Victoria Amelina

 

Notiert und übersetzt von Christian Weise

Christian Weise, der seit Jahrzehnten die Ukraine bereist und aus dem Ukrainischen ins Deutsche übersetzt, mit zwei Auszügen aus Viktoria Amelinas neuestem Buch "Ein Haus für Dom".

Victoria Amelina wurde am 1. Dezember 1986 in Lwiw, ukrainische SSR geboren. Mit 14 Jahren emigrierte sie für kurze Zeit mit dem Vater Jurij nach Kanada, um danach wieder in die Ukraine zurückzukehren. Nach dem Schulabschluß studierte sie an der Nationalen Polytechnischen Universität Lwiw Computer-Technologie und arbeitete in der IT-Branche als Programmiererin und Managerin. 2014 gab sie ihre Tätigkeit zugunsten der Schristellerei auf. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn, der sie zu Kinderbüchern inspiriert. 


Schienen

Schienen und Flughäfen

 Aus dem Ukrainischen übersetzt von Christian Weise aus Victoria Amelina, Ein Haus für Dom, Verlag des Alten Löwen, 2017  - Seite 192-195

... Der General hatte die Angehörigen seiner Frau nicht wirklich so emporgezogen, aber der Fall war doch schmerzhaft. Von einem Offizier in einer hübschen deutschen Kleinstadt zu einem Arbeitslosen am Rande von Donezk – das mag nicht jeder durchstehen, überlegte Tamara. Auch sie war nicht aus Stahl. Nach dem Verschwinden von Mascha sprach sie daher immer mehr mit mir, sie suchte den Schlüssel in der Vergangenheit: denjenigen Moment, an dem sich die Zukunft der Tochter bestimmte.
Die Berliner Mauer, beichtete Tamara, brach gerade da zusammen, als der Zug, mit dem sie nach Schwerin zurückkehrten, die Grenze überquerte. Der Zug stand am Bahnhof von Brest. Dort, an diesem Bahnhof, nahm das ein Ende, was Sowjetmenschen für ihr großes Haus hielten, wie im Lied „Meine Adresse das ist die Sowjetunion ...”
Der Unterschied zwischen der Breite der Gleise hier und da beträgt alles in allem ein paar Zentimeter, aber mit den sowjetischen Rädern geht kein Weg weiter“, - brummelte Tamara, und genau hierbei fuchtelte sie mit der Hand herum, wobei sie den scharfen Wodka verspritzte. „Das, was Du verstehst, sind ja doch nur Dummheiten. Früher war das ‚russische Gleis’ noch breiter...“ Sie öffnet ihre Arme, als wollte sie jemanden umarmen, um die Breite der russischen Gleise zu demonstrieren.
Vielleicht war die Idee ja die, diese Gleise allmählich zu verkleinern, bis sie wie europäische aussehen.
Ich schließe meine Augen und stelle mir vor, dass Mascha im Zug an der Grenze schläft und nicht weiß, dass Leute auf der Berliner Mauer tanzen, dass sie sie zerlegen und Bruchstücke als Souvenirs verkaufen. Der Zug steht am Bahnhof, die Zeit vergeht. Mascha ist zwölf, sie ist Pionierin, sie ist in einen Klassenkameraden verliebt, sie kehrt in ihr Deutschland zurück, sie weiß, was morgen passieren wird - so denkt sie. In Berlin brechen sie die Mauer ein. Die Wachen zögern: sollen sie schießen? Und sie schießen nicht. Der Zug fährt ein in die Umspuranlage. Schwer hält er an, wie alles große. Es vermag das nicht. Für einige Zeit scheint es, dass nichts weiter passieren wird. Vielleicht sind die Arbeiter eingeschlafen, schauen sich die Fernseh-Nachrichten an und hören verbotenes Radio? Der Zug steht nur. Die Werkzeuge, Wagenheber und die Räder für die europäischen Schienen warten und lauschen dem Regen. Es scheint, das Warten kann wirklich ewig dauern. Was wenn ja, und sie die Räder nicht auswechseln – von den sowjetischen zu den europäischen? In Berlin umarmen Deutsche Deutsche. Der Vorgang des Austauschens der Räder beginnt mit dem Entkoppeln der Waggons. Den ganzen Zug kann kein Wagenheber anheben. Also wird getrennt, rums, rums, rums. Die Scheinwerfer der Wachtürme fangen die Gesichter der Menge ein, erschrocken und glücklich. Die Gesichter der Grenzschutzbeamten waren nicht zu sehen. Ich frage mich, ob sie Grenzhunde hatten? Sie wissen schon, solche gehorsamen deutschen Schäferhunde. Die Grenzwachen und Schäferhunde waren auch eine Mauer, die in dieser Nacht zerstört wurde. Und der Major, Maschas Stiefvater, gehörte auch dazu. Sogar Mascha, ein kleines Mädchen, das in Deutschland aufwuchs, mag ein Teil dieser schrecklichen Mauer gewesen sein.
Der Zug fuhr in den Bahnhof Schwerin ein. Die Kindheit ging weiter. Aber Maschas Stiefvater war kein sehr kluger Mann. Er stellte dem verwandten General dumme Fragen: Wohin ist der unbenutzte Treibstoff geflossen, wohin sind die Autos aus dem Militärfuhrpark verschwunden, woher sind die ausländischen Autos gekommen, die in der Sowjetunion fahren ... Folglich hat der General nicht lange gezögert und den Major auf die Suche nach ausländischen Autos hinterhergeschickt, mit wertvoller technischer Ausrüstung, und einem älteren Zug. Der Major brachte den Zug erfolgreich zum Ziel – an einen Punkt auf der Karte in der Mitte von Sibirien. Neben dem eigentlichen Punkt auf der Karte gab es ein schneebedecktes Feld und eine Kaserne, die fast fertig war. Der Major versuchte, das Hauptquartier anzurufen, dann den Familienangehörigen, dann wieder das Hauptquartier. So sehr er konnte, bewachte der Major mit den Soldaten, die auf diesem Feld festgehalten wurden, das Eigentum der sowjetischen Armee als eine wahnsinnig wichtige strategische Sache. Dort fing er auch an zu trinken, und dann bat er um Entlassung. 1991 verging.
So kam auch Mascha von Schwerin nach Donezk, in die Heimatstadt ihres Stiefvaters. Schlösser gab es dort nicht.
Das einzige, was Mascha an dem neuen Ort gefiel, war vom Balkon zu schauen, wie die großen silbernen Flugzeuge einflogen – aber weniger und weniger.
Bald mußte sich Mascha auf dem Balkon mit ihrer Mutter und der Schwester des Stiefvaters Halyna, dem ehemaligen General, verbarrikadieren.
Mascha wollte zurück, in die Kindheit, nach Deutschland oder zumindest zu Romka, nach Leningrad. Und dann fuhr der Major seinen blaue Opel zu Schrott und konnte nicht einmal mehr als Taxifahrer schwarz Geld verdienen. Es war nicht mehr möglich, sich vor ihm zu verstecken, selbst auf dem Balkon mit Blick auf den Flughafen.
Man sagt allgemein, dass in diesen Jahren viele sowjetische Offiziere verunglückten: vielleicht passten die schnellen deutschen Autos nicht zu den sowjetischen Fahrern und Straßen. Vielleicht waren sie unvereinbar, so wie die unterschiedlichen Gleise.
Tamara und Mascha flohen nach Lemberg.

 

TreibstoffDer übrige Treibstoff

 Aus dem Ukrainischen übersetzt von Christian Weise aus Victoria Amelina, Ein Haus für Dom, Verlag des Alten Löwen, 2017  - Seite 316-319

Mascha hat mir einmal eine von diesen Geschichten erzählt, die die Erwachsenen einem nicht einfach so erzählen. Aus der Kindheit erinnern sie sich an etwas so süßes wie den Duft von Mandarinen oder den Wind vom ersten Meer. Oder erzählen sie etwa über den ersten Tod? Aber Mascha erzählte. Mir allein, was sie noch niemandem erzählt hatte.
Vor der Abreise aus Deutschland wurde es  plötzlich Winter. Mascha sauste in einem etwas zu großen Mantel herum - ihre Mutter und ihr Stiefvater kauften damals alles zum Hineinwachsen. Es war kalt, und Mascha erkundete alles näher, nicht einmal Gestank schreckte sie ab. Es war so interessant von nahem zuzusehen, wie Benzinpfützen brennen.
Die Pfützen loderten hoch und verbrannten die dünnen Schneeflocken in der Luft. Romka Lysytskyj hatte keine Angst zu springen. Auch wenn er auf dem Foto schmale Schultern und Hände hat, auch wenn er Sohn eines Generals war. Mascha schien es, dass er diesen Zeitvertreib sogar erfunden hatte. Doch vielleicht sieht sie immer Romka im Mittelpunkt, egal ob auf einem gemalten Blatt oder in einer Geschichte.
Es gab einfach nichts, wo man den Treibstoff hintun konnte. Damals gab es bei den sowjetischen Truppen insgesamt plötzlich zu viel Überflüssiges. Gerüchte wurden verstreut, einer der Generäle habe ein Panzerfahrzeug dem Schrotthandel übergeben. Nach einem anderen habe er einen legendären KRAZ gegen zwei Mercedese eingetauscht. Romka sagte, das sei nicht wahr. Vielleicht stimmt das. Tante Galina hat zumindest kein ausländische Auto gesehen.
Tanks mit Treibstoff schickte man nur wenige in die Sowjetunion zurück, wenn man denn überhaupt etwas schickte, man versuchte, alles vor Ort zu nutzen, genauer zu verkaufen. Am Ende goß man den Treibstoff einfach nur in den deutschen Boden.
Das sowjetische Militär hatte zum Teil bereits Deutschland verlassen. So waren diese Kinder noch zufällig dort - die letzten sowjetischen Kinder. Für die D-Mark des plötzlich vereinten Deutschlands kauften die Eltern ihnen Sachen zum Hineinwachsen, so, dass sie noch lange passen würden, für immer. Irgendjemand hat sogar einem fünfjährigen Mädchen ein Abendkleid für die Hochzeit oder zum Studienabschluß gekauft; Maschas Eltern fragten sich, ob sie nicht für alle Fälle auch ein Hochzeitskleid holen sollten.
Sie holten es nicht“, - Mascha mußte lachen.
Jeder wusste, dass es in der Sowjetunion solche Kleider, Jacken, Turnschuhe nie gab. Zwar gab es auch die Sowjetunion selbst auch schon nicht mehr, aber in den Militärlagern glaubte daran niemand fest, außer natürlich denen, die KRAZe gegen Mercedese eintauschten. Doch Mascha glaubte Romka ...
Kurzum, in der leeren Garnison gab es übriges Benzin, und die sowjetischen Kinder, die noch in Deutschland waren, hatten ein bisschen Fantasie und viel Zeit. Folglich brannte es vor den leeren Garagenboxen, solange die letzten Erwachsenen konzentriert zerlegten, kauften, eintauschten und verpackten.
-„Sie ist ein Mädchen. Sie wird nicht springen“, sagte einer der Jungs. „Ein kleines Mädchen!“
Diese Kinder wussten nichts von dem alten Feiertag Ivan Kupala, wo die Jungs und Mädchen durch das Feuer sprangen. Sie sprangen sogar Hände haltend - das Feuer verband. Das Feuer reinigte – radierte alles aus - so wie Krieg.
Sie springt nicht, ich bin sicher!“, flüsterte Romka seinem Kumpel zu.
Und unsere Mascha sprang. Sie ist ja auch jetzt mutig. Und floh so aus dem Haus so, als wäre sie gerade auf die andere Seite gesprungen.
Aber sie ist ein richtiges Mädchen. Ihr Haar war reichlich lang, es fiel bis zum Hintern. Es wurde fast nicht angesengt. Sie erstarrte, atmete schwer, nur die Spitzen der langen Locken waren gebräunt.
Na gut, und jetzt bei den Eltern sich beschweren“ ..., tuschelte jemand.
Ich beschwere mich nicht“, sagte Mascha.
Dann begannen die Jungen miteinander zu beraten. Das Springen durch eine kleine Pfütze war nun eine Herausforderung, die auch Mädchen tun konnten.
Schau mal, die Locken sind nicht angesengt“, schrien sie und sprangen alls weiter durch die Feuerlabyrinthe. Sie lachte. Und Mascha sprang mit ihnen – das lange Haar nur zusammengebunden mit einem Halstuch. Für die Jungs wurden die Sprünge zu wenig.
Alle diese Pfützen sind Blödsinn!“,  sagte jemand.
Mascha erinnerte sich nicht mehr wer. Es gab nur noch wenige Kinder aus verschiedenen Klassen ...
Und jemand schlug vor: „Und wenn wir Patronen ins Feuer werfen? Wer hat keine Angst?“ Nein, habe ich abgewunken  ... aber nicht stark. Ich habe Romka angelogen, dass ich Magenschmerzen habe. Und er ging mit mir, um mich nach Hause zu bringen. Was hätten wir sonst tun sollen? Hätten wir uns vielleicht beschweren sollen? Wir sind keine Petzer.
Mascha kannte den Jungen nicht, der damals getötet wurde. Sein Foto wurde anschließend in der leeren Schule aufgehängt - die deutschen Kinder fanden ihn wahrscheinlich noch an der Wand.
Das war so ein verrückter Spaß - Patronen in ein Feuer zu werfen. Wie russisches Roulette, nur rücksichtsloser. Sie fliegen in alle Richtungen, und du kannst nichts mehr aufhalten. So wie wenn man einen Krieg beginnt.
Die Eltern verprügelten ihre Jungs. Selbst die nicht ganz sauberen Generäle legten wahrscheinlich deshalb ihre gepanzerten Personenwagen und Mercedes beiseite. Die Mütter umarmten ihre Jungs, sie vergaßen für eine Zeit die letzten Einkäufe und die Koffer, die sich sträubten, zugeschnürt zu werden.
Und dann sind alle in die Sowjetunion zurückgekehrt – also in die Ukraine, nach Georgien, Kasachstan, Armenien, Russland ... Alles begann neu. Nur im Inneren war bei den Menschen wahrscheinlich alles beim alten. Bei niemandem wurde irgendetwas ausradiert, und selbst wenn sie durch das Feuer sprangen, außer bei den Generälen.


Bislang veröffentlichte Amelina zwei Romane. In ihrem ersten Roman „Herbst-Syndrom oder Homo compatiens“ durchlebt der hoch empathische Protagonist mehrere gesellschaftliche Umbrüche oder Revolutionen des 21. Jahrhunderts, insbesondere die auf dem Kairoer Tahrir-Platz 2011 und den Euromajdan 2013/14.
2016 veröffentlichte Amelina ihr erstes Kinderbuch: „Irgendwer, oder Wasserherz“.
Ihr zweiter Roman „Ein Haus für Dom“ (diesem wurden die beiden Auszüge entnommen) dreht sich um ein Haus am Hohen Schloß, das sich als das ehemalige Wohnhaus des Schriftstellers Stanysław Lem herausstellt. Die Familiensaga wird aus der Perspektive eines Hundes namens Dominik erzählt. Sie handelt von der Lemberger Stadtgeschichte, dem Erinnern allgemein, der Bewältigung des Erbes von 70 Jahren Sowjetunion-Prägung und der „Dekommunisierung“. 

 

Christian Weise, Frankfurt 10. Oktober 2017