das reine Licht
Das reine Licht

DAS REINE LICHT

Gehet hin, seid belichtet
und entwickelt euch

Fotografie (XXI)

Zum Abschluß einer langen elitären Serie:
Fotos von Milena - ein Hohelied dem Amateur

von CHRISTOPHORUS WRK

 

"Die meisten Menschen sind offenbar zufällig auf der Welt. Es zeigt sich keine Notwendigkeit höherer Art in ihnen. Sie treiben dies und das, ihre Begabung ist mitelmäßig. Die Art, wie sie leben zeigt, daß sie von sich selbst nichts halten."

Friedrich Nietzsche

 

 

Ich bin kein Nietzsche-Jünger. Vieles, was er sagt, ermutigte die falschen Leute zur falschen Tat. Seine Philosophien konnten mißbraucht werden. Manche seiner Texte, die er in seiner hohen Zeit schrieb, schienen auch schon den Wahnsinn vorzuzeichnen, der seinen Lebensabend verdüsterte.
Und doch andererseits, verehre ich ihn. Das Gute an seinem Werk war das Beste der Welt. Und er hatte eine Fähigkeit, die heutigen Philosophen abgeht. So wie sein Kollege Schopenhauer (und heute eigentlich nur mehr der gebürtige Österreicher Sir Karl Popper) schrieb er blendend. Er dachte tief und schrieb einfach. Und da er einfach schrieb, schrieb er schön.

Es gibt Nietzsche-Texte, die mich besonders berührten. Es waren jene seiner Skepsis über den normalen Menschen. Sie machte mich traurig, weil ich fühlte, daß sie wahr sind. Bei all dem berüchtigten Optimismus, dessen ich im Freundeskreis angeklagt werde, und bei aller grundsätzlicher Menschenliebe, die mich so oft in Verlegenheit brachte, glaube ich an seine Analyse. Selbst ich konnte nicht übersehen, daß die Evolution noch nicht weit fortgeschritten ist. Die Masse der normalen Menschen ist enttäuschend. Wir alle sind ein Teil von ihr. Der eine mehr, der andere weniger.

Der eine oft, der andere selten. Keiner ist es gar nicht und nie. Allzu oft zeigen wir "keine Notwendigkeit der höheren Art" in uns. Da ich kein Finsterling wie Nietzsche und schon gar kein brunnentiefer Pessimist wie Schopenhauer bin, dachte ich über Rettungen nach. Ich glaube, sie gefunden zu haben. Die Rettung liegt einzig in der Kreativität. Sie liegt in den eigenen Schöpfungsakten. Wahrscheinlich ist es so, daß wir als Nachfahren des Schöpfers zum Nachschöpfen aufgefordert sind. Tun wird das, sind wir auf dem Weg zur höheren Art. Tun wir das nicht, dann nicht.

Glücklich jeder, der fühlt, zu welcher Art der Schöpfung er angelegt und aufgelegt ist. Die großen Künstler hatten dieses Privileg. Wir Normalmenschen müssen suchen. Wir müssen tasten, probieren, experimentieren. Ein Rodin und ein Wotruba wußten früh, daß sie Bildhauer werden mußten. Ein Albrecht Dürer war ein Wunderkind, Mozart auch. Wir tun uns schwerer. Und doch glaube ich, daß es ein Feld der Kreativität gibt, das bei gutem Willen und und unverzichtbarem Fleiß allen freisteht. Eines, das Ergebnisse, Erfolg und Zufriedenheit garantiert.

Es gibt eine Kunst, die ich Sozial-Kunst nennen will: die Fotografie. Mit dem Pinsel zu malen, dazu braucht's einen göttlichen Keim. Mit dem Licht ideal zu malen, also zu fotografieren, wohl auch. Aber nirgendwo ist die Chance für uns alle größer, nahe an die oberen Grenzen zu kommen. Die anderen Künste verehre ich. Sie sind mir selbst nicht zugänglich. Ich kann Dur von Moll nicht unterscheiden, und die Ergebnisse meiner Malerei haben jeden, der ihrer ansichtig wurde, tief deprimiert.

Die Fotografie liebe ich. Selbst mir, der ich nicht mit einem idealen Gespür für Licht, Farbe und Flächengewicht auf die Welt kam, gelangen Bilder, die ein richtiger Hammer sind. Es sind nicht viele. Und ich bin gewiß derjenige unter den Fotografen, der mit den meisten Kameras (zirka 18 Stück) das Wenigste zuwegebrachte. Aber auch ich hatte eine Chance und nützte sie. Es gibt Wrk-Werke, die gut sind. Es gibt welche, die zeigen, daß ich auf dem Weg zu einer höheren Art bin. Die Fotografie ist, anders als die anderen Schöpfungskünste, wirklich für uns alle da.

Natürlich gibt es, um bei Nietzsche zu bleiben, auch in der Fotografie den Übermenschen. Es gibt die Elite. Die ganze Serie "Das reine Licht" war ihr gewidmet. Wir lernten darin die Großen kennen. Ansel Adams zeigte uns, wie man maximal Berge und Wälder fotografiert. Annie Leibowitz das witzige Porträt; Karsh das ernste; Joel Meyerowitz und Jerry Winongrade die Straßenfotografie, Edward Weston die Skulptur der einfachen Dinge. Bailey und Newton und Sieff die Erotik, und mein Freund Hammerstiel die Stille einer privaten Welt. Nun, da sich die Serie dem Ende zuneigt und die letzte Folge ansteht, habe ich mich zu fragen. Wem soll sie gewidmet sein? Eine teuflische Frage.

Soll ich einen aus der Elite zur Überelite stilisieren? Ich hätte keine prinzipelle Scheu. Aber es geht nicht. Jeder der Großen ist den anderen Großen unvergleichbar. Das Vorhaben wäre lächerlich, zumindest unseriös. Ich will vielmehr, dem sozialen Charakter dieser einzigartigen Kunstform huldigend, einen Amateur ehren. Oder wenn schon keinen Amateur, dann einen, für den die Fotografie nicht der Hauptberuf ist. Drei Kandidaten boten sich an: Christophorus Wrk, Hanne Egghardt, Milena Findeis.

Logisch wäre ich selbst gewesen. Als der unüberbietbar Verliebte dieses Metiers, der gleichwohl nicht davon lebt, hätte ich ein kleines staubfreies Portfolio bieten können. Aber: innere Ablehnung. Das hat nichts mit Scheu zu tun. Obgleich beklagenswert hemmungsfrei, fände ich es degoutant. Ein seltener Anflug von Anstand und Geschmack hindert mich.

Die zweite Wahl, Hanne Egghardt, verwerfe ich ebenso. Sie hat mit ihrer Leica R5 (und ihrem einzigen Objektiv, dem Elmarit 3,57/35-70) die Türkei, darunter Anatolien und den biblischen Berg Ararat, auf dem die Arche Noah strandete, so zart und duftig fotografiert, daß eine neue Theorie in mir erwuchs: Wirklich gut kann man ein Land nur dann fotografieren, wenn man seine Sprache kann. Hanne kann Türkisch. Schon für diese delikate Fähigkeit, die uns so abgeht, soll sie bestraft werden. So wie nicht auf mich fällt auch die Wahl nicht auf sie. Außerdem steht sie unter dem künstlerischen Einfluß des Fotoprofis Kurt-Michael Wetermann (dessen eminentes Buch über den Maler Attersee grad jetzt im trend-profil-Verlag erscheint) und ist auch als Chefredakteurin der "Wienerin" zu tief in der Watte des Profilagers. Bleibt Milena Findeis.

Milena ist eine faszinierende junge Frau. Sie ist laut, und sie ist leise. Laut, in einem übertragenen Sinne, ist sie beruflich. Sie und ihr Chef und ihre Mitarbeiter haben wahrscheinlich mehr Geld ins Land gescheffelt, als unsere Minister ausgeben konnten. Sie ist Pressebetreuer der Österreichischen Fremdenverkehrswerbung in Frankfurt am Main. Sie lockt schmeichelnd die Deutschen nach Österreich. Der Job macht Freude. Und er ist hart. Milena ist, obgleich zur stillen Philosophie hin angelegt, aus Überzeugung extrovertiert, wenn es der Beruf verlangt - so wie einer, der begriffen hat, daß Ambivalenzen ihren gottgewollten Sinn haben, daß es ohne Tod auch keine Freude am Leben gibt. Niemand hat diese Seelenklugheit stärker vertieft als ihr Bruder "Tscho", der als Künstler in Graz und auf den Seychellen lebt und nach einem mörderischen Motorradunfall sich wieder in die Welt der Lebenden und Fröhlichen zurückkämpft.

In ihrem Privatleben ist sie unendlich still. In dieser Stille schreibt sie, dichtet sie. In diese Stille hinein geht sie mit der Kamera spazieren. Ich kenne ihr Œuvre besser als jeder andre. Ich war schon am Anfang, als ihr Fotografieren noch Knipsen war, berührt. Und bin nun, da die Stille ihrer Bilder wie gefrorenes und dennoch warmes Wasser wurde, begeistert. Milena, so wie die meisten von uns, hat nicht die Anlage und nicht die Chance, sich bekanntzumachen. Die Mechanismen des Kunstmarktes sind ihrem Charakter konträr. Das macht aber nichts. Ihre fotografische Arbeit, ich weiß das, trägt den Lohn in sich. Sie half ihrem Pulsschlag, ihrem Herzschlag, ihrer letzten Endes siegenden Freude am Leben.

Milena Findeis ist ein stellvertretendes Phänomen für Tausende. Ich habe viele Fotografen ausgestellt gefunden, deren Bilder der Stille den ihren unterlegen waren. Und deren Gedanken, die sie dazu äußerten, von außerordentlichen Schlichtheit waren. Milena, die ihren Namen nicht grad zufällig der großen Geliebten Kafkas anglich — sie hieß einmal Renate —, kann auch ihre Gefühle beschreiben. Und sie ist in ihrer Ausstattung rührend: Die Bilder, die wir hier hier zeigen, sind zum Nachteil der Qualität von Bildern abgenommen (Negative wahrscheinlich vorhanden, aber unauffindbar*). Und alle Fotos wurden mit einer einzigen Kamera aufgenommen, die nur eine Brennweite hat, der kleinen Olympus mit dem plombierten Schiebedeckel und dem 35-mm-Weitwinkelobjektiv.

Wunderbar, daß es Tausende von geschlossenen, im Sinne Nietzsches "nichtnormalen" Werken gibt, die in der Stille leben. Allein zu wissen, daß es sie gibt, hilft.

das reine licht

 

Es gefällt mir wie ein letztlich makellos und staubfrei gewordener Bildabzug, daß ich als letzte Folge einer Serie, die der Elite gewidmet war, einen Amateur vorstellte.
Denn Milena — das sind wir, das seid Ihr alle.
Adieu.
Danke für Euer Augenlicht.

 

 

©Christophorus Wrk**
Dezember 1990, Diners Club Magazin Österreich

PS: *Die damals abgebildeten Fotos gingen beim Umzug nach Prag verloren. Die hier gezeigten entstanden 2016 mit einer Nikon D7200. Den Artikel erhielt ich per Post am 7. April 2014 von Helmut Schneider, aus Königstein zugesandt - in Form einer Schwarz-Weiß-Kopie. Beruflich bedingt, nach meinem Umzug nach Prag Anfang 1990 trat das Fotografieren in den Hintergrund bis zum Jahre 2010, wo ich - mit einer digitalen Kamera - es von neuem versuchte. Ich danke Helmut A. Gansterer, dass er mich dazu ermutigte, zur Kamera zu greifen. Milena Findeis - PhotoPoet, AUGnerin 


** alias Helmut A. Gansterer
"Die Rettung liegt einzig in der Kreativität. Sie liegt in den eigenen Schöpfungsakten."