Aus Czernowitz
von Christian Hinderer
Reisesplitter 5: 12. September 2025

Freitag wartet das nächste Highlight auf mich. Für Olga Kobylanska, der Bukowiner Dichterin, nach der die Straße benannt ist, in der mein Hotel liegt, gibt es ein eigenes Museum, nämlich ihr ehemaliges Wohnhaus. Etwas versteckt, nicht weit vom Hotel. Oxana hat mir angeboten, wenn ich möchte, könne sie eine ihrer Studentinnen fragen, ob sie mir Guide dorthin und dort drin sein möchte. Ich würde dadurch meinen persönlichen Bekanntenkreis um eine Czernowitzerin erweitern, noch dazu aus einer der jungen Generation.
15:00 Uhr, Iryna Penteliuk, im Foyer meines Hotels. Das Guide-Honorar inklusive Essenseinladung wurde als nicht nötig bezeichnet, auch nicht rundweg abgelehnt.
Kurz vor der vereinbarten Uhrzeit erscheint Iryna (sie studiert ukrainische Literatur und Literaturgeschichte) im Torbogen vom Polnischen Haus. Der Weg zum Museum führt etwas »uneben« durch die Shevchenko-Straße, Tobilevychai-Str. zur Sofie-Okunevskoi-Str. 5. Die genaue Angabe, falls jemand Lust bekommt, beim nächsten Besuch eine Führung dort zu genießen. Das Wort genießen wörtlich genommen werden, wann kommt man in den Genuss einer Privatführung in einem Museum? Es handelt sich um das letzte Wohnhaus der Dichterin Olga Kobylanska, geboren 27. November 1863 in Gura Humora, im heutigen Rumänien, gestorben 21. März 1942 in Czernowitz. Damals im Vielvölkerstaat des Habsburger Reichs zum Kronland Bukowina gehörend, nach dem Ersten Weltkrieg gehörten sowohl Geburtsort als auch Sterbeort zu Großrumänien. Das »Russenjahr« Sommer 1940 bis Sommer 1941 hat sie in Czernowitz erlebt.

Das Buchgeschenk von Prof. Rychlo im Sommer 2018 »Valse Mélancolique« war Anlass, mehr über die Dichterin wissen zu wollen, die mir hier buchstäblich auf »Schritt und Tritt« beim Gang durch die ehemalige "Herrengasse"begegnet. Wir treffen die Museumsführerin Polina Ivanova, die gerade eine andere Besucherin durch die Räume begleitet. Wir werden begrüßt. Polina erzählt, Iryna übersetzt ins Englische. Ich bin froh, dass ich durch verschiedene Englisch-Stunden in der Heilbronner Diakonie mein Englisch nicht habe einrosten lassen.
Es gibt eine informative Webseite, die mir Oleksandra Bienert, eine der Hörerinnen beim diesjährigen MERIDIAN per WhatsApp sandte. Danke, liebe Oleksandra Bienert. Nach dem Aufruf der Seite einfach den Übersetzer einschalten und schon taucht die Welt der Dichterin auf.
Wir tauchen ein in die Welt eines Schriftstellerinnen-Lebens in der Zeit der Habsburger und Großrumäniens nach dem Ersten Weltkrieg. Familienbilder, Gemälde des Bruders und Freundschaftsbeziehungen. Die Uhr, mit dem angehaltenen Uhrzeiger zur Sterbestunde, 21. März 1942 einer Tradition folgend. In einer Vitrine verschiedene persönliche Gegenstände, z. B. ein Tintenfass, ein Löscher (wer kennt so was noch?) und, besonders kurios, eine Flasche mit Wasser aus dem Schwarzen Meer, abgefüllt bei Constanza und hermetisch verschlossen. Nun, nach über hundert Jahren, ist trotzdem etwas verdunstet. Aber am Boden immer noch der Meersand und ein paar Muscheln. Olga sei nie am Meer gewesen, deshalb der mitgebrachte Gruß.

Die Führung dauert normal etwa eine Stunde. Durch Irynas Dolmetscherdienste etwa fast verdoppelt. Zweimal bekomme ich einen Stuhl angeboten, weil es an meine Kondition geht. Danach treten wir hinaus in den Hof und Polina bietet an, auch noch den Garten zu besuchen. Durch einen Mauerdurchgang geht es eine Steintreppe hoch in den Garten. Da liegen Ziegelsteine als Wegpflasterung mit dem Firmenemblem PATRIA. Zwei prächtige Walnussbäume, gepflanzt beim Einzug, geben immer noch Früchte und Polina bietet mir an, welche davon mit nach Hause zu nehmen. Walnüsse aus dem Garten von Olga Kobylanska, ich denke sofort an Menschen in und um Heilbronn, die ebenfalls Wurzeln in der Ukraine haben und vielleicht daran Freude haben könnten.
Meine Dinner-Einladung konnte Iryna leider nicht annehmen. Auf sie wartet ihre Mutter und die Vorbereitungen für den nächsten Test an der Universität. Liebe Iryna, ich wünsche Ihnen weiterhin gutes Gelingen beim Studium.
Czernowitz, 13. September 2025
Christian Hinderer: Jahrgang 1941, im Schwabenland geboren und aufgewachsen. Beruflich bis zur Rente im Bankfach tätig, speziell im Auslands- und Wertpapiergeschäft. Seine große Affinität zur Literatur und zur Bukowina führte ihn 2001 zum ersten Mal nach Czernowitz.
Oxana Matiychuk, Tscherniwzi 2022: Auf der Suche nach dem Band Gesammelte Gedichte von Rose Ausländer gelangte Christian Hinderer 2019 an einen Privatverkäufer, der zu dem Buch noch fünf Seiten Handschriftliches von der Autorin anbot. Bei einer persönlichen Begegnung 2021 entschloss er sich, dieses Fundstück mir zu schenken.
Czernowitz, 2020 eine Celan-Stadtführung mit Petro Rychlo. In Christian Hinderers Reisesplitter 2 ist die Celan Skulptur zu sehen, dahinter neu ein Celan Gedicht ins Ukrainische übersetzt von Petro Rychlo. Rychlo hat das Gesamtwerk von Paul Celan ins Ukrainische übersetzt, die Die Verlorene Harfe, Eine Anthologie deutschsprachiger Lyrik verfasst und gemeinsam mit Helga von Loewenich den Band Bukwonisch-Galizische Literaturstraße. Milena Findeis

