Tamar Radzyner (*1932 - †1991)

 

Tamar Radzyner wurde 1932 in Lodz geboren, überlebte Auschwitz, verlor ihre Eltern und den größten Teil ihrer Verwandtschaft in der Shoah und starb 1991 in Wien. Vor und nach ihrer Inhaftierung war sie im polnischen Widerstand aktiv.

Beim Verfassen ihrer deutschen Gedichte verwechselte Tamar, deren Muttersprache Polnisch gewesen ist, das eine oder andere Mal den Akkusativ mit dem Genetiv. Ihre älteste Tochter Joana, die in Wien aufwuchs und als Korrespondentin für den ORF in Warschau arbeitete, wollte die Grammatikfehler ausbessern. Die Korrekturen der Tochter wurden von der Mutter, die stolz auf ihren polnischen Akzent war, ignoriert. Bis zu ihrer Emigration im Jahre 1959 schrieb Tamar in Polnisch. Ein Notizbuch mit unveröffentlichten Gedichten aus dieser Zeit wird von Tochter Joana sorgsam verwahrt. Die in deutscher Sprache verfassten Gedichte wurden kaum publiziert. Tamar betrachtete ihre Gedichte als eine Form der Psychoanlayse

„so erpare ich mir das Honorar“- deutsche Grammatik und Syntax: das war ihre Psychotherapie.

Den Zweiten Weltkrieg erlitt Tamar Radzyner in der radikalsten Form und überlebte ihn, wundersam, weil sie an das kommunistische Polen mit ihrer ganzen Seele glaubte. „Die Internationale“ war für sie von sakraler Bedeutung. Die Demontage Stalins im Jahre 1965 und antisemitische Kampagnen in Polen beraubten sie dieses Glaubens. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, Mitglied des Polnischen Parlaments, und den beiden Töchtern emigrierte sie 1959 nach Wien. In Österreich wechselte Radzyner von dem ihr vertrauten Polnischen in das ihr fremde Deutsch, ihre wahre Heimat wurde die Kunst. Bei einem Friseur wartend, fand sie in einem Magazin die Anzeige „Texte für Lieder gesucht“. Sie folgte diesem Aufruf, das war der Beginn ihrer Zusammenarbeit mit Georg Kreisler. Es war die erfüllendste Zeit ihres Lebens. Sie schrieb Gedichte, Liedertexte, Sketches, übersetzte aus dem Polnischen, Russischen, Hebräischen und Jüdischen. Eine Sternstunde für Tamar war, als im Österreichischen Parlament, zum Gedenken an die Opfer des Holocaust, eines ihrer Gedichte rezitiert wurde.

Milena Findeis

Dank einer Begegnung mit Joana Radzyner wurde ich auf die Gedichte vonTamar Radzyner gestossen, die mich berührten. Emigranten, auch wenn sie aus verschiedenen Ländern stammen, haben eine feine Antenne für Schicksalsgefährten. So entstand meine Übersetzung, Tamars deutscher Gedichte ins Russische, aus einem rein persönlichen Motiv. Beinahe unbekannt den Namen nach, hat ihre Lyrik für mich einen besonderen Stellenwert: verfasst von einer Frau, die den Tod überlebte und den Prozess des Überlebens poetisch festgehalten hat. Igor Pomerantsev

Joana Radzyner liest Gedichte von Tamar Radzyner

 

GEDICHTE VON TAMAR RADZYNER

Damals

Eine Dame weinte
weil die Tasse
die ihr seit Kindheit
gehörte
zerbrach.

     Wie schade
     sagte ich.
     Wie schade.

Ein junger Rat
Im Rathaus meinte
sie mußten doch
in Auschwitz
Dokumente haben!

     Mein Gott
     sagte ich.
     Mein Gott.

Eine Dame seufzte:
auch wir hatten oft Hunger
und kein Kleid
fürs Theater ...

   Ja, der Krieg
   sagte ich.
   Der Krieg.

Wenn mich wer fragt
wie es damals war
kann ich nichts sagen.

 

Wieder

Wieder brachte ich Kinder zur Welt
als ob ich nicht wüßte
wie mühelos
ein Kinderschädel
zerquetscht wird.

Wieder baute ich ein Haus
als ob ich nicht wüßte
wie man unter den Mauertrümmern
erstickt.

Wieder binde ich mich an Menschen
als ob ich nicht wüßte
daß die einem als erste
weggenommen werden.

Ich habe nichts dazugelernt.
Unter dem Schutthaufen der Zeit
hüte ich die Hoffnung.

 

Emigranten

Von langem Laufen betäubt
keuchend
kommen wir an
und wollen für einen Moment
unsere schwarze Koffer abstellen
wie die anderen sein.
Doch man drückt uns
eine Erdkugel in die Hände,
eine bunte Erdkugel
aus echtem Plastik
elektrisch beleuchtet.
Man fragt: "Wohin wollt ihr?
wo gelb - von dort kommt ihr her,
wo grün - herrscht Krieg
wo rosa - seid ihr unerwünscht..."
Gelb, grün, rosa ist die Erdkugel.
Habt ihr keine andere?
Eine mit winzigen Plätzchen
wo man eine Weile
Ruhe atmen darf
Pfeife rauchen darf
Augen schließen darf
in der Sonne?
"Ein guter Witz"
- lachen die Beamten -
"eine andere Erdkugel!"
klopfen uns auf die Schulter
und schließen zur Mittagspause.
Wir warten am Stubenring
am Bankerl.
Fette Tauben promenieren gleichgültig
die wissen, daß wir fremd sind.
Die brauchen nichts von uns.

 

Die Ameisen

Klein, schwarz, beweglich
ruhelos strebend,
von fremdem, perfektem Instinkt getrieben
kommen die an,
ekelhaft.

Nichts haben sie mir getan,
keinen Schaden zugefügt,
unsere Geraden kreuzen sich nicht,
fremde Welten, gleichgültige Galaxien,
irgendwie bewundernswert
ekelhaft.

So nehme ich meine Zyklondose
sprühe Tod
und da unten
geschieht das große Sterben.
Die kleinen, schwarzen Körper zucken,
krümmen sich, schrumpfen,
Panik, Chaos, ausweglose Flucht,
heroisches Leichenschleppen -
Schreie auf unhörbaren Wellen -

Über die leblosen Körper
schreite ich,
tausendfach vergrößert
durch den Tod in meiner Hand,
mit milder Weisheit,
mit leichtem Ekel,
ich
der Ameisengott.

 

Wohnhaft

Ich wohne auf dem Grund
einer Sanduhr.
Es ist weich hier
träge
halbdunkel
es regnet Sand
es rieselt
winzige runde
Zeitstückchen.
Wenn ich
am ersticken bin
kippt das Glas um.
Von Luft erstochen
von Licht erblindet
von Verlangen
und Verzweiflung
zerrissen
lebe ich
einen Augenblick lang.
Dann
falle ich auf meinen Platz
am Grund einer Sanduhr

 

Die Gewohnheit

Nach vierzig Jahren
der Selbstzerfleischung
stelle ich fest:
es ist eine äußerst
langweilige Tätigkeit.
Durch die Begrenztheit
der Materie,
des Werkzeugs
beschränkt,
wiederholt sich
immer öfter
im Kreislauf
das Muster.
Mit meiner
Nonkonformität konform,
an meinen Protest
gewöhnt,
mit dem inneren
Schweinehund
aufs tiefste befreundet –
verspreche ich
nichts mehr
und erhoffe nichts.

Schlimm ist –
nicht das Gefangensein –
schlimm ist –
sich nichts unter der Freiheit
vorstellen zu können.


 Buchpräsentation: Tamar Radzyner
„Nichts will ich dir sagen. Gedichte und Chansons“

Montag, 22. Mai 2017 18:30
Museum Dorotheergasse
Buchpräsentation mit Rezitation von Andrea Pauli und Bastian Wilplinger

Zwei Stimmen sprechen aus Tamar Radzyners Versen und Chansons: die selbst im Getto Lodz und in den Konzentrationslagern Auschwitz und Stutthof bewahrte Hoffnung auf eine gerechtere Welt, und die Verzweiflung der Shoa-Überlebenden über Stalinismus und Antismitismus in ihrer polnischen Heimat. Geboren 1927, flüchtet sie 1959 mit ihrem Mann und den Kindern Joana und Olga nach Wien, eignet sich die deutsche Sprache an, wird von Georg Kreisler als Chanson-Schreiberin entdeckt, von ihm und Topsy Küppers gesungen. Die eindringlichen Gedichte und Lieder dieser politisch engagierten Jüdin liegen nun erstmals in gesammelter Form vor.

1917 hätte die Anthologie „Moderne jiddische Lyrik“, übertragen von Alfons Petzold und Marek und Lorenz Scherlag, in Wien erscheinen sollen. Die Kriegsumstände verhinderten es. Über Israel ist das Manuskript wieder nach Wien zurückgekommen. Es sind Gedichte einer noch sehr jungen, politisierenden Literatur, die mit der orthodoxen Abgeschlossenheit gebrochen hat, Gedichte voller Sehnsucht nach Liebe, Wärme und Licht. Sie zeugen vom jüdischen Massenelend, ob in der Neuen oder Alten Welt, und fanden in ihrer Zeit enorme Verbreitung. Die Zusammenarbeit des berühmten Arbeiterdichters Alfons Petzold mit dem zionistischen Publizisten und Lyriker Marek Scherlag stellt eine für Österreich einzigartige literarische Episode dar.

 Konstantin Kaiser, Theodor Kramer Verlag