Durchreise

Ece Temelkuran "Euphorie und Wehmut" folgend

Ich bin es gewohnt, Koffer zu packen, mit einem gültigen Reisepass die Grenzen innerhalb von Europa zu queren. Ein Blick zeigt, der Pass wird im Dezember auslaufen. Bei der letzten Reise nach Ankara, erhielt ich das Visa, online ausgestellt. Daran denke ich als ich via BBC Worldservice den Beitrag von Ece Temelkuran vom 17. Februar 2017 höre. Sie erzählt, wie sie in Zagreb lernt, in englischer Sprache zu schreiben. Politische Veränderung erforderten es, nicht nur ihr Heimatland sondern auch ihre Muttersprache zu verlassen. In ihrer Muttersprache dem Türkischen, in der Türkei ist es der Journalistin, Juristin, Autorin - sie wurde 1973 in Izmir geboren - nicht mehr möglich das zu veröffentlichen, für was sie einsteht.

euphorie-und-wehmutIn Berlin Schöneberg, November 2015, kaufte ich in einem Buchladen Temelkurans Buch "Euphorie und Wehmut" (Hoffmann und Campe, aus dem Türkischen übersetzt von Sabine Adatepe und Monika Demirel). Ende April 2015 war ich in Ankara gewesen, hatte als Gast u.a. eine Lesung über Verwaltungsrecht an der Juridischen Fakultät besucht. Dank eines Freundes, der deutsch spricht, aus Izmir stammt, seit Jahren in Ankara beruflich tätig ist, erhielt ich einen Spalt lang Einblick in den Alltag der akademischen Welt. Seit dem verfolge ich die Ereignisse in der Türkei aus einem anderen Blickwinkel. Vor meinem ersten Türkei Besuch versuchte ich, ins Türkische hineinzuhören. Mir wurde klar, dass diese Sprache auf eine andere Logik gründet als jene - der mir geläufigen Sprachen. In der Türkei angekommen verstand ich - ausgenommen der Grußworte - nichts. Erschließen würde sich mir diese Sprache, wenn ich dort bleiben würde, um wieder die Schulbank zu drücken. Die aufkeimenden Pläne, zwischen Ankara und Prag zu pendeln zerbröckelten an der Wirklichkeit.

"Liebende hält man in diesem Land für unanständiger als Streithähne ..." mein Herz nickt diesem Satz (die aus dem Buch "Euporie und Wehmut" zitierten Sätze: kursiv gesetzt) zu. Über den Kopf hinaus bis in die Zehen spürte ich die Liebe in mir, für den Mann, der mir seinen Arm nicht reichen konnte, dem es belesen in Philosophie und Literatur, im Gespräch schwerfiel, den Gedankengängen einer Frau zu folgen. "Das Leben der Menschen in diesem Land befand sich in einem existenziellen Vakuum, es wurde hin- und hergesogen - zwischen dem Gefühl von Überlegenheit auf der einen und dem der Unterlegenheit auf der anderen Seite." Im nachhinein folgt dem erlebten Geschehen das Verständnis, beim Lesen solcher Sätze "Man stritt hitziger über das Schicksal des Landes, als zwei Männer um eine Frau streiten, man weinte mehr als ein von Liebeskummer Gebeutelter und lachte glücklicher als jemand, der nach Jahren einen geliebten Menschen wiedersieht."

Nach dem neuen Duktus, den die AKP, die "Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung", und die rechtsliberaleen, intellektuellen Zirkel, aus denen sie entstand, geschaffen haben, ist die neue Türkei gleichbedeutend mit einer "fortschrittlichen Demokratie". Die Partei stellt nicht nur seit 2002 die Regierung, sondern vertieft zunehmend ihre politische und gesellschaftliche Hegemonie und spricht dabei von einer "heiligen Sache". Gegen die Partei zu sein bedeutet, gegen die Idee einer "großen Türkei" zu sein, ergo die "heilige Sache" zu bedrohen. Dann ist man Gegner von Erdogan, der "Boss" genannt wird, als Staatspräsident in einem Palast residiert und das Land in ein Präsidialsystem überführen will. Wenn man bedenkt, dass es in diesem Land Parteimitglieder gibt, die offen verkünden, ihn zu berühren sei eine kultische Handlung, er sei der "Auserwählte", gar der Prophet, und Wähler allen Ernstes schreien: "Ich bin nur das Haar in deinem Arsch", dann haben wir es nicht nur mit einem politischen, sondern auch mit einem soziopsychologischen Problem zu tun."

Im Türkischen Tagebuch schreibt Ece Temelkuran 11. Februar 2017: «Nun ist es offiziell. Am 16.April soll das Referendum stattfinden, das das Land unter ein Präsidialregime stellen soll. «Endlich wird die Türkei ihre Fesseln abschütteln», kommentierte Erdogan die geplante Änderung. Derweil protestieren die entlassenen WissenschaftlerInnen vor der politologischen Fakultät der Universität Ankara – einer legendären Akademie und Kaderschmiede seit dem Osmanischen Reich. «Nieder mit der Tyrannei! Es leben die Freiheiten!», so ihr Slogan. Mit dem gleichen Motto hatten junge, progressive Osmanen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen die Willkürherrschaft von Sultan Abdülhamid II. gekämpft. Heute wird dieser Sultan von Erdogan-AnhängerInnen verehrt.

In den Büchern stehen einst zwar die immer wiederkehrenden Geschichten repressiver Sultane – doch nichts darüber, dass Tausende feiern, wenn AkademikerInnen ihre Arbeit verlieren.

Aus Protest haben die WissenschaftlerInnen ihre Roben vor dem Universitätsgebäude zurückgelassen. Schamlos trampelt die Polizei darauf herum. Ein weiteres historisches Bild, das beweist: Die Türkei, wie wir sie kennen, gibt es nicht mehr. Ich erinnere mich noch, wie Menschen ihre Jacken respektvoll zuknöpften, als sie ehrfürchtig diese Akademien passierten. Erdogans neue Türkei ist «von ihren Fesseln befreit» und feiert die unstillbare Ignoranz».

ankara-april-2015Wäre es heute noch möglich, dass ein Professor ein Bild des in Warschau knieenden Willy Brandts zeigt, um seinen StudentInnen zu verbildlichen, wie Politiker sich angesichts der Schuld aus vergangenen Epochen verhalten sollten? So gesehen im April 2015 in Ankara. Jeden Morgen, zuerst die Tweets meiner in der Türkei lebenden FreundInnen lesen. Jedesmal kurzes Aufatme, ob eines Satzes, eines Fotos, eines Bildes. Wie sehr sich die Inhalte in den letzten Monaten verändert haben.

Reisepläne schmieden, zurück ins Herz. Sich den eigenen Ängsten stellen und es wieder versuchen: eine neue Sprache zu erlernen.

 

 

Milena Findeis

 

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7.12.2019 Laut Kalender: zweites Adventwochenende. Im Garten knospen Rosen, der Goldregen blüht. Mittags an windgeschützter Stelle ein Bad in der Sonne, kurzärmlig (Gartenstadt, Prag).

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Am 7. November 2019 jährt sich der Todestag von Jan Skácel, er starb vor dreißig Jahren in Brno. Der Dichter Skácel weckte in mir den Wunsch, Tschechisch zu lernen.