Gerda Neudeck

 

Erinnerung an Gerda Neudeck, *3.10.1945, †22.2.2014

Lebwohl liebe, geschätzte Gerda!

 

Die Eingeladenen zu ihren Veranstaltungen, den Salonabenden waren handverlesen. Alles was sie tat, trug ihre persönliche Handschrift. Das wissen all jene, die es jemals mit Karel Schwarzenberg, von ihr mit "der Fürst" betitelt, zu tun hatten. Sie hatte bis kurz vor ihrem Tod die Schwarzenberg'sche Zentralkanzlei in Wien geleitet.

1987, zehn Jahre nach der Charta-Gründung , wurde Wolf Biermann von Gerda Neudeck kontaktiert und um ein Benefizkonzert zugunsten bedrängter Freunde in der CSSR gebeten. Gerda Neudeck wollte auch die Hotelkosten für den Sänger sparen. Das erwies sich als ein Glücksfall. Sie packte den "Fürst" an seiner böhmischen Wurzel und schnorrte ein kostenloses Hotelzimmer im noblen Palais Schwarzenberg für den Liedermacher. Als Karel Schwarzenberg im Dezember 2012 der Marion-Dönhoff-Preis überreicht wurde, hielt Wolf Biermann in Hamburg die Laudatio.

Sie hat Václav Havel während seines Kuraufenthaltes, als er Präsident der Tschechischen Republik war, betreut. Sie hat die Manuskripte von Pavel Kohout, als dieser nach Wien kam, lektoriert.

"Unterschätzen Sie nicht meine Boshaftigkeit", dieses als Buch verfasste Gespräch zwischen Barbara Tóth und Karel Schwarzenberg wurde von ihr konzipiert, organisiert. Ihr letztes Projekt war die Unterstützung der Oper Mauritius.

Jede/r, der Gerda Neudeck kannte, war immer wieder verwundert über ihre Fähigkeit Menschen miteinander zu verknüpfen, ihre unglaubliche Energie mit der sie Ideen in die Tat umsetzte. Legendär die von ihr organisierten, bis ins kleinste Detail liebevoll geplanten Veranstaltungen und Festlichkeiten. Ihr Lebensmotto "heiter, weiter" hat sie bis zum Ende gelebt. Am 22.Februar 2014 ist sie still von uns gegangen.

 

DIE GERDA

Der Quelle tröpfelnden Ursprungs
Dem Bergrücken entlang
ein sich weitender Bach
Im Tal gelandet als Fluß
Mäandernd
Grenzen querend
– ICH meinerseits
hinüber zum DU –
ein werdendes WIR
Zwischen uns hindurch
ein fließendes Wesen
im Ursprung beginnend
EIN OZEAN

 

Milena Findeis

Link zum Fotoalbum: 65. Gerda Geburtstag in Linz
Link zum Fotoalbum: 66. Gerda Geburtstag in Prag

Link zum Fotoalbum: Gerda-Gedenken Prag, 6. Oktober Prag
Link zum Fotoalbum: Gerda-Gedenken, Hamburg, Oktober 2015

NS: Im Dezember 2013 erhielt ich von Gerda ein Paket, wie oft zuvor. Darin hatte sich eine Grüßkarte "verirrt" - von Pavel Kohout an Gerda. Milena Findeis

 


 

Pavel Kohout

271. Trilobit für die meistgelesene tschechische Tageszeitung Mladá fronta DNES 1. 3. 2014,

Gerda gleicht Goliath gepaart mit Gepard…

Dieser Titel soll eine Grabinschrift sein. Ich bin ein Einzelkind. Und trotzdem ist jetzt in Wien meine Schwester gestorben.

 

 

Als uns das Schicksal in Gestalt der Husák´schen Grenzsoldaten im Jahre 1979 nach Österreich verschlug, hatten wir dort viele Verbündete, aber keinen Freund. Damals tauchte SIE auf unserer Lebensbühne auf. Die rechte Hand des bekannten österreichischen Architekten Roland Rainer, immerwährend schlank und von einer besonderen Schönheit, wie sie Frauen der Intellekt verleiht, lernte in seinem Atelier zuerst meine Schwägerin kennen, eine der ersten Unterzeichnerinnen der Charta 77, und diese führte sie zu uns. Als wenig später auch mein Sohn und seine Frau und sein Sohn aus demselben Grunde die CSSR verlassen mussten, wurde sie zur ersten Reiseleiterin der Tschechen im Irrgarten eines zwar demokratischen Landes, das allerdings umso mehr auf der Einhaltung von Gesetzen, Bräuchen und Regeln basierte.

Mit ihren dreiunddreißig Jahren war sie mit einem durchdringenden Alt und einer nie erschöpfenden Energie ausgestattet. Sie erinnerte an die Barrikadenkämpferin auf dem Bild von Delacroix, doch war sie nie Revolutionärin oder Emanze, sie schien nur geboren worden zu sein, um ihren Nächsten zu helfen – ob es ihnen nun gefiel oder nicht! Dieser Zusatz mag vielleicht wie eine Missachtung klingen, doch sie konnte einfach jemanden, der sich durch sein Schicksal brechen ließ, nicht ausstehen, und manch einen rüttelte sie schroff aus der Gleichgültigkeit eines Geschlagenen zu Courage auf.

Ihre praktische Hilfe kannte keine Grenzen. Als ich mich entschloss, die deutsche Fassung des Romans vom begrabenen Hund wesentlich zu ändern, borgte sie sich diese dreihundertfünfzig Seiten, von überklebten Stellen, Streichungen und Nachträgen verunkrautet, sie wolle diese im Urlaub lesen. Vierzehn Tage später brachte sie eine saubere, druckreife Abschrift vorbei. Sie hatte nach Scharm al Scheich zusammen mit dem Badeanzug auch eine Schreibmaschine mitgenommen und acht Stunden pro Tag den Text abgetippt.

Als Rainer aufhörte zu arbeiten, war sie lange Zeit ohne Arbeit, wenngleich sie Ideales zu bieten hatte, denn sie war geschieden, kinderlos und beherrschte neben der deutschen Stenographie auch noch die englische, doch es waren junge Busenwunder in Mode. Ich schrieb für sie Inserate und Empfehlungen, doch vergebens, für alle war sie zu alt, bis sie, als sie in brillanter Art und Weise den zehnten Jahrestag der Charta in Wien organisiert hatte, Karel Schwarzenberg begegnete. Er hatte gerade eine weitere Nutzlose entlassen und stellte sie „als Vertretung“ ein. Er hatte Glück, dass er sie gleich am ersten Tag bitten musste, seine Reise in die Schweiz zu stornieren, denn in der Nacht hatte man ihm samt Geld auch die Papiere, Flugtickets und Geldkarten gestohlen. Am Abend flog er wie vorgesehen, da sie ihm für alles Ersatz beschafft hatte. Ab diesem Tag bis zum vergangenen Samstag war sie Direktorin der fürstlichen Büros. Nachdem sie dies geworden war, sprach sie eine Bitte aus, der er entgegen kam: bei der nächsten Festlichkeit im Palais stand sie neben ihm und bekam Handküsse von den Bossen, die sie vorher abgelehnt hatten. Unrecht zahlte sie nur mit Witz und Charme heim.

Als Václav Havel in Prag seinen fünfzigsten Geburtstag feierte, schickten wir sie von Wien aus mit einem Koffer voller Käse zu ihm. Sie wirkte so souverän, das die Leute von der Staatssicherheit nicht einmal einen Ausweis von ihr verlangten. Als der eiserne Vorhang fiel, lernte sie innerhalb weniger Wochen recht ordentlich Tschechisch. Die Ärzte schickten den neuen Präsidenten zu einer Kur nach Deutschland, damit er sich vom Gefängnis und vom Dissent erhole. Unter einem Decknamen war er einen Monat zur Kur, und weil er niemanden von seinem Büro dabei hatte und keiner vom Personenschutz deutsch konnte, war sie bei dieser geheimen Mission die einzige Verbindung zur unbekannten Umgebung. Eine Woche später auf der Burg erkannte er sie schon nicht mehr. Sie entschuldigte ihn ganz in ihrem Stil – Er hat wohl Wichtigeres zu tun…

Ihre Leidenschaft war es, Talente zu entdecken und diese auf die Umlaufbahn zu befördern. Mindestens ein Dutzend - Maler, Musiker, eine Schauspielerin und ein Dirigent, verdanken ihren gelungenen Start der Tatsache, dass sie sie ermunterte, propagierte und von ihrem Gehalt unterstützte, das angesichts dessen, dass sie für drei arbeitete, nicht berauschend war. Legendär waren die Geburtstagsfeiern ihrer Freunde, bei denen sie zu einer Regisseurin immer wieder anderer Überraschungen mutierte. Ich wollte meinen Sechzigsten allein mit meiner Frau feiern. Sie organisierte für uns ein Hotelzimmer im Kloster Geras, wo dann fast alle Freunde aus Europa auftauchten und Abt Angerer mir einen ökumenischen Gottesdienst bescherte.

 

Ihre absolute Loyalität und Nähe zum Fürsten erweckten bei dessen Beamtenschaft in Österreich und in Deutschland Unwillen, umso mehr als diese von Leistung unterlegt waren, an die die Neider nicht herankamen und es auch nicht wollten, denn der Fürst war ebenfalls bekannt für sein Vertrauen in geschickte Parasiten. Die „Schwarzenbergischen“ hatten zu ihren Obrigkeiten traditionell eine gute Beziehung, weil diese ihre Leute achteten. Auch der letzte Wildhüter wurde nach einem Vierteljahrhundert Dienst ins Schloss Murau geladen, um vom Fürst persönlich eine Auszeichnung für treue Dienste entgegenzunehmen. Ihr schickte das bestehende Management die Anerkennung per Post. Es war wohl das einzige Mal, als ich bei ihr Tränen sah, die sie schnell mit dem trockensten aller Grünen Veltliner trocknete.

Gezeichnet von Krankheiten, Krieg und Pubertät habe ich mich in meiner Jugend nach einem Geschwisterkind gesehnt, dem ich alle meine Träume und Ängste anvertrauen könnte. Als ich das Gewünschte in ihr gefunden hatte, erklärte ich sie zu meiner „späten Schwester“, der auch die deutsche Ausgabe meiner Autobiographie gewidmet ist. Wir bewerteten unsere als auch andere Leben mit der Gewissheit, dass bei uns beiden alle Geheimnisse enden. Deshalb werde ich nie ihre Erlebnisse aufzeichnen, die sicher ein Bestseller würden; ich lasse sie auf ewig in meinem immer noch funktionierenden Gedächtnis gespeichert bleiben.

Nachdem sie im Dezember begriffen hatte, dass ihr nur noch ein paar Wochen zu leben blieben, schaffte sie es noch, ihren langjährigen Freund zu heiraten und sich sämtliche leere Aufmunterung als auch eine prunkvolle Beerdigung zu verbieten. Sie wollte von ihm der Donau übergeben werden …

Zum Sechzigsten schrieb ich ihr eine Gratulation in deutscher Sprache, die vom Buchstaben G überquoll. Auf einer Seite waren es zweihundertzwanzig. Darin enthalten war auch der obige Titel. Meine späte Schwester Gerda Neudeck, in ihrem Fach ein Star, starb am Mittag des 22. 2. 2014. Doch wie Physiker bestätigen – auch tote Sterne strahlen weiter!

 

Aus dem Tschechischen: Silke Klein

NS: In der Nacht vom 27. bis 28. Februar 2014 erhalte ich ein Mail "vielleicht können sie diesen Nachruf veröffentlichen? Mit traurigen Grüßen, Ondrej Kohout"
Milena Findeis

 


 

 

 

 

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10.11.2019 Der Nebel zieht weiter, Sonne gespiegelt vom Blättermeer. Das Herz wandert barfuß. Es wurde gefunden von Novemberliebe – einer lichten Lücke im jetzt, freigesetzt.

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