Aus Czernowitz

von Christian Hinderer 

Reisesplitter 2: 4. bis 7. September 2025

 

Donnerstag, 4. September
Mein Tag beginnt mit dem Gang zum Zentralplatz zur täglichen Gedenkminute um 9 Uhr. Der Verkehr wird angehalten, Autoinsassen steigen aus und verharren andächtig bei geöffneter Autotür. Rings um den Zentralplatz stehen die Menschen so, wie sie gerade aus ihren Geschäften und Büros gekommen sind, und bilden in diesen Minuten eine geschlossene Gemeinschaft mit allen Menschen in der Ukraine. Manche wischen verstohlen eine Träne ab.

Respekt und Takt versagen mir den Griff nach der Kamera.
Musik – Ansage - 21 Glockenschläge – dann: Slawa Ukraine

Dieses Mal liegt mein Hotelzimmer auf der Ostseite, mit Blick auf einen sehr verschachtelten Hinterhof des Polnischen Hauses – erbaut wie fast alle Nationalhäuser in der Zeit der Besinnung auf die eigene Nation bzw. Volksgruppe um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert – mit dem Ergebnis, dass mir der Ausblick auf die Heilig-Geist-Kathedrale fehlt, ebenso deren Glockentöne – der Hof der Czernowitzer Militärverwaltung unter dem Fenster muss eben in Kauf genommen werden.

Hoffentlich wird er nicht mal zum Raketenziel. Denn dann wäre egal, nach welcher Seite mein Zimmer liegt.

Vor der Abreise nahm ich mal wieder ein schmales Bändchen mit Czernowitz-Bezug in die Hand: Oskar Laske (1874 Czernowitz - 1951 Wien).

Wikipedia sagt, es gäbe ein von ihm 1902 gestaltetes Kriegerdenkmal in Plan an der Kreuzung Holovna Str. und Heroiw Majdanu. Kommt auch auf die To-do-Liste

 Ein heißer Tag, auf der Suche nach Schatten


Wo? Am besten im »Volksgarten«, dem heutigen Shevchenko-Park.


Buntes Leben. Mütter mit Kindern. Wo ist der Vater? Bei der Arbeit – oder an der Front!

Gegenüber einem der Parkeingänge der schön gestaltete Platz mit dem Paul-Celan-Denkmal.

An der Hausmauer dahinter ein Paul Celan Gedicht ins Ukrainische übersetzt von Prof. Petro Rychlo – er hat Celans Gesamtwerk (zehn Bände) des aus Czernowitz stammenden Dichters ins Ukrainische übersetzt.

 

Freitag, 5. September
Heute habe ich den Frühstücksort getauscht: jenen mit dem Charme eines Bahnhofwartesaals im Hotel, mit dem Wiener Café gleich gegenüber, an der Schattenseite der Olga-Kobylyansa-Strasse. Das Brot sieht aus wie »Arme Ritter« und schmeckt so ähnlich. Dazu Spiegeleier und Wiener Würstel.
Da muss man die Musik mögen, die aus den Lautsprechern des Wiener Cafés tönt. Nächstes Mal nehme ich den Platz ganz am Rand, da sitzt eine Mutter mit schlafendem Baby – vielleicht ist es dort etwas leiser

 

Beim Paul-Celan-Literaturzentrum, wird eifrig aufgebaut – viele Bücherkartons herbeigetragen …

Bücherstand Meridian Czernowitz

 

1907

Die schön umrahmte Jahreszahl über der Eingangstür zeugt von der emsigen Bautätigkeit jener Jahre.

Plakat Meridian Czernowitztz 2025

Die ersten Dichter, die beim Meridian Czernowitz auftreten sind Mikael Vogel aus Bad Säckingen und Vera Vorneweg aus Düsseldorf.

»Deutsche Dichtung« ist eines der Bücher von Karl-Emil Franzos, in dem der in Czernowitz zur Schule gegangene im vorvorigen Jahrhundert eine Anthologie zusammengetragen hat. Kommt mir unwillkürlich in den Sinn, wenn hier DEUTSCHE DICHTUNG vorgetragen wird, sogar als Auftakt.

Prof. Rychlo kann beim Stichwort Düsseldorf sofort anknüpfen an die Czernowitzer, die in Düsseldorf ihren Lebensabend verbrachten, allen voran Rose Ausländer, Alfred Kittner und Edith Silbermann.

In diesen Tagen wird in Düsseldorf das Schauspiel »Blinde Kuh mit dem Tod« aufgeführt, in dem auch die Geschichte des Czernowitz geborenen, Holocaust-Überlebenden Herbert Rubinstein dargestellt wird. So schließt sich der Kreis.

Getreu dem selbst gewählten Motto »Reisesplitter und Gedanken« werde ich keine Dichterlesungen kommentieren, dafür gibt es Berufene, die das gelernt haben. 

Gedanken »Splitter«

Meer-Gedicht – Mutter Gedicht – Charly Parker – Rocky Mountains – Rom, Hannibal, Elefanten –
Wenn ich mal sterben sollte, entgegen meiner Absicht -

Der Übersetzer ins Ukrainische, Prof. Rychlo philosophiert mit dem Dichter – Über-Setzen = mit der Fähre!
Paul Celan spricht vom »Fergendienst«.

Und dann, zu erwarten: Lyrik in Zeiten des Krieges! Wie geht das? Die Dichterin Halyna Kruk aus Lviv hat es in Tübingen einmal so formuliert: Mit Gedichten kommt man schnell auf das Wesentliche. Bei Prosa überlegt man manchmal so lang, dass das Unmittelbare dadurch verloren geht.

Zweifellos war der Höhepunkt der Auftritt und die Lesung von Julia Paiewska (Taira). Wird simultan übersetzt und aufs Smartphone gestreamt.

Ihre »Vita« hole ich mir aus der Internetseite des MERIDIAN:

Julia Paiewska

Julia Paiewska hat mir ihren Gedichtband signiert.
Zeichnen und Gedichte haben sie während der
Gefangenschaft am Leben erhalten

 

 

 

„Julija Paiewska (Taira) – Soldatin, Paramedizinerin, Freiwillige und Aktivistin; Kommandantin der Einheit „Engel von Taira“ sowie der Evakuierungsabteilung des 61. mobilen Militärhospitals (2018–2020); Designerin, Präsidentin der Aikidō-Föderation „Mutokukai-Ukraine“.
Seit 2014 nahm sie als Paramedizinerin an der Revolution der Würde und am Krieg im Osten der Ukraine teil. Am 16. März 2022 geriet sie während der Belagerung von Mariupol in russische Gefangenschaft und wurde nach drei Monaten – am 17. Juni 2022 – freigelassen.
Sie wurde mit der Auszeichnung des Präsidenten der Ukraine „Für humanitäre Teilnahme an der Antiterror-Operation“, dem Orden „Volksheld der Ukraine“, den Medaillen „Für die Unterstützung der Streitkräfte der Ukraine“ und „Dem Verteidiger des Vaterlandes“ sowie den Ehrenzeichen „Zeichen der Achtung“ und „Für Verdienste um die Streitkräfte der Ukraine“ geehrt.“

Standing Ovations beim Hereinkommen und am Schluss.

Am Samstag bin ich mit Olha K. verabredet, vor dem Café »Schokolade aus Lviv«. Sie will nachher noch wenigstens eine der Veranstaltungen besuchen. Für mehr reichte ihr Stundenplan an der Uni nicht. Sie bat eine gerade vorübergehende Frau, von uns beiden mit meinem Handy ein Erinnerungsfoto zu machen. Gut gelungen, finde ich.


Zwei Straßenfotografen von einem Jux-Stand gegenüber hatten dies bemerkt und kamen mit ihrem eigenen Schnappschuss-Produkt an unseren Tisch. Geld wollten sie keines dafür. Olha hat ihnen unsere nicht verzehrten Pralinen aus Lviv-Schokolade / Lemberger Schokolade an ihren Stand gebracht. Wurde dankbar angenommen. Die Art Gazette kenne ich von 2023, wo ich ebenfalls abgelichtet und ausgedruckt worden bin. Olha trifft am Paul-Celan-Zentrum mehrere von ihren Studenten, die hier Dienst tun.

Das Publikum, gestern und heute bunt gemischt, ausgewogen nach Alter und Geschlecht.

Dr. Schodnitzky hat sich über das Wiedersehen gefreut und sich sofort an meinen Botendienst erinnert: Im April gab er mir eine Ausgabe des »Bukowiner Journal« mit einem Aufsatz von ihm über den Schweizer Schriftsteller Erwin Messmer, mit dem Auftrag, die Ausgabe in dessen Hände gelangen zu lassen. Auftrag ausgeführt. Erwin hat den Text sogar ins Deutsche übersetzen lassen.

Die Sandsäcke vor den Kellerfenstern sind eingefallen – kriegsmüde eben


Sonntag, 6. September
Heute Nacht: Luftalarm, den sogar ich gehört habe, durchs geschlossene Fenster. Einer um halb drei, der andere um kurz vor sechs. Da bin ich dann eben eine Weile an dem Laptop gesessen und habe an diesem Text gefeilt, bei geöffnetem Fenster. Olha sagt, sobald Raketen oder Drohnen fliegen, wird landesweit Alarm ausgelöst.
Ich hatte auch einen »Altert-Text« auf meinem Handy, allgemein gehalten.
Eher so: komm mir ja nicht hinterher, wenn ............

Problem: heute Morgen, schon so gegen sieben, wieder lauter Dauerton, aber – anders.
Des Rätsels Lösung folgte beim Gang zum Frühstück: Es müssen sehr viele Gäste heute früh abgereist sein, sodass die Putzfrauen – für jeden Stock eine – sehr früh den Staubsauger in Aktion setzten. Einer davon war so laut, dass ich glaubte, es seien zusätzlich noch Handwerker mit Bohrmaschinen im Haus.

 Am Nachmittag im Bartka, bei der Lesung von Tanja Maljartschuk, hauptsächlich wegen deren Gespräch mit dem Thema: »Von oben nach unten sprechen: 20 Jahre danach.« Wieder in Simultan-Übersetzung über YouTube aufs Smartphone gestreamt.

Über Essen und Trinken brauche ich mich nicht weiter auszulassen. Hier in meiner unmittelbaren Nachbarschaft sechs Restaurants, in denen es sooo leckere Sachen gibt.

Im Wiener Café * Im Crevette * Im Café Terrasse * Im Georgischen Restaurant * Im Schwarzmeer-Restaurant: Alle mit QR-Code an den Tischen, mit aufrufbaren Speisekarten und Übersetzungsfunktion ins Englische.

Heute Abend, im Café Terrasse, ist partout immer jene Menü-Karte aufgegangen vom vorherigen Besuch im Café »Broyt un tsu Broyt«. Da brachte mir der Kellner eine gedruckte, bebilderte Karte, und eine hilfsbereite Ukrainerin vom Nachbartisch hat mit brillantem Englisch geholfen, meine Wünsche zu erkunden. Der Kellner weiß schon, dass als Getränk immer alkoholfreies Bier dazukommt. Die Marke ist auch immer noch die gleiche wie vor zwei, vor drei und vor sieben Jahren. Kommt aus Dänemark und fängt mit »C« an.

 

Czernowitz, Sonntag, 7. September 2025


Christian Hinderer: Jahrgang 1941, im Schwabenland geboren und aufgewachsen. Beruflich bis zur Rente im Bankfach tätig, speziell im Auslands- und Wertpapiergeschäft. Seine große Affinität zur Literatur und zur Bukowina führte ihn 2001 zum ersten Mal nach Czernowitz.
Oxana Matiychuk, Tscherniwzi 2022: Auf der Suche nach dem Band Gesammelte Gedichte von Rose Ausländer gelangte Christian Hinderer 2019 an einen Privatverkäufer, der zu dem Buch noch fünf Seiten Handschriftliches von der Autorin anbot. Bei einer persönlichen Begegnung 2021 entschloss er sich, dieses Fundstück mir zu schenken.

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