Kindheit in Czernowitz

Igor Pomerantsev übersetzt von Petro Rychlo

Jetzt beginnt Czernowitz

"Und jetzt beginnt Czernowitz! Steht auf - wie ihr immer aufsteht, wenn man von der Liebe spricht. Diese Stadt ist aus Verschweigungen, Rauch und Geschrei gebaut. In ihren Höfen, wo die Regen weiden, türmen sich verzerrte Vogelkäfige auf und halbbehaarte Katzen reiben sich an aschernen Tauben. An ihren Mauern und Wänden sieht man blinde Fenster, von Simsen umrahmt, steinerne Andeutungen. Es schaut so aus, als ob schon alles fertig war, um einen Kubikmeter Ziegel herauszunehmen,- und da brach, plötzlich die Pest aus oder es drang auf einmal ein feindliches Heer ein, und die Stufen vergruben sich sinnlos in jene Stelle, wo eine Tür sein sollte, - so hätte ein Alchemist auf dem Sterbebett nur die Hälfte seines Geheimnisses lüften können. Czernowitz ist weggeschwemmt von seinen Querstraßen. An irgendeinem Rand, in irgendeinem Widerhall der Stadt, wo Geruch und Farbe eins sind, brechen die Pappeln durch ..."

Die Lossagung von der Vergangenheit heißt Lossagen von der Zukunft. Ich habe keine Absicht, mich von meinem jugendlichen Bravourstück loszusagen. Ich versuche lieber noch einmal Czernowitz zu beschreiben. Vielleicht gelingt's mir.

Zuerst Kukuruz-, Erdäpfel- und Erbsenfelder - ungeheuer, grenzenlos. Das ist eine Entfesselung des Raumes, eine Ausschweifung - sie gehört ebenfalls zur Stadt - und da bist du, der mit Schrecken auf die quecksilbrigen, in die Weite ausschwärmenden Burschen sieht. Und nun bist du schon tête-à-tête mit der Dürerschen Ameise, mit der Klinge des Kukuruzblattes, mit dem Zittern am ganzen Leib. Es ist geradezu mit der Ungemütlichkeit des Zwielichts im Korridor vergleichbar, wenn du deine Mutter bittest: "Mama, bleib bitte draußen vor der Tür des Klosetts, denn ich fürchte mich!" Zwei Erbsenhülsen sind in der Faust zusammengepresst! - süßliche Milchtränen. All das wiederholt sich noch tausendmal - auf dem Straßenpflaster - nur das orange ärmellose Trikothemd des älteren Bruders huscht vorüber; er flieht mit seinen Altersgenossen weg von dir, sie sind, stärker und standhafter, sie lassen dich im Stich, allein, mit Schmerzen in der Milz, mit feuchten salzenen Wimpern (...)

Czernowitz Weintrauben

Meine grüne Weintraub- und Kümmelkindheit im Schatten der Großväter (später habe ich das kapiert: nur einer von ihnen sei mein Großvater, alle anderen waren seine Brüder); ich kann mich in meiner frühen Kindheit an keinen Winter erinnern; ich schaue mich um und sehe den ewigen Juli, die Luft, die von den angeschwollenen Äpfeln rinnt, die bis zum Schwindel kitzelt. Mein erstes dreirädriges Fahrrad. Ich fahr es, bis meine Knie das Kinn berühren. Dann auf einmal - ein größeres Fahrzeug, ein "Orljonok", meine Sandalen reichen kaum bis zu den Fußhebeln. (...)

Auf den unsichtbaren Speichen erschließe ich mir Viertel nach Viertel, und von den Reifen meines Rades fliegen scharfe Mistspäne der Vorstadt auf das Stadtpflaster des eleganten Marktzentrums. Was für Typen sind hier zu sehen: Bucklige; Wahnsinnige; gleich Ostereiern bemalte Bauern; Juden - jeder Mann schaut wie Kafka aus, jede alte Frau ist die Ewigkeit selbst. All das zieht vorbei, es pfeift nur hinter den Ellenbogen. Auf meinem Fahrrad mit versagender Bremse spule ich nicht nur Kilometer, sondern Jahre ab. Wie sonderbar: man spricht ringsum deutsch und rumänisch, und ich verstehe alles. Ich kenne diesen Jungen und dieses Mädchen, dem er zuruft: "Ame!" Er heißt Paul Antschel. Als Erwachsener wird er seinen Namen auf Celan ändern, und in literarischen Enzyklopädien, nach seinen Lebensdaten, wird stehen: "bedeutender österreichischer Dichter". Bis dahin sitzen wir zu dritt am Ufer des Pruth. Unter den brennenden Kieseln finden wir eine Sandoase. Der Sand rieselt durch die Finger. Das Wasser ist kalt. Du gehst auf Zehenspitzen, du strebst nach oben - der Eisgürtel darf nicht die Taille umschlingen. Dann tauchst du plötzlich ein. "Jungens! Schwimmt nicht weit" - das ist die Stimme von Ame.

Ende Mai 1972. Wir sitzen in der Küche - nur dort sind noch einige Hocker geblieben. Alles ist zusammengepackt, die Koffer zusammengebunden, Reisetaschen mit kleinen Spielzeugschlüsseln verschlossen. Ich glaube auf dem Bahnsteig ein Schluchzen zu vernehmen und ersticke selber vor Tränen unter einer stillen jüdischen Melodie. Das Reich der Finsternis. Das Reich des Lichts. Wohin aber vor sich selbst fliehen. Wie Paul Celan in die Seine stürzen?
Eine Frau mit jungem Gesicht und grauen Haaren sagt: "Er war ein schöner Junge. Er war schön früh und abends, im Gymnasium, in der Bibliothek .."
Czernowitz KaffeeWir trinken einen kalt gewordenen Kaffee. Amalia fragt mich:
"Wollen Sie Pauls Gedichte übersetzen?"
"Nein", - antwortete ich und spüre, dass ich noch etwas hinzufügen soll, etwas erklären muss. Doch vieles ist mir selbst nicht klar, ich kann mir selbst nicht deutlich antworten, wenn ich zu dieser Frau gekommen bin, wozu ich diese kalte Brühe in mich hineingieße und will nicht, will nicht weitergehen. Ich kehre ins Czernowitz der Vorkriegszeit zurück. Mache einen Abstecher zum Markt, lächele den Huzulinnen mit reinen gesteiften Schürzen entgegen, koste vom blendend weißen Topfen - er taut auf der Zunge wie Schnee. Ich lasse keinen Keller aus, auf dessen Tür eine Weintraube gemalt ist, trinke aus hölzernen Krügen. Wie dreht sich der Himmel über mir! Wie trunken ist diese Luft! (...)

 

Geschrieben 1975, Igor Pomerantsev - erschienen in
EUROPA ERLESEN CZERNOWITZ
Herausgegeben von Peter Rychlo
Wieser Verlag

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Kreuzung

10.8.2020 Wandernd in mich hineingehen, der Weg findet sich. Einen Blumenstrauß für Milena Jesenská pflücken, in ihrer Essaysammlung "Křižovatky" (Kreuzung) fand und finde ich immer noch - die Impulse um in die eigene Spur zu kommen. Die Bilder von Ana Schönsteiner, wegweisend.

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Milena Jesenska
Veröffentlicht in Svět práce, 1. Dezember 1933, ins Deutsche übersetzt von Eva Hoffmann