Czernowitz. Erinnerungen eines Ertrunkenen

Igor Pomerantsev: Mit Czernowitz bin ich tief verbunden; ich kann sogar sagen, wie tief, nämlich etwa zwei Meter. Auf den Friedhöfen dieser Stadt sind meine Tanten begraben, meine Großmutter, mein Vater, mein älterer Bruder. Und auch jetzt leben in der Stadt noch meine Schwägerin – Witwe leider – und mein Neffe.

Igor Pomerantsev
Wespennest Ausgabe 160

Ich verließ die Stadt 1970 nach Abschluss der Universität. Dafür gab es einen ganz einfachen Grund: Ich konnte, nachdem ich mein Studium der Anglistik an der romanisch-germanistischen Fakultät abgeschlossen hatte, in der Stadt keine Arbeit finden. Wie der Rest des Imperiums war Czernowitz zu der Zeit vom Eisernen Vorhang umgeben. Zwar gab es in der Stadt eine Ferienanlage, auf die sich manchmal ausländische Touristen verirrten, ich stand aber schon als Jugendlicher mit dem KGB auf Kriegsfuß, weshalb man mich nicht an sie heranließ. Es gab noch einen weiteren Grund. Ich war jung und ambitioniert, blickte unerschrocken in die Zukunft und liebte die Poesie über alles. Diese Liebe, so dachte ich, beruhte auf Gegenseitigkeit. Ich fühlte mich jeder Großstadt gewachsen und glaubte, man werde mir überall Ovationen bereiten. Hierin irrte ich mich. Die Stadt verließ ich dennoch. Und bin seit 35 Jahren nicht mehr dorthin zurückgekehrt. Ich bringe es einfach nicht fertig, wieder in diese Stadt zu fahren, sogar wenn ich in Kiew bin. Ich weiß, dass man das tun muss, wovor man Angst hat, dass man an die Orte gehen muss, die man fürchtet, um so die Angst zu überwinden. Aber vielleicht ist es gar keine Angst, sondern Unbehagen? Wie dann, wenn man nach vierzig Jahren eine Frau wieder trifft, die man einmal geliebt hat. Was soll man sagen? Dumme Floskeln wie „Hallo“, „Wie geht`s?“. Ich sage dann also zur Stadt „Wie geht’s?“ Sie wird mich skeptisch ansehen und antworten: „Wie es geht? Du, wir sind auch ohne dich ganz gut zurechtgekommen.“ In der Tat, ich könnte mich nicht dem Kleinstädter Plutarch anschließen, der sagte: „Was mich betrifft, so lebe ich in einer Kleinstadt, und damit sie nicht noch kleiner wird, bleibe ich gerne in ihr.“ Czernowitz wird für mich immer klein bleiben, wie die Fliege im Bernstein – erstarrt in der Erinnerung, verkrochen in der Geschichte. Oder wie die Latzhosen, die wir als Kinder so liebten.

Meine erste Begegnung mit der Stadt war für mich ein großes Ereignis. Meine frühe Kindheit hatte ich in Transbaikalien verbracht, in Tschita. Es war die schwarz-weiße Phase meines Lebens, eine Phase der absoluten, hoffnungslos dunklen Winter. Mein Vater arbeitete bei der Militärzeitung „Kampfbereit“. Er war oft krank, er vertrug das Klima in Transbaikalien nicht. Schließlich wurde mein Vater aus der Armee entlassen und wir zogen nach Czernowitz, wo die Familie meiner Mutter lebte. So verschlug es mich aus dem Schwarz-Weiß-Film Transbaikaliens in die Ferne Terra mediterana. Es heißt, dass Emigranten einen Kulturschock erleiden; mir blieb er bei der Emigration erspart, denn ich war durch Czernowitz dagegen geimpft. Dafür erlitt ich nach Tschita in Czernowitz einen emotionalen und – auf meine, kindliche Art – einen erotischen Schock. Ich fand mich in einen Farbfilm versetzt, in dem grell die Sonne schien und in dem man schier das Bewusstsein verlor vom Duft der Äpfel, der Kirschen und Marillen – so nennt man in der Bukowina die Aprikosen. Diese emotionale Impfung, diese emotionale Batterie wärmt mich bis heute. Wahrscheinlich zieht es  mich deshalb immer wieder zurück, zwar nicht nach Czernowitz, aber an solche Orte, an denen der gleiche Geruch herrscht, die gleiche Luft, die gleiche Brechung der Sonnenstrahlen: auf Istanbuls Friedhöfe, an die Hügel der Toskana, in die Welt der Nahen Terra mediterana.

In meiner Kindheit habe ich die ganze Stadt auf meinem Fahrrad „Kleiner Adler“ abgefahren, und angesichts der steilen Straßen und meines kleinen Adlers eröffnete sich mir die tiefere Bedeutung der Redewendung „Hals über Kopf“. Außerdem streifte ich gerne zu Fuß durch Czernowitz. Ich hatte meine Lieblingsrouten. Wir wohnten in der Lermontow-Straße, die in die Kobyljanskaja-Straße mündete. Wenn man die Lermontow-Straße hochgeht, die frühere Lenin-Straße mit ihren Straßenbahnschienen überquert, dann durchs Einkaufszentrum geht, das damals „Passage“ hieß – wahrscheinlich heißt es auch heute noch so – und zwei weitere Straßen überquert, bis man zur Aula der Universität kommt, dann findet man sich an der Ecke wieder, an der meine ersten Rendezvous stattfanden. Ich hatte noch eine zweite wichtige Route. Geht man die Kobyljanskaja hinunter bis zum Zentralen Platz, biegt danach nach links ab in Richtung ehemaliger Synagoge, die nicht von den rumänischen Faschisten zerstört, sondern von den Bolschewiken gesprengt wurde – jetzt ist dort ein Kino –, geht man dann an diesem Kino vorbei und betritt die Apotheke an der Ecke... ich weiß nicht, ob es sie heute noch gibt. Jedenfalls lief ich Anfang der sechziger Jahre, als mein Vater seinen ersten Herzinfarkt hatte, jeden Tag in diese Apotheke und kam mit zwei Sauerstoffkissen nach Hause zurück. Vielleicht können sich die älteren Bewohner der Stadt noch an den Jungen mit den Sauerstoffkissen erinnern, der regelmäßig atemlos durchs Zentrum hetzte. Dieser Junge war ich.

Wodurch unterschied sich Czernowitz von anderen ukrainischen Städten? Zu Ende der fünfziger Jahre lebte in dieser Stadt noch eine Handvoll österreichischer Juden. Sie waren anders als alle anderen und hoben sich vor allem von den Stiljagi* ab. Die Stiljagi trugen alle die gleiche Kleidung: Bologner Regenmäntel, weiße Mützen („Batone“) mit grauen Streifen. Die Handvoll österreichischer Juden dagegen trug abgetragene dunkelblaue Hüte aus Velours, graue zweireihige Mäntel im Fischgrätenmuster, ausgetretene spitze Halbschuhe und matt schillernde Manschettenknöpfe mit Marmorstruktur, und all das war alt, beinahe archaisch, einfach, aber wie stilvoll sahen sie doch aus! Czernowitz ist für mich dieser konservierte österreichische Jude geblieben, von einer Zeitmaschine ins sowjetische Reservat verschlagen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fiel Czernowitz durch das Raster der europäischen Mode, wie diese Velours-Hüte und grauen zweireihigen Mäntel; es blieb aber eine Stadt mit Stil, eine leichtfüßige Stadt, wenn auch verarmt.

Czernowitz war im sowjetischen Imperium eine jüdische Stadt. Übrigens wird sie auch in der deutschen Literatur immer „jüdisch“ genannt. Mitte der Fünfziger war nur ein Fünftel der Bevölkerung jüdisch, zudem waren die wenigsten von ihnen österreichische Juden, die meisten stammten aus Bessarabien. Aber Juden haben ein starkes energetisches Feld. Sogar wenn sie nur ganz wenige sind – gerade mal 30 000 – geben sie in der Stadt den Ton an. Ich wusste schon als Kind, dass in Kiew, in Moskau, in Leningrad Juden leben, aber die großstädtischen Juden kamen mir alle so ehrwürdig vor, so reich und aufstrebend, während es in Czernowitz alle möglichen Juden gab – Messerhelden, Nutten, Schwarzwechsler, Wunderkinder; durch die Straßen strichen bucklige Juden, die illegale Matze auf dem Buckel trugen. Natürlich war dort nicht nur jüdisches Gesindel – es gab zum Beispiel berühmte Boxer und Ringer, die an den Olympischen Spielen und an der Weltmeisterschaft teilnahmen. Ich glaubte als Kind, dass die Juden die allerbesten Sportler sind, vor allem die Boxer und Ringer.

Als Kind lebte ich in Israel. Dieses Israel hieß Czernowitz. Als Erster sagte mir das mein Vater. Auf meine Frage, ob er schon einmal im Ausland gewesen sei, antwortete er: „Wir leben selbst im Ausland.“ Aber in welchem genau, das sagte er nicht. Von der Existenz des Staates Israel erfuhr ich sehr früh. Sogar in den klirrendsten Zeiten des Kalten Krieges ging man aus Czernowitz für immer nach Palästina. Ich hatte großes Mitleid mit Israel – in den sechziger Jahren wanderte dorthin die jüdische Unterschicht aus: alleinerziehende Mütter mit rotznasigen Kindern, Invaliden, die ihre lieben Verwandten in der Abstellkammer schmachten ließen, Wiederholungstäter, Dichter, die überflüssigerweise auf Jiddisch dichteten. Dieses Rinnsal lief Gefahr, so schien es mir damals, die sauberen israelischen Gewässer zu verschmutzen, die von genialer jüdischer Hand in der Wüste geschaffen worden waren. Den Proleten und Versagern zum Trotz zogen meine jüdischen Jugendfreude nach der Schule nach Sibirien und wurden dort mit fünfzehn Jahren Doktoren der Physik oder Mathematik. Warum sie sich für Sibirien entschieden, darüber machte ich mir keine großen Gedanken.* Das passte sehr gut zu den Abenteuerromanen von Jules Verne, die ich damals verschlang. Nach und nach aber stieg das Bächlein an, verwandelte sich in einen breiten Strom und trat schließlich endgültig über die Ufer. Amerika war in Czernowitz nicht „in“. Alle gingen nach Israel. Ich war damals überzeugt, fast alle neuen Israelis persönlich kennen zu müssen, weil sie aus Czernowitz waren. Ich stand diesem Strom so nahe, dass er mich letztendlich auch mitriss und fortschwemmte. In Israel war ich jedoch erst, als ich schon fast vierzig war. Ich konnte feststellen, dass es ein riesiges Land mit einer riesigen Bevölkerung ist. In dem ich nicht einem einzigen dieser Czernowitzer „Israelis“ begegnete, weder am Toten Meer, noch in Jerusalem, noch in Kefar Darom.

Ich erinnere mich an die Bekannten meines Vaters. Mein Vater arbeitete in der ukrainischen Kreiszeitung „Sowjetische Ukraine“. Er wurde in Odessa geboren, sprach drei Sprachen – Russisch, Ukrainisch und Jiddisch, das damals zu Odessa gehörte wie die Luft zum Atmen. Ich kann mich noch gut an einen jüdischen Schriftsteller erinnern, der auf Jiddisch schrieb – Meir Charatz, der später in Israel zu einem Klassiker wurde. Er war ein einsamer Überrest, vom Holocaust vergessen und dann dem GULAG – dort hatte er auch gesessen – entronnen. Diesem Überrest wollte man Ende der fünfziger Jahre endgültig den Rest geben. Er hatte ohne Wissen seiner Vorgesetzten einige Gedichte im Ausland veröffentlicht, in einer polnischen jüdischen Zeitung. Dafür bekam er in der Redaktion der „Sowjetischen Ukraine“ einen Denkzettel verpasst. Ich glaube, dass mein Vater daran nicht teilgenommen hat, sonst wäre Charatz nicht gleich nach der Parteiversammlung der Redaktion zu uns nach Hause gekommen. Nun saß der Überrest, dieser kleine, graue Spatz, bei uns am Tisch und schwieg. Später dann las er uns Gedichte auf Jiddisch vor. Weder ich noch meine Mutter, die in Charkow aufgewachsen ist, konnten ein einziges Wort verstehen. Ich war zwölf Jahre alt, und für mich war Jiddisch der Jargon des armen Gesindels, des Untergrunds, der Leute, die von der gebildeten Schicht abgeschnitten waren; ein Rabengekrächze, keine Sprache. Nun aber hörte ich Meir Charatz seine Gedichte lesen; was ich da hörte, klang wie der Ruf eines Adlers und da begriff ich zum ersten Mal die Bestimmung der Poesie: der Sprache Flügel zu verleihen. Dieses beflügelte Jiddisch klingt mir bis heute in den Ohren.

Mein Vater und ich
spazierten oft zusammen durch die Stadt, wobei er mir im Vorübergehen heimlich talentierte ukrainische Schriftsteller zeigte, zum Beispiel Volodimir Babljak und Roman Andrijaschik; ich starrte sie natürlich an, obwohl mein Vater mich zurechtwies. Bis heute sehe ich ihre angespannten Gesichter vor mir – sie sahen so aus, als schleppten sie eine schwere Last mit sich herum. Erst später, 1972, als ich nach Kiew umzog, ins vor Angst erstarrte Kiew, ins Kiew nach den ukrainischen Säuberungen, begriff ich, welche Lasten Babljak und Andrijaschik getragen hatten und warum sie früh gestorben waren. Außerdem lebte in der Stadt der große Ganove Choma. Ich kannte seinen jüngeren Bruder gut, ein zurückgebliebener Typ mit dem Spitznamen Bljum, ein Freund meines älteren Bruders. Einmal gab ihm der kleine Schläger Schmok aus Dummheit eins auf die Nase. Nach dem Schlag wurde ihm klar, gegen wen er da gerade die Hand erhoben hatte und er lief in die Kobyljanskaja, um sich bei Choma zu entschuldigen. Choma hörte Schmok an und streckte ihn dann gelangweilt nieder. Nachdem er das erste Mal im Knast gesessen hatte, tauschte Choma unser Städtchen gegen das solide Lemberg. Er benötigte nur ein Jahr, damit dort alles nach seiner Pfeife tanzte. Dann zog er nach Deutschland und bändigte Westberlin. Choma und Bljum waren treue Söhne. Als sie ihre erste Emigranten-Million verdient hatten, überführten sie ihren kranken Vater aus der UdSSR in die BRD, aber in achttausend Meter Höhe versagte das Herz des Alten und die Söhne nahmen am Flughafen einen Leichnam in Empfang. Bljum wurde nicht einmal vierzig Jahre alt – er starb an einem Hirntumor. Choma wurde in München von seinen eigenen Jungs abgestochen, vielleicht von Timocha, vielleicht von Tengis. So versank die ganze Familie in den Czernowitzer Mythen und Legenden. Ich erinnere mich auch an die überzeugte Nutte Fira mit dem Spitznamen „Lutschija“. Ich träumte von ihr, seit ich zwölf war. Als die Zeit kam, den Wunsch in die Tat umzusetzen, war Fira verschwunden: es hatte sie mit dem Wind der Emigration nach Haifa gefegt, zur großen Freude der dortigen Hafenarbeiter und Matrosen und sehr zum Unglück der heimischen Nutten. Fira unterbot die Preise in Haifa um ein Deutliches, worunter die Qualität ihrer Dienstleistungen aber nicht zu leiden hatte.

Meine Freunde und ich verschlangen Bücher, waren dabei aber Barbaren. Wir fühlten nicht den Boden unter den Füßen. Wussten nicht, auf welchen Goldadern wir herumtraten, auf welch unschätzbaren Ruinen wir wandelten. Natürlich waren wir keine gewöhnlichen Barbaren, denn wir hatten die russische, die amerikanische, die französische Literatur im Rücken – aber Barbarei ist das Fehlen des Gedächtnisses, des historischen, kulturellen Gedächtnisses. Uns traf dabei  keine Schuld. Man hatte uns dieses Gedächtnisses beraubt. Von Paul Celan hörte ich zum ersten Mal, als sein Name von Kiew zu uns herübergeweht wurde. Erst danach lernte ich in Czernowitz Menschen kennen, die mit Celan in der Schule waren, mit ihm befreundet gewesen waren. Ich weiß noch, wie ich 1972 dem Kiewer Dichter Mikola Baschan, der moderne Lyrik schrieb und zugleich Mitglied im Zentralkomitee der KPU war, einen Besuch abstattete – ein anderer ukrainischer Lyriker aus Czernowitz, Moise Fischbein, hatte mich zu ihm gebracht – und wie rührend, mit welch ehrfürchtigem Respekt Baschan von Czernowitz und Paul Celan sprach. Die Hauptstadt wusste mehr und verstand die Geschichte besser.

Im alten Czernowitz kreuzten sich die Kulturen
. In einem Gedicht von Pasternak heißt es: „Die Luft, von Schreien durchpflügt“. In Czernowitz war die Luft von Schreien durchpflügt, von Stöhnen und Seufzern auf Deutsch, Jiddisch, Ukrainisch, Ungarisch, Rumänisch, Polnisch, Russisch. Fotografen arbeiten mit Licht und Schatten und Komponisten mit der Abfolge von Klängen; Schriftsteller arbeiten mit der Sprache. Man benötigt nicht viel Phantasie, um sich die reiche sprachliche Kulisse von Czernowitz, seine Sprachenlandschaft vorzustellen. Ich würde sie „Brise der Lingue“ nennen. Aus dieser Polyphonie entstand die Poesie. Die Hauptstädte legen die klassischen Normen fest, bestimmen die Standards. Die Provinz indes ist die Hauptstadt der Moderne. Weil im Hinterland die belesene Jugend ihr Blut poliert. Und was bleibt ihr anderes übrig, als die Abweichung, der Stilbruch, die Kurvatur, die dem Jugendstil zu eigen ist? Die Kurvatur der Gesimse und Dächer kann die empfindsame Jugend weit vom Weg ab führen. Bei Heine findet man diesen Gedanken: „Die Epochen des Sonnenuntergangs gebären den Subjektivismus.“ Das ist wohl abwertend gemeint. Für mich ist dieser Gedanke dagegen einfach eine Diagnose. Wenn um einen herum alles in sich zusammenfällt – die Imperien, die Kanons, die Namen – auf wen kann man sich da noch verlassen, wenn nicht auf sich selbst? So wird man „subjektiv“, arbeitet mit dem eigenen Ich, bricht eigenmächtig die Realität, da man vom „Subjektivismus“ angefüllt, geschwängert ist.

Von den Czernowitzer Autoren steht mir Gregor, oder besser: Grischa nahe. Ich wage nicht zu sagen, dass er mir literarisch nahe steht – er ist Prosaist, kein Lyriker. Sein offizieller Name ist Gregor, obwohl er sich bis ins Grab immer mit dem Kindernamen Grischa vorgestellt hat. Ironie des Aristokraten. Richtig hieß Grischa Gregor von Rezzori. Czernowitz nennt er in seinen Texten immer Tschernopol. Es ist der Lebensstil, in dem er mir nahesteht. Kürzlich hat mir der russische Künstler Viktor Pivovarov, der heute in Prag lebt, einen verzierten Teller mit der Aufschrift: „Fröhlicher Melancholiker“ geschenkt. Der bin ich in seinen Augen. Ich glaube, dass Gregor – Grischa – von Rezzori ein fröhlicher Melancholiker war. Er arbeitete als Journalist beim Radio – ich arbeite auch schon etwa dreißig Jahre als „Akrobat der Lüfte“ –, hat Kochrezepte verfasst, in Filmen mitgespielt – einmal mit niemand minderem als Brigitte Bardot. Er steht mir nahe in Stil und Temperament, obwohl ich natürlich nicht an ´Grischa` heranreiche. Er hat letztendlich das Leben in Italien dem in Deutschland vorgezogen; dort hat er gelebt und dort ist er gestorben. Das war seine Route – von der Fernen Terra mediterana in die Nahe Terra mediterana.

Bei Paul Celan gefallen mir die Pausen und Spielräume. Die Syntax. Seine Eltern sind in einem rumänischen Lager ums Leben gekommen, später war er selbst im KZ. Zu der Zeit ist, denke ich, sein Herz stehengeblieben. Für ihn sind die Spielräume und Pausen zwischen den Wörtern, zwischen den grammatischen Konstruktionen kein avantgardistischer Kunstgriff, sondern die Pausen zwischen den Herzschlägen. Und für noch eine Sache bin ich Celan dankbar. Er war ein unsichtbarer Dichter, ein Phantomdichter. Witebsk ist von oben bis unten mit Chagall bekleckst. In Dublin kann man keinen einzigen Schritt tun, ohne an einem Zitat von Joyce hängenzubleiben oder darüber zu stolpern. In Celans Gedichten, sogar in seinen tragischsten, hört man keinen schweren Atem. Im Unterschied zu seinen Zeitgenossen hat er keine seiner Habseligkeiten hinterlassen, keine schweren Möbel, Flecken von Schweiß oder Blut.

Czernowitz war auch die Stadt der großen Ärzte. Brafeld, Klein, Kroschkin – diese Namen hatten alle Czernowitzer im Ohr. Die Ärzte fällten ein Urteil, appellierten an Gott, an ihren Gott, Asklepios – und setzten eine Revision, eine Begnadigung durch. Wenn Brahfeld kam – die Ukrainer nannten ihn Brachfeld –, dann brüllte er meine Eltern an: „Öffnen Sie die Fenster, lassen Sie den Frost herein, sonst wird Ihr Sohn sterben!“ Und fort war er. Hinter ihm her flatterte sein hellroter Magiermantel. Niemand in der Alten oder Neuen Welt stellte eine genauere Diagnose. Unsere Magier mussten sich besonders empfindliche Antennen und Fühler wachsen lassen, denn der Gipfel des Fortschritts am Rande des Imperiums waren der Röntgenapparat und die Francke-Nadel. Wenn ich heute an die Czernowitzer Magier in ihren Atlas-Mänteln zurückdenke, dann beginne ich unwillkürlich zu glauben. Mein Glaube ist der Geruch nach Hustensaft im Kinderzimmer, die Kälte der fremden Finger unter dem Rippenbogen, sind die Abdrücke des Stethoskops am Rücken. Wie könnte ich noch Atheist sein, nachdem Brafeld, Klein, Kroschkin ihren Fuß in mein Kinderzimmer gesetzt haben?

Nicht nur Menschen werden zu Dissidenten, auch Städte können solche sein. Die Czernowitzer Architektur war im sowjetischen Imperium dissidentisch. Wer an diesen Häusern vorbeiging oder in ihnen lebte, der wurde zwangsläufig von ihrem Geist angesteckt. Die Stadt Czernowitz selbst war Dissident, und sie gab uns, ihren Bewohnern, Unterricht in Fragen der Schönheit, Freiheit und Pflicht. Außerdem ist Czernowitz ein Zitat, allerdings ein Zitat aus einer anderen Epoche. Nur sehr sorgsame Forscher können die Anführungsstriche von diesem Zitat lösen. Es stammt aus den Gedichten der großen österreichischen Dichter, die dort in der Zwischenkriegszeit gelebt haben. Man geht durch die Stadt wie auf einem Zitat. Und liest es. Die alte Stadt gibt es nicht mehr. Geblieben aber sind Satzfetzen, Wortscherben, die sich im Bewusstsein verhaftet haben und eingegangen sind in das Kulturgut des deutschen und österreichischen Lesers.

Es gibt dieses Kinderspiel
, bei dem man zur „Salzsäule“ erstarren muss. In der Zwischenkriegszeit wurden die Czernowitzer zur Salzsäule. Ihr Leben ging seinen normalen Gang, niemand erwartete oder erahnte den Holocaust. In dieser Stadt haben alle gelesen, darüber sind viele Memoiren geschrieben worden, unter anderem von Rose Ausländer. 1978, als ich nach Deutschland kam, rief meine Freundin, sie ist Lehrerin in einem deutschen Gymnasium, Rose Ausländer in Düsseldorf an und sagte: „Wir kennen uns nicht persönlich, aber ich rufe Sie an, weil ein russischer Dichter aus Czernowitz zu mir gekommen ist, und vielleicht würde es Sie interessieren, sich mit ihm zu treffen.“ Zu der Zeit hatte Rose Ausländer bereits zahlreiche Auszeichnungen bekommen, war bekannt, ein Klassiker. Sie antwortete: „Ich würde ihn gerne treffen, aber ich bin krank.“ Sie litt damals wirklich an einer schweren Form von Artritis, konnte schon nicht mehr schreiben und musste ihre Gedichte diktieren; aber ich glaube, sie hatte noch einen anderen Grund. Sie hat mal geschrieben, Czernowitz sei eine „versunkene Stadt“. Czernowitz war ihr Atlantis. Deshalb hatte sie, denke ich, Angst davor, einen Menschen zu treffen, der am Grund der versunkenen Stadt lebte und Gedichte schrieb. Ihr Atlantis war anscheinend von jemandem besiedelt worden. Und meine körperliche Gegenwart, irgendwelche Gespräche über Gedichte oder einfach die Tatsache, dass ich welche schrieb – all das hätte das kristallene Bild von der versunkenen Stadt zerstört. Sie wollte keinen Ertrunkenen treffen.

Als ich noch in Czernowitz lebte, habe ich fast nie über Czernowitz geschrieben. Kaum aber war ich in Kiew, da erkannte ich die Stadt in ihrer vollen Größe:

                       Vorwort des Autors
                                   Meine kleine Stadt! Aus deinen Schloten – kein Rauch –
                                   zogen Schwaden voll höhnischer Tränen.

Fort die Zweifel! Den Leser schreck ich nicht,
er liebt der Rasierklinge scharfen Grat.
Und würde gerne mit mir sterben
wenn bei der Lampe mir die Kehle reisst.
Ich habe Unrecht? Und wenn schon, nur
aus den Fehlern lernt man ja.
Warum so schüchtern? Unterwies mich doch
die kleine Stadt als Kind im Ungeschmack –
dass nur im Pathos ja die Schönheit liege,
und die Kunst sei dort, wo der Tod das Leben trifft.

Mein Fahrrad. Hier setz dich auf den Rahmen.
Einmal treten. Nocheinmal. Jetzt fliegen wir. Fort sind
die freundlichen Gesichter. Es pocht jetzt
in den Schläfen und die Jacke flattert mir im Rücken.
Halt dich gut fest. Irgendwas ist durchgetreten.
Nie mehr kommen wir zum Stehen.

Ein Garten flog vorbei. Ein Junge – Hosenträger
und auf den Lippen noch der Kirschbaum.
Ein Meer von Pappelflaum und doch
seh ich das Judenviertel, wie einen Kanten Brot
mit Knoblauch. Greisinnen und tausend Blicke.
Sieh genau jetzt hin. Und du verstehst, dass die Angst
im Wasser aus den Brunnen schlägt.

Reifenrauschen. Immer steiler geht’s hinab.
In der Nase kratzt der Pollenflaum.
Etwas durchfährt mich. In den Ohren klingt es
noch: „Geliebter!“ Der Wind erstickt die Tränen
und hilft mir beim Vergessen.

Schlucht der Arme. Böschungen. Fröhlich ist die Luft
die schneidet. So verletzlich. Von den Libellen
wird sie sehr klar und leicht und trägt
den Duft der Blumen. Weit weg sind
Schranken, Enge der Waggons und
Zollkontrolle. Mein Freund setzt die Mutter
in den Zug. Die letzte Mühsal nun.
Sie sind verloren.
Das Schutzblech scheppert.
Wir fliegen, Leser! Speichen. Sehnen.
Ich bin hier, bei dir. Ich nähme dich ja mit
nicht runter zwar, doch weg vom Abgrund,
wenn es nicht die Zweifel gäbe...

Czernowitz hat ein Geheimnis. Und ist zugleich geheimnisvoll. Bleiben wir erst beim Geheimnis. Es gibt Städte, die haben nicht einfach nur Glück, sie haben das Glück verdient. Ich meine die Städte, die Gott wenigstens aus den Augenwinkeln bemerkt hat. Warum aber ist er auf sie aufmerksam geworden? Die Kultur hat ihre eigene innere Logik und ihre Magnetfelder. Also, Gott hat einen flüchtigen Blick auf Czernowitz geworfen, oder vielmehr: beim flüchtigen Hinhören hat er etwas vernommen, das eine Art Geflüster war, ein Geflecht von Diphtongen und Phonemen, ein Wechsel der Sprachen; als er das hörte, sagte er sich verwundert: was für ein kleines Fleckchen, und was für eine wundersame Brise weht von dort! Eine linguistische Brise. Was aber das Geheimnisvolle betrifft, so liegt es in uns selbst. Es entwächst unserer Vorstellung, es sind die Keller und Dachböden unserer Erinnerung, und so lange sie existieren, so lange wird Czernowitz eine geheimnisvolle Stadt bleiben.

1975 habe ich über Czernowitz geschrieben: „Mein Dublin, mein Witebsk, meine kleine Stadt“. Unwillkürlich verglich ich mich mit James Joyce und mit Mark Chagall. Ich war zu sehr von mir überzeugt. Ich bin an sie nicht herangekommen. Bei weitem nicht. Czernowitz aber hat es geschafft.

Prag, 2008 Aus dem Russischen von Valerie Engler

 



Wespennest 160* Der Begriff Stiljagi  bezeichnet sowjetische Jugendliche in den fünfziger und beginnenden sechziger Jahren, die sich mit ihrem „stilvollen“, bisweilen sehr bunten Erscheinungsbild bewusst von der damals vorherrschenden Mode abgrenzten. Sie orientierten sich modisch und in ihrem Habitus am Westen  (insbesondere an den USA), womit sie auch zeigen wollten, dass sie die sowjetischen gesellschaftlichen Normen ablehnten, waren dabei aber nicht politisch aktiv. [Anm. d. Übs.]
* Als ich ein wenig darüber nachdachte, begriff ich, dass die Ukraine ihre ungeliebten Stiefkinder in die unendlichen Weiten Russlands verstoßen hatte.
Der Essay "Czernowitz: Erinnerungen eines Ertrunkenen" wurde im Wespennest Nummer 160 veröffentlicht.

Der Erzählband Czernowitz erschien in russischer Sprache im September 2012 im Verlag Meridian Czernowitz ISBN 978-966-2771-02-2 - eine deutsche Übersetzung des Buches ist in Arbeit,  dieses wird im Herbst 2017 in Wien im Verlag Der Konterfei erscheinen.

Bilderbogen Czernowitz 
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