Von Czernowitz nach Tscherniwzi und zurück

 

Das Festival “Meridian Czernowitz” erinnert an die Literaturlandschaft in der Hauptstadt der Bukowina, die heute zur Ukraine gehört 
Von Claus Löser


Feuilleton Berliner Zeitung, 17. September 2015

Noch schnell drei Widmungen in die entgegengestreckten Gedichtbände, noch zwei Selfies von Fans mit dem Dichter, bevor Jurij Andruchowytsch das Podium unter Beifall erklimmt, um dort seine Texte vorzutragen. Er ist der unbestrittene Star des Lyrikfestivals “Meridian Czernowitz” und jeden Tag irgendwo präsent. Auch Iryna Tsilyk und Serhij Zhadan sowie weitere, weniger bekannte Schriftsteller der Ukraine wurden im zentralen Kulturhaus und anderen Veranstaltungsorten von ihren Landsleuten teilweise wie Popstars gefeiert.

Diese Euphorie für Gedichte und ihre Urheber ist beneidenswert, weil hierzulande völlig unvorstellbar. Sie zeigt auch, dass das Konzept des bereits zum sechsten Mal stattfindenden Unterfangens aufgeht. "Meridian Czernowitz" hat es sich zur Aufgabe gemacht, Czernowitz zurück auf die kulturelle Landkarte Europas zu bringen. Hier lebten und wirkten einst Karl Emil Franzos, Mihai Eminescu, Leopold von Sacher-Masoch, Itzik Manger, Gregor von Rezzori, Georg Drozdowski, Aharon Appelfeld, Alfred Margul-Sperber oder Rose Ausländer.

Paul Celan ist Schutzheiliger

 

Paul Celan Literaturzentrum Czernowitz
Paul Celan Literaturzentrum, Czernowitz

Hier wurde im November 1920 Paul Antschel geboren. Er stieg später als Paul Celan zu einem der prägnantesten Schöpfer deutschsprachiger Lyrik auf. Er ist der Schutzheilige der literarischen Renaissance in seiner Geburtsstadt.

Es gibt in der westukrainischen Provinzhauptstadt heute wieder eine literarische Szene, mit der an die sich zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und 1940 entfaltenden Blütezeit angeknüpft wird. Es gibt diese Szene zumindest vier Tage lang im Jahr - wenn zahlreiche Poeten aus der Ukraine sowie aus Österreich, Rumänien, Deutschland und der Schweiz vor dem größtenteils ebenfalls von nah und fern angereisten Publikum ihre Texte vortragen.

Die mythenumrankte Stadt allerdings, zu der auch jenseits des Festivals viele Bildungsreisende, Literaturliebhaber und Familienforscher pilgern, um hier für ein paar Tage zu bleiben, gibt es nicht mehr. Der letzte große Krieg hat äußerlich in der Bukowina-Metropole kaum Verheerungen hinterlassen. Die meisten Häuser stehen noch. Sie bilden die pittoreske Kulisse einer ambivalenten Erinnerungskultur. An manchen Häusern prangen Plaketten mit Hinweisen, welche prominenten Menschen dort einst gelebt haben.

Doch die genealogische Spur ist abgerissen. Mit Beginn der 1940er-Jahre hat es in Czernowitz einen fast vollständigen Austausch der Bevölkerung gegeben. Heute heißt die Stadt Tscherniwzi und wird mehrheitlich von Ukrainern bewohnt - welche 1940 rund 20 Prozent der Einwohnerzahl stellten. Der Rest setzte sich damals aus Rumänen, Polen, Roma und Deutschen zusammen. Und Juden - Czernowitz war eine jüdisch geprägte Stadt, in der die deutsche Sprache dominierte. Dieses Kapitel ist kulturgeschichtlich immens nachhaltig, aber als gelebte Gegenwart irreversibel zu Ende. Die Gründe sind bekannt.

Während des Festivals schlugen viele Veranstaltungen eine Brücke zur Geschichte und thematisierten ihre Präsenz im Jetzt.

So ging es im Panel “Das österreichische Gestern und das ukrainische Heute” um die einstige bukowinische Kulturvielfalt und um die Frage, ob davon heute noch etwas nachwirkt. Die Journalistin und Schriftstellerin Tanja Maljartschuk warnte von einer Idealisierung der K.-und-K.-Ära. Es würden damit doch die immanent-chauvinistischen Strömungen der Habsburger Zeit ausgeblendet. Der österreichische Dichter Peter Waterhouse, der sich auch in seinen eigenen lyrischen Texten (wie Celan, über den er promovierte) mit den Schwellen von Vergessen und Erinnern beschäftigt, verwies in der Diskussion auf aktuelle Grenzen zwischen Manifestierung und Auflösung.

Die “Todesfuge” auf Hebräisch

Sprachlich grenzüberschreitend waren sämtliche Lesungen, da meist billingual auf Ukrainisch und Deutsch. Der israelische Lyriker Jonatan Berg erweiterte diesen Sprachraum auf eine neue Dimension. Vor Beginn seiner Lesung rezitierte er die “Todesfuge” auf Hebräisch. Er brachte damit Celans berühmtestes Gedicht - in der Übertragung von Shimon Sandbank - zurück an den Geburtsort des Dichters.

Einen weiteren, besonders eindrucksvollen Begriff des “Übersetzers” von einem textlichen Ufer zum anderen vermittelte die Präsentation von Paul Celans Buch “Die Niemandsrose” (1963) in ukrainischer Übersetzung. Petro Rychlo, der seit 2013 das Paul Celan Literaturzentrum Czernowitz leitet, las gemeinsam mit seinem Kollegen Mark Belorusets Auszüge wechselnd auf Deutsch, Russisch und Ukrainisch.

Petro Rychlo, dem auch die lesenswerte Anthologie “Europa erlesen - Czernowitz” (Wieser Verlag) zu verdanken ist, bildet gemeinsam mit Belorusets und dem heute in Prag lebenden Igor Pomeranzew das intellektuelle Herz des “Meridian-Czernowitz”-Festivals. Neben diesem Trio verblasste auch manch anderes zur Dekoration.

Igor Pomerantsev, Czernowitz
Igor Pomerantsev, zeitgenössischer Dichter aus Czernowitz

Keine Dekoration ist die Allgegenwart der patriotisch-militärisch aufgeheizten Atmosphäre jenseits des Festivals; schließlich bewegt sich die Ukraine derzeit auf einer ungewissen Schwelle zwischen Krieg und Frieden. Da gibt es kaum einen Gartenzaun oder Laternenpfahl, der nicht mit dem blau-gelben Nationalfahnen drapiert wäre. Auf den Plakatwänden prangen Kämpfer in Uniformen. Monitore im Hotel oder in öffentlichen Gebäuden werde mit Aufnahmen von Tumulten oder Kriegshandlungen bespielt. Kadetten sammeln im Nachtzug für die “Helden des Vaterlands.”

Unter die sonst äußerst adrett gekleideten Flaneure, die sich zum abendlichen Korso auf der früheren Herrengasse versammeln mischen sich zahlreiche Männer in Camouflage. Nicht zufällig deklamiert Lyrik-Star Zhadan ins Mikrofon: “Töte mich Bruder, ich bin wie du!”

 

©Claus Löser, geb. 1962 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). Studium an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg, Dr. phil. Seit 1990 Programmgestalter für das »BrotfabrikKino« in Berlin, freier Filmkritiker, zahlreiche Ausstellungen und Publikationen