Literatur im Exil und Lyrik in Kriegszeiten

1 802988648 1520533166777671 5067945981107087639 nKonstantin Kaiser, Foto Maxym Kozmenko

Konstantin Kaiser

Neben seiner analytischen und wissenschaftlichen Tätigkeit ist Konstantin Kaiser (* 2. Juli 1947 in Innsbruck) freier Schriftsteller und Dichter. Seine Texte sind eine tiefschürfende Auseinandersetzung mit Entfremdung, Exilerfahrungen und gesellschaftlicher Macht in Krisenzeiten.

Konstantin Kaiser beim Literaturfestival Meridian Czernowitz 2026

Anlässlich seiner Teilnahme am Literaturfestival Meridian Czernowitz äußerte sich der österreichische Schriftsteller und Exilforscher Konstantin Kaiser in einem Gespräch zu den Eigenheiten der bukowinischen Literatur, der gesellschaftlichen Aufgabe der Lyrik sowie zu den historischen Prägungen Österreichs im Kontext des Ukraine-Krieges.

 

 

Verteidigung der Sprache in der Bukowina und im Exil

1 Ausgedehnte Gegenwart 499x671.2026 171615Kaiser betonte zunächst die Bedeutung der bukowinischen Literatur, repräsentiert durch prägende Figuren wie Rosa Ausländer, Paul Celan, aber auch weniger bekannte Autoren wie Leo Katz. Ein zentrales Charakteristikum der Czernowitzer Schriftsteller sei nicht das sprachliche Experiment gewesen, sondern vielmehr die Verteidigung ihrer einzigartigen deutschen Sprache. Die Bewahrung dieser Sprache stand im Vordergrund, ähnlich wie bei österreichischen Exilanten nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, die ihre Sprache vor äußeren Bedrohungen schützen mussten.

Kaiser wies darauf hin, dass die sprachliche Innovation oft aus der Notwendigkeit des Exils erwuchs. Rosa Ausländer, die in den USA vorübergehend auf Englisch schrieb, kehrte in den 1960er Jahren zu einem syntaktisch stark veränderten, „reinen“ Deutsch zurück. Auch Paul Celan habe diesen Weg gewählt und eine Syntax-dominierte Form der Lyrik entwickelt.

Die Verantwortung des Dichters

Einen Schwerpunkt des Gesprächs bildete die gesellschaftliche und politische Pflicht von Schreibenden. Für Kaiser besteht die Hauptaufgabe von Autorinnen und Autoren darin, aufmerksam zu beobachten und durch ihre Werke den Lesern die Augen zu öffnen. Scharf kritisierte er Schriftsteller, die „den Kopf in den Sand stecken“ und die Realität ignorieren – darunter auch österreichische Autoren, die mit linkspopulistischen Positionen (beispielsweise im Stil von Sahra Wagenknecht) sympathisieren. Wer sich der Beobachtung der Welt entziehe, verwirke seinen Status als Dichter, ein Gedanke, den er auch bei dem ukrainischen Autor Serhij Zhadan treffend formuliert sehe.

Kaiser selbst verarbeitet die geopolitische Realität, insbesondere den Krieg in der Ukraine, intensiv in seiner Lyrik.

Wer nicht Schwarz-Weiß sah
nach Kvar Aza Butscha
Irpin Isjum und Kachowka
und nicht glauben wollte an
Folterkeller in Cherson
und nicht an die Toten von Kramatorsk
sah gar nichts mehr stolperte
blind in die nächste verfügbare Falle

Konstantin Kaiser, "Ausgedehnte Gegenwart"

Sein Kriegs-Gedichtzyklus, der von Halyna Petrosaniak ins Ukrainische übersetzt wurde, zeugt von dieser Auseinandersetzung. Im Gegensatz dazu bemängelte er die Haltung vieler ins Exil gegangener russischer Dichter: Diese seien oft primär mit der eigenen inneren Emigration beschäftigt und täten sich schwer damit, sich von den imperialen Illusionen der „großen russischen Kultur“ zu lösen.

Die Schwierigkeit der Rückkehr in den Kanon

Ein weiteres Thema war die Marginalisierung von Exilautoren. Kaiser erklärte, dass es für Exilanten äußerst schwer sei, jemals wieder Teil des zentralen nationalen Kanons zu werden. Rosa Ausländer sei zeitlebens eine Außenseiterin geblieben. Auch Theodor Kramer, den Kaiser als herausragenden österreichischen Sozialdichter würdigte, sei vierzig Jahre lang fast völlig vergessen gewesen. Aus genau diesem Grund habe Kaiser das „Lexikon der österreichischen Exilliteratur“ mit über 700 Einträgen mitbegründet, um der Verdrängung dieser Vielfalt entgegenzuwirken. Dennoch ist er mit den bisherigen Ergebnissen der Aufarbeitung noch lange nicht zufrieden.

Österreichs imperiales Erbe und der Blick auf die Ukraine

Abschließend zog Kaiser eine Verbindung zwischen der historischen Identität Österreichs und dem heutigen Blick auf die Ukraine. Obwohl Österreich den russischen Angriffskrieg offiziell verurteile, fehle in der Bevölkerung oft das Verständnis für den existenziellen Kampf der Ukraine um Freiheit, Demokratie und Würde. Kaiser führte diese Ignoranz auf das imperiale Erbe der Habsburgerzeit zurück: Historisch bedingt existiere in Österreich oft eine Arroganz gegenüber den nationalen Bestrebungen kleinerer Staaten, während gleichzeitig eine unreflektierte Faszination für „große Nationen“ wie Russland fortbestehe. Diese tief verwurzelten historischen Denkmuster seien, so Kaisers Resümee, schwer zu verändern.


Dieser Artikel wurde aufgrund eines Gesprächs des ukrainischen Magazin UP vom 7.9.2026 - aus -dem Ukrainischen mit Hilfe von Google Translate übersetzt – zusammengefasst. 


Konstantin Kaiser (Foto links, Joana Radzyner, Konstantin Kaiser) bin ich bei der Präsentation des Lyrikbandes »Nichts will ich dir sagen« von Tamar Radzyner im November 2017 in Wien begegnet. 
Prag, 9.9.2026, Milena Findeis

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