Residenz Tagebuch Meridian Czernowitz 2013

11.10. Ankommen

CzernowitzEin langer Tag, morgens um 7 Uhr Richtung Flughafen Prag aufgebrochen. Nieselregen. Bei dichtem Nebel hebt die Maschine Richtung Warschau pünktlich ab. Nach drei Jahren wieder einmal geflogen. Hatte schon am Vortag übers Internet eingecheckt. Einen Koffer aufgegeben. Eine neue Boarding Karte erhalten. 1. Kontrollpunkt: Pass und Ticket werden geprüft. 2. Kontrollpunkt: Sicherheitscheck. Trage keinen Schmuck, keine Uhr, keinen Gürtel, die Schlüssel habe ich zu Hause gelassen: trotzdem das Signal. Der Reißverschluss der Schuhe. Beim nächsten Flug trete ich barfuß an.

Kurz vor Warschau lichtet sich der Nebel. Ab in den Bus und auf zur nächsten Passkontrolle, durchgeführt von einer polnischen Polizistin. Für den Weiterflug nach Lemberg vier Menschen, die im Rollstuhl ins Flugzeug gebracht werden. Es geht mit dem Bus aufs Rollfeld, im nachhinein kam mir die Busfahrt beinahe länger vor als der Flug. Vorbei am alten Flughafen, der mir noch aus dem Jahre 2010 in Erinnerung ist. Damals war es noch erforderlich, ein Formular betreffend den Zweck der Reise auszufüllen. Der neue Flughafen geräumig, groß, leer. Es staut sich bei der Passkontrolle am Ankunftsflughafen Lviv.

Eine Dame, hinter mir, die meinen österreichischen Pass erkennt, weist mich darauf hin, dass ich damit am Diplomatenschalter einchecken kann. Sie hatte recht. Die ukrainische Polizistin schaut mich prüfend, winkt mich durch. Den Taxifahrer frage ich im vorhinein wieviel er für die Fahrt zum Bahnhof berechnen wird. 70 Hrywni , stimme zu. Er versteht was ich auf Tschechisch sage und ich so einigermaßen was er auf Ukrainisch spricht.

Überall gelbes Herbstlaub. Nehme die Kamera aus der Tasche,  - die neu gekaufte Speicherkarte ist verloren gegangen, die Batterie leer. Keine Fotos heute. Würde es etwas verbessern, wenn ich mich ärgern würde? Sauge die Bilder ein. Blätterhaufen in regelmäßigen Abständen entlang der Straße. Überfüllte Busse. Die Menschen mit den schwarz-weiß-karierten oder blau-weiß-karierten Plastik--Einkaufstauschen. Viele Gesichter blass, müde.

Am Lemberger Bahnhof 16 Ticketschalter. Habe einen Voucher, der in ein Ticket umzuwandeln ist. Gehe in eine Wartehalle. Will mich setzen, da kommt ein Uniformierter und fragt mich, wie lange ich bleiben will. Fürs Sitzen wäre  Entgelt zu entrichten. Entrichte 5 Hrywni. Aus dem elektronischen Fahrplan werde ich nicht schlau, die Fahrkarte ist für mich kaum entzifferbar. Gehe auf einen jungen Mann zu, der auf seinem Laptop arbeitet und frage ihn, ob ich mich mit ihm auf Englisch unterhalten kann. Leichtes Erröten seinerseits, und ein schüchternes Ja als Antwort. Als er die Fahrkarte liest ein Lächeln, ja er würde mit dem gleichen Zug fahren und ich bin erleichtert. Es ist sichergestellt, dass ich in den richtigen Zug vom richtigen Bahngleis abfahren werde. 40 Minuten vor der Abfahrt gehen wir auf Gleis 3 und bin erstaunt über die Menge, die schon wartet. Bunt gemischt. Jugendliche, modisch gekleidet. Ältere Menschen, die vom Markt kommen. Frauen mit Kopftüchern -  ähnliche trug meine Oma, wenn sie am Feld arbeitete. Männer mit Hüten, viele rauchend.

Meine Fahrkarte weist mir einen Platz im Waggon 12 an, Baghdon - der Name des hilfsbereiten Studenten, bringt mich dort hin - er hat einen Platz im Waggon 6. Warten. Sehe wie eine Frau den Waggon reinigt. Sie öffnet 20 Minuten vor Abfahrt die Tür, beim Einsteigen sind Fahrkarte und Pass vorzuweisen. Finde Sitzplatz 20 … nur es handelt sich um einen Schlafwaggon, Vierer-Kabine. Zwei Schlafplätze unten, zwei Schlafplätze - als Art Hochbett. Ich habe eine Reservierung für oben, weiß aber nicht, wie ich da einigermaßen elegant rauf kommen soll. Ein netter Student willigt ein, dass wir die Plätze tauschen. Ich unten, er oben. Der Waggon ist überheizt, das habe ich noch von Hotelzimmer im Jahre 1990 von Prag in Erinnerung.  

"Tddd Tddd" ein eigenwillig rhythmischer Takt, in dem sich der Zug, meist eher langsam als schnell bewegt. Solange es hell ist sehen sich die Augen satt an der Weite der Landschaft. Ab und an zwischen den Feldern ein einzeln angepflocktes Pferd. Manchmal auch eine Kuh. Desöfteren ist das Bellen von Hunden zu hören. Auf den Starkstrommasten Schwärme von Krähen und vor kleinen Häusern lagern große sonnengelbe Kürbisse. Der Geruch von abgebranntem Kartoffelkraut weckt Erinnerungen an die eigene Kindheit, damals an Hand der Großmutter Herbstspaziergänge entlang der abgeernteten Felder. Diese Gerüche untermalt von der Weite der Landschaft weiten das Herz, es atmet frei hier zwischen den vielen unfertigen Häusern, abgewrackten Fabrikshallen.

Ein Heimkommen in einem fremden Land, so fühlt es sich an. Es fühlt sich warm an. Alina Buchko, ein wunderbares Deutsch sprechend, wartet auf mich am Bahnhof. Führt mich zur Wohnung, die die nächsten vier Wochen mein Zuhause sein wird. Habe das Fenster geöffnet, die Luft ist lau und ich mag die Geräusche. Das Läuten des nahen Glockenturms, die Schritte der Spaziergänger auf den Pflastersteinen. Ich bin angekommen.  

13.10.  Eingesperrt

Birnen, QuittenNach dem Aufwachen dem Gedanken nachgehangen, was es mir bedeutet, das “auf dem Grund gehen”.  Die Birnen,Quitten, groß und gelb, liegen auf dem Fensterbrett Daneben der Krug aus Ton, darin Blumen - alles von Tanja - frisch  aus ihrem Garten. Bei ihr war ich gestern eingeladen. Unverhofft. Slava, ihr Sohn, hat gegrillt und sie hat in der Küche gezaubert. Selbst gemachtes Pesto. Eingelegte Pilze. Geschmorte Erdäpfel mit Quitten. Rund um das Feuer, Zhenija, die Deutsch und Wirtschaft studiert, hat übersetzt. Immer wieder eingetaucht in die stillen Zwischenräume, die sich in dem Bauerngarten gerne niederlässt.

Tanja erzählt von ihrem Schwager, der vor ihrer Heirat, auf charmante Weise ihren Intellekt prüfte. Er befragte sie zu einem Bild in einem Magazin und bat sie, dieses zu beschreiben. Sie bestand den Test.

Zhenija erzählt von der Universität.  Die Winter sind kalt und das alte Universitätsgebäude kann im Winter nicht genügend geheizt werden kann, daher ist dieses vom 1. Jänner bis 28. Februar geschlossen. Den Rest des Jahres finden Vorlesungen von Montag bis Samstag statt.

Auf der Straße spricht mich eine Frau, ihr Rücken von Alter und Krankheit gebeugt, an. Ich antworte auf Tschechisch. Ein gegenseitiges Anschauen und wir setzen beide unseren Weg fort, in entgegengesetzte Richtungen.

“Diese Stadt ist so arm”, kommentierte 2011 Hagit, eine Dichterin aus Tel Aviv. Daraus entspann sich ein Diskurs. Verglichen mit den Normen der Wohlstandsgesellschaft trifft es auf den Großteil der Bevölkerung zu. Die Bilder ähneln jener aus meiner eigenen Kindheit. Bloß ich habe mich, nur weil meine Familie, kein eigenes Haus, nur eine Zwei-Zimmer-Wohnung hatte, nicht arm gefühlt.  Viele der Begriffe entstehen erst durch das Vergleichen. Der Maßstab hierfür hat keine allgemeine Gültigkeit.  Was ist ausschlaggebend für die eigene Lebensqualität, Das mag jede/r für sich beantworten.  Was ich brauche? Nicht an jedem Gedanken so festhängen als wäre er ein Urteil.

Heute wollte ich die nähere Umgebung mit der Kamera erkunden. Die Tür ließ sich nicht öffnen. Sie klemmt. Um 18 Uhr werde ich rausgeholt. Zeit genug, um dem einen oder anderen Begriff auf den Grund zu gehen.

14.10. Straßenleben

Czernowitz FensterblickSonnig, mild gewürzt die Luft. Es zieht mich hinaus auf die Straßen. Mit ihren Pflastern, Löchern keine Komfortzone. Sie fordern Achtsamkeit. Die Busse angeleint, mit dem Stromnetz verbunden. Sie erinnern an die Kindheit. Teils wackelig, rostig, manche neu, viele vollbesetzt.

Die Straßenkehrerin, wie andächtig sie in Patschen und Trainingshosen die Straße kehrt. “Robot” - ein Wort, das ich immer wieder höre, das mich durchdringt. “Arbeit”. Die junge Kassiererin an der Kassa des MiniMarktes in hochhackigen roten Stöckelschuhen.  Kaufe Kaffee, Brot und Butter.  Warte auf das Restgeld. Anstelle eines Grußes ein Lächeln.

Am Imbiss Stand hole ich mir einen Espresso, ohne Milch, ohne Zucker. Er schmeckt kräftig, macht munter.  An den Nebentischen wird geraucht, geschwatzt.  In den Passagen, auf Plätzen überall schlafen, spielen Hunde und Katzen. Herrenlos. Sie gehören zum Stadtbild wie die Weintrauben, die sich um Balkone ranken, Durchgänge mit ihrem Blätterdach überziehen.

Gegenwärtig will ich sein, manche der vorbeiziehenden Gedanken sind rückwärts gerichtet. Gerüche, Gesichter von Menschen ziehen mich förmlich zurück in die Kindheit. Dort war nichts steril, alles war von einem staunend offenen Schauen begleitet. Das Urteilen gesellte sich erst durch die Meinungen der anderen hinzu.

Frauen in Uniformen zwischen Werbeplakaten, von weltweit auftretenden Markenprodukten. Sich nach der Umgebung, dem Nachbarn ausrichten. Sie tauchen wieder auf, diese Kindheits-Merkbilder. Dieses Mal renne ich nicht davon, lass mich nicht von ihnen überwältigen, schau ihnen mitten ins Gesicht. Damals bin ich aus dieser engmaschigen Welt geflohen, losgelassen hat sie mich nie.

Vieles spielt sich hier direkt auf der Straße ab, ohne Verkleidung. Die Frauen bieten am Straßenrand ihre Produkte an: Blumen, Obst, Gemüse, Milch, Käse. Ich darf die Birnen kosten, sie schmecken saftig und süß. Kaufe zwei Kilo.

“Durchhöfe” - gehe durch Straßentore, es öffnen sich Höfe durch die ich in die nächste Straße gelange. In manchen finden sich Gärten, andere wiederum sind Müllhalden.  Manche der Straßen sind weder gepflastert, geschweige asphaltiert.

Menschen sprechen mich an. Beispielsweise Dimitro. Er lebt 20 Kilometer außerhalb von Czernowitz, hat die letzten zehn Jahren in Spanien gearbeitet und war von 1967 bis 1969 in Prag, als Soldat der Russischen Armee. Wir gehen ein Stück gemeinsam, warte bis sein Bus kommt, winke ihm nach.

 


15., 16. 10. Medientage

Ein Fernsehteam kommt am Dienstag Abend, bleibt für eine Stunde. Mit Marek, dem Journalisten läuft die Unterhaltung in Englisch, die Kamera folgt uns. Was meine Augen staunend wahrnehmen, ist für ihn Alltag. Daraus entsteht ein Diskurs.

Der Welt von Friedensreich Hundertwasser: starke Farben und kaum eine gerade Linie - alles gewachsen, kaum etwas geplant - begegne ich in Czernowitz auf Schritt und Tritt.

Gemeinsam mit Lilia Shutiak und Alina Buchko bereiten wir uns für die Ankunft der Journalisten vor. Schlage vor einen Kreis zu bilden, um leichter miteinander ins Gespräch zu kommen. Staune über das Interesse, die Fragen. Alina Buchko übersetzt meine Antworten ins Ukrainische. Gefragt wird nach dem Czernowitz Buch von Igor Pomerantsev, das gerade von Erich Klein ins Deutsche übersetzt wird und für das ich Fotos machen werde.  Was mir an Czernowitz gefällt. Sie wundern sich über meine Antwort “Der Alltag, das Leben auf der Straße”. Sie lachen, weil ich ich sie bei ihrer Arbeit fotografiere, das ist ungewohnt für sie. Die "Revolution der Würde" lag in der Luft, knisterte, elektrisierte. Fotos von dieser Reise unter dem Link

 

 

 

 

Wir sehen uns wieder, begegnen einander vom neuen. Das innere Band hält uns zusammen.

 

 

Milena Findeis