Diktatoren haben Angst vor Schriftstellern

Günter Grass

©Alireza Gholami (Teheran)

Günter Grass, 83, Nobelpreisträger im Interview mit der Iranischen Zeitschrift NAFEH (Ausgabe Oktober 2010) Er erzählt über die neue Generation der Schriftsteller in Deuschland. Dann beschreibt Grass wie die Staatssicherheit der DDR ihn 28 Jahre bespitzelte. Er spricht über Krieg und totalitäre Staaten und sagt „Frei redende und schreibende Menschen sind für totalitäre Staaten und ihre Ideologien eine Gefahr.“

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Die Leser im Iran kennen weder die deutsche Literatur noch Autoren wie Günter Grass, Heinrich Böll und Bertolt Brecht. Ihre Meinung zur gegenwärtigen Literatur in Deuschland?
Unter den jungen deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern gibt es viele, die ich für gut halte und die ich gern lese. Zu ihnen gehören – ich möchte hier nur wenige nennen - Ingo Schulze, Katja Lange-Müller, Burkard Spinnen, Michael Kumpfmüller, Eva Menasse, Juli Zeh, der junge Benjamin Lebert.


Lesen Sie gerne neue Romane deutscher Schriftsteller? Welche gefallen Ihnen?
Seit 2005 versammle ich einmal im Jahr jüngere Schriftsteller in Lübeck. Ich bereite mich darauf vor, indem ich Romane und Erzählungen der Eingeladenen lese. Bei dem Treffen lesen wir uns aus unseren Manuskripten vor, diskutieren unsere Arbeiten, auch Neues, was ich geschrieben habe, und zum Abschluss gibt es für die an Literatur interessierten Lübecker eine öffentliche Lesung. Diese Treffen sind bei den jungen Schriftstellern beliebt, so dass sie im folgenden Jahr gern wiederkommen.


Was sind die wichtigste Unterschiede zwischen der Literatur Ihrer und die der jungen, nachfolgenden Generation?
Deutschland hat 12 Jahre lang eine Diktatur, einen totalitären Staat gehabt. 12 Jahre waren die deutschen Leser abgeschnitten von der internationalen Literatur. Die Bücher, die nach 1945, nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen, waren geprägt von dem, was die jüngeren deutschen Schriftsteller im Krieg, beim Militär und in der Gefangenschaft, in der Emigration erlebt hatten. Denken Sie an Heinrich Böll, Alfred Andersch, an Christa Wolf, Wolfgang Koeppen – oder auch an meine frühen Bücher, die „Blechtrommel“, „Katz und Maus“, „Hundejahre“. Die jüngeren Schriftsteller sind in einer anderen Welt, unter anderen politischen und gesellschaftlichen Umständen aufgewachsen, die sich in ihren Büchern spiegeln.


Der Mauerfall von Berlin war ein wichtiges Ereignis. Wie hat sich der in der Literatur Deutschlands niedergeschlagen?
Der Fall der Berliner Mauer war das Symbol für das Ende des Sozialismus, wie er in Osteuropa verstanden wurde. Die Polen und auch die Tschechen haben wie die Bürger der DDR viel zu dieser Entwicklung beigetragen. Eine neue Schriftstellergruppe ist damals nicht entstanden. Aber es gab schon in den Jahren der deutschen Teilung wichtige Begegnungen von ostdeutschen und westdeutschen Schriftstellern. Damit meine ich weniger die offiziellen Treffen, an denen ich auch teilgenommen habe, sondern private Zusammenkünfte in Ost-Berlin, bei denen wir uns gegenseitig vorgelesen und gemeinsam diskutiert haben.
Viele Schriftsteller brauchten Zeit, um die neuen Möglichkeiten zu nutzen. Es gab in der DDR aber Schriftsteller, die schon vor 1989 in erzählerischen Texten und Theaterstücken Kritik an ihrem Staat deutlich genug formuliert hatten. Einer von ihnen war Christoph Hein. Zu den Schriftstellern, die nach 1989 hervortraten, gehört Thomas Brussig. Er war 30 Jahre alt, als 1995 sein Roman „Helden wie wiir“ erschien.


Sind Sie noch einverstanden mit alle Äußerungen und Entscheidungen der Gruppe 47, wenn Sie aus heutiger Sicht zurückblicken?
Sicher haben die Mitglieder der Gruppe 47 auch Fehler gemacht. Aber sie haben sich sehr früh mit den Nachkriegsaufgaben der deutschen Literatur auseinandergesetzt, sie haben gegenseitig offen ihre Texte kritisiert, und sie haben aktiv in die deutsche Politik eingegriffen, die eine Politik der Restauration war. Ich verdanke der Gruppe 47 und ihrem Spiritus rector, Hans Werner, Richter, sehr viel. Ich habe als junger Schriftsteller in der Gruppe 47 aus meinen frühen Gedichten vorgelesen, später aus meinem ersten Roman „Die Blechtrommel“.


Warum wurde die Gruppe 47 aufgelöst? Was war der wichtigste Grund Ihrer Meinung nach?
chriftstellergruppen haben immer und überall eine begrenzte Lebensdauer gehabt und sind dennoch ungeheuer wichtig für die Literatur und für die Öffentlichkeit ihrer Länder gewesen. - Ich habe meinem Freund Hans Werner Richter und der Gruppe 47 mit meinem Buch „Das Treffen in Telgte“ ein Denkmal gesetzt.


Die Staatssicherheit der DDR bespitzelte Sie 28 Jahre lang. Wussten Sie davon und was machten Sie mit diesem Wissen? Waren Sie wütend? oder lachten Sie? ... weil Ihre Ironie witzig und wundervoll ist.
Ich wusste natürlich, dass ich bei meinen Besuchen in Ost-Berlin und in der DDR von der Stasi beobachtet wurde, zumal ich verschiedentlich bei Schriftsteller-Kongressen gegen Ausweisung und Missachtung von Schriftstellern protestiert hatte, aber ich versuchte mit einigem Erfolg, die Spitzel zu ignorieren. In einem kürzlich erschienenen Buch von Kai Schlüter sind die über mich geführten Akten veröffentlicht und aus heutiger Sicht kommentiert worden.


Wahrscheinlich hat auch Westdeutschland Sie bespitzelt. Wie hat sich das für Sie angefühlt?
Ich habe für meinen Freund Willy Brandt Reden geschrieben, habe aktiv an den Wahlkämpfen der SPD teilgenommen, ich habe in Reden und Aufsätzen gegen die Nazis in der Regierung Adenauer und Erhard protestiert, und ich bin dafür von Politikern und von der Presse oft gescholten worden. Sicher wurde ich auch von westdeutschen Diensten beobachtet. Allerdings boten mir das Grundgesetz, das Meinungsfreiheit garantiert, und die nach und nach wachsende Demokratie in der Bundesrepublik einen Schutz, den Schriftsteller in Diktaturen und totalitären Staaten nicht haben.


Waren Sie eine für Westdeutschland eine Belastung? Inwieweit ist die Freiheit eines Schriftstellers in einer Demokratie eingeschränkt?
Nein, das kann ich nicht sagen. In den Jahren der Teilung Deutschlands habe ich mich oft mit DDR-Schriftstellern in Ost-Berlin getroffen, und es gehörte zum Kalten Krieg und zum deutschen Ost-West-Konflikt, dass Reisende, die die Grenze überquerten, auf beiden Seiten beobachtet wurden. Wie gesagt, das seit 1949 existierende Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland garantiert Schriftstellern Freiheit. Ich habe mich auch in anderen demokratisch regierten Ländern, die ich kennengelernt habe, in meiner Freiheit nie eingeschränkt gesehen.


Warum haben totalitäre Regime Angst vor der Literatur?
Verantwortungsbewusste Schriftsteller treten – das gehört zu ihren Aufgaben - für die Freiheit der Meinung und die Freiheit der Rede ein. Sie brauchen selbst diese Freiheiten, um schreiben zu können, und sie brauchen sie, um für ihre Bücher Leser zu finden. Freiheitlich redende und schreibende Menschen sind für totalitäre Staaten und ihre Ideologien eine Gefahr.

Im Iran wurde Ihre Aufrichtigkeit in dem Roman “Beim Häuten der Zwiebel” gelobt.
Ich habe mich mein Leben lang um Aufrichtigkeit bemüht und habe oft erklärt, dass ich noch 1945 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft an den Nationalsozialismus geglaubt habe. Dann folgten die Jahre des Lernens, und meine Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit und den deutschen Verbrechen führte dazu, dass ich für immer allen Ideologien abgeschworen habe.


Warum die Liebe zum Detail?
Schriftsteller müssen oft bis ins Detail genau sein, um ihre Leser von der Wahrheit dessen, was sie sagen, zu überzeugen.


Ich habe gelesen, dass Sie religiös erzogen worden sind - warum spottet Oskar in “Die Blechtrommel “über die Kirchen und Christus?
Ich bin katholisch erzogen worden, und ich respektiere alle Menschen, die einem Glauben anhängen. Aber ich habe nicht nur allen politischen, sondern auch allen religiösen Ideologien für immer abgeschworen. Oskars Witze sind nicht religionsfeindlich. Oskar erliegt dem Wahn, den wir bei vielen Menschen beobachten, er hält sich für den Erlöser.


Kann die Religion im 21. Jahrhundert Menschen noch helfen?
Sicher kann Religion manchen Menschen helfen, ihre persönlichen Krisen zu überwinden, aber ich glaube nicht, dass irgendeine Religion die Menschheit retten kann. Sie kann es vor allem nicht mit Waffengewalt.


Was kann die Menschheit in diesem Jahrhundert retten?
Keine Ideologie, kein Krieg, kein Religionskrieg - nur Vernunft, Verhandlungen mit der ehrlichen Bereitschaft zu friedlicher Koexistenz.


65 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sehen Sie eine Perspektive für den Weltfrieden?
Nein. Es hat immer wieder blutige und grausame Kriege gegeben. Genau gesehen, ist seit 1945 immer irgendwo in der Welt Krieg. Das ist schrecklich, und ich habe oft darüber geschrieben.


Ein paar Jahren nach dem Weltkrieg begann einen neuer Krieg im Nahen Osten an, der u.a. noch im Irak in Afghanistan und Palästina andauert.
Es gab vorher Krieg in Korea und Krieg in Vietnam, blutige Auseinandersetzungen in Afrika und Lateinamerika. Im Nahen Osten auch die Kriege zwischen Irak und Iran, zwischen Libanon und Israel. Ich glaube nicht, dass Kriege Probleme lösen können.


Ihre Vorschläge für eine friedliche Welt?
Verzicht auf atomare Bewaffnung, Abrüstung, Entschlossenheit, die Feindseligkeiten und Konflikte zu überwinden und gemeinsam für die großen Probleme der Menschheit – den Hunger in nicht privilegierten Ländern, die Unterdrückung von Menschen, insbesondere von Frauen, den Analphabetismus -  Lösungen zu finden. Das ist eine Utopie – und könnte dennoch ein verbindendes Ziel sein.

 

©Alireza Gholami, Journalist, Jahrgang 1979 lebt in Teheran hat dieses Interview in der Oktober Ausgabe 2010 des Literatur Magazin NAFEH auf Persisch veröffentlicht und die deutsche Originalfassung dem Zeitzug zur Verfügung gestellt. Die Fotos von Günter Grass wurden der gedruckten persischen Originalversion entnommen.
Prag, 6. Dezember 2010. Milena Findeis

 

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10.8.2020 Wandernd in mich hineingehen, der Weg findet sich. Einen Blumenstrauß für Milena Jesenská pflücken, in ihrer Essaysammlung "Křižovatky" (Kreuzung) fand und finde ich immer noch - die Impulse um in die eigene Spur zu kommen. Die Bilder von Ana Schönsteiner, wegweisend.

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Veröffentlicht in Svět práce, 1. Dezember 1933, ins Deutsche übersetzt von Eva Hoffmann