Böhmen liegt am Meer

Vermittler zweier Welten

Heinz Patzak  und Werner H. Honal 

Böhmen liegt am Meer

Böhmen liegt am Meer

Ingeborg Bachmann

Sind hierorts Häuser grün, tret ich noch in ein Haus.
Sind hier die Brücken heil, geh ich auf gutem Grund.
Ist Liebesmüh in alle Zeit verloren, verlier ich sie hier gern.

Bin ich’s nicht, ist es einer, der ist so gut wie ich.

Grenzt hier ein Wort an mich, so laß ich’s grenzen.
Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren
wieder.
Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.

Bin ich’s so ist’s ein jeder, der ist soviel wie ich.
Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehn.

Zugrund – das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen
wieder.
Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.

Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und
Schiffe
unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer,
Veroneser,
und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen
machen

Und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal,
wie ich mich irrte und Proben nie bestand,
doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.

Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags
ans Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.

Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land,
ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr,

ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält,
begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land
meiner Wahl zu sehen.1

 

 „Böhmen nahe an der See“2 nennt sich der fiktive Ort in William Shakespeares Wintermärchen, den Ingeborg Bachmann 1964 in ihrem Gedicht Böhmen liegt am Meer aufgreift und zu einem utopischen Andersort erklärt. Zu einem Raum der Möglichkeiten, in dem sie ein harmonisches Aneinandergrenzen verschiedener Sprachen und Kulturen verortet und eine mitteleuropäische Utopie von Freiheit, Heimat und Angekommensein entwirft. Das geografische Gebiet Böhmens wird in Bachmanns Gedicht ans Meeresufer verlegt und gewinnt so symbolische Bedeutung, denn die tatsächlichen historisch geografischen Gegebenheiten werden dadurch entkräftet, aufgehoben und um eine ideelle Dimension erweitert. Es entsteht so ein historischer Erinnerungsraum, der mehr ist, als bloße Geschichtsschreibung festzuhalten, im Stande wäre. Ein Sehnsuchtsort, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinander übergehen und Widersprüche zu einer friedlichen und sich wechselseitig bereichernden Koexistenz gefunden haben.

Dass Ingeborg Bachmann für Böhmen liegt am Meer ausgerechnet ein barockes Versmaß, den Alexandriner gewählt hat, scheint – nach eingehender Beschäftigung mit dem Wirken der Bildhauer Patzak – ebenso wenig ein Zufall zu sein wie die Formel ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält. Ohne dass ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Bachmanns Gedicht und dem Schaffen der Bildhauer Patzak besteht, lässt sich Böhmen liegt am Meer auf den barocken Kulturraum Böhmen und das Leben der Bildhauer beziehen, denn es legt Zeugnis davon ab, in welchem Maße Böhmen und insbesondere das böhmische Barock den nachfolgenden Generationen als Inspirationsquelle und Bezugspunkt gedient haben.

Analog zu dem dichterischen Wahrheitsanspruch, der sich in Ingeborg Bachmanns Gedicht verbirgt,3 ist den Skulpturen und Schnitzereien der Patzaks eine Wahrheit eingeschrieben, die lange Zeit unbeachtet geblieben ist: die Wahrheit über die Bedeutung des böhmischen Barock für die gemeinsame Geschichte Tschechiens, Deutschlands und Österreichs.

Ein wesentliches Charakteristikum des böhmischen Barock ist folglich, dass er nie nur einer der beiden Nationalitäten zugerechnet werden kann, weder als genuin tschechisches, noch als originell deutschösterreichisches Phänomen gesehen werden kann. Und so ist es nicht überraschend, dass gerade Georg F. Patzak sich im Zentrum des böhmischen Barock befindet. Als Abkömmling einer deutschen Familie in Böhmen, der des Deutschen wie des Tschechischen mächtig ist und als Untertan im Auftrag der katholischen Obrigkeit an der Rekatholisierung des Landes beteiligt ist, vereint er die großen historischen Widersprüchlichkeiten in seiner Person und steht als Vermittler zwischen zwei Welten, die ohnehin nicht voneinander getrennt werden können. In ihm verbindet sich die tschechische mit der deutschösterreichischen Geschichte auf harmonische Art und Weise, ohne dass die eine Dominanz über die andere gewinnen würde, und begründet ein Miteinander, ein nebeneinander Existieren, das das Trennende entkräften kann. Denn nur so kann ein Schritt in die Richtung der Utopie, die Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht ausmalt, gemacht werden und können die Proben der Geschichte bestanden werden,

Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags
ans Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.

 

Dr. Heinz Patzak (1941-2023) war ein internationaler Tourismusexperte, promovierte an der Universität Wien in Wirtschaftswissenschaften. Als ehemaliger US-Vorsitzender der Europäischen Reisekommission leitete er die österreichischen Tourismusverbände in den USA und Frankreich und entwickelte innovative Marken- und Marketingprogramme. Als Berater unterstützte er Länder wie Ägypten und Costa Rica bei der Tourismusentwicklung. Dr. Patzak intressierte sich für Kunst, Geschichte, Weltkultur und Denkmalpflege.
Werner H. Honal, geboren 1942 in Prag, studiert und arbeitet seit 1962 in München. Er war Vorsitzender der Bayerischen Philologenvereinigung, lehrte Schulberatung an der Ludwig-Maximilians-Universität München und an verschiedenen Gymnasien, leitete eine Beratungsstelle und engagiert sich seit Langem ehrenamtlich in der kirchlichen Jugendarbeit. Sein Interesse an seinen mütterlichen Vorfahren, den Patzaks in Ostböhmen, führte ihn zur Erforschung der sudetendeutschen Genealogie. Werner H. Honal leitet das Büro des Sudetendeutschen Genealogischen Archivs.

 

1 Bachmann, Ingeborg: Böhmen liegt am Meer. In: Ingeborg Bachmann. Werke. Hg. v. Christine Koschel, Inge von Weidenbaum, Clemens Münster. Erster Band: Gedichte, Hörspiele, Libretti, Übersetzungen. München / Zürich: Piper 1982, S. 167 f.
2 Shakespeare, William: Das Winter-Mährchen. In: William Shakespeare. Gesammelte Werke. Band 3. Hg. v. Friedmar Apel. Üs. v. Erich Fried. Berlin: Klaus Wagenbach Verlag 1995, S. 529.
3 Zur Interpretation von Böhmen liegt am Meer vgl. Höller, Hans: Ingeborg Bachmann. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verlag 1999, S. 128f.; Albrecht, Monika / Göttsche, Dirk (Hg.): BachmannHandbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: Metzler 2013, S. 78 ff.


Journeys in Bohemia's Inspired Landscapes

 Die auf dem 2018 von Heinz Patzak geplanten Buch abgebildete Skulptur ist das Sousoší sv. Floriána (die Statuengruppe des Heiligen Florian), ein Werk des Barockbildhauers Georg F. Patzak (Jiří František Pacák) aus der Zeit um 1730.

Sie steht in Žireč (deutsch: Schurz), einem Ortsteil der Stadt Dvůr Králové nad Labem (Königinhof an der Elbe) in Ostböhmen, Tschechien. Genauer gesagt befindet sie sich in der Landschaft am Ortsausgang von Žireč, an der Straße in Richtung Stanovice (bzw. auf dem Weg in Richtung Kuks).

 

Georg und Franz Patzak: Meisterbildhauer des Böhmischen Barocks

Die Künstler Georg (1664–1742) und Franz (1680–1757) Patzak gehörten zu den bedeutendsten Bildhauern bzw. Holzschnitzern des böhmischen Barocks. Mehrere Mitglieder der Familie waren Bildhauer gewesen. (Schreibweise auch Pacák, Paczak u.a.) Sie waren darüber hinaus sowohl als Maler (z.B. Kreuzweg-Stationen) tätig als auch Gesamtplaner der figuralen Ausgestaltung von Stadtplätzen.
Stilvolle Partner in der Charme-offensive der Mächtigen und der Kirche an die vom Krieg Verzweifelten und die am Glauben Zweifelnden Sie stammten aus der böhmisch-deutschen Grenzregion am Fuße des Riesengebirges. Im Biographischen Lexikon des Kaisertums Österreich (1870) steht, dass Franz Patzak ein trefflicher Künstler war: Die große Bedeutung der beiden Künstler und ihres Ateliers für die böhmische Barocklandschaft wird von der Kunstgeschichte anerkannt und gewürdigt.
Da Georg und Franz auch eine angesehene Werkstatt gemeinsam betrieben, steht in den meisten Kulturführern der zusammengebaute Künstlername Georg Franz Patzak bzw. Jiří František Pacák. Tiefergehende Informationen und stilistische Unterscheidungen der beiden Künstler sind z.B. in „Die Barockskulptur in Böhmen“ von Václav Stech (Prag, Artia Verlag) zu finden.


Heinz Patzak hat mich in den Jahren 2014 bis 2020 kontaktiert, ich half ihm bei der einen oder anderen Recherche für das geplante Buchprojekt.

Unter anderem war Heinz auf der Suche nach einer tschechischen Übersetzung des Bachmanns Gedichts »Böhmen liegt am Meer«. 2016 war im Opus Verlag in der Übersetzung von MIchaela Jacobsenová, die Gedichtsammlung »ČÁRA ŽIVOTA« erschienen. Ich erhielt für Heinz die Genehmigung, ihre Übersetzung des Gedichts Čechy leží u moře  für sein geplantes Buch zu verwenden.
Am 15.5.2026 erhielt ich per Post die online gekaufte Journey in Bohemia's Inspired Landscapes zugestellt, das in Englisch – ohne Bachmanns Gedicht – erschien. In Gedenken an Heinz ist auf dem Zeitzug die von ihm 2018 verfasste Einleitung nachzulesen.

Waltraud MittichDas ist mir ein böhmisches Dorf. Redensart - Seine Greifbarkeit und Unbegreiflichkeit

Prag, Mai 2026, Milena Findeis

 

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