Zwiegespräch mit den Büchern von Bohumil Hrabal
(*28. März 1914, Brünn - † 3. Februar 1997, Prag)

Bohumil Hrabal

Wanderungen in Kersko, Nymburk

In deutscher Übersetzung: Die Bafler / Reise nach Sondervorschrift - Zuglauf überwacht / Tanzstunden für Erwachsene und Fortgeschrittene / Moritaten und Legenden / Das Städtchen, in dem die Zeit stehenblieb / Die Schur / Schöntrauer / Harlekins Millionen / Bambini di Praga / Allzu laute Einsamkeit / Leben ohne Smoking / Die Katze Autitschko / Sanfte Barbaren / Schneeglöckchenfeste / Ein Heft ungeteilter Aufmerksamkeit / Ich habe den englischen König bedient / Die Hochzeiten im Hause / Verkaufe Haus, in dem ich nicht mehr wohnen will / Ich dachte an die goldenen Zeiten / Die Zauberflöte / Gedichtband: Das verlorene Gässchen

 

Monika Zgustova:
Bohumil Hrabal, Leben und Werk  

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Vorwort von Jiri Menzel, Regisseur (er hat  u.v.a. 1966 das Drehbuch Reise nach Sondervorschrift - Zuglauf überwacht von Bohumil Hrabal:verfilmt - 1968 wurde dieser Film  -"Liebe nach Fahrplan" mit dem Oskar für den besten ausländischer Film ausgezeichnet). Suhrkamp Buch "Bohumil Hrabal - Leben und Werk"

  

Bohumil HrabalHerrn Hrabal habe ich mehr als dreißig Jahre gekannt. Als ich ihn kennenlernte, war er genau doppelt so alt wie ich. Da hatte er den Großteil seines abwechslungsreichen Lebens bereits hinter sich, hatte den Krieg und die politischen Exzesse der fünfziger Jahre miterlebt und in verschiedenen Berufen gearbeitet. Seine Lebensanschauung war ausgeglichen und weise, neben ihm war ich ein junger, unerfahrener Bursche aus einer anständigen bürgerlichen Familie, der in der Wärme der elterlichen Obhut aufgewachsen war und vom Leben und dessen verschlungenen Pfade noch recht wenig wußte. Damals hatte ich mein Regiestudium zwar schon abgeschlossen, im Vergleich zu Herrn Hrabal war ich aber noch ganz grün hinter den Ohren.

Gleich bei unserem ersten Interview stellte ich ihm die Frage, die mir nicht aus dem Kopf ging: Warum sind Hrabals Texte, in denen der Humor nie zu kurz kommt, immer voll Katastrophen, Verwundungen, Unfällen, einschneidenden Ereignissen, so dass Menschen mit einem weniger starken Charakter, wie ich, meist ihren Blick abwenden? Wie kommt es, dass ich bei der Lektüre dieser Texte Tränen in den Augen habe und zugleich lache? Wie kommt es, dass ich über Dinge, über die man für gewöhnlich traurig ist, lächeln muss und dabei nicht einmal das Gefühl habe, zynisch zu sein? Herr Hrabal antwortet mir, dass Katastrophen, tragische Ereignisse und der Tod zum Leben gehören und die Kehrseite der Münze darstellen, ohne deren Kenntnis die Menschen ihr Leben nicht schätzen lernen und sich nicht daran erfreuen könnten.

Dies war die Lehre, der Tenor all der folgenden Jahre, während derer ich mich mit ihm treffen durfte, und das ist auch der rote Faden, der sich durch all seine Texte zieht: Der Tod und alles Schlechte können besiegt werden, wenn man sich nur nicht unterkriegen lässt. Das war seine Weisheit und seine Reife, die ich an seiner Seite langsam und damals noch unzureichend begreifen begann.

Herr Hrabal schrieb all seine drastischen und schockierenden Texte über die Roheiten des Lebens ohne das geringste Anzeichen von Depression oder Hoffnungslosigkeit, im Gegenteil, er lehrte uns, darauf vorbereitet zu sein, das Leben mit seinen Härten zu ertragen und nie den Sinn für Humor zu verlieren. Das war seine nüchterne Liebe zum Leben, der auch der Tod nichts anhaben konnte. Das war seine unsentimentale Liebe zu den Menschen, die nicht blind war, sondern ihn die Menschen so sehen ließ, wie sie wirklich sind, mit all ihren Fehlern und Untugenden.

Herr Hrabal verstand es, in den endlosen Wirtshausschwafeleien, die für mich, einen gewöhnlich Sterblichen, bloße Wortschwaden waren, Perlen voll Weisheit und Erkenntnis zu finden. Dafür hatte er sein einmaliges Diamentenauge, das voll natürlicher und aufrichtiger Liebe zu den Menschen war.

Mit einigen Unterbrechungen arbeiteten wir lange Jahre zusammen und genossen unsere gemeinsame Fahrten zu verschiedenen Filmvorführungen und Festivals, wie auch die großartigen Freßgelage in seinem Häuschen in Kersko. Aus der Nähe und aus der Ferne konnte ich beobachten, wie er es mit seiner nüchternen und natürlichen Philosophie verstand, das Gute und Böse zu durchleben und auszukosten - seinen Ruhm als Schriftsteller ebenso wie die Verbissenheit der kommunistischen Machthaber. Und so konnte ich sehen, wie hart die Probe war, auf die sein Optimismus, seine stürmische Lebensbejahung in den bitteren und schmerzvollen Jahren vor seinem Tod, gestellt wurde.

Seine letzten Lebensjahre waren unverdient grausam. Herr Hrabal wurde zwar gefeiert und mit Preisen überhäuft, aber seine Nerven waren durch das unaufhörliche Schnüffeln der kommunistischen Geheimpolizei und die unverschämte Neugierde der Journalisten, Touristen und Schaulustigen, die ihn ständig belästigten, stark mitgenommen. Sein Witwerdasein ertrug er nur schwer, er vermißte seine Gattin, eine zarte Frau, die mehrere Jahre vor ihm die Welt verließ. Und schließlich vergällten ihm seine Krankheit und die unerträglichen Schmerzen das Leben immer mehr.

In den letzten Jahren suchte ich ihn nicht mehr sehr oft auf. Ich hatte Angst vor ihm. Er begrüßte jeden Besucher, indem er ihn beschimpfte, und das setzte mir schwer zu. Wenn er sich aber beruhigt hatte, hatte er immer ein freundliches Wort für mich und entschuldigte sich: “Ich bin nicht böse, böse ist nur meine Krankheit.” Seine Schmerzen waren erniedrigend für ihn. Als richtiger Mann ertrug er seine Machtlosigkeit gegenüber den Schmerzen nicht und trotzte ihnen nur durch seine Aufschneiderei. Wütend spielte er jede Äußerung von Mitgefühl herunter, indem er den Grobian mimte; hinter dieser rauhen Schale verbarg sich aber ein scheues Wesen. Die Liebe zum Leben, zu der er sich sein ganzes Leben bekannte, wurde in jenen Jahren einer schweren Prüfung unterzogen. Er wehrte sich gegen die Krankheit, die begann, seinen Glauben zu brechen. In Stunden der Einsamkeit, als nur die Schmerzen seine Gesellschafter waren, sinnierte er über den Tod. Das weiß ich.

Er hörte auf zu schreiben, und im letzten Jahr wurde sein Leben zu einem eintönigen täglichen Ritual. Am Morgen fuhr er mit dem Autobus nach Kersko, um seine Katzen zu füttern, wo er bis zum Nachmittag blieb und am Ofen von seinen Schmerzen ausruhte. Gegen Abend kam er nach Prag, in den Goldenen Tiger, eine bekannte Prager Bierkneipe, zu seinen Freunden, und nachts zog er sich in die Einsamkeit seiner Wohnung in einem Prager Plattenbau zurück und sah fern, weil sich der Schlaf lange nicht einstellen wollte. Und dabei hatte er ständig starke Schmerzen in den Beinen und im Rücken und Kopfweh, Schmerzen, die ihn, den Lebenslustigen, abstumpfen ließen und zu Anfällen von Gleichgültigkeit gegenüber seiner Umwelt führten.

Als Herr Hrabal die letzten Tage seines Lebens im Krankenhaus verbrachte, besuchte ich ihn mehrmals. Er war nicht gerade fröhlich, er litt unter seinen Schmerzen und der Einsamkeit.

Zum letzten Mal sah ich ihn mit heftigen Schmerze ans Krankenbett gefesselt, aber lächelnd und glücklich, wie er schon lange Monate zuvor nicht mehr gewesen war. Er prahlte mit dem Buch von Frau Monika Zgustova, das gerade auf Katalanisch erschienen war. Er drückte es an seine Brust und blätterte immer wieder darin. Er war ausgelassen wie seinerzeit bei seinen Schlemmerfesten in Kersko. Er war nie eitel, aber dieses Buch bereitete ihm besonders viel Freude. Vor allem deshalb, weil er darin so viel Neues über sich selbst erfuhr.

Später konnte ich dieses Buch auf Tschechisch lesen. Es ist schon eigenartig: Frau Monika kannte Herrn Hrabal nur aus seinem Schaffen und von einigen Begegnungen. Dabei hat sie in ihrem Buch viele Dinge über ihn entdeckt, die mir im Laufe meiner langjährigen Bekanntschaft mit Herrn Hrabal nicht aufgefallen sind. Trotz seines männlichen Gehabes und seiner scheinbaren Barschheit war Bohumil Hrabal in der Gesellschaft von Frauen immer sanfter und mitteilsamer. Und Frau Monika ist nicht nur eine anmutige Dame, sondern auch eine weise Frau. Es ist wohl das Verdienst ihrer weiblichen Intuition und ihres außerordentliche Wahrnehmungsvermögens, dass das Buch, das Sie, liebe Leser, in den Händen halten, viel mehr ist als eine bloße literarische Studie oder Biographie des bekannten Schriftstellers. In diesem Buch unternimmt die Autorin eine Reise in die Tiefe der Seele eines außergewöhnlichen Menschen, den sie mit zärtlichen Mädchenaugen betrachtet. 

Jiri Menzel

 

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1948, Bohumil Hrabal

Gedicht "Guten Tag"

 

Hallo, hallo, melden Sie sich!

Die Zahl dreht sich in der Sonne

Ich höre nur Zirpen

Eine solche Glocke wird nach dem Tod nach Bedienung im Paradies klingeln

Die Engel kommen, die Mauer und die Menschen unten zu begießen

Sie sagen aaaaah, ein Maischauer

Und entblößen ihre Häupter

Wer das nicht glaubt, soll die Nummer seiner Liebsten wählen

In einem Löwenzahn 

Es fliegt eine Menge schöner Dinge empor

Daß er nicht mal zum Stelldichein geht

Was mir am Montag nach dem Sonntag passierte:

Jemand ruft Halt!

Warum sollte ich mich umdrehen

Und wieder Halt!

Und so stehe ich still und singe nicht mal

Und sie, die schüchterne Leberblume: Die Augen sind mir herausgefallen

Beim Barbier schaue ich mich in den Spiegel

Ja, Augen hab ich

Aber das Blau daraus ist weg

Ich geh zurück

Und die Leberblume hat es schon gegen Tabak getauscht

Wer hätte das gedacht?

 

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Der Mann mit dem Jauchenkübel

Bohumil Hrabal. Im Paradiesgarten der bitteren Früchte.  

 

Hrabals SchreibmaschineEs ist Erster Mai, Anfang der fünfziger Jahre. Das Städtchen Nymburk in Böhmen feiert - ebenso wie alle Städte in diesem Teil Europas, in dem vor wenigen Jahren die Kommunisten die Macht übernommen haben - den Tag der Arbeit. Die Arbeiter aus den Fabriken und die Angestellten der Staatsbetriebe haben ihre Sonntagskleider angelegt, sich in Reihen aufgestellt und schreiten erhobenen Hauptes durch die festlich geschmückten Straßen voller Fähnchen und Papierblumen. Den Abschluß des Umzuges bilden Schüler und Studenten, die die Uniformen der kommunistischen Jugend tragen: blaue und weiße Hemden und ein rotes, um den Hals gebundenes Tuch.

Der Umzug kommt durch die Hauptstraße, biegt dann nach rechts in eine der Seitengassen ein, und hier schleicht sich plötzlich Chaos in die strenge Ordnung; die Menschen tuscheln, zeigen mit dem Finger, kichern, die Schüler und Studenten brüllen vor Lachen und springen in die Höhe, um besser über die Köpfe der Erwachsenen zu sehen. Aus der Seitenstraße ist gerade ein Mann mittleren Alters gekommen, in einem karierten Hemd, einem Monteuranzug und mit einer flachen Schildmütze; am Ende der langen Stange, die er geschultert hat, hängt ein Kübel, dem der bestialische Gestank von Fäkalien entsteigt: Der Mann räumt heute die Jauche aus der Senkgrube aus. Er geht durch die Straßen, vorbei an den feierlich gekleideten Bürgern, der Kübel schaukelt von einer Seite zur anderen, und die Teilnehmer des Umzugs vergessen vor lauter Schreck, zu winken und Hurra zu rufen, mit offenem Mund starren sie auf die Quelle des Gestanks und tasten nach einem Taschentuch. Als wäre er weit und breit allein, biegt der Mann mit dem karierten Hemd und den aufgekrempelten Ärmeln in eine Gasse ein, die hinausführt aus der Stadt, der Kübel schaukelt hinter seinem Kopf, betont langsam und erhaben geht er mit seiner Ladung in die Felder. Wie ein König seine Schleppe zieht dieser Mann mit dem Kübel einen Schleier des Gestanks, seinen besonderen Schatten, hinter sich her. Auch er feiert, seinen privaten Feiertag: Das Hinaustragen der Fäkalien ist für ihn eine philosophische Messe, in der er der Priester ist und den Kreislauf der Menschheit zelebriert und das Menschliche dorthin bringt, von wo es gekommen ist. Er trägt Kübel um Kübel hinaus auf die Felder und gießt den Inhalt bedachtsam, feierlich als Dünger auf die Erde. Er ist bezaubert von der Schönheit seines alljährlichen Rituals, und in diesem Moment scheint ihm auch das menschliche Schicksal mit all seinen Metamorphosen herrlich. 

Der Mann, der immer am Morgen des Ersten Mai die Senkgrube reinigte und in dem Kübel auf der Stange die Fäkalien auf die Felder hinaustrug, war Bohumil Hrabal.


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1951, Bohumil Hrabal

Gedicht aus "Amor und Psyche"

 

Der jüdische Friedhof mit verwischten Inschriften, frischer, unschuldiger Schnee und der erste sündhafte Schritt,

die schwarzen Äste des schwarzen Flieders

und die Bierröhren saugen aus den Hebräerleichen

die letzten Buchstaben der Weisheit,

als wäre noch immer am Anfang Das Wort,

als stünde noch immer am Ende ein elendes Skelett,

so wie ein Radiumatom gerade jetzt zerfällt,

vielleicht morgen, manches erst in hundert Jahren,

obgleich der Duft der Pechblende eine festgelegte Dauer hat,

so daß auch Wahnsinnige zur Entwicklung und Ordnung beitragen,

Bestialität ist eine natürliche Kraft,

wenn paralytische Onkel auf dem Klo sterben müssen,

damit das Ganze lebt, ja in der Brechung der Polarlichter aufblüht.

 

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1952, Bohumil Hrabal

Vladimir Boudnik, gewidmet "Amor und Psyche" 

 

Aber ich, ein Doktor, sage Ihnen:

Sie sind der Gipfel der wahren Bildung

und des Menschen und der Kunst vor der Geburt ein schwangerer Hut,

Öffnen Sie nur die Tür und sagen Sie zu sich:

Gehen Sie, Vladimir, als erster!

Und wenn Sie sich begegnen, fragen Sie:

Vladimir, ist Boudnik zu Hause?

Und schmeicheln Sie sich und flöten: Nein, nicht doch, nach Ihnen!

Und die Doktorin jubelt: Ja,

das sind Kandinskijs Pseudohalluzinationen,

die Beine weit voraus, die Arme weit voraus,

die Augen sind weit vorne und der Kopf ebenfalls,

nur der Patient geht hinter sich selbst her, wie ein Gefängniswärter.

Der in der Freiheit herumtollende Hasso.

Gegen Halluzinationen ist Mogadon das beste.

Deshalb Kopf hoch und mutig vorwärts

der glücklichen Zukunft entgegen.

Sie sind nicht mehr allein.

Sie sind zu zweit. Sie und Sie. Ohne Zweierreihe, ohne heilige Dreifaltigkeit.

Genius, das ist das Verliebtsein in sich selbst,

Ein kleiner Handschuh sein Inneres nach Außen gestülpt und weit draußen,

Endymion und Narziß.

Geht jeden Tag an eure Grenzen, es möge nur Abbild des Blutes bleiben, ein Bild des Lebens, Libeň* und die Tat.

 

*Stadtteil von Prag 

 

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1954, Bohumil Hrabal

"Ein alltäglicher Tag" (Fragment) 

 

Und auf dem Weg nach Hause dachte ich wieder DARAN. Ich habe schon alles versteckt und verbrannt. Wenn SIE kommen sollten, dann würde ich ... also was würde ich? Ich würde mit ihnen mitgehen, denn ich müßte, dann käme die lange Untersuchungshaft, ohne Ausgang, ohne Sonne. Dann die Gerichtsverhandlung, Kerker; wieviel? Zwei, drei? Fünf, zehn Jahre? Arbeit in den Bergwerken, Steinbrüche, in Fabriken der Schwerindustrie? Schließlich und endlich muß ich mit so etwas rechnen, auch wenn ich mich für einen Bürger dieses Staates halte und nichts gegen ihn habe. Es geht mir nur um die Freiheit der Meinungsäußerung, nur um das Schreiben, das Denken und die Gespräche mit den Freunden. Aber sie müßten mir etwas aus meinem Gehirn herausoperieren, damit ich so denke, liebe, hasse. Nein, ich kann sie nicht lieben, obwohl ich ihnen das lasse, was des Kaisers ist, und das, was mir gehört, habe ich und werde ich für ich, Gott, den Menschen, belassen. Aber das wollen sie eben nicht, sie wollen, daß ich ihnen alles gebe, alle meine Gedanken, innersten Geheimnisse, sie wollen, daß alles, einfach alles, was menschlich und göttlich ist, dem Kaiser gehört. Und was ist mit meinem Leben? Ich bin nur einmal auf der Welt, und ich will doch leben, mein Leben auskosten, wenn auch im Rahmen von Anweisungen und Verboten, ein Leben, auf das niemand außer mir ein Recht hat, ein Leben, für das niemand außer mir verantwortlich ist. Und meine Enttäuschungen und meine Freuden brauchen keinen Kaiser, da genügen doch schon acht Stunden schwere Arbeit, Unfälle, Tod und die Teilnahme an den Pflichtveranstaltungen. Ich kann sie nicht lieben, ich kann nicht mit ihnen gehen, obwohl ich keinen Schaden anrichten will, ich mag sie nicht, mein Denken hat es mir untersagt, so wie ich diese Luft atme, so muß ich denken und mein Denken leben, und wenn ich nicht auf meine Art und Weise denken und leben könnte, wüde ich sterben, wie ich auch an Luftmangel sterben würde ...

 

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1956, Vaclav Havel

"Über die Prosa von Bohumil Hrabal"

 

Das erste, was einem bei der Lektüre von Hrabal klar wird, ist das evidente Faktum, daß Hrabal nicht ein Schriftsteller ist, der deshalb ein abwechslungsreiches Leben führt, damit er über etwas schreiben kann sondern daß er im Gegenteil deshalb schreibt, um sein Schicksal zu leben - beseelt vom unbändigen Drang zu schreiben. Hrabal ist kein gewöhnlicher Mensch, der schreibt, kein Schriftsteller, der wie ein gewöhnlicher Mensch lebt. Er lebt nicht, um zu schreiben sondern Schreiben und Leben sind für ihn untrennbar miteinander verbunden. Der Verlust des Kontakts mit seiner Art des Lebens würde für ihn den Verlust des Bedürfnisses zu schreiben darstellen. Dadurch ist der gesamte Charakter der Nichtliterarität und der Nichtproffesionalität seines künstlerischen Schaffens gegeben ...

Warum aber muß er schreiben? Was treibt ihn dazu? Was unterscheidet ihn im Inneren von anderen Eisenbahnern, Hüttenarbeitern, Hilfsarbeitern, zu denen er gehört? Es ist, so meine ich, die Intensität, mit der er seine Lebenserfahrungen macht, mit der er die Welt rund um sich wahrnimmt, mit der er seine Gedanken wälzt, mit der er sich bemüht, die Welt zu ergründen und zu begreifen. Und diese Intensität, die wir als Intensität der Existenz bezeichnen können, zwingt ihn in letzter Instanz, aus dem Schreiben eine Lebensberechtigung aufzubauen und die Sinneseindrücke und die Wahrnehmungen in ein geschriebenes Wort zu übertragen.

Zusammenfassend handelt es sich hier also nicht um einen Typ Schriftsteller-Zuseher, der unter den Leuten mit dem Ziel unterwegs ist, sie zu Romanfiguren zu verarbeiten, er ist nicht der Typ eines Autors sozialer Romane, er ist auch nicht der Typ eines Autors, der sich durch die Extensität und ostentative Außergewöhnlichkeit seines irdischen Daseins aus den Reihen der einfachen Leute abhebt und durch seine Lebensform das Leben dieser Leute negiert, es handelt sich nicht um den Typ eines verfemten Dichters, der bewußt und mit großer Anstrengung Gefahren und Grenzsituationen im Leben herausfordert, um auf diese Weise die Wahrhaftigkeit der Kunst zu überprüfen. Er ist einfach ein Typ Künstler, der sich in seinem äußeren Leben durch nichts von den Tausenden durchschnittlicher Menschen unterscheidet, der seine Anderskeit jedoch nur in der Intensität realisiert, mit der er dieses Schicksal erduldet, und der alles Menschliche nur aufgrund der großen inneren Wachsamkeit und der Transzendenz der Erkenntnis in einer hohen Potenz in sich trägt.

 

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Bohumil Hrabal, Aus Briefen und Notizen

bohumil-hrabal

1968: "Zuerst warf er die Krawatte und die Stadtanzüge weg, dann das Kino und das Fernsehen, schließlich auch die Uhr. Das Wegwerfen der Uhr kommt den Eintritt in das Reich der Natur gleich."

 

1969: "Ich befinde mich im Stadium der unterschwelligen Inspiration, und davon geht mein Blick auf die Kugel aus, auf die meine erstaunten Augen starren, wie diese Welt doch schön, neu und unwiederholbar ist, ich will weder wissen, was vor mir war, noch welche Vorstellungen sich jemand von dieser Welt gemacht hat, und auch nicht, welche Hoffnungen und Sehnsüchte er hegte; ich begnüge mich mit der reinen Vision, und das erste Bild, der erste Satz, der mir in den Sinn kommt, zieht aus der Tiefe meines Unbewußtseins ungeahnte Assoziationen hervor; und ich wehre mich nicht gegen ihren Fluß, ich lasse die Sätze auf einem grellbeleuchteten Brett dahinschreiten, um sie zu sehen, zu hören, um mich an ihnen zu erfreuen. Ich lasse den Dingen ihren Lauf, so schön ist der Zustand, der aus der Nullsituation resultiert, so rein sind die Sätze, die von der Schreibmaschine auf das Papier fließen, als würde ein Zug mit Schlafwaggons über eine beleuchtete Brücke fahren, ein Zug, der mich in ein fernes Land bringt, und wenn ich doch einmal in dieser Ferne war, dann nur in der Kindheit oder im Traum ... So schreibe ich mich langsam leer, der Stillstand meiner Schreibmaschine wird auch das Anhalten der Hand des schreibenden Herzens sein, während das Hirn versucht, mit einem einzigen Schlag in den Spiegel hinter die Glassplitter zu gelangen, um das verknitterte Porträt von mir selbst zu entdecken, und gegen dieses Porträt, gegen dieses Bild bin ich bereit, mein Königreich für ein Pferd zu tauschen, für Paris eine Messe zu tauschen ... Der Weg in die Ewigkeit beginnt in dieser Minute."

 

1975: "Ich bin jetzt oft auch vom Wunsch besessen, niemandem zu schaden außer mir selbst, vom Wunsch zu reisen, aber auf Kosten meiner Beine, vom Wunsch zu kämpfen, aber einzig und allein gegen mich selbst, vom Wunsch, alles auszurotten, was in mir Schlechtes und Kleinmütiges steckt, vom Wunsch, Revolution zu machen, aber nur gegen mich selbst, gegen all die Konventionen in meinem Inneren, vom Wunsch, Manifeste zu verfassen, aber nur gegen den Kleinbürger, der in mir haust. Ich bin vom Wunsch besessen, das Leben anderer zu leben, die kläglicher und schlechter dran sind als ich ... So kratze ich von der anderen Seite des Spiegels das Amalgam herunter, allmählich löse ich mein Porträt auf, um mich nach und nach zum Nichtspiegel durchzuspiegeln. Willst du schön sein? Bleib beim Rasieren zwei Minuten vor dem Spiegel stehen, vor deinem Gott ... Durch das entschlüpfte Bild spiegle dich zum Nichtspiegel durch, durch die Erinnerung in die Nichterinnerung ..."

 

1978: "Der Weg in die Ewigkeit beginnt in dieser Minute. Ein Grand Prix in der Formel 1 wird oft schon auf den ersten Metern entschieden, und alle Rennfahrer sind Dichter in der Nullsituation, mit dem Senken der Startflagge sagen sie der Außenwelt Lebewohl, gereinigt durch Meditation und perfekte Vorbereitung auf die Null. Pavel sagt, all diese Playboys der Formel 1 haben ihren Blick ziemlich weit nach vorn gerichtet; sie haben Augen, die mit einer Geschwindigkeit dahinrasen, die an die äußerste Möglichkeit grenzt und mit der sie sich zum gesteckten Ziel schinden, auf einem Weg, auf dem der Zufall eine andere Bezeichnung für das Wunder ist, mit einer Geschwindigkeit, mit der sie den Raum hinter sich zurücklassen, durch den sie mit den Reifen ihr Gedicht tippen, das mit der Geschwindigkeit einer Schreibmaschine geschrieben wird, welche den Gedanken einholt. Alle haben ihre Augen ziemlich nahe beieinander wie Schmetterlinge ihre Flügel, ebenso wie Jack Brabham oder André Breton ... denen ein Bild von der Bildfläche verschwindet, doch in diesem Moment erscheint das Bild der Rennbahn genauer als das Wasser, das aus einem unterirdischen Flüßlein hervorquillt, Bilder, die mit einer Geschwindigkeit der Erinnerung an die Nichterinnerung fliegen, die Augen eng nebeneinander, so daß sie ein einziges großes Auge bilden, ein Auge in einem gleichschenkeligen Dreieck, aus dem der nicht zwinkernde Gott starrt ..."

 

1987: "Als meine Frau starb, ist mein Ehering zersprungen ..."

 

1988: "Die Oberschwester, eine Riesin, ich nannte sie Pallas Athene, hatte Schnupfen und einen grünen Mundschutz, sie hatte schwarze Augen, sie setzte sich zu mir und sagte ... He, mein Mann ist einer Ihrer Leser ... er läßt Ihnen ausrichten, ich habe ihm Ihr letztes Buch geschenkt ... und er läßt Ihnen ausrichten, er wüßte nicht, was Sie jetzt noch tun sollten! Ich blickte über den grünen Jaschmak in die schwarzen Augen dieser Pallas Athene von der Bulovka und sagte wahrheitsgemäß ... Sterben. Wozu soll ich meinen Geburtstag feiern, wenn ich sterben will? Geburtstag ja, aber für die andere Seite ..."

 

1989: "Und jetzt soll ich noch erklären, warum ich schreibe und welche Schriftsteller ich mag ... ich soll an den amerikanischen Universitäten über die Literatur in meinem Land und über meine Literatur erzählen ... Jeden Tag habe ich in den Vereinigten Staaten mindestens einen Menschen getroffen, der mir über ein ähnliches Schicksal berichtet hat, triste Erzählungen über das Böse, das schon mit Präsident Gottwald begonnen hatte ..."

"Dubenka, wissen Sie eigentlich, wer diese Samtene Revolution gemacht hat? Clowns und Schauspieler, Kinder ..."

"Studenten, ich sage euch drei meiner Postulate, da man an der Philosophischen Fakultät auch was Kluges von sich geben sollte ... Also, aufgepaßt! Hegel lehrt, daß einzig und allein jenes Volk ein Recht auf seine Existenz hat, das sich erneuern kann - und das habt ihr bewiesen! Zweitens: Das Böse schreitet durch die Welt, wie Soldaten marschieren, während das Gute einen kaum erkennbaren Schritt hat ... Auch das habt ihr gemacht! Und drittens, und da haben jene draufgezahlt, die verkalkt und  zu Bürokraten geworden sind, lehrt Laotse: Den Widerstand des Volkes auf die leichte Schulter zu nehmen, kommt dem Verlust von Juwelen glich ... und diese Juwelen werden ihr jetzt haben, ihr Studenten und alle, die wünschehn, daß eine qualitative Verbesserung in der gesamten Gesellschaft eintritt, daß Anständigkeit, Humanität und eine positive Weltsicht herrscht ..." 

"Die Silversternacht in Prag, das war etwas, was ein Fellini oder unser Forman verfilmen hätte sollen ... eine Million Menschen war auf den Wenzelsplatz gekommen, wo eine italienische Nacht gefeiert wurde, Hunderttausende große und kleine Kerzen, die Sektflaschen spritzten in den feierlichen nächtlichen Himmel ... und, Dubenka, die Absätze knirschten unter dem Geräusch von zerschlagenen Flaschen und heulenden Sirenen von Rettungswagen, weil Scherben nicht nur Glück bedeuten ... Tausende Kerzen und Kerzlein, große und kleine Scherben, die unter Schuhen zersplitterten, es war eine gigantische Hochzeit, zu der auch Scherben gehören ... nicht einmal Robert Rauschenberg oder John Cage hätten so ein monumentales Happening zustande gebracht ... und dann bumm! Und die Uhrzeiger der Astronomischen Uhr am Altstädter Rathaus trafen sich, und es war Mitternacht, und es warde ein Kindlein geboren, das Neue Jahr .. der Start der Fomel 1, es flossen wahre Bäche an Tränen, und es gab Millionen von Umarmungen, und man sah einander in die Augen, es war 1990, der Beginn einer neuen Dimension in der Arbeit und durch die Arbeit, aber unter dem neuen Vorzeichen der Anständigkeit ..."

 

1995: "Es ist nicht gerade lustig in Böhmen. Wir sind am toten Punkt angelangt."


 Unterwegs auf Hrabals SpurenUnterwegs auf Hrabals Spuren

Ausgedehnt, der Sonne anheim

28.3.2014 Busbahnhof Cerny Most, Bus 398 fährt um 13.05 Uhr nach Podebrady. Eine der Bedarfshaltestellen auf den Weg dorthin  “Hradisko, Kersko”.  In einer Zweier-Reihe wird bei Terminal 14 auf den Linienbus gewartet. Pensionisten, Schüler, Mutter mit Kind, gezählte zweiundsiebzig Fahrgäste. Fünfunddreißig Minuten ist der voll besetzte Bus unterwegs. Vorbei an den Einkaufszentren, einem Logistikpark ändert sich das Landschaftsbild: sanft hügelig, Felder, Teile von ihnen mit Plastikplanen überzogen. Neben mir, eine Frau, die während der ganzen Busfahrt telefoniert. Auf Ukrainisch, es geht um die Verlängerung einer Aufenthaltsgenehmigung. Hinter mir SchülerInnen, deren Kopfhörer-Musik den Bus beschallen. Konzentriere mich auf die angesagten Bushaltestelle, die von mir angepeilte, ist eine Bedarfshaltestelle. Ein Knopf, er befindet sich am Plafond, ist zu drücken. Bin die einzige, die dort aussteigt. 

Kersko. Eine Straße, schnurgerade, von der links und rechts Wege abzweigen, beschriftet und nummeriert mit “Alej”, rechterhand die geraden Nummern, linkerhand die ungeraden Nummern. Auf der linken Seite das Gasthaus Hajenka mitten im Wald mit einem Gastgarten. Drei verschiedene Menüs stehen zur Auswahl, frisch gezapftes Bier, weitere Angebote sind der Speisekarte zu entnehmen. Außer dem Busfahrplan, den mir mein Sohn ausgedruckt hat, habe ich einen Fotoapparat und das im Suhrkamp von Monika Zgustova erschienene Taschenbuch “Bohumil Hrabal - Leben und Werk” mitgenommen.  Das Motto meines Ausflugs findet sich auf Seite 27 “Er wurde zu einem Fotoapparat, der von jeder Ansicht ein Bild macht, und zu einem Aufnahmegerät, das alles Gehörte auf Band verewigt.”

Ein Mann, hemdsärmlig mit wachem Blick, nimmt die Bestellung auf. Neben mir hat ein Motorradfahrer, Platz genommen. Sein Helm liegt wie eine Trophäe auf dem von der Sonne beschienen Holztisch. Ohne verabredet zu sein, bestellen wir beide Menü Nummer 3. Das von ihm bestellte Bier trägt die Zusatzbezeichnung “alkoholfrei”. Eine Runde Pensionisten bestellen Kaffee. Ruhig ist es, das Zwitschern der Vögel wird manchmal durch Hundegebell und Motorgengeräusch überlagert.

Der Straße entlang wandernd folge ich einem gelbgrünen Pfeil “Hrabalova Stezka”. Manche der Löcher des morastigen Weges sind mit frischem Schotter aufgefüllt. Komme vorbei an unbewohnten Häusern. In den bewohnten Anwesen verrichten bellende Hunde ihre Aufgaben. Im Gegensatz zu Prag blühen die Sträucher zaghaft. Birken, Eichen und Föhren ragen in den von nur wenigen Wolken bedeckten Frühjahrshimmel. Der eine und andere Stamm geknickt, abgebrochene Äste von Moospolstern bedeckt. Aus einem Kamin weht der Rauch, auf der Leine blaue Monituren zum Lüften ausgehängt. Eine Katze gesichtet, ausgestreckt an einem sonnigen Platz, nah dem Badeteich. Eltliche der Häuser werden zum Verkauf angeboten, zwei Neubauten versuchen sich der Landschaft anzupassen, trotzdem wirkt deren Design aus Glas und Stahl fremdkörperlich - in dieser aus einem anderen Jahrhundert stammenden Waldansiedelung.

Nach einigen Umkreisungen, Umwegen folgend stehe ich vor dem Bungalow 0274. Eine Informationstafel informiert, dass das dahinterliegende Haus von 1966 bis 1996 Bohumil Hrabal als Wohn- und Arbeitsstätte diente, jetzt befindet es sich in Privatbesitz und hat nichts mehr mit dem Meister der tschechischen Moderne gemein. Es verweist den an Hrabals Leben Interessierten auf das Museum in der Stadt Nymburk, 14 Kilometer von hier entfernt. Die Busstation Hrabalova ist von zwei geschnitzten Katzenskulpturen umringt, da von hier aus keiner der beiden Busse nach Richtung Prag fährt trete ich den Rückweg an.

Ein Traktor, Radfahrer kommen mir entgegen. Ein Schild verweist zwischen 1.5. und 30.9. auf eine Geschwindigkeitsbeschränkung von 40 km/h.

Busfahrer17.55 Uhr Bus 398 hält, der Busfahrer fragt mich, als ich ihn meinen Ausweis zeige und Cerny Most als Destination nenne, ob ich zum ersten Mal hier wäre. Noch bin ich der einzige Fahrgast. Der Busfahrer entpuppt sich als Hrabal Kenner. Erzählend - bis an weiteren Stationen weitere Fahrgäste zusteigen. Einer bezahlt den 23 CZK Fahrschein mit einer 2000 CZK Note, das löst einen Wechselgeld-Diskurs hervor. Nach dem dieser beendet wurde, Betrachtungen über die Sommerzeit, die am kommenden Wochenende die Uhren um eine Stunde nach vorne drehen wird. Gefolgt von der Betrachtung - wie es hier ausschauen würde, nach Aussterben der Menschheit. Der befriedete Augenblick: die Natur überzieht den Asphalt, Beton mit Moos und Gräsern, auf den Gebäuden wachsen Bäume. Überall Katzen, sie haben mit ihren sieben Leben die Menschheit überlebt. Besser hätte der Ausflug, Bohumil Hrabal gedenkend, nicht enden können.

Milena Findeis  


hommage-a-hrabal

Bohumil Hrabal: "Ich liebe Kneipen. Ich liebe immer nur das Leben und die Leute, ganz gewöhnliche Leute, die Leute dort sind herzlich, und sie könne wirklich so spontan erzählen, also ich habe immer das Gefühl dass die Leute in einem Gasthaus immer frei sind. Und dort möchten sie auch einige Sachen sagen, unter Einfluss auch des Bieres, dass sie den zweiten Tag ganz nervös sind, was haben sie alles gesagt? Aber diese Nervosität, was haben sie gesagt, das ist manchmal auch gegen die guten Sitten oder auch gegen die Moralität, und das ist es ja, was mich interessiert, das ist dasselbe wie der Sigmund Freud über die Fehlleistungen ... Der Mensch sagt etwas aus sich was manchmal seine Grundlage ist. Also mein Leben beginnt nicht wenn ich auf meiner Maschine schreibe, das ist nur der Abglanz, das sind nur meine Marginalia, aber die Wirklichkeit, das wirkliche konkrete Leben, voll von Poesie, voll von Anekdoten, voll von Ironie, manchmal voll von Wehmütigkeit, das ist für mich wie Gorki oder für Isaak Babel, oder für Tschechow, Tschechow ist mein Liebling - also das ist für mich eine Universität. Also wo viele Leute sind und wo herrscht eine Kommunikation."  


Auszug aus dem Manuskript Wer ich bin. In: Hommage à Hrabal. Herausgegeben von Susanna Roth. Übersetzer: Susanna Roth.Suhrkamp, 1988 

Susanna Roth: "Es ist an der Zeit, Bohumil Hrabal wieder aufmerksam zu lesen, zu seinem Werk zurückzukehren und nicht oberflächliche Schritte zu beurteilen, die uns letzten Endes nichts angehen".
Susanna Roth (1950 bis 1997) kannte Bohumil Hrabal seit ihrem Slawistikstudium im Prag der siebziger Jahre. Sie starb, 47 jährig, am 11. Juni 1997 in Zürich an Krebs. Zu Hrabals Tod am 3. Februar 1997 schrieb sie "Große Dichter stürzen nicht unabsichtlich ab und gehen entzwei" . 

  
Mit dem Buch von Susanna Roth "Hommage à Hrabal" nach Nymburk gefahren, jener Stadt in der Bohumil Hrabal seine Kindheit, seine Jugend verbrachte. Im Museum ist Hrabal eine Ausstellung gewidmet. Beim Gang durch diese mittelalterliche böhmische Stadt an der Elbe - am ersten Samstag im April 2014, die Sonne hinter Wolken aus Sahara Sand verborgen - wurde die "Allzu laute Einsamkeit" zu einem aufmerksamen Begleiter. Milena Findeis

  

hrabal-respekt

Das mittelböhmische Kersko ist ein Ort der Stille. Einmal im Jahr jedoch beleben zahlreiche Leser und Freunde von Bohumil Hrabal die abgeschiedene Waldsiedlung. Sie begehen das Fest Hrabals Kersko“. Der Romancier und Erzähler, einer der bedeutendsten Autoren der tschechischen Literatur des 20. Jahrhunderts, hatte in Kersko einen Zweitwohnsitz. Aufgewachsen im nahen Nymburk, einer Kleinstadt an der Elbe, kehrte Hrabal später in die Gegend seiner Kindheit zurück – und schrieb hier mehrere seiner Werke. Maria Hammerich-Maier

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Ich dachte an die goldenen Zeiten, Christoph Bartmann

Als Bohumil Hrabals Leichnam am 12. Februar 1997, einem Aschermittwoch, im Prager Krematorium Strasnice eingeäschert wurde, hatte sich vor den Toren eine größere Menschenmenge eingefunden: Freunde, Bewunderer und Zechkumpane von Böhmens berühmtestem Schriftsteller, der einige Tage zuvor beim Sturz - oder wie manche munkelten: beim Sprung - aus einem Prager Krankenhausfenster zu Tode gekommen war. Was fehlte, war die Familie, mit Ausnahme einer Schwägerin. Sie war Hrabals letzte noch lebende Verwandte. Die Toten waren auf andere Weise gegenwärtig. Hrabal hat ihnen in seinen Büchern Monumente gesetzt: der Mutter Marie, als deren uneheliches Kind Hrabal 1914 in Brünn zur Welt kam, dem Stiefvater und nachmaligen Brauereiverwalter im Städtchen Nymburk, vor allem aber dem Onkel Josef oder Pepin, der 1924 zu den Eltern zu Besuch kam und bis zu seinem Tod 1967 blieb. Der Neffe sah in Onkel Pepin nicht nur die Verkörperung von böhmischem Witz und Nonkonformismus. Er war für ihn obendrein ein Schriftsteller, ohne je ein Wort zu schreiben. Denn Onkel Pepin war ein begnadeter "Bafler" und damit das Urbild all der bierselig und wortgewaltig tagträumenden Charaktere in Hrabals Büchern. Deutschlandfunk

 

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