CZERNOWITZ 

Чернівці Tscherniwzi Cernăuți 

Czernowitz Landkarte"Deshalb werde ich nicht müde werden zu betonen, dass Czernowitz eben keine deutsche Stadt war, auch keine jüdische und keine rumänische, weder ruthenische noch polnische. Sie hatte von allem, und das machte sie besonders ...

... historisch wäre am ehesten der Sammelbegriff "österreichisch" anzuwenden, denn der subsumiert Vielfalt. Czernowitz, das war das vorübergehend erfolgreiche Praktikum einer letztlich gescheiterten Idee, nämlich jener vom völkerreichen Donaustaat. Und sie war als binneneuropäische Konzeption wesentlich weiter gediehen, als die fragilen Konstrukte unserer europapolitischen Gegenwart." Raimund Lang, zitiert aus seinem Vorwort im Kunstalbum Czernowitz, 2017

 

Igor Pomerantsev in CzernowitzDas 2010 aus der Taufe gehobene Lyrikfestival MERIDIAN CZERNOWITZ  schafft Begegnungen mit der zeitgenössischen, europäischen Literatur, in der "einstigen Stadt der Bücher". Vom 5. bis 8. September 2019 geht das Festival zum zehnten Mal über die Bühne. Dichter und Kulturredakteur Igor Pomerantsev, der in russischer Sprache schreibt, Ukrainisch und Englisch spricht, verbrachte seine Kindheit in Czernowitz, seine Gedichte, Essays werden von Czernowitz genährt, er lebt nach Stationen in London und München in Prag und ist der geistige Vater des Literaturfestivals. 2017 erschien in deutscher Sprache Czernowitz, Erinnerungen eines Ertrunkenen, eine Sammlung von Essays und Gedichten.

 

Czernowitz StadtplanIn Czernowitz wird  heute vorwiegend Ukrainisch, ein wenig Russisch, und ganz a bissl Rumänisch, Jiddisch und Deutsch. gesprochen. Es leben noch rund viertausend Jüdinnen und Juden, ein halbes Prozent der rund 240000 Einwohnerinnen und Einwohner, in der seit 1991 westukrainischen Stadt. Vor dem ersten Weltkrieg waren es um die fünfundvierzig Prozent.

Die einstige vielsprachige, kosmopolitische Stadt existiert nicht mehr. Davon erzählt Rezzoris Essay "Heimkehr nach Tschernopol", der 1990, nach vierundfünfzig Jahren in seine Geburtsstadt zurückkehrte. Der Fall des Eisernen Vorhangs - 1991 -  bewirkte in Czernowitz ein Nachdenken über die Vergangenheit. Fragen wurden gestellt, es wurde nach Wurzeln gesucht, nach neuen Bezugspunkten.

Sergij Osatschuk, KunstalbumSergij Osatschuk, Herausgeber des Czernowitz Kunstalbums: "Anstelle der üblichen Behauptungen mancher russischsprachiger Mitbürger, erst sie hätten die "Kultura" gebracht, kam Anfang der 90er Jahre die Erkenntnis, dass sie damals, 1940, die Kultur weggenommen haben. Infolge solcher Wandlungen der Perspektiven begann in den Köpfen engagierter Heimatforscher das Interesse für diese verschüttete Kulturepoche zu wachsen, in der Czernowitz noch ein Bestandteil des versunkenen k.u.k. Atlantis war." Sergij Osatschuk spricht ausgezeichnet Deutsch, meinen Ohren nach klingt es ein wenig nach "Prager Deutsch", er ist österreichischer Honorarkonsul in Czernowitz und ich bin ihm auf den Strassen von Czernowitz und in Klagenfurt begegnet, dort stellte er im November 2018 das Kunstalbum Czernowitz vor.

Petro Rychlo, CzernowitzDas Heft 19 Mnemosyne  widmete seine Ausgabe im September 1997 Czernowitz. Petro Rychlo  schrieb u.a. den Beitrag Entwurzeltes Wort, der in die Gegenwart führt — vor allem wenn er, Dr. Constantin Tomasczu, zitiert: "Wehe der Nation, die sich fürchten musste vor dem Einfluss fremder Kultur. Diese hat sich selbst das Todesurteil gesprochen". Petro Rychlo, Literaturwissenschaftler übersetzt u.a. das Gesamtwerk von Paul Celan ins Ukrainische, in  "Über dem Dorn" skizziert er den Lebenslauf des Dichters aus Czernowitz. 2008 erschien die zweite, erweitertete Auflage der zweisprachigen (ukrainisch/deutsch) Anthologie Die verlorene Harfe, von Petro Rychlo. Im Herbst 2014 wurde das Paul Celan Literaturzentrum eröffnet, es wird von Rychlo geleitet.

Meine erste Begegnung mit der Stadt in der Bukowina im September 2010 war ein Schlüsselerlebnis: das Gefühl, dass Vergangenes durch Gegenwärtiges aufersteht. Ich fühlte meine Kindheit im jetzt und heute, obwohl diese vor mehr als fünf Jahrzehnten stattgefunden hatte, in Graz, in der Nähe vom Thalerhof, – dort, – das erfuhr ich als fünfzigjährige, hatten die Behörden der k.u.k Monarchie während des Ersten Weltkrieges ein Internierungslager für ruthenische (ukrainische) Gefangene eingerichtet. Für mich, als seit 1991 in Prag lebende Österreicherin, hat Czernowitz mein Interesse für die gemeinsame Geschichte, jenseits von Grenzstationen und Sprachgrenzen, geweitet - sie richtet sich auf Gegenwärtiges mit gelegentlichen Abweichungen in die Vergangenheit und Gedankenreisen hinein in Zukünftiges.

 

Milena Findeis

 


Links zu Beiträgen über Czernowitz auf dem Zeitzug


Czernowitz BücherstadtDie Verlorene Harfe. Poetisches Atlantis der Bukowina - von Peter Rychlo 
Singen über dem Dorn. Paul Celans traumatische Dichtung ... Peter Rychlo
Eugenie Schwarzwald, Vortrag von Peter Rychlo über die Pädagogin und Pionierin
Entwurzeltes Wort, Peter Rychlo rezensiert Versunkene Dichtung der Bukowina

Czernowitz FensterHeimkehr nach Tschernopol, "Czernowitz holt mich immer ein", Gregor von Rezzori
Erinnerungen eines Ertrunkenen, Igor Pomerantsev
Das Recht zu lesen, Igor Pomerantsev
Kindheit in Czernowitz, Igor Pomerantsev
Meridian Czernowitz 2015: Claus Löser, "Von Tschernowitz nach Tscherniwzi und zurück"
Ein begehbares Gedächtnis. Ein Essay von Andreas Saurer
Czernowitz, UniversitätDie Stadt der Bücher. Die Lesewut hat mich angesteckt. Joana Radzyner. Salzburger Nachrichten
Czernowitz heute. Das leben gejt waiter. Essay von Joana Radzyner. Illustrierte Neue Welt
Theaterstück "Der Sand aus den Urnen". Paul Celan
Gehört: Zwei Stimmen aus Czernowitz, Milena Findeis
Buchhandlung Singer, Wien, Milena Findeis
Czernowitz Ein Gespräch über Czernowitz. Sashko Bojchenko 
Czernowitz Residenz Tagebuch, Herbst 2013, von Milena Findeis
Fotobeiträge Czernowitz

 


Das von Meridian Czernowitz produzierte Video basiert auf "Erinnerungen eines Ertrunkenen", von Igor Pomerantsev, der seine Jugend (1954 - 1970) in Czernowitz verbrachte, gesprochen von seinem Sohn Peter, der in London aufgewachsen ist. Es zeigt Szenen vom Internationalien Literaturfestival, das seit 2010 Czernowitz wieder mit der europäischen Literatur verknüpft.