ILLUSION EWIGER FRIEDE
Friedrich Orter
KEYNOTE am 14. August 2025, Weitra
im Rahmen von
Fest der zivilen Vernunft – SssoeinglücK *- recreate

„Ahnungslosigkeit darüber, was er bedeutet, treibt niemanden in den Krieg. Angst hält keinen davon ab, der einen Nutzen in ihm sieht.“ Dieser Satz, meine Damen und Herren, wurde vor zweieinhalbtausend Jahren geschrieben. Nachzulesen bei Thukydides in seiner „Geschichte des Peloponnesischen Krieges“. Sie und ich werden voraussichtlich keinen Krieg beginnen oder beginnen wollen.
In unseren westlichen Gesellschaften sind wir, soziologisch gesehen, das Produkt einer Kultur, die die Gewalt eines Individuums ablehnt und es uns unerträglich macht, kollektive Gewalt, also den Krieg, zu ertragen auch wenn er nur andere betrifft. Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Frieden schaffen ohne Waffen. Schwerter zu Pflugscharen – Slogans aus meiner Jugendzeit. Heute rückblickend hilflose Aufrufe zur Realitätsverweigerung. Ich bin Jahrgang 1949. Hineingeboren in eine Welt, die jetzt gerade zu Ende geht. 75 Jahre Frieden in unserem Land. Ein Privileg, das ich mit meinen Altersgenossen und –genossinnen teile. Kein Krieg in Mitteleuropa und in Osteuropa. In Südosteuropa hatten wir einen, der vor 35 Jahren begann und ein Jahrzehnt lang den Balkan erschütterte. Diese Kriege, die Jugoslawienkriege, wurden durch militärische Einsätze der USA beendet, nicht durch die hilflosen Europäer; der Kosovokrieg 1999, nebenbei bemerkt, ein völkerrechtswidriger Krieg.
Diese Welt von gestern gibt es nicht mehr. Ihr Fundament war die Sicherheitszusage der USA, militärisch und wirtschaftlich. Trump zertrümmert die liberale Weltordnung. Er will eine neo-imperiale, auf Einflusszonen fußende Weltordnung schaffen. Das ist die Wiederkehr der Großmachtpolitik des 19. Jahrhunderts. Trump hat unsere Werte praktisch über Bord geworfen und ist ins Lager der Autoritäten gewechselt. Putin wird seine Aggressionspolitik nicht stoppen. Auf unsere Freunde in Ost- und Mitteleuropa und deren Warnungen haben wir nicht gehört. Sie haben ihre Erfahrungen mit dem russischen Imperialismus schon gemacht. Uns könnten diese noch bevorstehen. Der Ukrainekrieg hat uns aus den Träumen gerissen. Wir sind nicht der Nabel der Welt, wie wir fälschlich glauben. Wir lebten 75 Jahre lang in einem befriedeten Raum, in dem völlig ausgeblendet wurde, dass nicht die anderen, sondern wir selber die Ausnahme waren.
Eine selbstgerechte Gesellschaft, mit Diskussionen über Scheinprobleme, für die sich in der Ukraine, in Russland, im Gazastreifen, im Sudan niemand interessiert. Wenn bei uns das Wort FRIEDE – und Friede ist bekanntermaßen die Abwesenheit von Krieg – noch eine Bedeutung haben soll, dann muss Europa in der Lage sein, einen Aggressor abzuschrecken. Dazu sind wir nicht fähig. Diese Einsicht ist nicht Bellizismus enttäuschter Pazifisten, sondern die Notwendigkeit rationalen Handelns.
Von der Ukraine bis in den Sudan scheint der Friede noch in weiter Ferne. Und der Grund dafür ist meiner Meinung nach nicht nur politischer Natur. Ich beobachte einen gewissen moralischen Relativismus. Es wird mir niemand widersprechen, dass die Morde, Vergewaltigungen und Massaker in allen Kriegsgebieten nicht zu rechtfertigen sind, aber das Streben nach Frieden in großen Konflikten selten so verzweifelt und scheinbar aussichtslos ist wie heute.
Gespräche über Waffenstillstand, Kampfpausen, Wiederaufnahme von Friedensverhandlungen enden bisher im Nichts. Der Ukrainekrieg geht ins vierte Jahr. Ende nicht in Sicht – trotz Trumps Friedensinitiativen. Die Geschichte, eine verlässliche Lehrmeisterin, lehrt uns, dass drei Szenarien zu einem Kriegsende führen: ein eindeutiger militärischer Sieg, die Erschöpfung der Kriegsparteien oder ein Regimezerfall. Auch für Russland ist ein militärischer Sieg in der Ukraine noch in weiter Ferne. Nur durch wochen- und monatelangen Terror kann die Ukraine in eine Niederlage gebombt werden. Das kann zu einem Verhandlungsfrieden führen, der für die Ukraine einen hohen Preis hat. Das Szenario eines Regimezerfalls in Moskau halte ich für unwahrscheinlich.
Illusion ewiger Friede – ein Thema,
das Philosophen seit Jahrtausenden beschäftigt, von Platon – „ein Krieg aus Habsucht ist illegitim“, und von Machiavelli – „Krieg ist eine reine Machtfrage und hat mit Moral nichts zu tun“ – über Kant – „der ewige Frieden ist das oberste politische Ziel“ – bis zu Clausewitz „Krieg ist niemals ein Selbstzweck“ und Günther Anders – „in Zeiten der Atombombe ist jede Kriegshandlung zu vermeiden“. Die Realität sieht leider anders aus: Im Vorjahr zählten wir 61 Konflikte in 36 Ländern. Heuer könnte es noch schlimmer werden. Das Ausmaß und die Niedertracht der Kriegsverbrechen und anderer Gräueltaten in Kriegszonen sind erschreckend. Der gezielte illegale Terror gegen Zivilisten, das Töten von unschuldigen Kindern, gewollter Hunger, Folter, sexuelle Gewalt, Zwangsvertreibung als Kriegswaffe sind zur Routine geworden.
Wir sind uns einig: das alles ist moralisch nicht vertretbar. Warum passiert es weiterhin? Diese Frage wird uns lautstark täglich am Bildschirm von trauernden Eltern und Angehörigen in Rafah, Tel Aviv, Kijiv und Darfur, von UN-Hilfskräften, von Ärzten ohne Grenzen gestellt. Meine Erfahrung als Kriegsreporter oder wie ich meinen Job verstand als Friedensberichterstatter in 14 Kriegen war ernüchternd: Nicht jeder Interviewte, der uns in die Kamera weinte, war deshalb schon ein guter Mensch, nicht jeder Flüchtling ein Verfolgter und, das meine ich mit moralischem Relativismus, was für die eine Gruppe moralisch absolut unhaltbar ist, ist für die andere relativ zulässig. Das war in der Menschheitsgeschichte immer so. Sicherheit im Sinne von Schutz vor militärischer Gewalt, von Zwangsherrschaft und wirtschaftlicher Ausbeutung, von Vertreibung und Versklavung waren in den 6000 Jahren geschriebener Geschichte hat es nie gegeben. Grenzen als Hindernis waren für Invasoren meist bedeutungslos, Territorien wechselten ihre Besitzer regelmäßig in Kriegen. Doch die heutige – im Atomzeitalter geopolitisch und wirtschaftlich gespaltene Welt – ist auch ethisch und moralisch in einem möglicherweise beispiellosen Ausmaß zersplittert. Es fehlen vereinbarte und eingehaltene Standards. Wir registrieren einen Zusammenbruch der regelbasierten Ordnung.
Wir haben keine objektiven Maßstäbe mehr, um festzulegen, ob eine Ansicht richtig oder falsch ist. Die öffentlichen Dispute, was richtig oder falsch ist, dauern unendlich an, mit zunehmender Empörung und Polarisierung. Was bleibt, sind Zwang und Manipulation. Keiner verkörpert diese moralisch relativistische Verwirrung besser als die beiden Herren, die sich morgen in Alaska treffen werden. Beide Meister der Erpressung und Manipulation. Wir dürfen Schlimmes erwarten. Putin und Trump sind sich einig, dass die ehemaligen westlichen Kolonialmächte im politischen Kräftespiel der Zukunft nicht mehr mitspielen. Man muss davon ausgehen, dass morgen nicht nur über das Schicksal der Ukraine gesprochen wird.
Zur Erinnerung: Durch den Angriff Putins auf die Ukraine kam ja Trump erst auf die für uns Europäer nur schwer nachvollziehende Idee, sich Grönland, Kanada und Panama einzuverleiben. Wenn ihm dieser „Deal“ gelingt, bekommt Putin im Austausch die Ukraine für immer. Mit der Ukraine diktiert Putin nicht nur den Verkauf von wichtigen Rohstoffen, sondern auch die Verteilung von Getreide und kann damit den Hunger in der Welt als politisches Erpressungsinstrument einsetzen. Lassen wir einmal das Horrorszenario von einem der Putin-Einflüsterer, von Aleksander Dugin, außer Acht. Der skizziert in seinem Buch „Grundlagen der Geopolitik“ eine künftige Weltordnung in einem Eurasien unter Russlands Kontrolle. Von Lissabon bis Wladiwostok. In diesem Szenarium werden die kleinen Länder Europas verschwinden: Ungarn, Slowakei, Österreich, Schweiz, die baltischen Staaten, Slowenien, Kroatien und Albanien. Die größten Staaten Westeuropas, Deutschland und Frankreich, werden sich, weil schon jetzt unter russischem Einfluss, mit Putin arrangieren, um eine militärische Konfrontation zu verhindern.
Dieses Machwerk des Herrn Dugin möchte man gern als Hirngespinst abtun, wenn es nicht aktuell als Lehrbuch an der Militärakademie des russischen Generalstabs als Unterrichtsmaterial verwendet würde. Unseren Putin-freundlich gesinnten Russlandverstehern, die zumeist nicht Russisch verstehen, empfehle ich auch die Lektüre der neu aufgelegten Geschichtslehrbücher für russische Schüler und Schülerinnen. Diese Schulbücher sind Kampfmunition für patriotische Mobilisierung. Sie bezwecken die Ideologisierung und Militarisierung der Bildung in Russland. Im Geschichtsbuch für die erste Klasse Volksschule gibt es ein Bild mit dem unmissverständlichen Hinweis: Der neue russische Mensch verteidigt die von Putin gebaute Krim-Brücke mit Atomraketen. Gepriesen wird auch die „Spezialoperation“, im Klartext der Ukrainekrieg, und die Annexion von vier ukrainischen Gebieten an die Russländische Föderation, mit den Worten: „Das wichtigste Ereignis der neuesten Geschichte war der Beitritt bzw. die Rückgabe unserer historischen Länder zur Föderation.“ Acht Jahrzehnte nach dem „Großen Vaterländischen Krieg“ feiern Russlands neue Geschichtsbücher neue Siege. Da heißt es: „Russland ist ein Land der Sieger.“ Und Siege produzieren Helden. Und diese Helden der Spezialoperation brauchen Nachfolger. In den Schulen gibt es das Unterrichtsfach „Grundlagen der Lebenssicherheit“. In diesem Fach werden Erste Hilfe gelehrt, Selbstverteidigung, Feuerwehrübungen- und der Umgang mit Waffen. Für die 15-18-Jährigen gibt es ein neues Pflichtfach: „Grundlagen der Sicherheit und Verteidigung des Vaterlandes“ und ein neues Lehrbuch: „Russlands Armee verteidigt das Vaterland“- mit einem direkten Link zum Bewerbungsformular für den Militärdienst.
Zurück nach Österreich, ins Land der Träumer und Idealisten. Mit meinem Freund, dem Grazer Philosophen, Schriftsteller und Sozialhistoriker Egon Leitner entwarf ich vor 10Jahren auf einem Symposion die Utopie
eines Unterrichtsfachs zur „Friedensförderung in der Schule“. Ein Programm auch in öffentlich-rechtlichen Medien zur Friedenserziehung, zur Präventionsarbeit, um Kriegsverherrlichung und Gewalt zu verhindern. Ein Friedensjournalismus, der TV-Zuschauerinnen nicht apathisch glotzen lässt, sondern empathisch handeln im Sinne von Spinoza – und darauf hat mich mein Freund Egon hingewiesen – : „Damit Menschen einträchtig leben und einander hilfreich sein können, ist es nötig, dass sie einander sicherstellen, künftig nichts zu tun, was dem anderen schaden könnte.“
Meine Damen und Herren, meine Ausführungen könnten Sie auf einem Musikfestival verwirrt haben. Beim deutschen Philosophen Franz Josef Wetz habe ich den schönen Satz gelesen: „Musik ist nicht nur ein Zeit- sondern auch ein Leidvertreib.“ Eine existenzielle Notwendigkeit, die manchen mehr zu geben vermag, als ihnen das Leben sonst bietet. Und in der größten Rede der Geschichte, so nannte sie Friedrich Dürrenmatt, lesen wir in der Bergpredigt bei Matthäus: „Selig, die Friedensstifter.“ Also seien wir Friedensstifter, solange es nicht zu spät ist.
2025 Fest der zivilen Vernunft – SssoeinglücK

* Was ist ein FEST DER ZIVILEN VERNUNFT?
Warum ein FEST DER ZIVILEN VERNUNFT?
Wie begehen wir das dritte FEST DER ZIVILEN VERNUNFT?
2017 verbrachte ich viel Zeit in Wien und besuchte wiederholt die Wiener Dependance der Neuen Zürcher Zeitung, in der niveauvoll und prominent besetzt, Vorträge und Diskussionsrunden zu gesellschaftlich aktuellen Themen veranstaltet wurden. Während ich einmal, nach solch einem Abend, die Treppen zur Haustüre hinabstieg, wusste ich von einem Augenblick zum nächsten. „Ich organisiere ein FEST DER ZIVILEN VERNUNFT 2017.“
Drei gewichtige Begriffe– Fest, zivil, Vernunft– die in dieser Kombination nicht existierten, würden einen Gedanken zusammenfassen, zu dem ich durch die Atmosphäre, die ich gerade erlebt hatte, inspiriert wurde. Ein zweites Fest der zivilen Vernunft feierten wir 2021. Allen sind die Empfehlungen, vernünftig zu handeln, vertraut. Allen ist das Feiern eines Festes wegen eines bestimmten Anlasses vertraut. Alle erleben von der Geburtsurkunde an, diese fast magische Verbindung von privatem Alleinsein, als Zivilist, mit Zugehörigkeit an eine große Gemeinschaft, die … Ja was? Was ist diese Gemeinschaft? Was bin ich in ihr? Was macht sie mit mir? In den FESTEN DER ZIVILEN VERNUNFT ist Gemeinschaft Thema. Zu einer Gesellschaft, die Vernunft beiseitelässt, hat schon Francisco de Goya im Jahr 1799 die Worte gefunden: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Und heute sage ich: „Wenn Vernunft in einer zivilen Gemeinschaft treibende, bestimmende Kraft werden kann, handelt es sich um einen Glücksfall.“ Wir sagen – SssoeinglücK !!! Dieser Glücksfall ist jetzt lebendig gegenwärtig, genauso, wie es SssoeinglücK ist, wenn sich zwei Menschen ineinander verlieben. Zivile Vernunft wirkt im Verborgenen und am hellen Tag. Wir müssen an sie glauben, nein, ich glaube an sie. Angesichts der zahlreichen Ungeheuerlichkeiten, von denen wir täglich erfahren, träumen wir im Jahr 2025 vom Glück, dass Vernunft unseren Umgang miteinander und mit der Erde formen kann. Wir träumen vom Glück, wenn …
• ab und zu Leute mit Zivilcourage auftreten,
• Missstände ans Tageslicht kommen, die in der Folge öffentlich korrigiert werden können,
• in Politik personelle Konstellationen passieren, die ein Vorankommen in wirklich wichtigen Lebensfragen beschleunigen und nicht blockieren,
• Konsumenten wegen Informationen und Einsicht ihr Kaufverhalten zugunsten Benachteiligter in der Natur und am Arbeitsmarkt verändern,
• Dinge möglich werden, von denen man geträumt hat,
• und vieles mehr,
… dann gibt es den Anlass für ein „Fest der zivilen Vernunft“.
Wie immer arbeiten wir mit den Mitteln der Kunst. In den Programmen stellen wir die kleinen, ja die kleinsten Zellen ziviler Vernunft in den Mittelpunkt. Mit aller Wucht und Zartheit zugleich, die Lyrik und Musik entfalten können, werden die Künstlerinnen und Künstler unser Dasein und unsere Wandlung, unser ICH, DU, WIR als Träger aller Hoffnung und Zukunft, Sie, liebes Publikum, mitnehmen in den Traum vom Glück, wenn zivile Vernunft das Vorankommen der Menschen bestimmen kann.
Teilen wir mit den mitwirkenden Künstlerinnen und Künstlern unsere und ihre Gedanken und Antworten.
Johannes Wohlgenannt, Intendant
Die Jugoslawienkriege, auch Balkankriege, postjugoslawische Kriege oder jugoslawische Nachfolgekriege genannt, waren eine Serie von Kriegen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien, die von 1991 bis 2001 geführt wurden und mit dem Zerfall des Staates verbunden waren.
Friedrich „Fritz“ Orter (* 10. Juli 1949 in Sankt Georgen im Lavanttal), ein österreichischer Journalist und Autor. Friedrich Orter studierte in Wien Slawistik, Geschichtswissenschaft, Germanistik und Philosophie. 1975 promovierte er zum Doktor der Philosophie mit einer Dissertation zum Thema „Die österreichischen Konsuln in Serbien 1836–1842“.
Quelle: ORF Fernsehen Dauer: 7:55 Minuten

