Sashko BojchenkoCZERNOWITZ 2010 - Der erste Besuch

 

Für die Zeitung "Molodoj Buckowinets"  stellt  Sashko Bojchenko (Moderator, Journalist) nach dem Festival MERIDIAN CZERNOWITZ fünf Fragen an Milena Findeis, "Zeitzug"

 

1. Welche Vorstellung hatten Sie von Czernowitz und wie haben Sie Czernowitz erlebt?

Czernowitz hat einen vertrauten Klang für mich, vor allem nachdem ich Aharon Appelfeld im April 2004 in Wien traf. 2007 fiel mir der Czernowitz Band, von Peter Rychlo herausgegeben (Wieser Verlag) in die Hände und in diesem Band las ich zum ersten Mal etwas von Igor Pomernantsev. Ich hatte viele Bilder im Kopf, aber ich habe es mir angewöhnt keine Vorstellungen zu haben, da diese - wie die Erwartung - die Sicht auf das Heute, das Jetzt verstellen. Die Reise mit dem Bus, von Lviv nach Czernowitz, war eine Art Heimkehr: Rückkehr in die Tage meiner Kindheit, die ich in kleinem Dorf, nahe von Graz, verbrachte.

2. Hat Sie der Besuch des Paul Celan Hauses berührt oder war es ein gewöhnlicher Museumsbesuch?

Die Worte von Mark Belorusez, im Hinterhof des Paul Celan Hauses, haben mich bewegt. Paul Celans Wortbilder waren für mich fühlbar, gingen unter die Haut. Wie die Theaterperformance "Der Sand aus den Urnen". Ich fand keinen Sitzplatz, bin während der ganzen Veranstaltung gestanden, gefesselt von dem Spiel der Schauspieler, der Musik, den Choreografie. Es gibt im Zusammenhang mit Paul Celan kein Wort, das mir ferner läge, als das Wort "gewöhnlich".

3. Sie leben in Prag und verstehen Tschechisch, nehmen an der Kultur vor Ort teil. Wie sehen Sie die Ukraine in Zusammenhang mit Czenowitz, das neue, moderne?

Dank meiner Tschechisch-Kenntnisse verstehe ich ein wenig Ukrainisch, wenn ich konzentriert zuhöre. Die Anlage der Universität hat mich beeindruckt und das Interesse der jungen Menschen, Ich kann ja nur das vergleichen, was ich persönlich kenne. Wenn ich nun an meinen in Prag lebenden 18 Jahre alten Sohn denke, der am liebsten mit alten Zügen fährt, Kartoffeln anbaut und sich modernen Kommunikationsmitteln wie Handy und Internet verweigert, kam mir die Jugend in Czernowitz sehr aufgeschlossen vor. Ich wollte ihm vor drei Jahren eine Webseite schenken, damit er seine Fotos und Gedanken über Züge, online stellen kann. Aber er hat es dankend abgelehnt und so habe ich im Oktober 2008 begonnen, Texte und Fotos auf den Zeitzug zu stellen.

4. Für Intellektuelle aus Österreich und Deutschland ist Czernowitz eine verschollene Stadt, wie Atlantis. Wie sehen Sie das?

In Czernowitz habe ich zum ersten Mal eine Universität von innen gesehen. Das was ich drei Tage lang in Czernowitz gesehen habe, kam mir sehr lebendig vor. Die Vergangenheit ist ein Teil, jener Teil der sich nicht verändern lässt, daher manchmal leichter beschreibbar ist, da Erkenntnis erst immer im nachhinein möglich ist. Gerade deshalb ist mir die Gegenwart so wichtig, sie lässt sich gestalten. Darin liegt die Herausforderung, eigene Wege zu gehen, sich dem Heute zu stellen. 


5. Igor Pomerantsev schreibt in der Festival Anthologie, daß Lyrik nicht übersetzbar ist Teilen Sie diese Ansicht und hatten Sie eine emotionale Beziehung mit den Zuhörern aus der Ukraine?

Ich lese am liebsten in Gesichtern von Menschen. Kleine Kinder, die noch nicht sprechen, verstehen es hervorragend sich durch Gesten, Bewegungen, mit ihren Augen zum Ausdruck zu bringen. Das ist die Phase, wo Sprache noch nicht unser Leben dominiert. Mit ein Grund, warum ich diesen wortlosen Austausch liebe. Das hat mich der Fotografie nahe gebracht, nämlich ohne Worte auszukommen.  Jede Sprache hat ihre eigene Struktur, die letztendlich das Denken anleitet. Darum ist gerade Lyrik so schwer übersetzbar. Weil es nicht nur um einzelne Worte, sondern um das Klangbild eines Wortgebäudes geht. Mein Fotoalbum "Czernowitz" war schnell erstellt. Das Gedicht Vor-Erinnerung Czernowitz habe ich schon vor der Reise nach Czernowitz gechrieben. Ich werde Czernowitz wieder besuchen, nicht wegen der Vergangenheit - sondern wegen der Gegenwart.