Aus Czernowitz

von Christian Hinderer 

Reisesplitter 3: 8. - 10. September 2025

Montag, 8. September
»Two eggs, no sausage, no bacon?», dies war die eher konstatierende als fragende Ansage der Dame aus der Frühstücksküche im Hotel. Hat doch auch seine Vorteile, wenn man länger bleibt. So weiß die Küche mittlerweile auch, was der Mensch aus 304 mag und was nicht.

Eben erreicht mich die Nachricht oder eher Frage, wie ich geschlafen habe. Verwunderte Gegenfrage. Antwort: Na, es war doch zweimal Luftalarm. »Da muss ich wohl sehr tief geschlafen habe, überhaupt nichts gehört». Gut, es sind Schallschutzfenster eingebaut, obwohl die hier in der Fußgängerzone Olga-Kobylyanska-Straße nicht unbedingt erforderlich wären. Aber das war ja vielleicht nicht immer so. Ein Hinweis – von Oleksandra Bienert aus Berlin, die hier auch zum Publikum der Literaturtage gehört hatte – zum Museum für die Schriftstellerin Olga Kobylyanska kam mit einem Link zum Museum und nach Öffnen des Übersetzers stand dann da die Vergangenheit neben der schrecklichen Gegenwart:

Am Dienstag stand auch der mittlerweile schon traditionelle Friseurtermin bei Olha Sapa an. Damit alle auf dem gleichen Informationsstand sind, hier in Stichworten die Geschichte dazu: Ich war und bin Leser der Kolumne von Oxana Matiychuk in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG »Ukrainisches Tagebuch«. Darin schrieb sie einmal, dass sie regelmäßig von ihren Auslandsbesuchen aus dem Duty-Free-Shop der Flughafenterminals Männerparfüms guter Marken mitbringe, für Olha Sapa. Olha ist eine Geflüchtete aus der Oblast Saporishja, Sozialpädagogin und hat hier, der Not gehorchend, noch eine Friseur-Ausbildung gemacht. Sie frisiert hauptsächlich »unsere Jungs« in den Militärkrankenhäusern und freut sich, wenn sie nach Ende der Behandlung noch einen guten Duft aus der Sprühflasche auf die frisch Frisierten abgeben kann – und über das Echo: was für ein paradiesischer Duft.
Seit ich davon weiß, bringe ich bei jedem Besuch Männerparfüms mit und bitte um einen »Friseurtermin«. Den ersten vermittelte Oxana im Sept. 2023, aus praktischen Gründen im Büro des DAAD in der Uni, damit sie dolmetschen kann. Damals ist deshalb der Begriff »Akademischer Friseurtermin« entstanden, den wir spaßeshalber auch jetzt noch verwenden.

Mit Roman, Olha Sapa und Kolja, vor dem Haarschnitt

So auch heute. Olha und Kolja holen mich mit dem Auto am Zentralplatz ab. Wir treffen punktgenau und zeitgleich am vereinbarten Zustieg ein. Früher hatten sie eine Wohnung bekommen, nicht weit von der Uni. Das war vor dem Krieg die Wohnung der Leiterin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes hier. Residentin musste auf Befehl aus Deutschland mit Kriegsbeginn zurück nach Deutschland. Die verwaiste Wohnung war dann gut für die geflüchtete Familie Sapa. Jetzt hat der Eigentümer gekündigt, mit der üblichen »Eigenbedarf«-Begründung2. Diese Lumperei also auch hier. Nun fahren wir also weit aus dem Zentrum der Stadt hinaus. Kolja sagt, jetzt wohnen wir ganz in der Nähe vom Flughafen, was derzeit keinen Lärmstress ausmacht. Es fliegt ja nix1, außer Drohnen aus dem Osten oder ein Hubschrauber der Feuerwehr. Drei verschiedene Männerparfüms sind es dieses Mal, in Heilbronn bei Sonderangebotstagen im Parfümladen AKZENTE erstanden. Die Verkäuferin ist mittlerweile auch in diese Geschichte eingeweiht. Heute erzählte Olha3 nun, sie fahre nächste Woche mit anderen nach Süden (an die Front) und bringe meine Sachen mit. Ein Soldat habe ihr beim letzten Mal gesagt: Was sind das für Menschen, einfache Leute aus Deutschland, die hierherkommen und solche tollen Sachen mitbringen, ein Duft aus einer anderen Welt. Und die Sachen landen nicht, wie sonst meist üblich, beim Kommandeur oder einem anderen Offizier, sondern wirklich bei uns Frontsoldaten. (Den Begriff »Schütze Arsch im letzten Glied« gibt es hier vielleicht auch, nur weiß ich die Entsprechung nicht).

Aus dem Kreis der Hörer an den Lyrik-Tagen erreichte mich noch eine SMS, ob wir nochmal zusammensitzen, vielleicht im »Broyt untsu Broyt«. Möglicherweise komme auch Dr. Schodnitzky dazu. Weil ich die beiden nicht um ihr Einverständnis gefragt habe, sind es also hier in diesem Text Frau Dr. K. K. und Herr C. L. aus Esslingen. Zunächst war es unter uns dreien ein Gespräch nach Woher und Warum, auch da schon ein Schicksalskosmos enthalten.
Ab da, wo Dr. Schodnitzky hinzu kam, konnten wir nur noch zuhören. Zuerst fragte er, wem von uns der Mercedes 600 da unten vor der Tür gehöre. Er kam geradewegs aus der Kirche. Aus welcher? aus der griechischkatholischen – sie sei das Bindeglied zwischen der Orthodoxie und dem Katholizismus. Die Erklärung überlasse ich Wikepedia 

Was Dr. Schodnitzky ausführte, war eigenes Erleben und eigene Anschauung. Eine Kirche, die die Sowjetzeit im Untergrund überlebt hat, deren Priester in Sibiren umgekommen sind und deren Besitz enteignet wurde. Und dann: und da sollen wir glauben, dass mit Russland es schon irgendwie auch gehen werde, wie viele Russlandversteher in Österreich und in Deutschland meinen. Alles Leute, die das System nicht erlitten haben. Er selbst ist in Pension, die Höhe seiner Rente nannte er mir auf dem Weg zum Hotel. Und erklärte mir, warum er mir im April das Heft für Erwin Messmer in der Schweiz zur Beförderung anvertraut hat. Das Porto von hier hätte ungefähr ein Drittel seiner Monatsrente ausgemacht. Über seine Tätigkeit als Ruheständler als Kinderarzt für die geflüchteten Kinder. Er geht nach Sadagora, wo viele untergebracht sind und unterstützt die Leitungen dort, wenn sie einen medizinischen Rat benötigen für eines der Kinder. Empfiehlt dann den bestmöglichen Behandlungsort usw. Die Zeit bis 22 Uhr verging wie im Flug. Seine Familiengeschichte brachte ich hervor mit meiner Frage nach seinem guten Deutsch. Aber da ich kein Notizbuch dabeihatte und den Fluss auch nicht stören wollte, möchte ich hier nichts Falsches bringen. Das sagte er mir schon 2023, als er sich vorstellte: Das »-ski« habe ich von meinen polnischen Ahnen – aus der Zeit, als das Großreich Polen-Litauen auch die Herrschaft über diese Gegend hatte. »Ich bin aber ein echter Czernowitzer, hier geboren«

Dienstag, 9. September
Heute bin ich mit Dr. Oxana Matiychuk verabredet. Sie hat sich die Zeit aus den Rippen geschnitten. Vielen Dank dafür, liebe Oxana. Wo: diesmal im »Nonna Macarona«, darin ist alles auf Italienisch gemacht. Karte sehr Pasta-lastig, aber hochflexibel in der Bestell-Annahme. Bei Spaghetti mit Meeresfrüchten sind mir immer die Tintenfischteile unangenehm. »Klar, sie können sie auch nur mit Shrimps haben«, sagt der Kellner,  laut. Namensschild Sommelier »Mario«. Oxana fragt, ob das sein richtiger Name sei. Er heiße in Wirklichkeit anders, dies sei sein »Hausname« hier. Welch eine Verbiegung!

Ein Stück Heimweg gehen wir gemeinsam, bis Oxana zu ihrer Bushaltestelle gelangt. Der Weg führt vorbei an einem besonderen Denkmal, dort wo die Holowna-Straße und die Straße Heroic Maidan sich kreuzen. Das Denkmal wurde von Oskar Laske, 1902, für die gefallenen Soldaten von Erzherzog Eugen Infanterieregiment Czernowitz gestaltet. Es steht nur noch der Sockel, der obere Teil, von den Sowjets zerstört. DIE DANKBARE BUKOWINA in drei Sprachen: Deutsch, Rumänisch, Ukrainisch ist hier der Dank des Vaterlands eingemeißelt. Die dritte ergab leider wegen des Sonnenstands kein Foto. Da tauchen dann Erinnerungen wieder auf an ein Buchgeschenk von Oleg Ljubkiwskyj, dem Maler, Grafiker und Fotografen. 2004 – über 20 Jahre sind vergangen – und immer noch Thema

Czernowitz, 10. September 2025

 

  

 


Ergänzungen und Berichtigungen, gemailt am 13.9.2025 von Czernowitz nach Prag von Christian Hinderer
Hinweis von Oxana:
1 »Am Flughafen fliegt schon einiges! Wir kennen den Flughafendirektor, er holt bei uns regelmäßig Hilfsgüter und fährt zu seinen »Jungs«, meistens in die Region Sumy. Es handelt sich freilich nicht um den Zivilverkehr
Und Trainingsflugzeuge fliegen ebenfalls«

Eine Berichtigung von Olha Sapa und von Oxana unmittelbar übersetzt:
2 Die Eigenbedarf-Kündigung ist nicht vorgeschoben. Der Eigentümer hat sich ganz herzlich, auch mit Geschenken, von Olha's Familie verabschiedet. Es täte ihm sehr leid, aber er brauche die Wohnung jetzt selber.
Sie bringe die Männerparfüms nicht selber in den Süden, sondern die seien gestern schon mit NowaPoschta verschickt worden und werden wohl morgen schon in den Händen der richtigen Empfänger sein. Da hat die Übersetzermaschine das eingegebene »schicken« einfach mit »bringen« übersetzt.


Christian Hinderer: Jahrgang 1941, im Schwabenland geboren und aufgewachsen. Beruflich bis zur Rente im Bankfach tätig, speziell im Auslands- und Wertpapiergeschäft. Seine große Affinität zur Literatur und zur Bukowina führte ihn 2001 zum ersten Mal nach Czernowitz.

Oxana Matiychuk, Tscherniwzi 2022: Auf der Suche nach dem Band Gesammelte Gedichte von Rose Ausländer gelangte Christian Hinderer 2019 an einen Privatverkäufer, der zu dem Buch noch fünf Seiten Handschriftliches von der Autorin anbot. Bei einer persönlichen Begegnung 2021 entschloss er sich, dieses Fundstück mir zu schenken.

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