GESPRÄCH mit JOSEPH BRODSKY über JOHN DONNE

©Igor Pomerantsev

 

John-Donne-Lesebuch
Abdruck des Interviews im John-Donne-Lesebuch von Michael Mertes

IGOR POMERANZEV: Ihr Gedicht "Große Elegie an John Donne" begann Mitte der sechziger Jahre in der Sowjetunion im Samisdat zu zirkulieren. Donne war damals in der Sowjetunion praktisch unbekannt. Wie entdeckten sie ihn?
JOSEPH BRODSKY: Ich stieß auf ihn wie die meisten anderen auch: durch den Titel von Hemingways Roman "For Whom the Bell Tolls" (Wem die Stunde schlägt). Aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl, das stamme aus einer Verszeile, und so versuchte ich, eine Donne-Übersetzung zu finden. Es war zwecklos. Erst später kam mir die Vermutung, es handle sich um ein Zitat aus einer Predigt. In gewisser Weise glich mein erster Zugang zu Donne dem seiner englischen Zeitgenossen. Er war damals als Prediger viel bekannter denn als Dichter.
Interessant aber ist vor allem, wie ich schließlich zu einem Buch von ihm kam. Ich hatte schon alle Anthologien durchforscht. Und 1964 wurde ich zu fünf Jahren Haft verurteilt, festgenommen und in den Oblast Archangelsk gebracht; zu meinem Geburtstag schickte mir die Schriftstellerin Lidija Tschukowskaja - wahrscheinlich aus der Bibliothek ihres Vaters - eine "Modern Library"-Ausgabe von Donne. Damals las ich zum ersten Mal sein ganzes lyrisches Werk, und zwar gründlich.


Als Sie die "Große Elegie an John Donne" schrieben, was beeinflußte sie da mehr: das Bild von ihm oder seine Lyrik?
Ich schrieb das Gedicht, glaube ich, 1962. Damals wußte ich kaum etwas über Donne – genau gesagt: praktisch nichts, ich kannte nur ein paar Ausschnitte aus seinen Predigten und Gedichten, die ich in Anthologien gefunden hatte. Was mich hauptsächlich bewog, an dieses Gedicht zu gehen, war eine Vorstellung, die ich seinerzeit hatte, nämlich die von der Möglichkeit der zentrifugalen Bewegung eines Gedichts. Das heißt, nicht eigentlich zentrifugal ... eher wie wenn ein Stein in einen Teich fälllt ... und sich die Kreise ausbreiten, etwas, das eher filmisch aussieht – wie wenn die Kamera sich vom Mittelpunkt wegbewegt. 
Um also Ihre Frage zu beantworten: Es war, würde ich sagen, mehr das Bild des Dichters; nicht so sehr das Bild seiner selbst als das Bild eines Körpers im Raum. Donne war Engländer, er lebte auf einer Insel. Und das Blickfeld – ausgehend von seinem Schlafzimmer – wird weiter und weiter. Erst das Zimmer, dann sein Wohnviertel, dann London, die ganze Insel, das Meer, dann sein Standort in der Welt. Als ich das seinerzeit so komponierte, interessierte mich das nicht einfach nur, sondern ich war, möchte sagen, davon ergriffen. 

Als ich die erste Hälfte der Elegie geschrieben hatte, brach ich unvermittelt ab, denn ich kam überhaupt nicht mehr voran. Ich hatte den Punkt erreicht, wo die Welt nicht mehr aus der Binnensicht, sondern nur noch von außen betrachtet werden konnte... Das war das Reich, das waren die Sphären der Seraphim. Er ist ein Prediger; darum gilt dem Himmel, der ganzen himmlischen Hierarchie und allen himmlischen Sphären sein Augenmerk.
An diesem Punkt hörte ich auf; ich wußte nicht, was als nächstes zu tun war. Die Sache ist die, daß der Schlussteil der ersten Hälfte aus Fragen besteht. Der Held des Gedichts fragt: >Wer ist es, der da zu mir spricht? Du, die Stadt? Du, der Raum? Du, die Insel? Ihr, die Himmelssphären? Ihr die Engel? Welche Engel? Du, Gabriel?< Ich wußte die Antwort nicht. Zwar verstand ich, daß irgend jemand die Fragen hören konnte, die in einem Traum oder aus einem Traum heraus nachts in seinem Schlafzimmer an ihn gerichtet wurde; aber ich verstand nicht, woher sie kamen. Plötzlich fiel es mir ein — und esfügte sich perfekt in die fünfhebigen Jamben, eine einzige Zeile: >Nein, ich bin's. Deine Seele ist's, John Donne.< Die zweite Hälfte des Gedichts beginnt an diesem Punkt.



Meine nächste Frage richtet sich mehr an den Übersetzer als den Dichter. Sie haben von Donne mehrere Gedichte übersetzt. Es heißt, ein Übersetzer stehe immer in Konkurrenz zu dem Autor, den er übersetzt. Wie fühlten Sie sich beim Übersetzen von Donne – als Konkurrent, Verbündeter, Schüler oder Kollege?
Auf keinen Fall als Konkurrent. Ein Wettstreit mit Donne ist angesichts seiner dichterischen Qualitäten völlig ausgeschlossen. Er ist eine der größten Gestalten der Weltliteratur ... Ich war ein Übersetzer, einfach ein Übersetzer, kein Verbündeter. Vielleicht doch eine Art Verbündeter, denn ein Übersetzer ist in gewissem Maße immer ein Verbündeter. Ein Schüler: Ja, denn ich lernte unglaublich viel, indem ich ihn übersetzte. 
Die russische Dichtung ist ja ganz überwiegend strophisch; das heißt, sie arbeitet mit ungewöhnlich schlichten, nämlich vierzeiligen strophischen Einheiten. Dagegen lernte ich bei Donne viel interessantere und aufregendere Strukturen kennen. Er erfindet ungewöhnlich komplexe strophische Konstruktionen. Ich fand das sehr reizvoll und sehr lehrreich. Und so begann ich – bewußt oder unbewußt –, das gleiche zu tun: nicht als Konkurrent, sondern als Schüler. Das war wahrscheinlich die wichtigste Lektion. Außerdem begreifen Sie, wenn Sie Donne lesen oder übersetzen, etwas von seiner Art, die Dinge zu sehen. Was mir bei Donne wirklich gefiel, war die Übertragung des Himmlischen ins Irdische, also des Ewigen ins Vergängliche ... Rede ich zu lang?

Nein.
Das ist ein sehr anregendes Thema, denn es gäbe dazu außerordentlich viel zu sagen. Es ist genau so, wie Marina Zwetajewa einmal sagte: "Die Stimme der himmlischen Wahrheit gegen die irdische Wahrheit". Nur das Wort gegen trifft es nicht ganz – es geht um die Übertragung himmlischer Wahrheit in die Sprache irdischer Wahrheit, das heißt ewiger Phänomene in vergängliche Sprache. Und im Ergebnis gewinnen beide Seiten. Die – wie soll ich sagen? – Ausdrucksweise der seraphischen Ordnung wird einfach in größere Erdnähe gebracht. Sobald von ihr gesprochen wird, gewinnt die seraphische Ordnung an Wirklichkeit. Und dieses wunderbare Wechselspiel ist doch eigentlich das Wesen, das Brot der Dichtung.


Sowjetische Literaturhistoriker warfen John Donne vor, er sei rückschrittlich, weil er sich vom lebensbejahenden Geist der Renaissance entfernt habe. Inwiefern sind Kategorien wie "rückschrittlich" und "fortschrittlich" überhaupt relevant für die Dichtung?
Das ist Kindergartenkram ... Es ist schon nicht klar, was wir meinen, wenn wir Renaissance sagen. In der Regel denkt man dabei an Gemälde mit nackten Körpern, Modellen aus Ateliers, an Bewegung, Reichtum, Ausschweifung. An Fröhlichkeit. Doch die Renaissance war alles andere als eine fröhliche Zeit. Sie war eine Epoche gewaltiger spiritueller, ideologischer und vieler anderer – an erster Stelle politischer – Konflikte. Vor allem war sie eine Zeit der Dogmen – kirchliche, theologische Dogmen – die Menschen nicht mehr befriedigten und auf alle Arten angegriffen, in Frage gestellt und in Zweifel gezogen wurden. Zugleich blühte eine rein weltliche Form von Wissenschaft auf. 
Donne lebte zu einer Zeit, in der – um nur ein Beispiel zu nennen – das heliozentrische System sich einbürgerte. Damals hörte die Erde auf, im Mittelpunkt des Universums zu stehen. Die Sonne wurde zum Zentrum, und das machte auf viele Menschen großen Eindruck. Die Wirkung war ähnlich wie bei der Kernspaltung. 
Kennzeichnend für die Renaissance war eine enorme Wissensexplosion, die sich auch in Donnes Werk widerspiegelt. Er bezieht sich immerzu auf Entwicklungen in der Wissenschaft, der Astronomie, in allem möglichen. Gleichwohl sollte man Donne nicht auf Inhalte reduzieren, auf sein wissenschaftliches und didaktisches Gepäck. Ein Dichter befaßt sich mit der Übertragung einer Sache in eine andere. Er betrachtet alle Dinge mit Neugier; sie sind ja sein Material. Es ist nicht so, dass die Sprache ein Instrument wäre; vielmehr ist er das Instrument der Sprache. Die Sprache selbst ist in ihrer Beziehung zum Material gewissermaßen gleichgültig; der Dichter hingegen ist Diener der Sprache. Aufs Ganze gesehen gibt es keine Hierarchie der Wirklichkeiten. Und das gehört zu den außergewöhnlichsten Eindrücken den Donne-Lektüre: Der Dichter ist kein Individuum, keine Person ... nicht er ist es, der uns seine Ansichten von der Welt aufdrängt oder darlegt: vielmehr ist es so, als ob die Sprache durch ihn spräche.
Wie aber soll man einem Russen erklären, wer Donne ist? Ich würde das so formulieren: Stilistisch ist er eine Kombination von Michail Lomonossow, Gawriil  Derschawin und, wie ich hinzufügen würde, Hryhorij Skowroda mit manchen Sentenzen aus bestimmten Gedichten, seiner Übersetzung der Psalmen vielleicht: "Steig nicht auf in Kopernikus' Sphären, blick in die Kavernen des Geistes", ja oder "Kavernen der Seele", was noch besser ist. Der einzige Unterschied ist, daß Donne, fürchte ich, ein größerer Dichter war als alle drei zusammen. 
Für ihn gab es keinerlei Antagonismus zwischen "rückschrittlich" und "fortschrittlich". Damit meine ich, dass es für ihn überall (in der Welt, in der Natur) Antagonismen gab, nämlich als Ausdruck vorhandener Widersprüche, aber ncht eines ganz bestimmten . ... Es gibt so viel, was man über ihn sagen könnte. Als Dichter war er stilistisch ziemlich uneben. Samuel Coleridge hat einmal etwas Bemerkenswertes über ihn gesagt: Wenn man Donnes Nachfolger liest, Dichter wie John Dryden, Alexander Pope und so weiter, die rund hundert Jahre nach ihm kamen, dann zählt man letzten Endes immer nur Silben und Versfüße, während man bei der Donne-Lektüre nicht die Zahl der Silben misst, sondern die Zeit. Das trifft genau das, was Donne in seinen Versen tat. Es ist eng verwandt mit der Art und Weise, wie Ossip Mandelstam die Zäsur dehnt, wie er einen Augenblick anhält, wie er stehenbleibt ... für eine Sache, die dem Dichter aus irgendeinem Grund wunderbar erscheint. Oder andersherum, wie in seinen "Woronescher Heften": da haben sie Unebenheiten, Sprünge, verkürzte Versfüße, verkürztes Metrum, fiebrige Hast – als wolle er den schrecklich erscheinenden Augenblick zur Eile antreiben oder eliminieren.
Diese Qualitäten Donnes haben die einen angezogen und die anderen abgestoßen. Wie nicht anderes zu erwarten, wirkte sein Stil eher abstoßend auf Leser, die an Edmund Spenser gewöhnt waren und an die ältere Poetik, die sich in der Reaktion auf die italienische Poetik, auf alle Arten von Sonetten, auf Petrarca und so weiter herausgebildet hatte. Und was nach Donne kam, war ebenfalls – wie soll ich es ausdrücken? – das Ergebnis eines harmonisierenden Sprachfortschritts. Auch für einen englischsprachigen Leser von heute (oder aus dem 18. oder 19. Jahrhundert) ist es nicht einfach und nicht sonderlich vergnüglich, Donne zu lesen - so wenig wie die Lektüre von Antioch Kantemir oder Wassilij Trediakowskij es für uns ist. Denn wir betrachten diese Dichter durch die Brille der Fortschritte, die durch die harmoniebetonte Schule von Puschkin und all den anderen erreicht wurden. Ist es nicht so?


Und doch erkannten die Dichter der zwanziger und dreißiger Jahre, wie Elion, in Donne ...
Ja?


... den Geist ihrer Zeit.
Sicher. Weil Donne ein Dichter unserer Zeit ist: mit den Themen, die er aufgriff, mit seiner Ungewißheit, mit der Zerrissenheit, der Zwiespältigkeit seines Bewußtseins. Die von ihm behandelten Probleme sind Probleme der ganzen Menschheit, ganz besonders in Zeiten der Informationsüberflutung und des rasanten Wachstums der Weltbevölkerung ...

 

Aus dem englischen von Michael Mertes
Veröffentlicht in SINN UND FORM, A 9504
DREIUNDSECHZIGSTES JAHR / 2011 / SECHSTES HEFT

©Igor Pomeranzew 

 

 

John Donne

  

 

 

 

 

 

 

John Donne ist eingeschlafen. Alles schläft.
Gemächer, Betten, Wände, Bilder, schlafen,
Tisch, Teppich, Schlösser schlafen, Tür, Büfett,
Gardinen, Riegel, Kerzen, Mantelhaken.
Nichts, das nicht schliefe: Schüssel, Flasche, Uhr,
Brot, Messer, Porzellan, kristallene Schalen,
Glas, Nachtlicht, Linnen, Wäscheschrank, der Flur,
die Treppenstufen, Türen. Nacht in allem.
Nacht überall: in Ecken, Augen, Rock,
im Schreibtischfach, in Rechnungen, Parpieren,
in Predigt, Kohlenzange, Kohle, Holz,
im schwelenden Kamin, in allen Dingen.
Im Wams, im Gürtel, in den Strümpfen, Schuhn,
im Betstuhl, hinterm Spiegel, in den Laken,
in Schüsseln, Flaschen, Kruzifixen, Truhn,
Pantoffeln, Besen. Alles liegt im Schlafe.
Im Schlaf liegt alles: Fenstersims und Schnee.
Das Nachbardach schläft fest, geschrägt zum Firste.
Die Straße schläft, das ganze Viertel schläft,
vom Fensterrahmen tödlich eingeschnitten.
Arkaden schlafen, Mauern, Säulenknauf,
Steinpflaster, Gehsteigbretter, Beete, Gitter.
Es quietscht kein Wagenrad, kein Licht scheint auf.
Umzäunung, Kette, Pflock, Fassaden schimmern.
Türklopfer, Türen, Klinken ruhn im Schlaf,
die Schlösser, Riegel, Schlüssel, Absperrhaken.
Kein Flüstern, Rascheln, Klopfen. Keiner wacht.
Es knirscht der Schnee. Es wird so bald nicht tagen.
Gefängnisse und Prunkpaläste ruhn.
Es schläft das Metzgerbeil, die Krämerwaage.
Es schlafen Haus und Hof und Kettenhund.
Die Katzen schlafen. Ihre Ohren ragen.
Mäuse und Menschen schlafen. London schläft.
Es schläft das Segelschiff, Schneewasser schlingert,
reibt sich am Rumpfe, reibt sich, treibt hinweg,
um mit dem Winterhimmel zu verschwimmen.
John Donne ist eingeschlafen. Und das Meer.
Der Kreidefelsen schläft, der Segelhafen.
Die Insel schläft, von einem Schlaf umhegt.
Dreifach verriegelt sind Gehöft und Garten.
Die Ulmen, Tannen, Kiefern: alles schläft.
Es schlafen Pfade, Bäche, Bergeshänge.
Der Fuchs, der Wolf. Der Bär ging auch zu Bett.
Der Schnee verweht die dunklen Höhlengänge.
Die Vögel schlafen alle. Keiner singt.
Die Eule lacht nicht. Keine Krähen schreien.
Nacht ist. Das englische Gefild ist still.
Es blinkt ein kleiner Stern. Die Maus geht beichten.
Nichts, das nicht schliefe. In den Särgen ruhn
die Toten still. In ihren Betten schlafen
die Lebenden in Hemden aus Kattun.
Sie schlafen. Einzeln oder beieinander.
Im Schlaf liegt alles: Wald, Gebirg und Bach.
Es schlafen Vögel, Tiere, Steine, Bäume.
Es schneit und schneit vom Himmel in der Nacht.
Dort aber schläft man auch, zu aller Häupten.
Es schläft der Engel Heer. Die Welt ruht tief
im Schlaf der Heiligen: daß sie sich schämen.
Die Hölle schläft. Es schläft das Paradies.
Kein Mensch wird jetzt noch auf die Straße gehen.
Gottvater schläft. Die Erde ist ihm fremd.
Von ihm kommt keine Gnade, keine Strafe.
Der Teufel schnarcht in seinem Panzerhemd.
In England ist die Feindschaft eingeschlafen.
Es schlafen Reiter, Engel, Sakristan.
Die Pferde schnauben, schaukeln sacht im Schlafe.
Die Cherubime schlafen Mann an Mann
und hüten die Sankt Paulus Kathedrale.
John Donne ist eingeschlafen. Und sein Vers.
Es schlafen Reime, Bilder, starke, schwache.
Die Laster haben sich in sich gekehrt.
Die Sünden liegen im skandierten Schlafe.
Kommt sich ein Vers auch wie ein Bruder vor,
zum Bruder flüsternd: rücke um ein kleines,
ist jeder doch gleich fern vom Himmelstor.
So arm, so dicht, so rein. Summiert zur Einheit.
Die Zeile schläft. Der Jambus wölbt sich hoch.
Links, rechts, wie Wächter schlafen die Trochäen.
In ihnen schläft das Bild des Lethestroms.
Dahinter schläft noch dies: des Dichters Lorbeer.
Das Unglück schläft, der Schmerz, die Not, das Leid.
Die Laster schlafen. Gut und Böse schlummern.
Auch die Propheten schlafen. Schnee fällt weiß
und sucht im Raum nach kleinen schwarzen Punkten.
Im Schlaf liegt alles. Pult. Bibliothek.
Eis des Vergessens deckt den Fluß der Sprache.
Die Rede mit der vielen Wahrheit schläft.
Die Perioden klingen leis im Schlafe.
Die Heiligen schlafen. Die Dämonen. Gott.
Des Teufels Diener. Gottes Freund, Kinder.
Der Schnee nur rieselt leis auf Zaun und Pflock.
Sonst ist kein Laut mehr auf der Welt zu finden.


Doch da! Du hörst es? In der kalten Nacht
weint einer, flüstert, von der Angst durchdrungen.
Ist einer ganz in Winters Bann und Acht.
Und weint und weint. Wer ist das? Dort im Dunkeln.
Der Laut ist dünn, wie eine Nadel schmal.
Der Faden aber fehlt ... So einsam schwimmend
treibt er im Schnee. Nacht, Kälte, überall ...
Näht Nacht und Tag in eins ... So hoch am Himmel.
"Wer schluchzt, wer weint? Bist du es, Engel mein,
der Rückkehr harrend meiner heißen Liebe?
Durch tiefe Finsternisse gehst du heim.
Schreist du dort, Engel, daß die Nacht zerstiebe?"
"Seid ihr es, Cherubime? Wie ein Chor,
ein Trauerchor klingt mir ins Ohr dies Weinen.
Wollt ihr jetzt etwa meines Schlafes Dom
im Chor verlassen?" Doch die Engel schweigen.
"Bist du es Paul, wenn deine Stimme auch
sich sehr vergröbert hat durch rauhe Reden?
Bist du's, dein graues Haupt in Nacht getaucht?
Bist du's, der weint?" Nur Stille fliegt entgegen.
"Hat jene Hand im Dunkel meinen Blick
verstellt, die stumm regiert im Schneegewimmel?
Bist Du es, Herr? Mein Sinnen scheint verrückt,
doch weint hier eine gar zu hohe Stimme."
Rings Schweigen. "Stießest, Gabriel, du laut
in die Posaune? Hör ich Hunde bellen?
Nur ich allein mach meine Augen auf.
Die Boten schwingen sich in ihre Sättel.
Die Welt schläft fest, umarmt von Dunkelheit.
Die Reiter nahen schon am Himmelssaume.
Bist du es, Gabriel, zur Winterszeit,
der einsam nachts hier schluchzt mit der Posaune?"

"Nein, ich bin's, deine Seele ist's, John Donne.
Ich trauere allein am hohen Himmel.
Ich werde meiner Werke hier nicht froh.
Sie lasten: die Gedanken, die Gefühle.
Du, als du hoch mit dieser Bürde flogst,
ganz hoch hinauf aus Sünden, Leidenschaften,
du wurdest Vogel, und du sahst dein Volk,
du flogst hinauf, hinauf am schrägen Dache.
Du sahst die Meere, sahst der Welt Gebiet.
Die Hölle sahst du: erst in dir, dann wirklich.
Genauso klar sahst du das Paradies.
Der Lüste traurigste hielt es umzingelt.
Du sahst das Leben. Deiner Insel gleich.
Du bist dem großen Ozean begegnet.
Geheul und Nacht umbrauste jenes Reich.
Du flogst um Gott herum — und heim nach England.
Doch diese Bürde läßt dich nicht hinauf,
von wo die Welt ein Urwald ist von Türmen,
ein Netz von Flüssen. Beim Hinunterschaun
erscheint dies Jammertal kaum noch zum Fürchten.
In jenem Land regt sich das Klima nicht:
wie eines Kranken lange Atempause.
Der Herrgott ist von dort ein schwaches Licht
in dichter Nebelnacht im fernsten Hause.
Dort gibt es Äcker. Doch sie liegen brach.
Nach zehn, nach hundert und nach tausend Jahren.
Nur Wälder, Wälder halten dort die Wacht,
und Regen tanzt im schulterhohen Grase.
Der erste Holzknecht, dessen dürres Pferd
bisher verschlagen wurde durch das Dickicht,
wird hoch vom Baume plötzlich Lichter sehn
in seinem Heimattal, die fernher blinken.
Fern, fern ist alles. Unscharf ist dies Land.
Der Blick streicht über Dächer, über Föhren.
Hier ist es hell. Kein Laut. Kein Hund schlägt an.
Die Kirchenglocken kann man hier nicht hören.
Und er begreift: Die Welt ist fern. Er strafft
die Zügel, reitet in die großen Wälder.
Und alles: Zügel, Schlitten, Pferd und Nacht
verwandelt sich in biblische Legende.
So weine, wein ich denn, seh keinen Weg.
Zwar ist die Rückkehr mit dorthin beschieden.
Doch nicht in Fleisch und Blut, doch nicht als Mensch.
Als Tote nur darf ich die Welt erfliegen.
Ja, ja allein. Welt, ich vergesse dich,
vergesse dich auf ewig in der Erde.
Mir bleibt der Wunsch, der qualvoll nur verspricht.
Mit meinem Fleisch vernähe ich die Trennung.
Dieweil mein Weinen deinen Schlummer stört,
fliegt in die Finsternis, schräg und gerade,
der unsere Trennung hier vernäht: der Schnee.
Und hin und her beschleunigt sich die Nadel.
Nicht ich: du selber liegst und weinst, John Donne.
Es schlafen Hausrat, Garten, Tiere, Engel,
dieweil der Schnee auf deine Heimstatt flockt,
dieweil der Schnee vom Himmel fällt und pendelt."


Ein Ebenbild der Vögel, schlummert er
in seinem Neste. Seine reinen Wege
sind gut bewacht. Es waltet jener Stern,
den Winterwolken jetzt noch dicht umgeben.
Ein Ebenbild der Vögel. Rein und stet
ist seine Seele. Und die Weltmannsgeste
ist, sündig zwar, so richtig wie das Nest
der Krähe über leeren Starenkästen.
Am Morgen wird er mit den Vögeln wach.
Jetzt liegt er unter seiner weißen Decke.
Indessen wird gewebt aus Schnee und Schlaf
die Spanne zwischen Schläfers Leib und Seele.
Alles schläft fest. Aufs Ende warten zwei,
drei Verse, käuen ihre Weisheit wieder,
das Eros nur die Pflicht des Sängers sei.
Agape aber nur das Fleisch des Priesters.
Auf welches Rad das Wasser immer fällt,
es mahlt doch stets das Korn zu Mehl und Kleie.
Sind wir im Leben manchmal auch gesellt:
im Tode sind wir ganz bestimmt alleine.
Ein Loch ist im Gewebe. Wem's gefällt,
der reißt daran, geht fort, kommt, zerrt am Faden.
Und noch einmal. Und nur das Firmament
nimmt manchmal in der Nacht des Schneiders Nadel.
Schlaf, schlaf, John Donne, schlaf ein und quäl dich nicht.
Der Rock hängt schlaff und löchrig auf dem Bügel.
Die Zeit ist um. Durch diese Wolke blickt
schon bald der Stern: der Hüter deines Friedens.


Aus dem Russischen von Alexander Kaempfe und Heinrich Ost