paul-austerPaul Auster 

Auf Einladung des Prague Writers’ Festival nahm Paul Auster an den Diskussionen, Lesungen zum Thema “1968 Laughter and Forgetting” teil. Teile des am 2. Juni 2008 geführten Gespräches wurden im Kurier am 8. Juni, Kulturteil, veröffentlicht. Milena Findeis

 

MF: In der gestrigen Diskussion betreffend 1968 sagten sie „der amerikanische Kapitalismus hat alles aufgesogen, kommerziell entwertet". In Ihrem Film „Smoke“ singt Tom Waits „You are innocent when you dream“ ... sind Träume immer noch unschuldig?
 
PA: Ich habe den Text dieses Liedes nicht geschrieben, mag dieses Lied gerne. Ein Lied über Freundschaft und eine alte Liebe,  eine gestohlene Halskette. Nein ich glaube nicht mehr daran, dass unsere Träume unschuldig sind.

MF: Im Herbst kommt ihr neues Buch „Man in the Dark“ auf den Markt. Sie haben es David Grossman und  seiner Familie gewidmet. Warum?

PA: David Grossman ist ein enger Freund von mir.  Uri, sein Sohn, wurde im Libanon Krieg getötet. Wann war das nun genau? (21. August 2006). Die Zeit, wie sie rast.  Nun in diesem Buch wird ein junger Mann im Krieg getötet und ich dachte beim Schreiben  viel an David und Uri,  so gesehen ist es ihr Buch. Er ist der einzige meiner Freunde, der ein Kind im Krieg verloren hat.

MF: Steht die Geschichte  in Zusammenhang mit „60 Jahren Israel“?

PA: Nein in keiner Weise, es ist meine persönliche Beziehung zu David und seiner Familie.
 
MF: Die Wurzel Ihrer Familie stammen aus Polen, ehemaliges Galizien?
 
PA:  Meine Mutter hatte einen aus Warschau stammenden Vater und ihre Mutter  kam aus Minsk. Meine Mutter  kam nach Amerika als sie fünf Jahre alt war. Die Familie meines Vaters kam von Warschau nach Toronto, er wurde bereits in Toronto geboren (1893).  Sind hin und hergezogen und haben sich dann 1910 endgültig niedergelassen. Ein zwei Jahre jüngerer Bruder meines Vaters wurde in London geboren. Es gibt niemanden mehr, der mir erzählen könnte, wer sie waren, wo sie genau waren. Ich kenne die näheren Umstände nicht.
 
MF: Waren Sie jemals an diesen Orten?
 
PA: Nun ich war in Warschau. Vor zehn Jahren. Ein TV Journalist wollte eine Dokumentation machen: Mit mir in Stanislav, den Geburtsort meiner Großeltern väterlicherseits. Es ist nun ein Teil der Ukraine. Ich habe es nicht gemacht. Es gibt dort nichts mehr. Die Deutschen sind dort im Jahre 1942 einmarschiert, haben alle Juden getötet.  Ich sagte ihnen:  ich bin kein Pole. Meine Familie hatten gute Gründe wegzugehen, sie waren dort nicht gewünscht. Ich habe zu diesen Orten  keine Beziehung.
 
pwf-2008MF: Sie sind das erste Mal in Prag. Ihre Eindrücke.
 
PA: Es ist eine bemerkenswert schöne Stadt. So schön, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich habe Bilder angeschaut, viel über Prag gelesen. Ich habe seit dem ich angekommen bin, Spaziergänge gemacht und ich liebe Kafka. Auf seinen Spuren zu wandeln bewegt mich, bewegt mich tief.
 
MF: Ich stamme aus Österreich.  Ein Wortspiel Auster, Austria? Haben Sie einen Bezug zu Österreich? Waren sie dort einmal?
 
PA: Nein, ich wollte einmal nach Wien kommen, habe es aber bisher nie getan. Ich erinnere mich, als ich klein war, sagte mein Vater, dass seine Vorfahren aus Österreich kämen, aber damit meinte er die ehemalige KK Monarchie. So bin ich damit aufgewachsen, dass meine Großeltern aus Österreich stammen! Was nicht wahr ist. Drei  Brüder meines Großvaters starben im ersten Weltkrieg im Dienste der KK Regiments.
 
MF: Sie haben lange in Paris gelebt? Wo fühlen sie sich in Europa am wohlsten?
 
PA: Ich habe etliche Jahre in Paris gebracht, ich fühle mich am Frankreich am wohlsten. Französisch ist meine zweite Sprache ist. Dort habe ich  viele enge Freunde. Sogesehen ist Frankreich meine zweite Heimat.
 
MF: Sie haben auch als Herausgeber und Übersetzer gearbeitet?
 
PA: Nicht als Herausgeber, aber ich habe  aus dem Französischen übersetzt. Vor allem französische Dichter. In 1982 habe ich einen Band über die französischen Dichter des 20. Jahrhunderts herausgebracht. 700 Seiten.  50 Dichter. Alle Übersetzungen wurden von englischen und amerikanischen Dichtern gemacht. Es ist ein sehr interessantes Buch. Der erste Dichter in diesem Buch ist Apollinaire Guillaume und das Gedicht „Zone“ wurde von Samuel Beckett übersetzt. Unter den Übersetzern befinden sich der schon erwähnte Beckett, T. S. Eliott,  Stephen Spender, William Carlos Williams. Meine Idee dahinter: ein Gespräch zwischen amerikanischen, englischen und französischen Dichtern in Gang zu setzen.
 
MF: Ihre erstes Buch war ein Gedichtband.

PA: Im Alter von 20. bis 30. habe ich nur Gedichte geschrieben. Bis zu meinem 30. Lebensjahr habe ich keine einzige Erzählung veröffentlicht.
 
MF: Jetzt schreiben Sie keine Gedichte mehr.
 
PA: Im Jahre 1979 kam es für mich zu einer  Krise.Ich befand mich in einem Art von Kriegszustand. Für Monate war ich wie gelähmt, konnte überhaupt nicht schreiben.  Als ich dann wieder mit dem Schreiben begann, war es Prosa. Von da an habe ich nur noch in diesem Genre weitergemacht.
 
MF: Aber Sie schreiben nicht nur, Sie machen auch Filme.
 
PA:  Es gab eine intensive Phase in den mittleren und späteren 90er Jahren. Da machte ich drei Filme.  Dann wieder eine lange Pause von neun Jahren. Dann machte ich den kurzen Film, den wir am Mittwoch sehen werden  „The Inner Life of Martin Frost“ (im Rahmen des Prague Writers Festival, 4.6.).Es war ein Produktion, die wir mit wenig Geld gemacht haben. Nur vier Schauspieler. Drei Aufnahmeplätze. Ein Haus und eine Straße und das Studio.
Innerhalb von 25 Tagen.
 
MF: Was fasziniert Sie beim Film?
 
PA: Ich habe Filme immer geliebt. Es ist eine andere Art Geschichten zu erzählen. Der Film macht es mir möglich, meine visuelle Vorstellung umzusetzen. Ich liebe es, mit der Kamera zu arbeiten und Geschichten außerhalb der Wörter zu erzählen.
 
MF: Ihr Sohn Daniel und Ihre Tochter Sophie spielen in Ihren Filmen mit?
 
PA: Daniel hatte eine kleine Rolle in „Smoke“ und Sophie in „Lulu on the Bridge“ und nun in „Martin Frost“. Meine Tochter ist gerade in Barcelona wo sie eine Hauptrolle in einer spanischen Filmproduktion spielt.
 
MF: Aber Ihre Tochter lebt in New York?
 
PA: Ja sie lebt in NY, sie studiert dort.
 
MF: Reisen Sie viel? Gerne?
 
PA: Gerade in diesem Monat viel. Normalerweise bin ich die meiste Zeit zu Hause in NY um zu arbeiten. Von Prag aus geht es nach Kopenhagen, Amsterdam, Paris, Brüssel, Capri.
Ich arbeite gerade an einer neuen Novelle, deshalb komme ich jetzt nicht zum Schreiben. Darum fiel es mir schwer NY zu verlassen, denn auf Reisen kann ich nicht schreiben. So bin ich zerrissen. Jetzt gefällt es mir in Prag.
 
MF: Was hat Sie zu der neuen Novelle inspiriert?
 
PA: Jedes Mal wenn ich ein Buch geschrieben habe, denke ich, das ist das letzte. Dann passiert wieder etwas, was mich so fasziniert. Ich kann es nicht erklären. Es ist für mich selbst geheimnisvoll, wie ich von Themen, die ich nie suche, so gepackt werde, dass ich einfach schreiben muss
 
MF: In „Hand to Mouth“ äußern Sie sich in dem Sinne, dass Sie sich nicht aufteilen wollen. (I don’t want to split myself)
 
PA: Das war am Beginn meiner Schriftstellerlaufbahn. Ich machte so viele  Fehler. Ich war geradezu verurteilt, sie zu tun. Ich war ein Dickkopf. Ich schrieb  damals darüber in einer Weise,  wie ich es heute nicht mehr tun würde. Das hat mit meinem Alter, meinen Erfahrungen zu tun. Heute verstehe ich, warum mein Vater um mich besorgt war, ich ihn verärgert hatte. Heute wäre ich gleichzeitig verärgert und besorgt, wenn ich mir vorstelle, dass ich an der Stelle meines Vaters gewesen wäre, speziell zwischen  meinem 20. und 25. Lebensjahr. Durch die eigenen Kinder beginnt man die Handlungsweise der Eltern zu verstehen
 
MF: Mit was schreiben Sie?
 
PA:  Ich schreibe entweder mit einer Füllfeder oder mit einem Bleistift in einem Notizbuch. Dann tippe ich es runter auf meiner alten Schreibmaschine. Es ist eine mechanische Olympia. Tragbar.
 
MF: Darüber haben Sie geschrieben?
 
PA: Ein Freund von mir, ein Maler, hat viele Bilder von dieser Schreibmaschine gemalt. So haben wir gemeinsam, ich glaube es war vor sechs Jahren ein Buch gemacht. Die Filmskripte schreibe ich auf dem Computer. Mit meiner alten Schreibmaschine fühle ich mich viel, viel besser. Glücklich.
 
MF: Herzlichen Dank für dieses Gespräch.

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Siri Hustvedt, Paul Auster in Prag 2008