Erkenntnisdurst

Milena Findeis

Das Verstehen-Wollen, es hat mich nach einer Nachdenk-Zeit aus dem stehenden wieder ins fließende Gewässer schwimmen lassen.

Erkenntnisdurst

Jedes starre Gerüst hat neben der Einengung eine Haltefunktion. Die Gewohnheit verstärkt die haltende Funktion, es wird vertraut. Bis zu dem Punkt, wo es kippt. Das Vertraute wird an das Selbsvertrauen gekoppelt. Eine Arbeit, eine Beziehung, eine Umgebung werden durch die Gewohnheit vertraut, überschaubar, berechenbar. Das Aufgehen in abwechselnden Rollen, in die  Pausen gedrängt, die träumende Sehnsucht nach unbedingtem, freiem Sein. Mit einem Mal, allen gewohnten Rollen entledigt (für den Arbeitgeber zu alt, das Kind selbständig, vom Partner getrennt) breitet sich die von Strukturen befreite Zeit aus.

Aus der Beobachtung, mich ängstigenden Spinnen, lernte ich: manche rollen sich zusammen, punktförmig, andere fliehen, strahlenförmig. Mein rollenbefreites Ich rollte sich ein. Ohne Herausforderung verschwamm das wenig Verbliebene. So eingekapselt drangen Verlustmeldungen hinein ins wahrnehmende Bewusstsein. Anderes wurde von der Wahrnehmung ausgegrenzt. Alles Erfahrene kam als Echo zurück. So viele Rollen eingenommen und dadurch nahezu ertränkt: das Sein. Wie dieses Sein definieren? Den verbliebenen Rest an Eigenständigkeit nicht von Ratgebern einebnen lassen. Frau im Wechsel: ein Nachholen an Auseinandersetzung. Lieb war ich selten, angepasst hin und wieder, doch den Mund habe ich mir nie verbieten lassen. Jetzt war er verstummt - wem oder was sollte ich mich widersetzen?

Eine 91jährige pflegend, deren Krankheit - Demenz und Parkinson - mich darin bestärkte, das System der Krankenkassen zu meiden. Die Dame konnte keinen Schritt mehr gehen, keinen Löffel halten, sich an nichts mehr erinnern: Blutdruck, Zucker und andere messbare Werte einwandfrei, so der Befund der Medizin. Ihr Wimmern, Weinen, Klagen wies auf Schmerzen hin und nach mehrfacher Nachfrage wurden schmerzlindernde Pflaster genehmigt. Ich suchte und sammelte Musik, die sie gerne gehört hatte und wenn ich sie ihr vorspielte, huschte manchmal ein Lächeln über ihr Gesicht. Ihr Rücken war gekrümmt, die ganze Gestalt verzogen. Das Einflössen einer Schale Suppe beanspruchte nahezu eine Stunde. Tabletten mussten aufgelöst und eingelöffelt werden. Im Vier-Stunden-Takt. Das starke Zittern erzeugte Töne, die mir nicht aus den Kopf gehen. Das Finale: ein Schattenboxen der zittrigen Arme gegen unsichtbare Geister. Sie hat meine Hand umfasst, sich in ihr festgekrallt - im langsam verebbenden Atmen entspannten sich ihre Gesichtszüge — erlöst vom letzten Atemzug. Behutsam löste ich ihre vom Tod erstarrten Hand aus meiner. Für sie ward es vollbracht: für mich hat "weggehen" einen neuen Sinn erhalten. Die herbeigerufene Krankenschwester informierte den diensthabenden Arzt, um das Ableben zu dokumentieren. Zwei Stunden danach wurde der Leichnam in einen Sarg gelegt. Fahrt ins Krematorium. Die Fenster - zum Abschied - weit geöffnet. In die Stille hineingehört. Kerzen entzündet. In ihre Flammen geschaut bis zum Erlöschen.

Was dem Verlöschen entgegensetzen? In Czernowitz, diesem mich so an meine Kindheit erinnernden Ort, eingetaucht. Ich spreche weder Russisch noch Ukrainisch. Das half, der Begriffswelt zu entfliehen. Mit meinen dem Tschechisch entlehnten Kenntnissen war Kommunikation möglich, wobei die Konzentration auf dem Zuhören lag. Etwas bewegte sich wieder in mir, flackernd. Täglich von der Kamera begleitet, schrittweise. Straßen, Wegen entlang gewandert. Diese Begegnungen, noch immer nicht geordnet, arbeiten in mir. Nicht die bekannten Namen, die in Skulpturen und Gedächtnistafeln verewigt sind, begleiten mich - es sind die nicht geplanten Begegnungen, die in mir weiterarbeiten. Das hat mich darin bestärkt, den eigenen Weg - unabhängig vom Zuspruch anderer - nochmals zu versuchen. Ich lerne wieder - wie im Leben zuvor - der eigenen Intuition zu trauen. Ins Wasser geworfen hilft einzig schwimmen und eintauchen, um ans nächste Ufer zu gelangen. Es nicht zu fürchten sondern es zu tun, darin liegt die Rettung.

An den Wendepunkten meines Lebens stehen und standen Menschen und Bücher. Viktor Frankl "Trotzdem ja zum Leben sagen", ein handsignitietres Exemplar. "Wunschloses Unglück", "Das Gewicht der Welt","Geh über die Dörfer", diese und weitere Bücher von Peter Handke waren die Wegweiser aus der Geschäftswelt hin zum sich verdichtenden Sein.

In der letzten Nacht meiner Tätigkeit in Zell am See, der Schreibtisch leergeräumt, blätterte ich im Wirtschaftsmagazin "Trend". Das Auge angezogen von einem Jungen, der auf einem Müllberg in Brasilien steht. Dieses Bild bewog mich, den ersten Leserbrief zu schreiben. Ich adressiere ihn an den Trend, gemeint habe ich den Jungen und seine Vorstellung vom Glück. Bedingt durch den Umzug erhalte ich den Brief des damaligen Trend-Chefredakteurs, Helmut A. Gansterer, mit einer einjährigen Verspätung. Es ward beabsichtigt, aus meinem Leserbrief eine Glosse zu machen. Anstelle der Glosse entstand ein Briefwechsel. Eine der Impulse dieser Korrespondenz: ich kaufte mir meine erste Kamera und begann mit dem Knipsen. Davon erzählt der Essay "Das reine Licht" von Christophorus Wrk alias Helmut A. Gansterer.

In Frankfurt traf ich während der Frankfurter Buchmesse an der Spiegel Bar Hans F. Krebs, Ausgangspunkt des Gespräches war die, sich als Lauffeuer verbreitende Nachricht vom tot in einer Züricher Hotel-Badewanne aufgefundenen Uwe Barschel. Der Diskurs über die Gesellschaft mit Hans F. Krebs wurde fortgesetzt. Wie auch jener mit Rupert Riedl. Eingeladen zu einer Buchpräsentation "Die Gärten des Poseidons" saß ich da, hörte zu und kam aus den Staunen nicht heraus. Stellte Frage, angeleitet von meiner Unwissenheit - ich hatte keines der Bücher des Wissenschaftlers, gelesen. In beiden Fällen hat meine Unbelesenheit bei gleichzeitigem Erkenntnisdurst zu Freundschaften geführt, die mein Wissen, noch nach dem Ableben von Hans F. Krebs und Rupert Riedl belebt und nährt.

Die Art und Weise wie sich Czernowitz in mein Gedächtnis eingegraben hat - ein weiterer Erkenntnisgewinn. Das geschah über Prag, wo ich im Jahre 1991 gelandet war. Meine Sprachsehnsucht angefacht von Milena Jesenská, Jan Skácel, Milan Kundera, Václav Havel, Franz Kafka, Vílem Flusser und Bohumil Hrabal zog mich nach der samtenen Revolution nach Prag. Eine neue Sprache im Alter von 35 zu lernen durch die Arbeit, das Alltagsleben. Neue Aufgabenfelder breiteten sich aus vor mir.

Begegnet bin ich dort u.a. den aus New York stammenden Dichter und Präsidenten des Prague Writers' Festivals Michael March. Ihm ist nicht das Tschechische - sondern die Literatur als solche - das Maßgebende in seinem Leben. Durch ihn lernte ich die Kontinente eines Paul Celan, Aharon Appelfeld, David Grossman, Per Olov Enquest, Igor Pomerantsev, Paul Auster, Peter Stephan Jungk, Robert Menasse, einer Herta Müller schätzen.

Im Jahre 2000 begegnete ich in Prag - gefangen in einem Aufzug der aus Warschau stammenden Journalistin Joana Radzyner, im Grandhotel Bohemia Gerda Neudeck, während einer Lesung der Schriftstellerin Hana Androniková. Daraus entstanden Freundschaften und das Eintauchen in für mich neue Welten. Damals war ich federführend in leitender Funktion in der Hotelbranche tätig. Die Ziele des Arbeitsgebers: ganzjährige Auslastung des Hotels bei möglichst hohen Erträgen und niedrigen Ausgaben, die Rekrutierung und Ausbildung von Mitarbeitern, der Umgang mit Gästen. Die zehn Jahre währende Herausforderung endete im Jänner 2012: ich hatte mich selbst wegrationalisiert, als älteste Mitarbeiterin eines jungen Teams. Mit 55 Jahren der Riss, der Stopp. Bilanz gezogen: den Lebensstil ändern. Die Mietwohnung, die die Hälfte des monatlichen Einkommens beanspruchte, gekündigt - Reduzierung auf ein Zimmer. Auto, Möbeln, Bücher, Kleider, Geschirr wurde verschenkt. Ich rechnete mir aus, wie lange meine Ersparnisse reichen würde - um einfach zu leben und startete den Versuch, der bis jetzt andauert.

"Was machen Sie?", die meist gestellte Frage, wenn ich Bekannte aus einer der vorangehenden fünfundvierzig Jahre währenden Berufswelt treffe. Antworte ich mit "Menschsein" ist das Gespräch in den meisten Fällen schnell beendet. Für die auf Effizienz geschulte Arbeitswelt bin ich zu einer Außenseiterin geworden. Es gibt jede Menge zu tun, der einzige Unterschied: ich werde dafür nicht mehr bezahlt. Ich entscheide aus dem Moment heraus: ist es mir wert, dass ich meine Zeit dafür verwende? Neues zu lernen, mit meiner Umwelt und mir aus einem neuen Blickwinkel betrachtet, umzugehen. Immer wieder lande ich im Alleinsein, befürworte dieses. Handke schrieb im Gewicht der Welt "Außerhalb der Meinungen der anderen zu gelangen". Diesen Weg will ich im Alltag fortsetzen - angeleitet von "Neugierde und Staunen", Rupert Riedls Buch, das auf sein erkenntnisreifes Leben zurückschaut und Hana Andronikovás Auftrag: an der Freude, nicht achtlos vorüberzugehen.

Prag, Jänner 2017

 

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15.11.2019 Freude unmittelbar: Das Kind erklimmt den Kopf der Skulptur und lauscht den Geschichten der Bäume. Sein inneres Strahlen hat mich gewärmt - mitten im November.

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