Czernowitz: Wo sich unsere Gedanken kreuzen

2025 hat Christian Hinderer seine Aufzeichnungen für den Zeitzug zur Verfügung gestellt. 2026 ist er zum neunten Mal in Czernowitz, das war Anlass für dieses per Mail geführte Gespräch mit Milena Findeis. Gemeinsame Bekannte aus Czernowitz sind der Fotograf Maxym Kozmenko und Sergij Osatschuk.
Von 2001 bis 2026 war Christian Hinderer neunmal in Czernowitz
Der erste Kontakt erfolgte per Mail im August 2024, es ging um Czernowitz. Daraus entstand ein reger Gedankenaustausch über Mails mitunter auch Telefonate. Austausch über Autoren wie Paul Celan, Rose Ausländer, Martin Pollack und gemeinsame Bekannte wie Petro Rychlo. Persönlich sind wir einander nie begegnet.
Milena Findeis: Wenn du auf dieses Vierteljahrhundert deiner Reisen nach Czernowitz zurückblickst – angefangen bei der ersten Reise 2001 zum Rose-Ausländer-Jubiläum mit Ralph Giordano – was ist das, was dich bis heute immer wieder in die Bukowina zieht?
Christian Hinderer: Es begann mit der Dichtung, mit den Versen Rose Ausländers, einer organisierten Reise zu den Moldauklöstern im Jahr 2000 und einer ersten Fahrt nach Czernowitz 2001. Die Literatur wurde zur Brücke zu den Menschen: Die Führungen mit Maria Ivanytska, die Selma-Meerbaum-Performance 2003 in der PH Ludwigsburg mit Petro Rychlo und der Gastdozentin Oxana Matiychuk oder die Graphiken von Oleg Ljubkiwski, deren Bestand ich kurzerhand komplett erwarb. Wenn man eine Weltkriegs-Spurensuche in der Gegend zwischen Shytomir und Kyjiw, unweit des jetzt wieder von russischen Kriegsverbrechen heimgesuchten Irpin abschließt und Bücherwelten wachsen sieht, wird Czernowitz vom geografischen Punkt zu einer Heimat des Geistes.
„Du bist verantwortlich für das, was du dir vertraut gemacht hast“ – das Antoine-de-Saint-Exupéry-Zitat, das du deinen Notizen voranstellst, kann das als deine Motivation zu diesen neun Reisen innerhalb der letzten 25 Jahre nach Czernowitz gesehen werden? Du bist nicht nur in friedlichen Zeiten gereist, sondern hast die Brücken gerade in Krisenzeiten aufrechterhalten: während der Pandemie und seit dem Beginn des Krieges 2022.
Das Fundament ist das Vertrauen, das in den Begegnungen gewachsen ist. Unvergessen bleibt, wie Oxana Matiychuk im August 2021 nach Heilbronn kam, um vier Seiten Rose-Ausländer- Handschriften entgegenzunehmen, und mir tags darauf (an meinem 80. Geburtstag)in meiner Küche einen Borschtsch kochte. Als der Februar 2022 alles erschütterte, hielten wir intensiv Kontakt. Im Herbst 2022 fuhren meine Schwester Maria und ich trotz der Ungewissheit über Suceava nach Czernowitz – wir wollten die ermutigenden Signale unserer Freunde vor Ort nicht unbeantwortet lassen. In Krisenzeiten reist man nicht als Tourist, sondern als Verwandter im Geiste.
Ob mit Spenden des Literaturhauses Heilbronn für das MERIDIAN-Lyrik-Treffen 2023, den Reisen mit deiner Familie 2025 oder deinen Plänen für 2026 über Chișinău – du zeigst gelebte Solidarität.
Es ist ein bescheidener Beitrag zur Horizonterweiterung meiner Landsleute. Wenn Petro Rychlo im Czernowitzer Café „Broyt un tsu Broyt“ schmunzelnd davon erzählt, wie 2001 die mitgeführten Rednerpodeste bei den Lesungen wackelten, schließt sich der Bogen über 25 Jahre. Die Geschichte der Bukowina bleibt lebendig, solange wir die menschliche Verbindung über alle Grenzen hinweg bewahren.
»Was bleibet aber, stiften die Dichter«, Hölderlin
Einer deiner Leitsätze ist von Hölderlin »Was bleibet aber, stiften die Dichter«. Du setzt das praktisch um, indem du junge Menschen in Czernowitz unterstützt.
Christian Hinderer, Olha Kravchuk, Czernowitz 2026Ich denke da beispielsweise an Olha Kravchuk. Sie wurde als Studentin der Deutschen Schiller Gesellschaft von Petro Rychlo als Patenmitglied vorgeschlagen. Die Mitgliedsbeiträge habe ich übernommen. Olha ist jedes Mal so rührend um mich besorgt, bucht mir den Shuttle und schickt mir dann die Zugangsinformationen wie Standort und Autokennzeichen. Oft organisiert sie noch andere Begegnungen oder Ausflüge. In diesem Jahr hat sie wegen Einschulung ihres Jüngsten, Semesterbeginn und weiteren Verpflichtungen wenig Zeit. Jetzt hat mir Olha angeboten, dass zwei ihrer Germanistik-Studentinnen mit mir erneut das Olga-Kobylanska Museum besuchen, und mir die Erklärungen der Museums-Guide übersetzen.
Ein Vierteljahrhundert Czernowitz für dich, du bleibst dieses Mal bis 15. September in der Bukowina. 2010 sind mir an der Peripherie noch Pferdefuhrwerke begegnet, bei meinem letzten Besuch 2022 lernte ich via Handy in einem Restaurant die Bestellung aufzugeben. An solchen Marginalen nehme ich wahr, wie rasant sich manches entwickelt hat. Wie schaut da deine Wahrnehmung zwischen dem ersten Besuch im Jahre 2001 und dem jetzigen aus?
Nun, damals, 2001, war es eine Reise in ein mir noch unbekanntes Land, zusammen mit meiner Frau, von dem wir wussten, dass in diesem Land ihr Vater im Krieg gefallen war. Wir waren wohlversorgt innerhalb einer Reisegruppe mit vorwiegend literarisch interessierten Menschen. Ein wenig Landeskunde war damals auch dabei, z.B. mit einem Ausflug nach Chotyn, an dem wir aber nicht teilnahmen. Ein paar extra Wege durch die ehemalige k.u.k. Stadt schien uns wichtiger. Was damals auch noch möglich war: Begegnung mit Zeitzeugen, z.B. Rosa Roth-Zuckermann oder Josef Burg. Einkaufen ging noch nach dem System: Ware benennen, gebracht bekommen und dann bezahlen. Mangels Sprachkenntnis also unterblieben. Geblieben sind die Blumen – und Gemüseverkäuferinnen an den Straßen. Neu sind chic gestylte Cafés und Restaurants und dito gestylte Gäste, mehr Buchläden, Nagelstudios und Hundesalons. QR-Code-Speisekarten musste ich ebenfalls wie du 2022 lesen lernen. Und natürlich meine allmählich erworbene Fähigkeit, die kyrillischen Buchstaben lesen zu können, zumindest in deren gedruckter Form.
Und jetzt, im September 2026 das Zutrauen in mich, als Reisebegleiter einer „Ersttäterin“ die Reise in die Stadt und die Schritte in der Stadt zu erleichtern. Heute dann noch, Momente menschlicher Wärme mit einer mit ihrem Sohn aus Cherson Geflüchteten, die jetzt hier als Krankenschwester arbeitet und wo der Kontakt beim Begegnungsabend im Mai entstanden ist.
„Der Zufall ist der Regisseur des Lebens.“
Kurz nachdem ich Christians Zustimmung zur Veröffentlichung erhalten hatte, sendet er mir das Foto, es zeigt ihn mit Sergij Osatschuk, mit dem ich letztes Jahr einen Spaziergang durch Prag machte und darunter stand: »Das glaubst du nicht? Viele Grüße nach Prag, at this moment!«
Noch etwas teilen Christian und ich: einen »ukrainischen« Haarschnitt. Er lässt sich die Haare in Czernowitz schneiden, ich habe gestern, in dem Prager Stadtteil in dem ich lebe, einen neuen Friseurladen entdeckt, die Inhaberin eine Ukrainerin.
Schnappschuss mit Christians Handy, auf den Auslöser gedrückt hat Natalja, Chefin im "Broyt un tsu Broyt".
Prag, 11. September 2026, Milena Findeis


