"Meridian Czernowitz"

Dem 90-järigen Geburtstag von Paul Celan gewidmet: "Ich finde etwas - wie die Sprache - Immaterielles, aber Irdisches, Terrestrisches, etwas Kreisförmiges, über die beiden Pole in sich selbst Zurückkehrendes und dabei - heitererweise - sogar die Tropen. Durchkreuzendes : ich finde ... einen Meridian."

Das Buch, dass Czernowitz heisst

Igor Pomerantsev, Übersetzung: Petro Rychlo im September 2010

 

Dichter haben kollektive Gedichtsammlungen nicht gern. Jeder Dichter ist überzeugt, er sei einzig und einmalig. Manchmal machen aber sogar die egozentrischsten Dichter eine Ausnahme und erklären sich bereit, ihre Gedichte für ein kollektives Buchprojekt abzugeben. Czernowitz ist ein Buch. Gewiß. Man begann es etwa vor zweihundert Jahren zu schreiben, als in der Stadt das erste Gymnasium gegründet wurde, und seitdem schreibt man es ohne Atempause. Jeder Ort hat sein eigenes Bild. Venedig – das ist Wasser, Glas und eine Menge Filmstars. Parma ist Schinken. Und Czernowitz ist ein Buch. Es hat mehrere Stimmen, und es wird in mehreren Sprachen geschrieben. Alljährlich findet im September  in Venedig ein Filmfestival statt und in Parma ein Schinkenfestival statt. Ab September 2010 wird in Czernowitz alljährlich ein poetisches Festival stattfinden. In die kleine Anthologie, die Sie in ihren Händen halten, sind Gedichte von jenen Autoren aufgenommen, die zu diesem Festival eingeladen sind. Falls die Festivaltradition nicht versiegt, so wird das Erste Festival als historisch gelten.

Dichtung – das sind Variationen zum Thema Sprache. Oder Improvisationen zum demselben Thema. Übersetzungen fremdsprachiger Gedichte rufen beim Leser am häufigsten ein Gefühl der Verlegenheit, ja gar des Befremdens hervor. Das Gefühl täuscht nicht. Wenn man Poesie zusammen mit dem Sprachfleisch herausreißt und einer anderen Vorschrift unterordnet, stirbt sie. Jede nationale Poesie besitzt eigene Codes und Parole. Sie werden jahrhunderte-, ja jahrtausendelang hinter sieben Siegeln aufbewahrt. Ein deutscher und ein ukrainischer Leser erlebt dasselbe Glück, indem er kunstfertige Gedichte liest, doch ist dieses Glück unübertragbar oder besser gesagt unübersetzbar. Ich glaube zu wissen, worin das Geheimnis der deutschen Dichtung besteht: sie erkämpft sich störrisch ihre Freiheit bei der deutschen Grammatik. Und worin besteht der Sinn der ukrainischen Dichtung? Es ist ein höchst tragischer Sinn: die ukrainische Sprache hat dank ihrer Dichtung überlebt, hat in der Dichtung überlebt. Bei Angelsachsen spielt sich ein anderes Drama ab: ein jahrhundertlanger Kampf zwischen den angelsächsisch-germanischen Wurzeln einerseits und den lateinischen Wortstämmen – andererseits. Beim besten Willen kann man es in der Übersetzung nicht wiedergeben. Daher sind die Übersetzer den Helden altgriechischer Tragödien ähnlich: sie sind dem Untergang geweiht, doch sie kämpfen gegen ihr Fatum, gegen ihr Schicksal weiter. Dieser Kampf wird manchmal so faszinierend, dass es einfach berauschend ist, ihn zu verfolgen und mitzuerleben.