
Hierorts. Bleiben
Waltraud Mittich
Das ist mir ein böhmisches Dorf.
Redensart - Seine Greifbarkeit und Unbegreiflichkeit
Seite 5

Prefazio, Seite 5
Eine Dorf-Erzählung befasst sich mit dem Dorf als Ort mit bäuerlicher Lebensweise, als ländlichem Wohnort. Dies galt und gilt.
Die Erzählerin der vorliegenden Geschichten hat DAS DORF SCHON seit ihrer Kindheit als böhmisches Dorf ausgelegt. Auch das im Folgenden Erzählte ist, möglicherweise auch wegen seines slawischen Einschlags, ein böhmisches.
Der Brand Europas im Jahr 1618 – der 30-Jährige Krieg – bricht sich nach dem Prager Fenstersturz in den böhmischen Dörfern seine Bahn. Dörfer sind meist weg von den großen Zentren, aber oft waren sie Brennpunkte, sie sind es noch immer.
Das Dorf Tobla als böhmisches ist in den folgenden Geschichten konkreter Wohnsitz der beschriebenen Familie. Sie ist eine Konstante des Dorfes. Ihre Aufgabe ist es, dies zu sein.
Im Verständnis der Erzählerin sind alle Dörfer böhmische Dörfer, von Fremden zwar nicht besitz- aber besetzbar.

Aus dem Roman Hierorts. Bleiben - Waltraud Mittich
Seite 69 - 75: CZERNOWITZ
Davon, was geschah im darauf folgenden Jahr, im Jahr 1860, ist nicht viel bekannt. Dass er reiste, der Schneiderhuter, ist überliefert in den Familienchroniken. Dass er ein ganzes Jahr wegblieb, auch. Wo genau er sich aufhielt, darüber herrscht Unsicherheit. Überliefert ist, dass das Huterei-Geschäft in den Außenbezirken der Monarchie viel Geld brachte, neue Parzellen konnten später erworben werden.
Dass er weit herum kam in der Monarchie, belegt ein Brief aus Czernowitz. Die Stadt in der Bukowina wurde im Jahr 1774 von österreichischen Truppen besetzt, bis dahin bestand sie nur aus 200 armseligen Holzhütten, sie hatte die Funktion einer Maut- und Raststation. Die Habsburger betrieben eifrig Einwanderungspolitik, um das weite Land für die Monarchie verfügbar zu machen, auch nach Czernowitz kamen viele Deutsche, Armenier und Ungarn ebenfalls, vor allem aber siedelten sich Juden an. Schon im 18. Jahrhundert gab es in Czernowitz Gaststätten, Hotels, Geschäfte und die ersten Schulen. Im Jahr 1860, als der Schneiderhuter die Stadt aufsuchte, zählte sie bereits 22.000 Einwohner.

Aus einem Brief, der zum Teil brüchig, also unleserlich ist – im Folgenden handelt es sich um eine Rekonstruktion des Geschriebenen.
„Liebe Frau, liebe Kinder, liebe alle in Tobla!
„... ihr könnt euch nicht vorstellen, was ich hier in Czernowitz sehe, höre, esse. ... Wahrsager in Begleitung von Zwergen und kleinen Affen spazieren durch die Stadt, Astrologen, das sind Sterndeuter, wollen dir deine Zukunft voraussagen, an jeder Ecke sitzen Briefschreiber, die ihre Dienste anbieten, denn die meisten hier können weder lesen noch schreiben, sogenannte Doktoren bieten in den Hintergassen ihre Dienste an, Alchimisten preisen sich an, das sind solche, die versprechen, dass sie z.B. Eisen zu Gold machen können und den Menschen so das Geld aus den Taschen ziehen, es gibt sehr viele Bettler, auch Lumpen und Gauner, die es auf deine Geldtasche abgesehen haben, ich habe mein Geld in die Socke eingenäht. Hier ist es Frühling, bei euch auch in Tobla? ... manchmal habe ich große Lust auf Knödel ... Apfelbäume blühen ... sie haben anscheinend gutes Klima für Obst hier, ich esse oft Kompott, damit ich gesund bleibe, ja, oft habe ich Durchfall, es ist das Wasser, glaube ich, es ist nicht so sauber wie in Tobla ... sie tanzen ausgelassen hier und feiern gern, ja liebe Anna, die Frauen hier sind ganz anders, nicht wie du mager, viele sind dick, ich weiß gar nicht, ob mir das gefällt ... es gibt Buchenwälder und es wachsen Melonen ... ich fühle mich fremd hier und unfrei, weil ich nichts kenne, nichts weiß von ihnen ...

Auf welchen Wegen er gereist ist, der Schneiderhuter, ist nicht bekannt. Dass sie gefährlich waren, wissen die Historiker. Haben geforscht zum Geleitwesen, die Reisenden und ihre Gefährte mussten geschützt werden während ihrer Fahrten. Es gab gesetzliche Bestimmungen, wieviel jeder Reisende zu bezahlen hatte an den Beschützer, der seine Sicherheit gewährleistete. Auch die Kaufleute mussten zahlen für ihre und die Sicherheit ihrer Waren. Auf den Straßen trieb sich viel Gesindel herum, die Straße war der Lebensraum von Menschen, Männern, Frauen und Kindern ohne festen Wohnsitz, Vaganten eben, die oft auch notgedrungen Deliquenten waren. Die Wandernden setzten sich zusammen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen, Soldaten, die ihren Brotberuf nicht ausüben konnten, weil kein Krieg stattfand, Hausierer, die in ihren Kraxen Waren trugen, um sie zu verkaufen, reisende Musiker, Theatergruppen, Pilger, wandernde Gesellen, Scherenschleifer, Kesselflicker, ein buntes Volk, welches das Gewerbe des Überlebens lernte und ausübte, auch die Kinder, die geboren wurden, erlernten schnell diese Ökonomie des Überlebens auf der Straße. Vielleicht waren die Vagierer die ersten Arbeitsmigranten, die sich unterwegs verdingten bei Bauern, in Klöstern, als ungelernte Handwerker, für den Winter einen Platz suchend, Schlafplatz, Essplatz, menschliche Wärme, Spaß sogar und Liebe. Viel gab es zu sehen für den Michael Mittich aus Tobla, der bisher sicher und gesichert gelebt hat auf seinem Hof mit seiner Familie, geachtet und geliebt vielleicht, der aber neugierig war auf andere Leben, diese Mittichsche Gier hat ihn auf die Straßen des Reiches hinausgetrieben, in Nachtquartiere, die weder sauber noch sicher waren, Schauermärchen wird man ihm erzählt haben von abgelegenen Mörderwirtshäusern, gegruselt wird er sich haben, dreimal geschluckt wegen der Atemnot, die ihn überfiel, wenn er Angst hatte, aber weiter hat sie ihn getrieben, die Neugier, eigentlich, das glaubt die im Jetzt Schreibende, wollte er nie wieder zurück ins hausgemachte Nest. Und den Geleitschutz bräuchte es immer noch auf vielen Straßen der Welt, die Straße als Überlebensraum, noch immer könnte sich der Schneiderhuter verwundert die Augen reiben über den Lebenskampf, wie er es sicher getan hat beim Anblick von Armut, Not und Dreck und Tod auf den Straßen des Reiches und es sicher täte, die Straßen sehend unseres Planeten in ihrem Jetztzustand. Der Zurückgekommene wird den kühlen Wind auf seinen Feldern umarmt haben, im jetzigen, neuen Wissen, dass die Ähren überall hoch stehen, wenn das Wetter mitspielt, die Anna mit schmalen Augen und Lippen anschauend wie eine Fremde.

An Anna denke ich nicht gerne, weil das Leidtun eine umstrittene moralische Haltung ist, sie war ihm ergeben, dem feschen und gescheiten Mann, seinen Antrieb verstand sie nicht, da die Gier nach Neuem und das Suchen ihr wohl nicht eingeschrieben waren. Möglicherweise ist es gerade in diesem Zusammenhang notwendig, diese Neugier zu dekonstruieren, sie nicht als Wissensdurst oder Flucht aus der Enge zu denken, sondern als das Warten überhaupt, als Zustand des Seins. Und deshalb fällt mir das Fresko ein, das einen Pilger zeigt, auch ein Vagant, auch ein Ehemann, vielleicht heißt er Alexius, der weiß genau beim Abschied, dass er nicht wiederkommen wird und will; betreten aber nicht schuldbewusst sein Gesichtsausdruck, in einer beinah lauernden Wartehaltung. Lauernd warten darauf, was ansteht. Und wenn diese Antriebskräfte nicht übereinstimmen bei zwei Menschen, wird die lang andauernde Nähe zur Qual.

Die im Jetzt Schreibende aber ist diesem Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater nah, durch den Übergangsort wandernd, die spätere Conca, schlendernd, im August beim Stelldichein sieht sie den Mann deutlicher. Ein Mittich, ja, groß, schlank und kantig, breitspurig dastehend, weit ausholend beim Gehen, ein Mittich mit leichten, hellblauen Silberblick, der Verlegenheit nicht nur vortäuscht, die breiten Schultern in Loden gepackt, es scheint, als friere er, immer wieder laut Luft holend als der Asthmatiker, der er war, die Ähren streichelnd im Vorübergehen. Mit seinen Augen sprach er zu ihr. Augenzwinkernd. Er sagte: der Himmel ist heute kostbar. Sie war unbescheiden genug, um doch augenzwinkernd zu fragen: Weil ich bei dir bin, der Himmel ist hier wie ein Spiegel, sagte er. Auf dich habe ich gewartet. Du spiegelst mich. Das verstand sie, dass auch über ihm das Himmelsgewölbe eingestürzt war, – in Czernowitz in dem einzigen Frühling. Zurück gekommen war er wohl nach Tobla, mit im Gepäck das Wissen, dass das Wichtige und Schöne, das wunderbar Aufregende in seinem Leben – in der Bukowina war das Himmelsgewölbe eingestürzt über ihm im weiten Land. Verursacht nicht durch die Frau, die unter ihm lag, es war das Land, das sich ihm zeigte, er, verwundert über so viel Farbigkeit begriff, wie eng es sich lebte in Tobla und dass er seiner Gier nach Neuem, seiner Lust auf einen unerwarteten Wind zu spät nachgegeben hatte, es traf ihn wie ein Schlaf, er verstand, nie würde er sich sein bisheriges Leben verzeihen, nicht der Anna, nicht dem Dorf, das Einzige, das weiterhin zählen würde, wären die zu kaufenden Parzellen und das, was er leisten könnte, um das Dorf weiter zu bringen und seine Menschen, das Andere, den Rest, würde er bloß ertragen, mehr nicht.

Sie sah in lange an, forschend, er ließ es sich gefallen, auch du, fragte sie ihn mit den Augen, das falsche Leben im richtigen, galt auch für dich nur das eine Losungswort? Ja, sagte er mit den Augen. Weiter bauen. Frei sein für sich selbst hat keine Bedeutung. Dann gingen sie auseinander wie Komplizen, die Geheimnisse teilen und schweigen.
Ziegelauer ist er in Czernowitz nicht begegnet. Einmal noch hat er ihn gesehen, in Stögen, da war der schon ein berühmter Professor, der Schneiderhuter verschwieg, dass er, Zieglauer, sein Leben umgekrempelt hat. Der Professor hat es wohl verstanden, weil er gedaucht ging, der Mittich, er war erst 60.

Die Passagen stammen aus dem 2025 im Laurin Verlag erschienenen Roman von Waltraud Mittich »Hierorts. Bleiben« Czernowitz ist für mich das verbindende Element. Ich war 2010, 2011, 2013 und 2022 in Czernowitz. Die zwischen der Erzählung gezeigten Fotos stammen aus dieser Zeit.
Igor Pomerantsev hat seine Jugend in der Bukowina verbracht und seine Lyrik und Prosatexte erzählen davon. Waltraud Mittich hat nach der Vatersuche, »Ein Russe aus Kiew«, weiter in der Familiengeschichte geforscht. Gemeinsam mit Waltraud und Igor wurde "1000" verfasst.
Waltrauds Sprachduktus folgend zog es mich 1991 in die »böhmischen Dörfern«, hinein in die slawischen Sprachen, die mir zur dritten Haut wurden. Waltraud schreibt in italienischer und deutscher Sprache. Igor in russischer und ukrainischer Sprache. Gesprochen, gefärbt vom Dialekt klingt es anders als geschrieben. Sich die Offenheit für den inwendigen Kern bewahren: das Gefühlte, es wird vom Körper anders verwertet als vom Verstand.
Prag, 22. Juli 2025, Milena Findeis

