JEWGENIA GINSBURG

Ein Zwiegespräch mit dem Buch Gratwanderung und den Ereignissen rund um die Revolution der Würde in der Ukraine.

Jewgenia Ginsburg wurde 1906 in Moskau geboren, wurde 1937 des Terrorismus bezichtigt, verhaftet und vor ein Militärgericht gestellt. Nach zwei Jahren Gefängnis in Moskau (Butyrki) wurde sie nach Sibirien überstellt; 1955 wurde sie rehabilitiert und starb 1977 in Moskau. Einer ihrer Söhne ist der Schriftsteller Wassilij Aksjonow. Milena Findeis

Auszug aus "Gratwanderung"
Seite 187 bis 191
Aus dem Russischen von Nena Schawina

Jewgenia GinsburgUnser Doktor Barkan betrachtete mit seinen Augen eines baltischen Adligen die Umgebung immer distanzierter, je näher die Zeit der Entlassung rückte. Um exakte Diagnosen bemühte er sich gar nicht mehr. Alle Patienten, die bei uns eingeliefert wurden, galten von vornherein als tuberkulös und bekamen einer wie der andere Kalziumspritzen. Aber eines Tages, als Barkan seinen freien Tag hatte, machte die Visite an seiner Stelle Doktor Kalambet, der so aussah wie Taras Bulba, der Saporoger Kosak aus der berühmten Novelle von Gogol. Doktor Kalambet hatte es fertiggebracht, sogar im Lager dick zu bleiben. Als er erschien, kam in unseren Vorhof des Todes gleichsam das Leben selbst. Er würzte die Gespräche mit Scherzen, Witzchen und ukrainischen Sprichwörtern, stellte dabei genaue Diagnosen und sprach den Kranken Mut zu. Über Josef Fichtenholz sagte er: "Das ist nicht euer Patient, sondern meiner. Er hat eine krupöse Pneumonie. Sagen Sie Barkan, er soll ihn zu uns in die Innere bringen lassen." 
Aber nun entwickelte Barkan plötzlich Ehrgeiz. Seine Diagnose durfte nicht falsch sein! Und er ordnete für Josef weiterhin die gleiche sinnlose Behandlung an.
Eines Nachts weckte mich Grizko. "Kommen Sie, Schwester, zu diesem Cherub .... Es scheint mit ihm zu Ende zu gehen ...! Fichtenholz krümmte sich in fürchterlicher Atemnot. Seine hellblauen Augen traten aus den Höhlen. Über sein Gesicht rann kalter Schweiß. "Ich kann nicht mehr .... Bitte ... Luftembolie ... Manchen Sie mir eine Luftembolie, um Gottes willen ...", stöhnte er auf deutsch. Ich verstand nicht gleich, was "Luftembolie" bedeutete. Als ich es begriff, überlief mich ein Schauer. Ich hatte gehört, daß diese Art des Tötens in der Nazi-Medizin angewendet wurde. Man injizierte Luft in eine Vene, dadurch entstand eine Luftembolie, und das bedeutete den Tod. Und er wollte, daß ich so etwas machte. "Sie sind verrückt geworden! Wir sind keine Faschisten! Wir töten unsere Kranken nicht, wir heilen sie!" Aber er sei doch nicht mehr zu heilen. Deshalb möge die Schwester seine Qualen nicht noch verlängern, er habe nicht mehr die Kraft, weiterzuleiden... Was sollte ich tun? Nach Barkan zu rufen war nutzlos. Auch Kalambet würde nicht kommen, er wollte sein Verhältnis zu Barkan nicht noch mehr verschlechtern. Und dann stellte ich mir die Frage, mit der ich mir hier in Belitschje schon mehr als einmal aus den Schwierigkeiten geholfen hatte. Was würde Anton in so einem Fall tun? Der Kranke hatte ein Lungenödem ... Er brauchte einen Aderlaß. Unter den Bedingungen des Lagers hatte die alte Methode, zur Ader zu lassen, im Krankenhaus von Taskan mehr als einem Menschen das Leben gerettet. Es war keine Zeit zu verlieren. Ich stellte eine Schüssel neben das Bett und führte eine große Nadel in die Vene ein. In langsamen, großen Tropfen, die wie rote Johannisbeeren aussahen, begann das Blut in die Schüssel zu fließen und sich in dünnen Rinnsalen auf dem weißen Boden zu verteilen. Das Herz klopfte mir bis zum Halse. Machte ich auch nichts falsch? Wieviel Kubikzentimeter Blut hatte Anton immer auf diese Weise entnommen? Der Kranke hörte plötzlich auf zu stöhnen und schien sogar einzuschlummern. Mit zitternden Händen injizierte ich ihm Kampfer. Was war noch zu tun? Ach ja, heißer, süßer Tee, möglichst stark ... Mit einem Wort, ich rettete ihn. 
Barkan sagte bei der morgendlichen Visite mit leichtem Spott zu mir: "Na, was ist nun? Sie und Kalambet hatten Zweifel an meiner Diagnose. Sehen Sie nur, wie sich der Zustand des Kranken nach der Kalziumspritze gebessert hat." Ich weiß nicht, ob Fichtenholz diese Bemerkung verstanden hatte, auf jeden Fall wurde zwischen ihm und mir beschlossen -, Barkan nichts von dem nächtlichen Adlerlaß zu sagen und auch nicht, daß ich ihm nie Kalzium gespritzt hatte. Er wurde mir teuer, wie uns eben die Früchte unserer Bemühungen teuer werden. Als er zu den Genesenden gehörte und seine Temperatur bereits wieder normal war, trug ich in sein Krankenblatt absichtlich noch immer Siebenunddreißigfünf ein, damit er weiter zu Kräften kommen konnte und möglichst lange von dem Bergwerk Burchala verschont blieb. Ich gab ihm die Hälfte meiner Essensration. Das fiel mir nicht schwer, da ich durch die schwere Arbeit und die stickige Lut fast gänzlich appetitlos war. Er aber aß mit der Gier eines dem Leben zurückgegebenen Todeskandidaten und sah zusehends gesünder aus. 
Meine Fürsorge erwiderte er mit stummer Anbetung. Er war überhaupt sehr schweigsam und erzählte nichts über sich selbst, nicht einmal, wenn ich ihn auf deutsch fragte. Da brachte plötzlich unser Obersanitäter Nikolaj Alexandrowitsch, der immer das Essen aus der Küche holte, wo man alle Neuigkeiten aus Belitschje erfahren konnte, üble Nachrichten über Josef Fichtenholz. "Ein Hitler-Offizier ist er! Nicht zu glauben! Und er wird genauso behandelt wie die Unseren, die ehrlich gekämpft haben und nur das Pech hatten, eingeschlossen zu werden ...! Das war ein Schlag für mich. Hatte ich einen Mörder gerettet, vielleicht sogar einen SS-Mann? .. "Woher wissen Sie das?" "Alle sagen es ..." Das war für mich noch kein Beweis. Man wußte wie Lagergerüchte bei der Weitergabe von Mund zu Mund übertrieben wurden. Ich sagte Fichtenholz nichts, begann ihn aber kritisch zu beobachten. Sein Verhalten war einwandfrei. Er bemühte sich nach Kräften, für die Station von Nutzen zu sein. Einen "Akkuratisten" nannte ihn Grizko beifällig, dem er beim Saubermachen half. Besonders sorgfältig wischte er den Fußboden in meiner Kammer, schenkte mir kleine Holzfiguren, die er selbst angefertigt hatte. Durch irgendein Wunder war ihm ein kleines Federmesser erhalten geblieben, und mit ihm schnitzte er höchst talentiert aus kleinen Holzstücken erstaunliche Dinge voll unbeholfener Grazie. 
Eines Tages brachte er mir zwei kleine Engel, die so aussahen wie jene zu Füßen der Sixtinischen Madonna. "Das ist für Sie", sagte er und sah mich voll Ergebenheit an. "Weil sie selbst ein Engel sind." Wir waren allein. Da brachen schreckliche Worte aus mir heraus, die wahrscheinlich besser nicht gesagt worden wären. "Ich ein Engel? Wo denken Sie hin! Ich bin ein gewöhnlicher Mensch. Und wenn wir uns vor drei Jahren unter anderen Umständen begegnet wären, hätten sie mich in die Gaskammer geschickt oder am Galgen gehenkt ...! "Ich? Sie? Sein schönes Gesicht überzog sich mit dunkelroten Flecken. "Aber warum denn?" "Weil ich Jüdin bin. Und Sie doch ein Nazi-Offizier?" Er wurde leichenblaß und fiel auf die Knie. Ich nahm an, er fürchtete seine Entlarvung, und holte zu einem neuen Schlag aus. "Sie brauchen keine Angst zu haben! Wenn es hier nicht schon bekannt ist, ich werde Sie nicht denunzieren ..." Er schrie auf, als habe ihn eine Kugel getroffen. Und ich begriff, daß ich mich geirrt hatte. Nicht Angst, sondern Gewissensqualen peinigten ihn, jene Foltern, die stärker sind als jeder körperlicher Schmerz. Bis heute weiß ich nicht, ob er bei der Hitler-Armee gedient hat und in welcher Funktion. Aber sicher war, daß er etwas zu bereuen hatte.  Getroffen von der Plötzlichkeit des Schlages vergaß er seine gewohnte Zurückhaltung und Vorsicht. Er lag vor mir auf den Knien, schluchzte wie ein Kind, ergriff meine Hände und versuchte sie zu küssen. Dabei wiederholte er unentwegt: "Ich bin ein gläubiger Mensch ... Glauben Sie denn, ich habe gewollt? Glauben Sie denn, ich habe gewollt?" Aus seinem Benehmen sprach eine so grenzenlose Verzweiflung, daß ich einen Moment lang bedauerte, so um sein Leben gekämpft zu haben. Villeicht wäre es besser für ihn gewesen zu sterben, als mit so einer Last zu leben? Vielleicht war er keine Nazi-Bestie, sondern hatte nur bestialische Befehle blindlings vollstreckt. Jedenfalls wurde er in diesem Augenblick unendlicher Qual zum Menschen. Man kann mir entgegenhalten, daß man sehr viel häufiger Menschen trifft, die laut ihre Unschuld beteuern und ihre Schuld auf die Zeitumstände, die anderen, ihre Jugend und Unerfahrenheit schieben. Das stimmt. Aber ich bin der festen Überzeugung, daß gerade die Lautstärke dieser Beteuerungen dazu dienen soll, jene leise und unerbittliche Stimme zu übertönen, die dem Menschen hartnäckig seine persönliche Schuld vorhält. 
Jetzt da mein Leben sich dem Ende zuneigt, bin ich sicher: Anton Walter hatte recht. "Mea culpa" pocht in jedem Herzen, die Frage ist nur, wann der Mensch diese Worte hört, die tief in seinem Inneren ertönen. Sie sind gut zu hören bei Schlaflosigkeit, wenn man mit Abscheu sein Leben überdenkt und es schaudernd verflucht. In schlaflosen Stunden tröstet das Bewußtsein nicht, daß man nicht unmittelbar an Mord und Verrat beteiligt war. Denn nicht nur der hat getötet, der zugeschlagen hat, sondern auch jene, die das Böse zugelassen haben, ganz gleich wodurch: durch das gedankenlose Wiederholen gefährlicher Theorien; das wortlose Heben der rechten Hand, das halbherzige Schreiben von Halbwahrheiten. Mea culpa ... Und immer häufiger scheint mir, daß sogar achtzehn Jahre der Hölle auf Erden nicht ausreichen, diese Schuld zu sühnen.


Heinrich Böll
Vorwort

Weine nicht vor ihnen


Es wäre mehr als vermessen, einer solchen Publikation so etwas wie eine Inhaltsangabe vorauszuschicken; in diesem Buch spricht jede Zeile für sich, sagt jede Zeile alles, führt in jenen fürchterlichen und absurden Kosmos, der etwa am 130. Längengrad beginnt, den Archipel der Gefangenen und Häftlinge. Dieses Buch ist ein erzählendes Buch, es gehört in die Kategorie "autobiographischer Roman", wobei das Wort Roman nicht etwa "Erfundenes" deckt - nicht das geringste Detail ist »erfunden« -, das Wort Roman steht für die Struktur, für das Ordnen eines ungeheuer umfangreichen Erfahrungsmaterials; erlebt haben viele, was Jewgenia Semjonowna Ginsburg hier berichtet, erzählen können es nur wenige, schreiben darüber noch weniger, und diese wenigen sind es, die das persönliche Erlebnis zum Zeugnis machen: Es handelt sich dabei nicht - was schon genügen würde - um die Aufzählung nackter Fakten und Daten; es kommen bei Jewgenia Ginsburg andere Dimensionen hinzu: Analyse und Reflexion über diesen Archipel der Absurdität in einem absurden Land, das sich UdSSR nennt. Ein weiteres Element, das ich nur zögernd erwähne, da es mißverständlich ausgelegt werden könnte: Spannung, die nicht durch Kitzel, sondern durch Teilnahme entsteht - denn von Beginn an fragt sich jeder Lesende: Wie, mein Gott, wie nur ist diese Frau, deren autobiographischer Roman mit beiden Bänden fast tausend Seiten umfaßt - tausend Seiten für achtzehn Jahre Lager und Verbannung -, wie nur ist sie lebend da herausgekommen?

Raisa Orlowa*
Nachwort Februar 1979

In den fünfzehn Jahren seit der ersten Begegnung mit diesem Manuskript haben wir im "Samisdat" und "Tamisdat" eine Vielzahl von Lagererinnerungen gelesen. Dokumentarische und beletristische, naiv ungekonnte und hochbegabte. In der "Gratwanderung" gibt es inzwischen keine Episode mehr, keinen Gedanken, keine Stimmung, keinen Umstand, der sich nicht irgendwie mit den Umständen, Gedanken, Episoden und Stimmungen in anderen Büchern decken würde. Und auch vom Archipel Gulag weiß ich, obwohl ich nie dort gewesen bin, so viel: Verhaftung, Durchsuchung, Verhör, Zelle, Lagerpunkt, Transport, Pritsche, Begleitposten - all diese und viele andere Wörter jener Welt sind in unseren Alltag eingegangen, in unser Bewußtsein und Unterbewußtsein. Ich überlese noch einmal die "Gratwanderung" und kann mich nicht losreißen. Nein, ich weiß überhaupt nichts. Und es ist ganz gleichgültig, ob es auf der Welt noch andere Bücher darüber gibt.
Jewgenia Ginsburg könnte mit vollem Recht mit der Achmatowa sagen:

Ich war damals auch mit meinem Volke,
dort, wo dieses Volk zum Unglück war.

Es gibt nur eine "Gratwanderung".
Ich sehe und erkenne wieder die "first lady" der Tatarei, Bibi Sjamal, Sinaida Michajlowna. Sie war davon überzeugt, daß die anderen Häftlinge wirklich Volksfeinde waren und daß sich ihre eigene Verhaftung jeden Augenblick als Irrtum erweisen würde. Und ich sehe vor mir die im Bunker gefolterte "comunista italiana", ich höre ihre Schreie, und das kann man nie mehr vergessen. Und ich sehe die Zellengenossin Julia vor mir.
Doch die Stärke der Autorin ist es nicht, die Bilder anderer zu zeichnen. Vor allem sehe und spüre ich sie selbst. Wochen, Monate, Jahre lebe ich in ihrem Leben. Verliere. Gewinne. Ich erkenne die Grenzenlosigkeit von Leid und Erniedrigung.
Wenn mir das alles so deutlich wird, wenn es über so lange Zeit in mir weiterlebt, dann kann es nicht einfach um ein Dokument handeln. Dazu ist nur die Literatur imstande. Die "Gratwanderung" ist Literatur. Und ihre traditionelle, anspruchslose, allgemeinverständliche Form ist nicht die Schwäche dieses Buches, sondern seine Besonderheit.
Jewgenia Ginsburgs Gabe gleicht der jener Frau, die "Onkel Toms Hütte" geschrieben hat. Doch im Gegensatz zu Harriet Becher-Stowe war sie selbst eine Sklavin. Und zum Glück hat sie überlebt und sich an alles erinnert. Ihr angeborenes Talent, ihre schriftstellerische Begabung waren reicher geworden, feiner, und sie hat ein Buch geschaffen, das sich hoch über seinen eigenen Raum, seine eigene Zeit erhebt.
Vieles hat sich in den letzten Jahren verändert. Zu Beginn der sechziger Jahre schien es manchmal, daß die "Gratwanderung" jeden Augenblick bei uns erscheinen würde, wie auch der "Iwan Denissowitsch" erschienen war.
In dem Exemplar, das ich gerade lese, ist das Kapitel "Der siebte Wagen" eines der stärksten, eines der aufwühlendsten. Ich verstehe nicht sogleich, warum auf den Transport "Eugen Onegin"nicht von Schenja zitiert wird, sondern von irgendeiner Schura (die auch "Wassjas Mutter" ist). Und plötzlich die schlagartige Erkenntnis: Dieses Kapitel wurde im Hinblick auf sein mögliches Erscheinen in der Sowjetunion geschrieben. Deshalb hatte sie den Phantasienamen gewählt.
Vieles hat sich verändert. Heute heißt es in Gedenkartikeln, in Nachschlagwerken von niemandem mehr: "Kam in den Jahren des Persönlichkeitkults um." Im Prinzip leere Worte. Doch meine Zeitgenossen haben diese Worte dennoch als minimalen Tribut an die Millionen Opfer verstanden.
In Batumi, wo diese Zeilen geschrieben werden, heißt die Straße, die nacht 1961 in "Oktjabrskajastraße" umbenannt wurde, heute, im Jahr 1977, wieder "Stalin-Prospekt".
Und die Porträts des Generalissimus sehen einen wieder aus vielen Vitrinen und Kioseken an. In der Bibliothek unserer Pension sind sie wieder symmetrisch angeordnet: links Lenin, rechts Stalin. Und vor vierzig Jahren hat Jewgenia Ginsburg ihn in Gefägniszellen, in Lagerbaracken verflucht.
Und dennoch glaube ich daran, daß meine Mitbürgern den Sieg des wahren Wortes noch erleben werden.
Ich glaube daran, daß nicht seine Porträts bleiben werden, sondern ihr Requiem für die Opfer, ihr Flucht, der um die ganze Welt ging, ihre Hymne an die, die ausgeharrt haben. Ihr schlichter Bericht, wie es gewesen ist ...

 

* 23. Juli 1918 in Moskau; † 31. Mai1989 in Köln


 

8.6.1980 „Gratwanderung“ – Jewgenia Ginsburgs Erinnerungen VON HORST BIENEK 
... Wie man abstirbt als bürgerliche Person, wie man als verurteilter „Politischer“ zur „Kaste der Unberührbaren“ gehört, wie man inmitten des Elends Überlebensstrategien entwickelt (es gibt in den Lagern Rettungskomitees, ähnlich, wie sie Kogon im „SS-Staat“ beschrieben hat), wie man sich schließlich in der Solidarität der Unterdrückten aufgehoben fühlt – das ist in zahlreichen Schicksalen eindringlich beschrieben. ... Zeit 

 


NS: Ich erhielt das Buch "Gratwanderung" von Igor Pomerantsev geschenkt, der Wassilij Aksjonow kannte.  Ohne seinen Erzählungen und Ginsburgs Gratwanderung würde mich das, was jetzt - im Frühling 2014 - auf der Krim passiert nicht so aufwühlen. Ich wuchs in einem Teil der Welt auf, wo Freiheit so selbstverständlich ist, dass daran kaum ein Gedanke verschwendet wird. Es ist selbstverständlich. Und mit dieser Brille der Selbstverständlichkeit wollen wir nicht in unserem Alltag gestört werden. Ich wünsche der Gratwanderung viele Leserinnen und Leser - der Ukraine ihre Freiheit.Milena Findeis, April 2014
 

"Auch eine Revolution in Russland ist nicht augeschlossen"

Der US-Historiker Timothy Snyder zählt zu den besten Kennern der Ukraine. Ein Gespräch über die Krim, Putin und das Versagen der Linken.

von Florian Klenk, Joseph Gepp | aus FALTER 10/14
Revolution? „Mit dieser Entwicklung“, sagt Timothy Snyder, „habe ich nicht gerechnet.“ Der Geschichtsprofessor wirkt gestresst. Seit Tagen, erzählt er, hetze er von Termin zu Termin – um der Öffentlichkeit die Hintergründe eines Konflikts, die manch kriegsentwöhnten Europäer an das 19. Jahrhundert denken lassen, zu erklären. 

 


2.4.2014  Alexander Etkind , NZZ Eine präventive Konterrevolution

In Russland gab es für jeden Zaren oder Kommissar, der auf imperiale Expansion setzte (wie Katharina die Grosse oder Putin), Herrscher, denen das Territorium schrumpfte (wie etwa Alexander II., der Alaska verkaufte; wie Lenin, der sich aus der Ukraine zurückzog und für den Frieden noch viel mehr preisgeben wollte; oder wie Gorbatschew, der noch mehr verloren geben musste, ohne dass er freilich Frieden gewann). Der «Nationalcharakter» oder, zeitgemässer formuliert, Putins Zustimmungswert hat keinerlei Bedeutung, denn das Russland, das er geschaffen hat, ist kein demokratisches Land. Wenn eine Bevölkerung keine Möglichkeit hat, die Entscheidungen ihrer Regierung zu beeinflussen, kann sie dafür auch nicht verantwortlich gemacht werden. Als George Kennan 1946 in seinem «langen Telegramm» den Kalten Krieg konstatierte, schrieb er, dass die Russen von Stalin unterdrückt würden und deshalb die Kremlführung und nicht das Volk für das Verhalten der Sowjetunion verantwortlich sei.

In Putins militanter Reaktion auf die ukrainische Maidan-Revolution kommt seine Furcht zum Ausdruck, dass die «revolutionäre Pest» auch auf den zentralen Plätzen Moskaus ausbrechen könnte. Die Revolution steht bald vor den Toren der Kapitale, und das Modell des Maidan ist selbstverständlich abschreckend für alle, die in den Regierungsbüros rund um den Roten Platz sitzen. Ich persönlich glaube, dass ihre Furcht gerechtfertigt ist – radikale Veränderungen stehen Russland bevor. Natürlich kennen wir die Zukunft nicht, doch wir wissen, dass es die Angst vor dem Umsturz im eigenen Haus ist, welche die russische Regierung dazu treibt, die ukrainische Revolution auf perfide und brutale Weise zu hintertreiben. Was wir beobachten, ist eine präventive Konterrevolution – zu diesem Zweck lässt der Kreml die Krim durch russische Truppen besetzen und bedroht die Ostukraine an der Grenze mit einem Truppenaufmarsch.

Auszug aus der Neue Zürcher Zeitung