Czernowitz Buch

Erinnerungen eines Ertrunkenen

Auf der Buch Wien wurde am 11. November 2017 von Meridian Czernowitz das Buch "Erinnerungen eines Ertrunkenen" vom Autor Igor Pomerantsev vorgestellt. "In meiner Schulzeit beneidete ich die Schulkinder aus Schule 23, weil sie vom Dach ihrer Schule aus, einen örtlichen Gefängnishof sehen konnten. Der italienische Kriminologe und Arzt Cesare Lombroso prägte den Begriff "Gefängnispalimpsest": Gefangene kritzeln Schwüre, Bitten, letzte Wünsche auf die Wände der Zellen. Im Gefängnis von Czernowitz wurden diese auf Deutsch, Rumänisch, Jiddisch, Ukrainisch und Russisch an die Wände gekritzelt. Dieses Palimpsest spiegelt das Muster der Toleranz in Czernowitz."

Findeis Pomerantsev

Das Buch ist eine Sammlung von Erzählungen und Essays, die direkt und indirekt mit Pomerantsevs Jugendjahren (1953 bis 1971) in Czernowitz verbunden sind. In lyrisch dichten Assoziationen wird das Leben eines Heranwachsenden im geschichtsträchtigen Czernowitz geschildert. 

Es legt dem Außenstehenden, speziell aus dem deutschsprachigen Raum, Zeugnis davon ab, dass trotz Holocaust und dem totalitären Kommunismus der Sowjetunion die Tradition einer intensiven literarischen und intellektuellen Auseinandersetzung auch nach 1945, nun vorwiegend in russischer und ukrainischer und teils rumänischer Sprache, fortgesetzt wurde - somit für den Rest der Welt im Verborgenen. Rumäniens Nationaldichter Mihail Eminescu lebte damals ebenso in der einstigen habsburgischen Hauptstadt der Bukowina wie die poetische Ikonen der heutigen Ukraine Olga Kobylanska und Dmytro Zahul, der in Stalins Gulag umkam.

Igor PomerantsevMit den Worten des Autors Pomerantsev “Zuerst lebte ich in dieser Stadt - danach wechselten wir die Seiten: jetzt lebt sie um so vieles länger in mir als ich in ihr. Von Zeit zu Zeit heftet sie sich an meinem Atem fest. Um nicht an ihr zu ersticken muss ich über sie schreiben. Wörter sind das einzige mir zur Verfügung stehende Arbeitsmaterial - gibt es etwas, das der Dauer näher kommt als Wörter?”

Die Stadt in der Bukowina, heute zur Ukraine gehörend, hat dem russischen Dichter mit britischem Pass ihren Stempel aufgeprägt. “Nicht nur Menschen werden zu Dissidenten, auch Städte können solche sein. Die Czernowitzer Architektur war im sowjetischen Imperium dissidentisch. Wer an diesen Häusern vorbeiging oder in ihnen lebte, der wurde zwangsläufig von ihrem Geist angesteckt. Die Stadt Czernowitz selbst war Dissident, und sie gab uns, ihren Bewohnern, Unterricht in Fragen der Schönheit, Freiheit und Pflicht.”

Dirk Schümer, Welt-Korrespondent: “Für diesen Dichter aus der Ukraine, der in London und Prag lebt, gehören auch Wein und Gespräche, Essen und Poesie, Träume und Geschichten zu dem, was seit der Antike unter einer erfüllten Existenz verstanden wird. Bereits Wörter sind für Pomerantsev Erscheinungsformen des Begehrens, die ihre eigene Schönheit und ihre wilde Geschichte haben. Für jemanden, der in Czernowitz aufgewachsen ist, wirkt diese polymorphe Sprachverliebtheit fast schon selbstverständlich, denn in dieser verwunschenen, geschundenen Stadt atmete (und atmet) man die Luft von Paul Celan, Rose Ausländer, Erwin Chargaff. Ihre geschriebene Zärtlichkeit lebt weiter im Werk von Igor Pomerantsev.”

Milena Findeis, Prag 14.11.2017

 

Links:

Verlag Der Konterfei, Robert Jelinek, Wien, Oktober 2017. Das Foto der Titelseite wurde aufgenommen im russischen Teil des Wolschaner Friedhofs in Prag im April 2017. DER KONTERFEI 036 / Paperback / Deutsch / 90 Seiten / ISBN 978-3-903043-25-1 / www.derkonterfei.com
Igor Pomerantsev "Erinnerungen eines Ertrunkenen"- einer der Essays aus dem Erzählband in deutscher Sprache.
Rezension von Simone Brunner in der Wiener Zeitung "Die Stadt der Worte", 6.11.2017