wollte das ‚Unheimliche‘ ‚heimisch‘, vertraut machen – und das bereitete nicht nur den Lesern, sondern auch den Übersetzern aus dem Polnischen erhebliches Kopfzerbrechen. Hinter jedem neuen Begriff musste mühsam ein Vorstellungbild erarbeitet werden.

Der Roman „Solaris“ ist womöglich der interessanteste Ansatz Lems, Kontaktversuche mit extraterrestrischen Wesen zu schildern. Aber auch andere seiner Romane haben sich immer daran versucht. So sind in seinem früheren, zuerst 1958 (in Fortsetzungen) erschienenen Roman „Eden“ (ebenfalls der Name eines fremden Planeten, auf dem ein irdisches Raumfahrzeug notlandet) die vielleicht beeindruckendsten Stellen gerade jene, wo nichts passiert, sondern einfach etwas beschrieben wird. Bereits hier gelingt Lem gekonnt eine spannende Balance zwischen dem Vertrauten und Neuen: Das absolut Fremde (ein anderer Planet – und zwar noch bevor dessen erste Bewohner auftauchen, mit denen der eigentliche Kontakt angestrebt wird) wird sichtbar und erfahrbar, indem es Schritt für Schritt, Zeile für Zeile in die menschliche Erfahrungswelt integriert wird:

„In der Nähe einer leicht gekrümmten Wand aus dunklen, wirren Formen verlangsamten die Vorderen ein wenig den Schritt, damit die anderen aufschließen konnten. Gemeinsam gingen sie näher, bis sie vor einer starren Front aus seltsamen Gebilden standen […] Aus hundert Schritt Entfernung mochten sie ihnen noch als Gebüsch, als Sträucher vorgekommen sein, die voller großer grauer Vogelnester waren – weniger weil sie wirklich so aussahen, als vielmehr dadurch, dass die Augen ständig versucht waren, den fremden Formen etwas Vertrautes abzugewinnen. ‚Könnten Spinnen sein‘, sagte der Physiker zögernd, und alle glaubten auf einmal, spinnenartige Geschöpfe mit kleinen, dicht behaarten spindelförmigen Rümpfen zu sehen, die ihre überlangen, dürren Beine unter sich eingezogen hatten. ‚Das sind doch Pflanzen!‘ rief der Doktor und trat langsam an eine solche hohe graugrüne ‚Spinne‘ heran. In der Tat erwiesen sich die ‚Beine‘ als dicke Stiele, deren verdickte und mit Härchen bedeckte Glieder leicht für Gelenke eines Gliederfüßers gehalten werden konnten. Sieben oder acht solcher Stiele liefen jedes Mal oben bogenförmig in einem tannenzapfenartigen, dicken ‚Leib‘ zusammen, der an ein abgeflachtes Insektenhinterteil erinnerte und von zarten, in der Sonne glitzernden Spinnwebenstreifen umgeben war. Die ‚Pflanzenspinnen‘ wuchsen dicht nebeneinander, doch man konnte zwischen ihnen hindurchkommen. Da und dort sprossen aus den Stengeln hellere Schösslinge und Triebe, die fast die Farbe irdischen Laubs hatten und in zusammengerollten Knospen endeten“ (1976: o.S.).

Lem, der nach eigenen Angaben „weder ein Kenner noch ein Liebhaber der sogenannten Science Fiction“ war (Grossmann 2005: o.S.), spielte leidenschaftlich mit allen literarischen Mitteln, um den „Eindruck von Unheimlichkeit“ und dem Unfassbaren vermitteln zu können, sowohl auf Eden wie auf Solaris bot er dem Leser den Einblick in die Faszination unfassbarer Lichtverhältnisse, unfassbarer Farben und Gerüche, Oberflächen unter den Füssen, atmosphärischer Erscheinungen, Formen des Lebens, die man vorsichtig als ‚Pflanzen‘ oder ‚Tiere‘ bezeichnen könnte. Die besondere Aufmerksamkeit für Fremdheit und die üppigen literarischen Mittel, mit denen sie vermittelt wird, stehen in einem eigenartigen Gegensatz zu den Menschen: In den meisten Romanen von Lem fällt die lakonische, beinahe skizzenhafte Darstellung der menschlichen Charaktere und ihrer Innenwelt auf. In „Eden“ verzichtet Lem fast gänzlich darauf, in „Solaris“ lässt er nur ein Minimum davon zu – wir erfahren über die Männer auf der Forschungsstation gerade so viel, wie für die Handlung unabdingbar ist. Literatur, Sprache, menschliche Psyche – aus ihnen wird eine Brücke zum Fremden konstruiert.

Natürlich stoßen die Schilderungen des Fremden beständig an die Grenzen der Sprache; aber gerade um diese Grenzen geht es in SF und den Romanen von Lem, – um Grenzen einer solch behutsamen Erkenntnis der Fremdheit, die diese nicht zerstört. Angelegt bereits in seiner Sprache, diktierte der besondere achtungsvolle Umgang mit dem Fremden Lem auch die Handlung seiner Geschichten. So lässt er die Astronauten die Entscheidung treffen, die Erkundungen auf Eden abzubrechen und abzufliegen, ohne wirklich viel von dem Planeten verstanden zu haben – obwohl sie durchaus in der Lage gewesen wären, mit der Gewalt ihrer Waffen dessen Bewohner zu einem ‚Dialog‘ zu zwingen. Das Fazit aus beiden Romanen, „Eden“ wie „Solaris“, ist die Einsicht in die eigenen, letztlich bescheidenen Möglichkeiten.

 

 

Die Rolle des Grauens

Lem zeigte sich beunruhigt, wenn es um die Motive ging, mit denen sich Menschen in den fremden Welten an die Kontaktsuche machen. Bei allen seinen literarischen Begegnungen mit absolut Fremden blickte er kritisch eher auf die Menschen. Das illustriert eine längere programmatische Passage aus dem Roman „Solaris“, die in vieler Hinsicht einem literarischen Manifest von Lem gleicht:

„Die Solaristik – schreibt Muntius – ist die Ersatzreligion des Weltraumzeitalters, sie ist Glaube, eingehüllt in das Gewand der Wissenschaft; der Kontakt, das Ziel, dem sie entgegenstrebt, ist ebenso nebelhaft und dunkel wie die Gemeinschaft der Heiligen oder die Herabkunft des Messias. Die Erkundung kommt einem in methodologischen Formeln existierenden Liturgie-System gleich; die demütige Arbeit der Forscher ist das Warten auf Erfüllung, auf die Verkündigung, denn Brücken zwischen Solaris und Erde gibt es nicht und kann es nicht geben. Aber diese Selbstverständlichkeit wird wie andere, wie das Fehlen gemeinsamer Erfahrungen, wie das Fehlen von Begriffen, die man übermitteln könnte, von den Solaristen zurückgewiesen, so ähnlich, wie von den Gläubigen die Argumente zurückgewiesen wurden, die ihres Glaubens Grundlage umstürzten. Im Übrigen, was erwarten sich Menschen, was können Menschen sich vom ‚Anknüpfen einer Nachrichtenverbindung‘ mit denkenden Meeren versprechen? Ein Register der Erlebnisse im Zusammenhang mit zeitlich endloser Existenz, die so alt ist, daß sie sich bestimmt nicht an den eigenen Anfang erinnert? Eine Beschreibung der Begierden, Leidenschaften, Hoffnungen und Leiden, die sich in spontanen Geburten lebender Berge freisetzen, der Umwandlung aus der Mathematik in die Existenz, aus Einsamkeit und Resignation - in die Fülle? Aber das alles ist doch unübertragbares Wissen, und wenn ihr es in eine beliebige unter den irdischen Sprachen zu übersetzen versucht, dann gehen alle die gesuchten Werte und Bedeutungen verloren, bleiben drüben auf der anderen Seite.“ (2006; S. 228)

Lem verfolgte nach seinen Möglichkeiten von Polen aus sehr aufmerksam die wissenschaftliche Debatte zum Kontakt mit extraterrestrischen Zivilisationen und wollte sich sogar mit einigen Thesen daran beteiligen. Seine Position dazu war nicht nur kritisch, sondern auch frei von jeglicher Sentimentalität. Lem bemühte sich um einen möglichst nüchternen Blick: Ihn interessierte durchaus das Rätsel des schweigenden Weltalls, des Silentium Universi, allerdings nur rein wissenschaftlich, d.h. auf der Grundlage empirischer Daten und rationaler Argumente, und literarisch, also als Frage nach Mitteln des Handlungsaufbaus und ästhetischen Ausdrucks. Dabei war er davon überzeugt, dass weder die unerträgliche Einsamkeit noch die Suche nach Gleichgesinnten oder der Wunsch, gehört und verstanden zu werden, noch die menschlichen Eroberungs- und Fluchtphantasien etwas mit diesem Problemkreis zu tun hätten, denn für ihn waren diese Gefühle und Regungen nur und ausschließlich menschliche oder gar zwischenmenschliche Phänomene (genauso war er bereit, die „Vollkommene Leere“, so der Name eines seiner Sammelbände, in der gegenwärtigen menschlichen Kultur zu suchen – und damit nicht im Weltall).

Auch dient der Kontakt in seinen Romanen keinesfalls der Beurteilung der Fortschrittlichkeit der menschlichen Zivilisation. Lem gestaltet die Begegnungen mit extraterrestrischen Wesen immer so, dass Bezugnahmen und Bewertungen kaum möglich oder angebracht sind; auch zu diesen menschlichen Ambitionen geht er eher auf Distanz. Angesichts der extraterrestrischen Wesen steht der Mensch bei Lem weder besser noch schlechter da. Lem hielt sowohl Optimismus wie Pessimismus im Hinblick auf den Fortschritt für Ideologie, und Ideologien jeder Art hielt er für gefährlich und wollte vor ihnen warnen. Und es wäre nicht Lem, wenn Gefährdung in dieser Frage nicht nur oder gar nicht in erster Linie Menschen tangiert, sondern auch und gerade extraterrestrische Wesen. Die Frage der Destruktivität ist bei Lem eigenartig eingebunden: In seinen Romanen sind es die Menschen, die für fremde Zivilisationen gefährlich sind, und nicht etwa, wie in großen Teilen der SF-Literatur, umgekehrt. Lem schien überzeugt zu sein, dass ein möglicher Kontakt mit extraterrestrischen Wesen weder Probleme der Menschen lösen noch für die besagten Wesen gut ausgehen würde. Und in diesem Punkt treffen sich Lem und Bradbury wieder.

Lem äußerte sich über Bradbury, sodass wir recht gut wissen, was er von dessen Prosawerken hielt. Besonders aussagekräftig sind Lems kritische Notizen zum (mit Oskar Werner verfilmten) Roman „Fahrenheit 451“, der düstere Visionen darlegt, die Bradbury während der McCarthy-Ära (Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre) in den USA hatte. Dieses Werk brachte Bradbury weltweite Bekanntheit. Gerade deswegen studierte es Lem besonders genau und schrieb dazu:

„Mir eröffnet es […] vor allem die Augen dafür, welch ein herrliches Leben die Amerikaner während des Krieges hatten, da doch das, was sich Bradbury als geradezu ungeheuerliche Möglichkeit ausmalt, für uns, die Bürger des Generalgouvernements, ein idyllisches Arkadien gewesen wäre. In der Tat, in diesem besetzten Land gab es keine Massenverbrennungen von Büchern, weil überhaupt keine polnischen Bücher in ihm erscheinen konnten. Und dieser Schaden, vergleichen mit Städten, die samt ihren Einwohnern eingeäschert wurden, mit Strafexpeditionen, mit aufgrund von kollektiven Verantwortung hingerichteten Geiseln, mit Öfen, die von Menschenfleisch qualmten – war wirklich einer der allergeringsten. Ich glaube nicht, daß Menschen, die nur zufällig nicht von Tigern aufgefressen wurden, das Gruseln vor Mäusen lernen könnten, selbst wenn es tollwütige Mäuse wären. Die Eschatologie von Fahrenheit 451 ist vor allem infantil, obwohl das Buch seine Reize hat; ihnen ebenso wie dem verwässerten Grauen, verdankte es seinen Publikumserfolg im Westen“ (1984, Bd. II: 362; Hervorhebung im Original).

Diese Zeilen machen nachdenklich. Lem erzählte nur sehr ungern und eigentlich sehr wenig über seine Erfahrungen im besetzten Lemberg. Seine Biografen versuchten auf indirektem Wege zu rekonstruieren, was ihm dort widerfahren war: anhand von wenigen Andeutungen in seinen Interviews und autobiografischen Texten, Hinweisen aus den Erinnerungen anderer Lemberger, historischen Dokumenten und v.a. bestimmten düsteren Sequenzen in einigen Romanen von Lem, so auch in „Eden“, in dem massenhaftes Töten unter den Bewohnern des Planeten beschrieben wird. Genaueres wissen wir bis heute nicht. Doch tatsächlich ist das Grauen einiger Szenen aus „Eden“ ganz anderer Art als Verfolgung durch einen mechanischen Hund oder in Brand gesetzte Bücher. Und der polnische Lem-Biograf Wojciech Orlinski (2019) glaubt belegen zu können, dass unerträgliche Beschreibungen der Leichenberge und Massenexekutionen unter den Bewohnern von Eden für Lem autobiografisch waren – er projizierte seine eigenen Erfahrungen aus den Kellern, Erschießungsstätten und Pogromnächten in Lemberg auf extraterrestrische Welten.

Und so zeigte sich Lem von einer Naivität in den Werken Bradbury negativ berührt. Lem war übrigens nicht der Einzige, der bei Bradbury naive Züge wahrnahm – das tat auch der amerikanische Autor selbst. Übrigens waren beide, Lem wie Bradbury, bis ins hohe Alter von verschiedenen Spielsachen für Kinder fasziniert und kauften für sich immer wieder welche (beide lehnten aber Computer und Computerspiele ab, obwohl sie an der Adaptation ihrer eigenen Texte für Computerspiele beteiligt waren). Welche Art der Naivität von Bradbury sprach nun Lem an? Vielleicht könnte man seinen Vorwurf etwas anders formulieren: mit ‚Naivität‘ meinte er eine spezifische historische Unberührtheit. Tatsächlich liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen den Werken von Lem und Bradbury in den Charakteren der menschlichen Hauptfiguren, in ihrer intellektuellen und historischen Beschaffenheit. Die Hauptfiguren von Lem tragen selbst bei äußerst lakonischer Darstellung die Erfahrung einer traumatischen Katastrophe im intellektuellen oder zumindest lebensweltlichen Gepäck mit sich, und diese Erfahrung prägt ihr Denken und Handeln; sie wirft einen Schatten, vielleicht aber auch ein bestimmtes Licht auf alles, was mit ihnen weiter geschieht. Man kann diesen Schatten oder dieses Licht nicht näher bezeichnen, aber diese spezifische Betroffenheit ist bei Figuren von Lem immer wieder spürbar. Die Haupthelden von Bradbury scheinen davon unberührt geblieben zu sein; ihre Handlungen und ihr Denken, selbst ihre Dramen und Tragödien lassen keine Spur eines Schattens oder auch Widerscheins einer einst erlebten Katastrophe erkennen. Ihnen ist ausschließlich die Furcht vor einer bevorstehenden Katastrophe eigen, nicht die traumatische Weisheit einer bereits erlebten.

Und so ist es das Grauen, das Lem so wenig zufriedenstellt: Es ist ihm bei Bradbury lange nicht schrecklich und unfassbar genug. Die Dimension des Grauens von Edgar Allan Poe – der ein wichtiges Vorbild für Bradbury war – reichte Lem nicht aus, denn sie bildete lediglich das Grauen des 19. Jahrhunderts, nicht aber des 20. ab. Dass Bradbury starke Angst vor Totalitarismus bzw. einem Krieg und dem Einsatz der 1945 erstmals eingesetzten Nuklearwaffen hatte, wollte Lem irgendwie nicht berücksichtigen. Ängste (von denen Bradbury viele hegte) waren nicht seins. Was aber Lem bei seinem Vorwurf auch noch verkannte, war, dass das Motiv des Schreibens bei Bradbury mit seinem eigenen durchaus Einiges gemeinsam hatte: Schreiben, um zu warnen.

Offensichtlich vermisste Lem bei Bradbury den Mut, sich dem Unfassbaren literarisch zu stellen. Immer wieder das schriftstellerische Talent Bradburys ausdrücklich lobend, schrieb Lem: „Gewiß, das ist keine wissenschaftliche Phantastik. Aber es ist exzellent geschrieben; aus der Idylle lugt das Grauen hervor, wonach die Idylle, als wäre nichts geschehen, wieder das Grauen in sich aufsaugt, bis schließlich alles in einem ruhigen Akkord erlischt“ (Lem 1984, Bd. II: 363). „Der Zusammenprall von Idyll und Grauen“ (ebd.: 364) macht nach Lem das Besondere der Prosa Bradburys aus. Was Lem aber dort fehlte, ist der rationale und literarische („wissenschaftlich-phantastische“) Vorstellungswille, sich etwas genauer bewusst zu machen, was es (noch) nicht gibt oder was die gewöhnliche Vorstellungswelt der Menschen sprengt. Und daher stellte Lem sehr enttäuscht fest, dass „die Aura, die in seinen Raketen herrscht, jener ähnlich ist, die auf seinen normalen Schiffen, in den Häuschen von Kentucky, in den Häuschen auf dem Mars, herrscht, also lesen wir die Geschichten über den Mars ein wenig so wie die Geschichten über Kentucky, und umgekehrt (ebd.: 374)“.

Seinen Vorwurf richtete er allerding nicht nur an Bradbury, denn bereits Anfang der 1960er Jahre hielt Lem allgemein fest, dass „der Westen die Enthüllungen über den Genozid im Dritten Reich noch nicht verdaut hatte“ und dass „die Ohnmacht des Unglaubens dem Westen lange Zeit nicht [erlaubte], den Tatsachen in die Augen zu blicken“ (ebd.: 362).

Die erlebten Katastrophen forderten Lem heraus: Wer, wenn nicht Schriftsteller und Denker, sollen Wege finden, das Unfassbare zu beschreiben? Und vielleicht deswegen erklärte er SF zu einer Literaturgattung, die sich per definitionem mit dem Unfassbaren beschäftigen soll. Die Erfahrung von Katastrophen (man kann auch sagen: unerhörte, unfassbare Gewalterfahrungen) ist gerade jenes unverzichtbare Mittel der Erkenntnis, dessen man sich hier unter anderem unbedingt bedienen soll. Erkenntnis ist für Lem ein Geländer, an dem man sich festhalten kann. Für diese Haltung wie überhaupt die Hoffnung, die mit menschlicher Erkenntnis einhergeht, wird Lem später den Ausdruck „gnoseologischer Optimismus“ prägen. So ist es auch nach schrankenlosen Gewaltexzessen: Die Aussicht, eine Katastrophe zu begreifen, um sie nicht wiederholen zu lassen, ist beinahe die einzige, aber immerhin potenziell wirksame Quelle von Optimismus. Und Lem spricht der SF im Allgemeinen die grundsätzliche Pflicht zum Optimismus zu, welche sie aber nur erfüllen kann, wenn sie sich um einen „gnostischen Wert“ ihrer Werke bemüht (Lem 1984, Bd. 1: 332).

Vermutlich sind es deswegen hauptsächlich die Menschen von der Erde, von denen bei Lem das Böse ausgeht, und nicht die Außerirdischen. Und vielleicht deswegen zeigt er so viel Mitgefühl mit den Fremden: Nach allem, was der Zweite Weltkrieg mit sich brachte, kann man für die extraterrestrischen Wesen, nach denen wir suchen, nur noch hoffen, dass wir sie nicht finden. Und auch für Bradbury war diese Position durchaus verständlich, obwohl er sie nicht so konsequent wie Lem zum Ausdruck brachte. Auch Bradbury stellte sich nicht unbedingt auf die Seite der Menschen. Das zeigt auch die bereits erwähnte Kurzgeschichte „Die nächtliche Begegnung“, die u.a. damit beeindruckt, dass die Autorenstimme den Menschen und den Marsianer in der gleichen Manier beschreibt, dass sich der Autor zu beiden auf gleicher Distanz befindet. Auch bei Bradbury sind es v.a. Menschen, die gewaltbereit sind. Hinter dem „Zusammenprall von Idyll und Grauen“ erkennt man seine beständige Hoffnung, sich von scheinbarer Idylle nicht täuschen zu lassen und vom Grauen nicht plötzlich überrascht zu werden. Doch wie nennt man diese Spielart des Optimismus?

 

 

Der Blick in die Zukunft

Auf vielen Fotos sieht man Bradbury in einer eher heiteren Stimmung. Er erklärte das 1990 in einem Interview wie folgt:

„Ich mache mein ganzes Leben, jeden Tag, das, was ich liebe: ich setze meine Ideen in die Welt, und das macht gute Laune. Jener, der sein Verstand, seine Fähigkeiten, sein Genie dafür benutzt, um die Welt zu verbessern, bekommt das Recht auf eine optimistische Stimmung – nicht blind, sondern auf der Tätigkeit und Schöpfung begründet.“ (zit. nach Praschkewitsch 2014: 97).

Bradbury war auch anzumerken, dass er seine wachsende literarische Popularität genoss. Man gewinnt bei ihm den Eindruck, dass er, je älter er zum Zeitpunkt eines Interviews war, desto heiterer und optimistischer auftrat. Das Zukunftsbild Bradburys enthielt immer wieder düstere, manchmal an Horror grenzende Züge. Bei dunklen Geheimnissen war er nie lakonisch, nie sparsam mit Wörtern; manche seiner Horror-Erzählungen lassen den Leser eher fassungslos denn zuversichtlich zurück. In seinen Interviews gab er sich dagegen fast euphorisch:

„Wenn wir nicht in den weiten Weltraum vorstoßen, werden wir nie erwachsen und werden uns nie selbst vollständig erkennen. Eine internationale Weltraumstation, Satelliten in der Erdumlaufbahn – das alles ist nicht schlecht, aber eine Wiederholung des bereits Gemachten. Wir brauchen mehr! Viel mehr! Die Menschheit wird sich qualitativ nur dann ändern, wenn sie auf den Mars gelangt, wenn sie das ganze Sonnensystem erforscht. Und der wahre Durchbruch in die Zukunft wird sich erst dann abzeichnen, wenn unsere Raumschiffe endlich andere Sterne erreichen und dort andere Zivilisationen treffen. Erst dann wird man sagen können, dass wir erwachsen geworden sind“ (zitiert nach Praschkewitsch 2014: 234).

Welch eine spannende Vorstellung vom Erwachsenwerden! Und wieder fand Lem die treffendsten Worte dazu: Bradbury sei ein „Schriftsteller der Imagination, nicht des Gedankens, er bietet eine bildhafte Vorstellung, nicht eine begriffliche, [er ist] ein Schriftsteller der emotionalen Regung, weniger der logischen Betrachtung“ (zit. nach Praschkewitsch 2014: 259). Kurz gefasst: Lem war ein ironischer Analytiker, Bradbury ein ironischer Lyriker.

Allerdings war Lems Sicht auf die Zukunft auch viel skeptischer, vorsichtiger, eben analytischer. In einem Brief schrieb er, dass er versuche, eine künftige Welt zu zeichnen, „nicht jene, die einmal sein wird, sondern jene, die werden könnte“ (zit. nach Praschkewitsch, Borisow 2015: 242). Er gab direkt an, sich mit der Philosophie der Zukunft zu beschäftigen, um, wie er das nannte, ein Zukunftsdenker zu sein. Er bedauerte immer wieder, wie wenig Beachtung seine Warnungen finden, ja wie wenige Warnungen die SF überhaupt formuliert. Je älter Lem wurde, je mehr er gelesen wurde und seine Popularität wuchs, desto mehr Düsternis befiel seine Stimmung – im Gegensatz zu Bradbury. Je älter Lem wurde, desto skeptischer war seine Auffassung zu Möglichkeiten der Prävention von Katastrophen und Unglücken, desto utopischer kam ihm die eigene Idee der Prävention vor – aber so wie Bradbury wird er bis zum Schluss daran festhalten. Wahrscheinlich sahen beide ein, dass uns v.a. unsere eigene Zukunft fremd ist und dass das Nachdenken über den Kontakt zu extraterrestrischen Wesen viel weniger dringlich ist als das Nachdenken über die Zukunft auf der Erde: Die Menschen seien viel zu leichtsinnig, obwohl sie sich das angesichts ihrer technologischen Macht gar nicht mehr leisten dürften. Die Idee der Prävention formulierte die SF Lems und Bradburys bereits in den 1950er Jahren. 1979 hat Hans Jonas diese Haltung als „Heuristik der Furcht“ bezeichnet, wobei ungewiss ist, ob er Lem oder Bradbury kannte. Mit den Jahren fiel es v.a. Lem immer schwerer, sich von dieser Idee inspirieren zu lassen, obwohl er nach wie vor ihre Notwendigkeit erkannte – er bezweifelte allerdings immer stärker ihre praktische Umsetzbarkeit. Es fiel ihm auch nicht mehr leicht, seinen „gnoseologischen Optimismus“ einzufordern.

Lems Roman „Transfer“ (auch als „Rückkehr von den Sternen“ erschienen) setzte das Thema des Kontaktknüpfens auf eine neue Art und Weise fort: Diesmal sind es die Menschen der Zukunft, mit denen der Hauptheld, der nach langer Abwesenheit auf die Erde zurückkehrt, einen Kontakt herstellen möchte. Wieder ist es für Lem eine analytische und literarische Aufgabe zugleich. Wieder beeindrucken an der Geschichte v.a. die seitenlangen phänomenologischen Schilderungen der künftigen – sehr fremden – Welt. Wieder ist es die Frage nach einer Schnittstelle zwischen zwei Erfahrungswelten, die notwendig ist, damit ein Kontakt möglich wird. Wieder sind die Grenzen der Sprache herausgefordert – zahlreiche neue Gegenstände und Erfahrungen müssen benannt und beschrieben werden. Lem setzt wieder seine Kunst des Kreierens von neuen Wörtern ein. Wieder ist die erzählte Liebesgeschichte in diesem Roman zweitrangig. Lem versucht sich eine Zukunft vorzustellen, in der es keine Gewalt und keine Kriege mehr gibt. Doch der Preis dafür ist, dass Menschen weitgehend von erfinderischem Geist und dem Abenteuer der Erkenntnis verlassen werden. Es gibt keine Experimente mehr, kein Risiko, kein Wagnis, das der Erkenntnis innewohnt, und – was besonders fatal für den Haupthelden ist – auch Weltraumforschung, Raumflüge und Forschungsexpeditionen auf andere Planeten sollen enden. Diese Welt der Zukunft ist für Lem nur logisch: Menschen ohne Gewalt suchen nicht mehr nach Fremdem und Unfassbaren im Weltall. Im Umkehrschluss heißt das, dass nur jene Zivilisationen nach Kontakt mit Außerirdischen suchen, die selbst gewaltbereit sind.

Lem hatte immer wieder Schwierigkeiten, seine Romane zu Ende zu bringen. Gerade der Ausgang der jeweiligen Geschichte, sozusagen der letzte Gedanke, bereitete ihm am meisten Kopfzerbrechen. So war es in „Solaris“ und in „Transfer“. Auch hier ist das Ende ambivalent: Die total friedliche Welt kann keine falsche sein, die Abwesenheit von Erkenntniswillen und Weltraumforschung ist allerdings inakzeptabel. Der Ausblick in die Zukunft erfüllt eher mit Angst; der (wieder von einer durchgemachten Katastrophe gezeichnete) Hauptheld nimmt es gefasst, das Ende der Geschichte bleibt offen.

Am Ende seines Lebens machte Lem, etwas des „gnoseologischen Optimismus“ entkleidet, folgendes Geständnis: „Das Schicksal hatte einen unglücklichen und merkwürdigen Wunsch, dass die meisten von mir phantasierten Dinge oft dann zur Realität wurden“ (zitiert nach Praschkewitsch, Borisow 2015: 253). Diesen Umstand machte er dafür verantwortlich, dass er seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre keine SF mehr schreiben wollte:

„Ich hörte ganz damit auf, SF zu schreiben, als ich bemerkte, dass gewisse Ideen, die ich für ausschließlich phantastisch hielt, plötzlich wie von selbst Teil der der Realität wurden, ohne ganz identisch mit meinen Ideen zu sein, ihnen aber sehr ähnlich zu sein. Und dann habe ich beschlossen, dass man sich zurückhalten sollte, denn ich könnte etwas ausdenken, was mir ganz und gar nicht gefallen würde.“ (zitiert nach Praschkewitsch, Borisow 2015: 301).

Unzufrieden mit vielen eigenen Werken, übte er auch Kritik an anderen SF-Autoren, und zwar, wie er es nannte, für deren „Irrationalismus“ (Lem 1984, Bd. 1, S. 331): Die Vorwegnahme von tatsächlich neuen Problemfeldern fehle in den meisten Werken.

„Die Rebellion gegen die Maschine und gegen die Zivilisation, das Lob der ‚Ästhetik‘ der Katastrophe, die Ausweglosigkeit aus der zivilisatorischen Sackgasse, in der die Menschheit steckt, das sind ihre Hauptprobleme […] Das ist eine SF, die a priori mit Pessimismus kontaminiert ist – unter dem Motto: egal was passiert, es wird böse enden.“ (ebd.).

Diesen Pessimismus der SF erklärte Lem zur Ideologie, die er kritisiert sehen wollte. Der Kraftstoff dieser Ideologie sei, so Lem, die Angst vor dem Nichtverstehen, die eine Reaktion auf „gewaltige Bewegungen, die unsere Welt erschüttern“, sei. Die wichtigste und letzte Hoffnung sei aber die „gnoseologische Hoffnung“ (ebd.: 332). Die SF soll Zuversicht stiften, denn ohne eine solche gäbe es keine Erkenntnis. Und wenn die SF das nicht tue, dann begehe sie ‚gnoseologische Fahnenflucht‘. Diese schloss er für sich aus, und um sie keinesfalls zu begehen, trat er von SF zurück.

Für den gleichermaßen phantasievollen wie illusionslosen Lem, dem beständigen und wohl strengsten Kritiker seines eigenen prosaischen und publizistischen Nachlasses (immerhin sind es insgesamt 44 Bände), bedeutete die „gnoseologische Hoffnung“ sehr viel: allen schrecklichen Lehren und angstmachenden Technologien des 20. Jahrhunderts zum Trotz sah er den wahren Realismus in einer Haltung der „gnoseologischen Hoffnung“ verwirklicht. Und den Anlass dafür sah er durchaus gegeben, selbst wenn er mathematisch berechnet nicht sehr groß ausfällt: Die SF-Autoren

„verhalten sich so, als glaubten sie, daß das Zugeständnis, die Menschheit habe die Chance – sei es auch nur die Chance von eins zu einer Million, oder von eins zu einer Milliarde –, über die bereits bekannte zyklische Pulsation der Geschichte hinauszugehen, die zwischen dem Zustand einer relativen Stabilisation und eines totalen Ruins seit eh und je hin und her pendelt, daß dieses Zugeständnis ein falscher Schritt sei: sie sehen nun in der rücksichtslosen und entschlossenen Ablehnung aller Entwicklungschancen der Menschheit, in der totalen Negation in eskapistischer oder nihilistischer Manier die eigentliche Mission einer ernstzunehmenden SF. Sie setzen also auf die ausweglose Tragödie, was man jedoch nicht nur aus einem beliebig motivierten Optimismus heraus, und sei er auch noch so gering, in Frage stellen kann“ (1984, Bd. 1: 331-332).

 

 

© Dr. Anna Schor-Tschudnowskaja, Assistenzprofessorin der Fakultät für Psychologie, Sigmund Freud Privat Universität Wien, Autorin*, geboren 1974 in Kiew, studierte nach ihrem Schulabschluss in St. Petersburg 1992 Psychologie, Soziologie und Politikwissenschaft in Gießen. Mitarbeit bei der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung. Dissertation über den gesellschaftlichen Wandel im postsowjetischen Russland. Sie war aktives Mitglied der Menschenrechtsorganisation "Memorial".

 

Literatur:

Bradbury, Ray (1974): Die Mars-Chroniken. München: Wilhelm Heyne Verlag.
Gall, Alfred (2021): Stanislaw Lem. Leben in der Zukunft. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Grossmann, Patrick (2005): Stanisław Lem: „Intelligenz ist ein Rasiermesser.” Ein Interview. In: Galore, H.4. URL: https://german.lem.pl/home/interviews/intelligenz-ist-ein-rasiermesser (Stand: 09.12.2021).
Jonas, Hans (1979): Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Lem, Stanisław (2006): Solaris. Berlin: List Taschenbuch.
Lem, Stanisław (1984): Phantastik und Futurologie. 1. und 2. Teil. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Lem, Stanisław (1976): Eden. München: Deutscher Taschenbuchverlag. URL: https://www.kostenlosonlinelesen.net/kostenlose-eden/lesen/14 (Stand: 09.12.2021).
Orlinskij, Wojzech (2019): Lem. Žizn’ na drugoj zemle [Russisch]. Moskau: Eksmo.
Praškevič, Gennadij (2014): Bredberi [Russisch]. Moskau: Molodaja Gvardija.
Praškevič, Gennadij; Borisov, Vladimir (2015): Stanislav Lem [Russisch]. Moskau: Molodaja Gvardija.

*Bibliographie

Der Fremde, Zum Erbe eines sowjetischen Deutungsmusters,  Osteuropa, 2/2005
Das virtuelle Gulag-Museum. Ein Projekt des wissenschaftlichen Informationszentrums »Memorial« (St.-Petersburg)

In memoriam Anna Politkowskaja, Transit Heft 34: Leszek Kolakowski / Anna Politkowskaja, 2007/2008
Europa im Tschetschenienkrieg. Zwischen politischer Ohnmacht und Gleichgültigkeit, ibidem Verlag, 2008
“Russland reagiert wie ein enttäuschter Liebhaber”, Anna Schor-Tschudnowskaja über Sowjetnostalgie, Moskaus Lügen und die allzu nachgiebige Haltung des Westens, 2015
Der Briefwechsel zwischen Anna Schor-Tschudnowskaja und Irena Brežná aus dem Jahre 2016, FRAGILE EUROPÄISCHE KORRESPONDENZEN
Schor-Tschudnowskaja A: (2017). Die Kunst des modernen Lebens: Ambivalenz und Unsicherheit. Zeitschrift für Beratungs- und Managementwissenschaften
Putin verhöhnt Europas Werte, Österreich lacht mit, 10.6.2018, Die Presse
"Post-Wahrheit", Relationen. Essays zur Gegenwart, Bd. 15, 2021, Neofelis-Verlag

 

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