Aus Czernowitz

von Christian Hinderer

Reisesplitter 4: 11. September 2025

 

Donnerstag, 11. September
Der Herbst kündigt sich an. Fast ein Caspar-David-Friedrich-Morgen über den Dächern von Czernowitz.

Oxana hat mir angeboten, mitzukommen, wenn von der Johanniter Mission Siret wieder Hilfsgüter in ihrem Lagerraum, in der Nähe des Flughafens, angeliefert werden. Wir verabredeten uns so, dass, wenn das Signal von den Johannitern über erfolgreich beendetes Grenzprozedere eintrifft, soll ich vom Hotel losmarschieren bis zum Zustiegspunkt, wo sie mit Kollegen mich aufnehmen. Es hat punktgenau geklappt. Als wir in den Hof der Lagerräume rein hoppelten, bogen unmittelbar hinter uns 3 Sprinter »Johanniter Mission Siret " ebenfalls ein. Einer davon fuhr an die Rampe und Oxana mit anderen Helfern und sieben Johanniter leerten den Sprinter.

 

Solch ein Sprinter fasst etwa 1 - 1,5 Tonnen.  Stromaggregate, Reis, Teigwaren, Zwieback, Hygieneartikel usw. Mehrere Paletten rollten in den Lagerraum.

Die Johanniter Mission Siret wurde im März 2022 gegründet, also fast unmittelbar nach Beginn des Angriffs Russlands auf die gesamte Ukraine. Sie beliefern in der Region Czernowitz insgesamt fast 30 Einrichtungen. Zum GEDANKENDACH kommen sie alle 3–4 Wochen, meistens mit zwei Bussen, manchmal auch mit drei. Heute wird hier nur einer der dreien entladen, die anderen sind für weitere Einrichtungen in der Umgebung vorgesehen.

Die Abgabe an die Bedürftigen findet immer samstags statt. Geplant, vorbereitet und durchgeführt von Oxana und einer Schar Freiwilliger, was sie ja hier, neben ihrer Lehrtätigkeit an der Uni ja auch ist. Im Lagerraum steht während der Abgabe ein großer Behälter, wo die Empfänger(innen) jenes aus den vorgepackten Standard-Beuteln sofort wieder ablegen, was ihren derzeitigen Bedarf entweder übersteigt oder überhaupt nicht gebraucht wird.

Halb entladen, ertönte um halb elf am Vormittag der Luftalarm. Oxana begleitete uns alle zum Schutzraum, einige Schritte in einem Wohnblock ganz unten drin. Mehrere Räume, blitzblank, mit Stühlen und Bänken entlang der Wände.

Luftschutzraum Czernowitz 

Nach etwa einer halben Stunde kam der Sirenenton »Entwarnung« und alle strömten nach draußen. Oxana und ihre Helfer, die nicht mit in den Schutzraum gekommen waren, hatten mittlerweile den Sprinter fast vollständig geleert.

Johanniter

Punkt halb zwölf setzte sich der Konvoi wieder in Bewegung. Sie fahren noch zwei Verteil Stationen in der Umgebung an und dann geht es leer wieder zurück nach Siret in Rumänien.

Im Gespräch war natürlich die erste Frage nach dem Woher? Meine war schnell geklärt, die Johanniter ihrerseits gaben mir Erdkunde-Unterricht: Koblenz, Westerwald, Witten, München – und : »ich bin in Öhringen in die Schule gegangen.«

Die Johanniter erklärten, Luftalarm am Tage sei auch ihnen neu, jetzt hätten sie also auch dieses erlebt – und überlebt! noch ein freundliches Lächeln..... Informationen über die Johanniter aus Siret.

Czernowitz, 13. September 2025


Christian Hinderer: Jahrgang 1941, im Schwabenland geboren und aufgewachsen. Beruflich bis zur Rente im Bankfach tätig, speziell im Auslands- und Wertpapiergeschäft. Seine große Affinität zur Literatur und zur Bukowina führte ihn 2001 zum ersten Mal nach Czernowitz.

Oxana Matiychuk, Tscherniwzi 2022: Auf der Suche nach dem Band Gesammelte Gedichte von Rose Ausländer gelangte Christian Hinderer 2019 an einen Privatverkäufer, der zu dem Buch noch fünf Seiten Handschriftliches von der Autorin anbot. Bei einer persönlichen Begegnung 2021 entschloss er sich, dieses Fundstück mir zu schenken.

 

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