Czernowitz, Oktober 2013: Anläßlich der Internationalen wissenschaftlichen Tagung des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e.V. (IKGS) an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Nationalen Jurij-Fedkowytsch-Universität Czernowitz erinnert Peter Rychlo, an Eugenie Schwarzwald (*4.7.1872 in Polupanowka bei Tarnopol,Galizien; †7.8.1940 in Zürich) - Pädagogin, Sozialreformerin und Frauenrechtsaktivistin und insbesondere als Pionierin in der Mädchenbildung.

Eugenie Schwarzwald 

Literarisch-publizistische Texte von im Universum ihres pädagogischen Systems

©Peter Rychlo

Eugenie Schwarzwald„Fraudoktor“ Eugenie Schwarzwald, geborene Nussbaum, eine legendäre Persönlichkeit im Wiener Bildungs- und Kulturleben des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, gehört zu interessantesten und prominentesten, aber zugleich unbekanntesten Figuren des österreichischen Schulwesens. Sie war eine geborene Pädagogin im wahrsten Sinne des Wortes, eine Reformerin des österreichschen Schulsystems, Gründerin der sog. „Schwarzwaldschen Schulanstalten“, die ein ganzes Netz von Mädchenschulen verschiedener Stufen und Ausrichtungen, darunter mit Matura und Öffentlichkeitsrecht, etliche Fortbildungskursen für Frauen, die erste Koedukationsvorschule und eine Kleinkinderschule einschlossen, wo sie ihre durchaus innovativen pädagogischen Ideen entwickeln konnte, sowie Organisatorin zahlreicher sozialer und philanthropischer Institutionen wie Gemeinschaftsküchen, Ferienkolonien, Alters- und Erholungsheime für mittellose Künstler. 
In ihren Schulanstalten unterrichteten Künstler wie Oskar Kokoschka und Adolf Loos, Musiker Egon Wellesz und Arnold Schönberg, der Literatur- und Theaterhistoriker Otto Rommel, der Jurist und Soziologe Hans Kelsen. Markante Persönlichkeiten wie Vicky Baum, Helene Weigel, Elisabeth Neumann-Viertel, Hilde Spiel, Alice Herdan-Zuckmayer, Freya von Moltke und viele andere zählten zu ihren Schülerinnen. In ihrer Wiener Wohnung in der Josefstädterstrasse 68, die von Adolf Loos eingerichtet und als Salon geführt wurde, verkehrten berühmte Wiener Politiker, Journalisten, Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler. Hier konnte man Rainer Maria Rilke, Lu Andreas-Salomé, Peter Altenberg, Egon Friedell, Egon Erwin Kisch, Carl Zuckmayer, Käthe Kollwitz, Karin Michaelis, Alexander Moissi, Karl Popper, Paul Lazarsfeld, Helmuth von Moltke u. v. a. treffen, die in ihrem kleinen, aber sehr gastfreundlichen und gemütlichen Salon keine seltenen Gäste waren.

Mit jedem muss sie in seiner Sprache reden, den Argumenten eines jeden zuvorkommen, seine kleinen Eitelkeiten ausfindig machen und schonen, sich mit seinen Interessen vergleichen, seinen vermeintlichen Ideen auseinandersetzen und ihm seine Vorbehalte abdingen. Sie muss Briefe schreiben, Ansprachen halten, telefonieren, bitten, betteln, zürnen, lachen, weinen, danken; sie muss Beschuldigungen widerlegen, Zweifler umstimmen, Nörgler aufheitern, Ehrgeizige vertrösten, Machthaber vergewaltigen oder überlisten, Vordringliche zurückweisen, Gelangweilte ermuntern; sie lebt mit dem Zifferblatt der Uhr vor Augen und ohne Zeit im Gemüt, denn sie hat keinen Tag, und sie hat keine Nacht; ihr Tun ist pausenlos.1so beschreibt Jakob Wassermann in der Wiener Zeitung „Freie Neue Presse“ vom 25. Juni 1925 den Alltag von Eugenie Schwarzwald. Bereits diese Beschreibung lässt vermuten, dass es hier um eine ungewöhnliche Persönlichkeit geht. 

Jakob Wassermann war aber nicht der einzige, den diese Frau so restlos faszinierte. Robert Musil, ein im Umgang mit anderen Leuten sehr reservierter Mensch, jedoch ein exzellenter Beobachter und scharfer Kritiker der herrschenden gesellschaftlichen Zustände, charakterisierte Eugenie Schwarzwald als „Nebeneinander von Wohltun und Sichwohltun“, das nur „durch das Nebeneinander der Überzeugungen in dieser Zeit“ ermöglicht ist. Darin sah er „das Satyrische dieser Figur“, indem er sie ironisch „Zeus von Tarnopolis“ 2 nannte. In Musils Hauptwerk, dem Fragment gebliebenen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, diente sie als Modell für die Diotima-Figur (Ermelinda Tuzzi). Karl Kraus parodierte sie in seinem grandiosen pazifistischen Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ als Hofrätin Schwarz-Gelber und Elias Canetti beschrieb sie als „Pädagogin, die einen das erste Mal beim Empfang an ihren Bauch drückte und einen so herzlich empfing, als sei man von Säuglingsjahren an ihr Schüler gewesen, als sei man durch kein Geheimnis von ihr getrennt und habe sich unzählige Male schon das Herz bei ihr ausgeschüttet“ 3 Für Canetti war sie allerdings etwas zudringlich, so dass er in seinen Erinnerungen „Das Augenspiel“ sie zugleich als eine „Schwätzerin“ attestiert.4

Eugenie Schwarzwald war aber keine Pädagogiktheoretikerin wie Jan Amos Comenius, Johann Heinrich Pestalozzi oder Adolf Disterweg. Sie hinterließ auch kein geschlossenes System von pädagogischen Ansichten, die in speziellen Studien oder Traktaten dargelegt würden. „Das besondere an ihrer Schule lässt sich schwer benennen. Ihr Programm war ihre Persönlichkeit und ihr Gespür für die Menschen, die sie um sich scharte“5, – bemerkt dazu Robert Streichel. Ihre pädagogische Auffassung gründete ausschließlich auf ihrer eigenen Praxis als langjährige, meistens illegale, Schulleiterin (da österreichische Bürokraten ihr Zürcher Doktordiplom nicht anerkennen wollten).

Eugenie Schwarzwald hat zwar eine Schule gegründet – die Leitung wurde ihr zeitlebens durch österreichische Bürokraten verwehrt. Sie hat den Grundstein für die Reformpädagogik gelegt, die von Otto Glöckel umgesetzt wurde – nicht zuletzt mit den Lehrern, die ihre Erfahrungen in der Schwarzwaldschule gesammelt haben. In der großen fünfbändigen Geschichte des österreichischen Erziehungswesens wird sie aber mit keinem Wort erwähnt.6

Von ihren pädagogischen Prinzipien und Ideen wissen wir hauptsächlich aus Zeugnissen und Erinnerungen ihrer Schülerinnen und Schüler, die mittlerweile im Dokumentationsband von Hans Deichmann „Leben mit provisorischer Genehmigung. Leben, Werk und Exil von Dr. Eugenie Schwarzwald“ (1988) und im stattlichen, reich illustrierten, von Robert Streibel herausgegebenen Band „Eugenie Schwarzwald und ihr Kreis“ (1996) gesammelt sind. Aus den dort veröffentlichten Texten erfahren wir viele Einzelheiten über die von ihren Zöglingen und Lehrkollegen über alles geliebte „Fraudoktor“. Vor kurzem erschien im Wiener „Residenz-Verlag“ unter dem Titel „Langeweile ist Gift. Das Leben der Eugenie Schwarzwald“ (2012) auch die erste umfangreiche Biographie der Reformpädagogin von Deborah Holmes.

Viel wichtiger scheinen für uns jedoch jene Quellen zu sein, wo Eugenie Schwarzwald selbst zu Wort kommt und über ihre pädagogischen Methoden und Erziehungsprinzipien nachdenkt. Zu ihnen gehören ihre publizistischen Artikeln und Essays sowie wenige biographische und belletristische Texte, in denen sie auch pädagogische Problematik berührt. Die meisten dieser Aufsätze wurden seinerzeit in verschiedenen deutschen und österreichischen Zeitungen und Zeitschriften in den 1920er und 1930er Jahren publiziert. Zu diesen Presseorganen gehören vor allem „Czernowitzer Morgenblatt“, „Neue Freie Presse“, „Wiener Allgemeine Zeitung“, „Wiener Tag“, „Neues Wiener Journal“, „Neues Wiener Tagblatt“, „Neue Zürcher Zeitung“, „Zürcher Illustrierte“, „Vossische Zeitung“, „Aus fremden Zungen“, „Frauenblatt“ u. a.
1995 wurden viele von diesen Feuilletons Eugenie Schwarzwalds unter dem Titel „Die Ochsen von Topolschitz“ von Wolf Petersen in der Reihe „Fundsachen österreichischer Literatur“ herausgegeben.7 Zusammen mit der Auswahl der Artikel von „Fraudoktor“, die Hans Deichmann in seine Dokumentation aufgenommen hat, bilden sie heute die eigentliche Textbasis für die Erforschung ihrer literarisch-publizistischen Tätigkeit.

Eugenie Schwarzwalds Interesse für die Pädagogik ist biographisch bedingt und geht auf ihre eigenen traurigen Erfahrungen mit der Schule, die sie zuerst im galizischen Dorfmilieu ihres Heimatortes Polupanowka – mit Ausnahme des 4. Volksschuljahres in Wien – , später in Mädchenlyzeum und im Lehrerinnenseminar von Czernowitz verbrachte. Offensichtlich fühlte das wissbegierige Mädchen das strenge österreichische Schulreglement als drückende Enge und spürbaren Zwang. In einem autobiographischen Artikel mit dem Titel „Die Lebensluft der alten Schule“, der in der Zeitung „Czernowitzer Morgenblatt“ vom 17. Mai 1931 veröffentlicht war, erinnert sie sich an ihre Schulzeit wie folgt:

Ich war als Kind in einer jener dumpfen, kalten, muffigen und gehässigen Schulen, wie sie zu Ende der achtziger und zu Anfang der neunziger Jahre in allen Ländern üblich waren. Da ich ein geselliges Wesen bin, war ich beim Eintritt in die Schule fest entschlossen, meine siebzig Kolleginnen und acht Lehrer glühend zu lieben. Aber das war ganz unmöglich. Sie ließen sich nicht lieben. Die Atmosphäre war mit Spannung geladen […] Außerdem langweilte ich mich geradezu frenetisch […] Je älter man wurde, desto schwerer fand man es, zur Schule zu gehen […] Die geistige Entfernung schritt von Stunde zu Stunde fort. Heimlich las man gute Bücher, statt der in der Schule empfohlenen schlechten […] Allmählich fing man an, seine geistige Nahrung unter Bank zu suchen […] Bis auf den heutigen Tag gibt es für mich keine anheimelnde Farbe als das Rosabraun der Reclam-Büchel […] Die Schule war der reinste Ausdruck der Anschauung, dass Jugend nichts sei als ein peinlicher Übergang. War man sie endlich los, so atmete man auf, wie eine Frau, die am Abend ihr Korsett ablegt […]8.

Die Frustrierung des jungen Mädchens erklärt sich dadurch, dass es Ende des 19. Jahrhunderts in Österreich (wie übrigens auch in vielen anderen europäischen Ländern) noch ganz selten öffentliche Matura für Mädchen und schon gar kein Universitätsstudium vorgesehen waren. Interessant, dass dieses Status quo sogar durch damalige prominente Mediziner „theoretisch“ begründet wurde, indem man vom „angeborenen Schwachsinn“ oder „geistigen Minderwertigkeit“ der Frau sprach. Der österreichische Psychoanalytiker, Schüler, Freund und spätere Biograph Sigmund Freuds, Fritz Wittels bezeichnete einmal das weibliche Medizinstudium als „ein ebenso operettenhaftes wie untaugliches Manöver des Weibes zur Lösung seines sexuellen Dilemmas“.Unter diesen Umständen wundert es nicht, dass Eugenie Schwarzwald nach ihren Reifeprüfungen sich für das weitere Studium an der Universität Zürich entscheidet, denn in der Schweiz durften die ausländischen Frauen bereits seit dem Ende der 1860er Jahre philosophische und seit 1890er Jahre auch medizinische Fakultäten besuchen. Dort studierte sie von 1895 bis 1900 Germanistik; Anglistik, Philosophie und Pädagogik und wurde als eine der ersten Österreicherinnen mit der Dissertation „Metapher und Gleichnis bei Berthold von Regensburg“ promoviert.

Als sie Ende 1900, nach der Absolvierung ihrer Zürcher Studien, Dr. Hermann Schwarzwald heiratete und sich in Wien niederließ, hatte sie nur einen einzigen sehnlichsten Wunsch – sie wollte unterrichten, denn in der pädagogischen Tätigkeit sah sie den richtigen Weg zur Überwindung der prekären Situation des Kindes, insbesondere des von der Gesellschaft vernachlässigten Mädchens. Sie wollte ihre eigene Mädchenschule gründen, und diese Absicht gelang es ihr bald zu verwirklichen, nachdem sie das Mädchenlyzeum von Eleonore Jeiteles am Franziskanerplatz 5 übernommen hatte. Hier konnte sie ihre hohen Vorstellungen von der pädagogischen Berufung zum ersten Mal realisieren.

Mit Recht spricht man von Erziehungskunst, nicht von Erziehungshandwerk. Ein wahrer Künstler lebt vom Unbewussten […] So weiß ein wahrer Lehrer nicht viel zu sagen, wie er es gemacht hat. Kaum, wie er zum Lehrberuf gekommen ist. Was mich betrifft, so weiß ich heute, warum ich gerade Lehrerin geworden bin und nicht lieber Schauspielerin, Sängerin, Schriftstellerin oder sonst was Freies und Luftiges. Das heißt, ich glaube es zu wissen, ich habe mir nachträglich alles zusammenkombiniert. Ich wollte eine Schule, die ich mir gewünscht hatte, wenigstens anderen verschaffen.10 Die bekannte dänische Schriftstellerin Karin Michaelis, eine der engsten und treuesten Freundinnen von Eugenie Schwarzwald, schildert Genias Motive, welche sie zu der pädagogischen Tätigkeit bewogen haben, als einen tiefen inneren Trieb, dem sie sich nicht widersetzen konnte. In ihrem Artikel „Das Mädchen aus den ukrainischen Wäldern“ (1926), der zum 25. Jahrestag der Schwarzwaldschen Schulanstalten in dänischen und österreichischen Zeitungen erschien, hebt Karin Michaelis den Kontrast zwischen dem Ekeleindruck, den die trostlosen Schuljahre bei Genja hinterließen, und jener Vision der freien und fröhlichen Schule, welche seitdem in ihren Träumen vorschwebte, hervor:

Eines war ihr klar: Schule war das Traurigste auf der Welt. Sie verkörperte den bösen Zauberer, den Sklavenhalter, den Vampir, der das Herzblut aus den Kindern sog, Kerker und Tretmühle […] und viele Elternhäuser waren leider nicht besser. Warum aber alles dies? Wo Menschen zu einem guten Zweck zusammen waren, hätte es doch lebensvoll und beglückend zugehen müssen. Nicht Schmerz und Langeweile, nur Freude müsse die Schule bringen, eine Schule, in der Unterricht Reisen in die weite Welt gliche, wo man alles so leicht lerne, ebenso leicht wie ein Lied zu singen, und im Tanz über einem Rasen zu schweben. […] Die Krone ihrer Hingabe sollte eine Schule bilden, so wunderschön, dass alte Leute, wenn sie am Stock humpelten oder in der Ofenecke hockten, noch von köstlicher Schulerinnerungen wären […] In Wien begegnete ich ihr und sah ihre Schule: die fröhliche, die Schule der Freude. Da war es, dass ich zum ersten Mal meine Kindheit zurückwünschte, um sie in dieser Schule verbracht zu haben. Da dies aber ein frommer Wunsch bleiben musste, obgleich ich oft dachte, dort nachträglich mein Abitur zu machen, schrieb ich mein Buch „Glädenskole“, die Schule der Freude, die von Genia, ihren Lehrern und Schülern handelte.11

Hier fällt wohl das wichtigste Stichwort, das E. Schwarzwalds Vorstellung von der neuen Schule charakterisiert: die Schule der Freude.

Sie ist davon überzeugt, dass der Unterricht für Kinder ein spannendes Abenteuer, ein Erlebnis sein kann, der eine Begeisterung bei ihnen erwecken soll. Am prägnantesten äußert sie ihre Gedanken dazu in einem Aufsatz unter dem Titel „Die Lebensluft der neuen Schule“, der vermutlich Ende der 1920er Jahre geschrieben wurde und unpubliziert blieb. Hier formuliert sie ihre Grundidee, die darin besteht, dass alle Kinder von Natur an genial sind, und nur unvernünftige Erziehung und untaugliche Lehrmethoden sie dann gleichgültig und stumpf machen. Alle Kinder sind ungeheuer kreativ, sie sind echte Künstler: Jeder Mensch, der mit Kindern zu tun hat, weiß, wie genial, liebens- und lebenswürdig diese Wesen sind. Umso erstaunlicher ist die Verknöcherung und Bewegungsarmut der Erwachsenen. Über diese schreckenerregende Tatsache pflegen wir uns aber keine Gedanken zu machen. Im Gegenteil: der Prozess, der da vor sich gegangen ist, wird Erziehung genannt. Und ist der Spiritus zum Teufel gegangen, so heißt das zurückbleibende Phlegma „Reife“. […] Die Schule muss versuchen, eine Künstlereigenschaft, die alle Kinder besitzen, die Vitalität, zu erwecken und zu erhalten […]12

Die wichtigste Figur für ihre „fröhliche“ Schule ist die Person des Lehrers. Von ihm hängst es ab, ob er die jungen Kinderseelen gewinnen und in ihnen den kreativen Geist erwecken kann. Um dieser Aufgabe gemäß zu werden, muss der Lehrer solche Eigenschaften haben, die ihn in den Augen der Kinder zu ihrem Verbündeten, zu ihrem Freund und Kameraden machen. Der echte Lehrer muss in sich eine Begabung entwickeln, in Kinderherzen zu lesen, ihren Neigungen entgegenzukommen, um den Prozess des Lernens leicht, fast spielerisch machen zu können. Er muss Probleme der Kinder gut verstehen und ihnen nach Möglichkeit in ihrer schwierigen Auseinandersetzung mit der Welt der Erwachsenen helfen können. Nur solch ein Lehrer wird von Kindern beliebt sein und manchmal für ihr ganzes Leben unvergesslich bleiben.

Der Lehrer muss fühlen, – entwickelt E. Schwarzwald ihren Gedanken weiter, – dass man Autorität nicht erwerben kann, dass sie etwas ist, was mit einem geboren wird. Dass Disziplinhalten nichts anderes ist als ausgezeichnet unterrichten, dass ein feierlicher Kerl niemals groß ist, dass Langeweile ein Gift ist, welches Kindern nicht einmal in kleinsten Dosen gereicht werden darf, dass Fröhlichkeit ein unentbehrliches Lebensmittel ist, dass ein freundlicher Blick für den Stoffwechsel eines Kindes mehr bedeutet als eine lange Radtour, und dass man bei jenem Lehrer am besten die Verba auf mi lernt, dessen Lächeln so schön ist, dass es die Kinder mit der Welt versöhnt.13 Einen ihrer Artikel, der am 5. April 1931 in der „Neuen Freien Presse“ publiziert wurde, benennt E. Schwarzwald programmatisch „Erziehung zum Glück“14. Die Schule soll keinesfalls eine grimmige Institution sein, welche die angeborene Heiterkeit der Kinder erstickt und ihnen Angst einflößt. Das Kind „darf sich seiner Fehler nicht schämen. Es muss wissen, dass es ein Mensch ist und dass es heiliges Menschenrecht ist, Fehler zu haben“15. Das Kind darf somit nicht auf Schritt und Tritt gescholten, es muss vielmehr für seine Leistungen, auch die bescheidensten, gelobt werden. „Am meisten Erfolg erntet bei der außerordentlichen Empfindlichkeit der Kinderseele, wer in einer Schulklasse mit Lob operiert“16 – betont sie in einem anderen Artikel. Ein einziges Lobeswort kann manchmal mehr erreichen als unzählige Tadelworte, die mit bestem erzieherischem Ziel gesprochen werden, jedoch ein gegensätzliches Resultat haben.

Unermüdlich verteidigt E. Schwarzwald Prinzipien einer „fröhlichen“ Schule, wenn sie behauptet, dass durch die dort herrschende heitere und wohlwollende Atmosphäre die Kinder in der Schule ihr eigentliches Heim finden, in dem sie sich frei fühlen können, denn das Lernen ohne Zwang und strenge Aufsicht sei für sie ein Vergnügen. „So kommt die Zeit, in der die Kinder den Sonntag als eine Fehleinrichtung betrachten und der traurigste Tag im Jahr der letzte Schultag ist.“17 E. Schwarzwalds Plädoyer für die neue Schule, in der Gewaltfreiheit, Förderung der Phantasie und Schaffenskraft der Kinder herrschen sollen, macht sie zu einer Bahnbrecherin des österreichischen Schulwesens des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts. Freie Entwicklung des Kindes oder eines jungen Menschen wird, ihrer Meinung nach, dazu beitragen, den bestehenden Generationenkonflikt leichter zu überwinden und die Lebensziele der neuen Generation bewusster zu wählen:

Die neue Schule wird der Jugend helfen, das in ihr derzeit ruhende Ideal zu erreichen. Wir können die Menschen nicht nach unserem Sinn formen. Ihr Ideal liegt in ihnen verborgen, nicht in uns. Die alte Schule wollte biegen, beschneiden, mit der Wurzel ausreißen. Neue Erziehung heißt: organischem Wachstum lauschen.18

Als Reformpädagogin bemühte sich E. Schwarzwald Kinder und Jugendliche für das weitere Leben gut aufzurüsten. Da ihre Zöglinge hauptsächlich Mädchen waren, so wollte sie ihnen auch manche praktische Fertigkeiten beibringen, die sie dann im Familienleben und im öffentlichen Verkehr ausnützen könnten. In ihren Schulanstalten realisierte sich jener Gedanke von der engen Verbindung des Unterrichts mit der praktischen Tätigkeit, der erst viel später europäische Pädagogik beschäftigen wird. Genauso neu waren ihre Ideen über die Notwendigkeit der Erziehung der Eltern, die dann ihren Kindern eine leichtere Sozialisierung in der Gesellschaft sichern sollen, wovon sie in ihrem Artikel „Wie Eltern erzogen werden“ schreibt („Neue Freie Presse“, 21. Nov. 1926)19, Mit Recht betont die Biographin von „Fraudoktor“ Deborah Holmes: Ihre Schulen sollten nicht bloß Wissen vermitteln, sondern jeden Aspekt des Lebens ihrer Schülerinnen beeinflussen, von der Kleidung über die Ernährung bis zu den Musik- und Kunstvorlieben, von der Art, wie sie ihre Freundschaften pflegten, bis zu ihren Zukunftsplänen. Sie war der Meinung, Schule sollte wie eine Familie sein, und Familien, angefangen bei ihrer eigenen engsten Umgebung, sollten sich einer gemeinschaftlichen Lebensweise öffnen.20

Noch viele wichtige pädagogische Themen ließen sich hier anschneiden, die E. Schwarzwald in ihren publizistischen Aufsätzen aufhebt – über Umgang mit Büchern, Konversation und Komplimenten, über Namen und Sprachbeherrschen, über Protektion und Briefeschreiben – dies alles würde aber den Umfang des gegebenen Vortrags sprengen. Von großem Interesse könnten auch ihre literaturkritischen Publikationen sein – hier finden sich Artikel und Essays über Hans Christian Andersen, Gottfried Keller, Karin Michaelis, Bernard Shaw, Sinclair Lewis, Arnold Schönberg, Oskar Kokoschka, Hugo Wolf, die seinerzeit „zum fixen Bestandteil im Feuilleton der Wiener Tageszeitungen“21 wurden, aber diese Arbeit wollen wir den anderen Forschern überlassen.

 

[1] Zit. nach: Leben mit provisorischer Genehmigung. Leben, Werk und Exil von Dr. Eugenie Schwarzwald (1872-1940). Eine Chronik von Hans Deichmann.—Berlin; Wien; Müllheim a. d. Ruhr: Guthmann-Petersen 1988, S. 379-371.
[2] Arno Rußegger. „Der Zeus von Tarnopolis“. Eugenie Schwarzwald als Figur in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. In: Robert Streibel (Hrsg.) Eugenie Schwarzwald und ihr Kreis. – Wien: Picus Verlag 1996, S.30.
[3] Streibel, S. 37.
[4] Zit. nach: Leben mit provisorischer Genehmigung, S. 373.
[5] Robert Streichel. Eugenie Schwarzwald – Pädagogin – Intellektuelle und Muse. In: Illustrierte Neue Welt (Wien). Oktober 1996, S.12.
[6] Ebenda, S.12.
[7] Eugenie Schwarzwald. Die Ochsen von Topolschitz. Feuilletons. – Wien: Edition Garamond 1995.
[8] Zit. nach: Leben mit provisorischer Genehmigung, S. 18.
[9] Renate Göllner. „Die Schule aber war das eigentliche Leben“. Eugenie Schwarzwald und die Mädchenbildung um 1900. In: Streibel, S.41.
[10] Zit. nach: Leben mit provisorischer Genehmigung, S. 47.
[11] Ebenda, S. 14-15.
[12] Zit. nach: Leben mit provisorischer Genehmigung, S. 47.
[13] Ebenda. S.47.
[14] Ebenda, S. 287.
[15] Zit. nach: Leben mit provisorischer Genehmigung, S. 289.
[16] Ebenda, S. 327.
[17] Ebenda, S. 48.
[18] Ebenda, S. 49.
[19] Ebenda, S. 302.
[20] Deborah Holmes. Langeweile ist Gift. Das Leben der Eugenie Schwarzwald. – Wien: Residenzverlag 2012, S. 15.
[21] Ebenda, S. 10.


Franzi Heidenreich erinnert sich im Gespräch mit Robert Streibel und Robert Neumüller an ihre Zeit in der Schwarzwaldschule in Wien 1934-1938. Eugenie Schwazrwald hatte mehrere Schulen (Herrengasse/Wallnergasse) gegründet. Weiters organisierte sie Ferienheime, diverse soziale Aktivitäten und ein Hotel am Grundlsee. Der Salon von "Fraudoktor" war ein Umschlagplatz für Ideen und Anregungen in dem unter anderem Robert Musil, Oskar Kokoschka und Adolf Loos verkehrten. Veröffentlicht am 27.05.2013 von Robert Steibel.