Aus Czernowitz
von Christian Hinderer
Reisesplitter 1: 2. bis 3. September 2025
Ich beginne mit einem Zitat aus dem Roman von Iris Wolff »Lichtungen« (Klett-Cotta 2024):
Auf Seite 88 schreibt sie über die Romanfigur Imre : »Er war in Czernowitz geboren worden, in dem Jahr, als die Lenin-Statue vor dem Deutschen Theater geköpft wurde. Er sagte, er stamme aus einem Ort, den es nur noch in der Literatur gibt.« Einige Zeilen weiter, gewissermaßen als Beleg, ein Teilzitat aus Rose Ausländers »noch bist du da«. (Mein Explemplar signiert: Marbach, 8.2.2024!)
Aus der Ferne grüße ich Iris Wolff mit einem Wortspiel: Aber jetzt gibt es »Czernowitz nicht nur noch in der Literatur, sondern es gibt Literatur in Czernowitz«, - das heute je nach Transliteration als Tscherniwzi oder Chernivci oder auch Chernivtsi in den Nachrichten erscheint – nämlich als XVI. internationales Lyriktreffen MERIDIAN CZERNOWITZ vom 5. - 7. September 2025.
Die Anreise nach Czernowitz kenne ich mittlerweile in verschiedenen Versionen: mal mit dem Auto in die Südbukowina und Abholung durch Oxana M. u.Taras, Abholung durch Taras alleine, mit dem Flieger von Memmingen nach Suceava und Transfer mit einem von Olha K. gebuchten Shuttle, einem Sprinter mit 20 Plätzen. So auch dieses Mal wieder, jedoch mit elend langem Prozedere am Grenzposten der Rumänen bei Siret. Zwei Stunden stehen wir mit dem Sprinter in der Hitze, bis es endlich zum ukrainischen Posten weitergeht: wohltuende Leere und die Möglichkeit zum Toilettengang. Da heißt es sich sputen, denn die gestempelten Pässe bekommen wir nach 15 Minuten zurück. Das übliche: die Pässe werden im Stapel hereingereicht und der Stapel wird dann von Passagier zu Passagier weitergegeben, bis sich jeder den (hoffentlich) eigenen daraus entnommen hat. Datenschutz auf ukrainisch, rumänisch allerdings identisch.
Jetzt wird Gas gegeben. Nach einer Dreiviertelstunde passieren wir die Stadtgrenze und sind an der Tankstelle, wo unser Shuttle seine Basis zu haben scheint.
Mir ist vom Fahrer schon ein Taxi bestellt, das mich dann zur bereits bekannten Ecke bringt, wo von der Shevchenkostraße aus die Fußgängerzone Olga-Kobylyanska-Straße beginnt. Der Shuttlefahrer entlohnt den Taxifahrer aus eigenem Budget. Beobachtet habe ich: 180 Griwna bekam der Taxifahrer. Heutiger offizieller Kurs: 100 Griwna sind 2,08 €, also etwa 1 zu 50 für die Kopfrechnung.
Die Tür am Paul-Celan-Literaturzentrum steht offen, drinnen sitzt Sviatoslav Pomerantsev. Er meint, vom 5. bis 7. werde hier Literatur geboten – weiß ich doch!
A
Hotel-Check-In und Ausruhen
Es ist buntes Leben in der Fußgängerzone. Das Café neben dem Wiener Café heißt jetzt »Crevette«, mit dem entsprechenden Symbol an der Hauswand. Probiere ich vielleicht morgen. Jetzt erst mal durch den Torbogen hinüber zum Café »Terrasse« bei den Tennisplätzen. Keine Helme auf den Tischen, obwohl die Kastanien schon reif sind und einige mit Gepolter auf den Holzboden knallen, während ich den ersten Borschtsch genieße.

»….wie schön, dass Menschen noch ins Restaurant gehen« schrieb Oxana M. einmal in der SÜDDEUTSCHEN. Das war im ersten Jahr des Angriffskriegs auf die gesamte Ukraine.
Der Vormittag beginnt damit, dass ich die Hotelrezeption bitte, mir einen Tisch und einen Stuhl ins Zimmer zu stellen, denn im Bett oder auf dem Sofa lässt sich mit dem Laptop schlecht schreiben. Fast hätte ich Arbeiten geschrieben, aber meine Arbeitszeit habe ich längst hinter mir gelassen. Tisch und Stuhl kommen prompt.
Im Durchgang des Polnischen Hauses, der Musikschule, hängen ganz viele Zettel mit Namen, Zeiten und Instrumenten – und ein Plakat über ein Orgelkonzert im Orgelsaal am 6. Sept. Auf dem Plakat sieht man, wo der Orgelsaal ist: Es ist dies die ehemalige Armenische Kirche!
Gegen Mittag treffe ich mich mit Olha K., erst zu einem Imbiss und dann zu einer Fahrt mit Taras H. nach Bila Krynyzja, einem Dorf der Altgläubigen, nur wenige hundert Meter nördlich der ukrainisch rumänischen Grenze. Auf dem Weg sind zwei Check-Points zu passieren.
Bila Krynyzja ein Dorf mit noch etwa 100 Einwohnern und einer großen Kirche, die von 1901 bis 1908 von einem Ehepaar erbaut wurde, dessen einziger Sohn gestorben war. Betreut und gepflegt wird diese Kirche – soweit sich die marode Bausubstanz noch pflegen lässt – von der betagten Nonne Taisija. Sie erzählt ausführlich die Geschichte der Altgläubigen – der „Lipowaner“. Bei den »Lipowanern« sind viel mehr ur-ukrainische Elemente und Worte enthalten als in der ukrainisch-orthodoxen Kirche. Als sie erwähnte, dass sie auch Französisch kann, stellten wir einander auf Französisch vor: »Je m'appelle....«, aus alten Hirnwindungen hervorgekramt.

Ebenfalls hervorgekramt, nein, mit Stolz herbeigebracht, zeigt sie uns ein Liederbuch mit einer ganz eigenen Notenschrift. Die Vierung der Kirche ist eingerüstet. Die Ikonostaswand glänzt in alter Pracht.
Auch davon erzählt die Nonne Taisija: In der Sowjetzeit haben die Bewohner die einzelnen Ikonen nach Hause genommen und aufbewahrt. Nach der wiederin-Betriebnahme als Gotteshaus, das lange als Lager genutzt wurde, kehrten die Ikonen in die Kirche zurück.
Beim Abschied macht Schwester Taisija ein Erinnerungsfoto von uns – vor der von ihr betreuten Kirche in Bila Krynyzja.

Weiter geht es zum Dorfmuseum von Staryj Wobtschyne. In diesem Dorf hat ein Lehrer während seines 50-jährigen Lehrerdaseins bis zum Lebensende Gegenstände und Erinnerungsstücke gesammelt, auch die Geschichte von vielen Deportierten im Russenjahr 1940 und ab 1944.

Die Augen gingen mir über: ein Raum mit vielen, vielen Ostereiern. An der Wand die Melkmaschine; und auf einem Podest der Dorftraktor. Berührend die vielen dokumentierten Deportations-Schicksale, nach Kasachstan und nach Sibirien. Manches Überleben gelang wegen der gewebten Teppiche mit wunderschönen Mustern, oft auch bessarabischen Ursprungs. Fünf davon, als Bestechung, retteten einmal sogar ein Kind!
Beide Reiseziele wurden von Oxanas Studenten, die aus der Gegend stammen, vorgeschlagen. Danke, liebe Oxana, für die Idee. Danke, liebe Olha für die Begleitung und fürs Dolmetschen. Olha sagt, ich sei heute ihr Sparringspartner gewesen, weil sie morgen für offiziellen Besuch aus Deutschland dolmetschen müsse. Danke, lieber Taras, fürs Fahren auf Asphalt genauso wie auf den Schotterstraßen mit viel Staub und Schlagloch-Umkurvungs-Technik.
Czernowitz, Mittwoch, 3.9.2025

