Geist & Gegenwart

Vom 15. bis 17. Mai 2013 fand in Schloss Seggau, bei Leibnitz in der Südsteiermark, der 5. Pfingstdialog statt. Bei der Eröffnung sprang Robert Menasse für Franz Fischler ein. Sein Impulsreferat war ein wegweisender Beitrag für diese hochkarätige Veranstaltung. Nicht die Vereinigten Staaten von Amerika sollen als Vorbild dienen, Europa soll eigene Wege beschreiten. Die anwesenden Student(en)innen versinnbildlichten, dass Europa weiter ist als Beamte und Politiker es denken vermögen.

Im Wieser Verlag ist begleitend zu dieser Veranstaltung der Band “Demokratische Einigung Europas - Das Hoffen wagen” erschienen. Mit Genehmigung des Verlages nachstehend das Vorwort des Herausgebers.

“Europa muss sich bewusst machen, dass es eine der Integration dienende Vereinigung ist, die sich auf in Jahrtausenden herausgebildete Werte und Prinzipien stützt. Es ist nötig, zu diesen Werten zurückzukehren und sich zu vergegenwärtigen, dass es vor allem auf sie ankommt nicht auf irgendwelchen kurzfristigen Kalkulationen” Václav Havel*

Lojze Wieser

Ante Scriptum

Während des Entstehungsprozesses dieses Bandes ist die »Zypernkrise« mit voller Wucht ausgebrochen. Wie ein Tornado ist sie über uns gekommen. Die Herangehensweise an die durch Zypern sichtbar gewordenen Fragen hat nicht nur eine eklatante Orientierungslosigkeit der Handelnden ans Tageslicht gebracht, sie hat bei den politisch Verantwortlichen zudem verheerende zerstörerische Ansätze zutage gefördert, die in sich alle Bedingungen tragen, den Einigungsprozess Europas zu unterwandern. Zunehmend wird sichtbar, dass sich hinter Finanzfragen demokratische Strukturfragen zur europäischen Entwicklung verbergen, und dass dahinter ebenso die Fragen des sozialen Zusammenlebens wie auch die der neuen ökonomischen Beziehungen und Regeln (innerhalb der Gesellschaftsbeziehungen) auf Antwort drängen. Davon wird letztendlich die Frage von Krieg oder Frieden in Europa abhängen, und die Beantwortung wird auch über die Frage des Friedens im Weltmaßstab entscheiden.

Ein Geist geht um in Europa, und dieser Geist wird — in mehreren Beiträgen — direkt oder indirekt angesprochen, beschworen oder es wird ihm — direkt oder indirekt — widersprochen.

Wir sind heute in aller Deutlichkeit zu Zeitzeugen der Reibung zwischen Vergangenheit und Zukunft geworden, wie es die Nachkriegsgenerationen noch nicht erlebt haben. Die weitere Entwicklung wird über Würde und gegenseitige Achtung der Menschen untereinander entscheiden und sie wird auch sichtbar machen, ob die handelnden Personen und Institutionen imstande sind, aus der Geschichte zu lernen. Davon wird abhängen, wie verletzend und zerstörerisch und wie langwierig dieser Prozess der Reibung sein wird. Schon 2006 meinte Václav Havel* im Gespräch mit Jirí Gruša, dass sich »Europa heute an einer Art neuen Kreuzung befindet ( ... )«, und es möglich ist, »dass sich gewisse Vibrationen, die wir heute in Mitteleuropa registrieren können, zu umfassenden Vibrationen auswachsen, was sowohl gute als auch schlechte Folgen haben kann (...). Ich würde gerne glauben, dass alles gut ausgeht (...)«.

Doch derzeit scheint sich auch Angst breitzumachen. Auf elementare Fragen sind keine Antworten in Sicht und das bietet Möglichkeiten, auf alte wie auch verbrauchte Verhaltensmuster zurückzugreifen. Bei einigen in der öffentlichen Diskussion vorgetragenen Antworten blitzen immer lauter auch menschenverachtende Modelle auf. Dies alles zehrt an der Zuversicht und Hoffnung, auch weil zwischen den Hiesigen in Europa und den Herkommenden nach Europa immer tiefere Gräben wachsen, die sich oft aber hinter vermeintlich positiven Lösungen verbergen, wo sie als solche nicht erkannt werden. Das macht das Ganze nicht einfacher, wohl aber lässt es vielen althergebrachten Denkmustern Raum und erschwert die Suche nach neuen Lösungsansätzen für neue Formen des Zusammenlebens in Europa. So wird der Wert der eigenen Sprache einerseits (von den Großen und Hiesigen) überhöht und andererseits (jene der Kleinen und Hergekommenen) missachtet und die Notwendigkeit der Kenntnis von zumindest einer, wenn nicht zweier kommunikativer Sprachen — wie von der EU selbst und vom Schriftsteller Maalouf verlangt — nicht nur nicht erkannt, sondern auch nicht durchgesetzt.

In diesem Spannungsverhältnis stehen sich sehr schnell auf der einen Seite der assimilierende Nationalstaat, und auf der anderen Seite eine zukunftsscheue EU gegenüber, die den Schritt zur demokratischen Union nicht wagt. Daher reiben sich Vergangenheit und Zukunft wie die afrikanische und die europäische tektonische Platte.

So oder so: Am Ende wird es ein Erdbeben geben, und dieses Erdbeben wird Achtung und Würde jedes einzelnen Menschen, seiner Sprache(n) und Kultur(en) über Assimilation und Egoismus einzelner Nationalstaaten stellen, ohne dass die Würde des einzelnen Menschen verletzt wird.

So oder so: Am Ende wird es Antworten geben müssen, wie Er oder Sie, wie Kultur und Sprache, wie jeder einzelne Mensch ohne staatliches Territorium und ohne Nationalstaat leben und überleben wird, und wie in Achtung und Würde die Gestaltung des gleichberechtigten Zusammenlebens zu meistern sein wird.

Die immer raschere Aufeinanderfolge der Krisen der letzten Jahre macht uns aber auch eines sichtbarer: Der Geist ist aus der Flasche und sucht sich seinen Weg.

Die vorliegende Publikation versteht sich als vielseitiger Versuch, aus unterschiedlichen Richtungen und kontroversiellen Denkansätzen auf der Suche nach Antworten fündig zu werden und es nicht Aladin gleichzutun und beim Geisteintreiben nur heiße Luft in die Flasche zu blasen. Sein Resultat ist uns leidlich bekannt. Unser Handeln steht erst auf dem Prüfstand.

Der Band versammelt Beiträge von folgenden Autorinnen und Autoren:
Elmar G. Arneitz, Wolfgang Burtscher, Erhard Busek, Aleš Debeljak, Christopher Drexler, Martin Eichtinger, Franz Fischler, Ernest Hauer, Sabine Herlitschka, Franz Heschl, Gerhart Holzinger, Herwig Hösele, Erhard Juritsch, Dževad Karahasan, Michael Kerbler, Franz Küberl, Richard Kühnel, Gertraud Leimüller, Stephan Meier, Wilhelm Molterer, Leopold Neuhold, Ewald Novotny, Matthias Opis, Wolfgang Petritsch, Wolfgang Pribyl, Manfred Prisching, Julya Rabinowich, Eva Rossmann, Jan Skácel, David Schalko, Susanne Scholl, Kurt Scholz, Margit Schratzenstaller-Altzinger, Alexander Van der Bellen, Werner Weidenfeld, Lojze Wieser, Werner Wintersteiner und Werner Wutscher.

Mit Gedichten, Statements und Zitaten von:
Siegfried Barones, Christian Buchmann, David Cameron, Winston Churchill, Daniel Cohn-Bendit, Udo Di Fabio, Kristina Edlinger-Ploder, Wilfried Eichlseder, Karl-Markus Gauß, Thomas Götz, Oskar Maria Graf, Jürgen Habermas, Johannes Hahn, Václav Havel, Josef Herk, Jean-Claude Juncker, Harald Kainz, Egon Kapellari, Kurt Koch, Helmut Kohl, Srecko Kosovel, Miroslav Krleža, Michael Krüger, Paul Lacroix, Claudio Magris, Norbert Mayer, Robert Menasse, Hermann Miklas, Rudolf Mitlöhner, Reinhold Mitterlehner, Esther Mitterstieler, Jean Monnet, Christa Neuper, Cees Nooteboom, Rainer Nowak, Karl P. Pfeiffer, Jochen Pildner-Steinburg, Ali Podrimja, Christian Purrer, Walter Rothschädl, Michael J. Sandel, Friedrich Santner, Werner Schneyder, Hermann Schützenhöfer, Karel Schwarzenberg, Klaus Schweighofer, Josef Smolle, Jim Hagemann Snabe, Michael Spindelegger, Werner Tessmar-Pfohl, Karlheinz Töchterle, Gertrude Tumpel-Gugerell, Franz Voves, Richard von Weizsäcker und Thomas Wieser.

* Jirí Gruša / Václav Havel: Die Macht der Mächtigen oder Die Macht der Machtlosen, aus dem Tschechi­schen von Christa Rothmeier, Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2006.

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