HEITER

Pak je tu slovíčko “heiter”, které tak vroucně miluji. Heiter není veselá, ano radostný. Heiter je něco, pro co není v češtině výrazu. 
Dann ist da das Wort “heiter”, dass ich sehr liebe. Heiter entspricht weder glücklich, noch fröhlich. Heiter entspricht etwas, für das es im Tschechischen keinen Ausdruck gibt.

Das schrieb Milena Jesenská in ihrer Glosse in der Zeitung “Narodní Listy” am 1.7.1926.

 

Milena FindeisAm 10. August 2017 jährt sich Milena Jesenskás Geburtstag zum 131. Mal. Ich sitze auf dem Boden in einem noch leeren Dachgeschoss in Prag. Rundum von Staub umgeben greife ich zu mir lieben Erinnerungen. Geplant hatte ich, meinen sechzigsten Geburtstag in Berlin zu verbringen. Mit Ana in Schöneberg, von Café zu Café schlendernd, plaudernd. Die Wirklichkeit setzte sich über den Plan hinweg. Die Renovierung des zukünftigen Arbeitsplatzes - gleichzusetzen mit Lebensraum - dauert um vieles länger, als geplant.

Ich lerne diese Änderungen anzunehmen, dabei öffnet sich der Horizont - jenseits der Vorsicht. Verhaftet sein im Tun und Lassen — das Wünschen verabschieden. Rückwärts betrachtet entsprachen Wünsche immer mehr den Vorstellungen der anderen. Eigenes ist von dieser Last der Erwartung zu befreien. Einen Sensor für das eigene Empfinden entwickeln. Von den prägenden Vorbildern loskommen, das entwickelt sich mit zunehmendem Alter.

Gerda_GedenkenIn  Prag bin ich Gerda  begegnet, “heiter weiter” hat sie gelebt, vielen Schwierigkeiten trotzend. Ihr proste ich in Gedanken zu, mit einem Glas Federweißer. Am 10. August 2002, drei Tage vor dem großen Hochwasser saßen wir gemeinsm mit Asia und Ingrid am Moldauufer, wälzten Pläne - einige wurden von den Wassermassen begraben, andere leben weiter in mir. In leisen Zwiegesprächen.  In Gedanken wandere ich zu Hana, sie wäre am 9. September dieses Jahres fünfzig geworden. Wir haben einander meist mit Rotwein zugeprostet.  Diese fein gesponnen Fäden aus Zuneigung helfen - das Herz zu weiten.

Meine Großmütter sind beide jenseits von neunzig Jahre verstorben. Die Großväter um vieles früher. Der Vater kurz nach seinem Sechziger. Die Mama hat in meinem jetzigen Alter ein zweites Mal geheiratet, ist nach wie vor aktiv in Garten, Küche und verschiedenen Vereinen.

Unverhofft wieder einmal dem Vater des Sohnes begegnet. Der Sohn gleicht im Aussehen dem Vater vor fünfundzwanzig Jahren. Das vermag mich aus dem gewohnten Blickangel zu heben, sich damit in der Tiefe auseinanderzusetzen hilft mir beim eigenständigen Aufstehen und beim Ausschalten des Wunschmodus. Jeder von uns hat sich weiterentwickelt, in andere Richtungen halt. Manche Momente bleiben verbunden durch herzhaftes Lachen, ohne besitzergreifendes Anhaften.

Meine Schwester, Baujahr 1967, segelt voller Tatendrang neuen Herausforderungen entgegen. An meinem vierzigsten Geburtstag klingelte sie, begleitet von ihrem Ehemann und unserem Bruder, in der Prager Gartenstadt mit einem Picknick Korb unterm Arm. Sie kennt mich und meine Abneigungen gegen Feierlichkeiten gut. Dieser Nachmittag im Garten, sie rauschten am frühen Abend wieder Richtung Graz ab, steht jetzt in mir auf. Ihnen proste ich mit Bier zu.

Unvergessen wie im  Sommer 1992 mein jüngerer Bruder im Ländle einen gebrauchten Golf für mich kaufte, mir diesen persönlich nach Prag überstellte. Da die Bludenzerin einer in Prag "Aushäusigen" kein Auto verkaufen wollte mußte mein Bruder selbst das Auto kaufen. Der Papierkram - wenn der Amtsschimmel zweier ehemaliger k.k. Länder wiehert - unvergesslich. Das unverwüstliche Auto wurde 2011 verschenkt, es tut noch immer seinen Dienst. Ich brauche keines mehr, geschult durch den eisenbahn-verrückten Sohn, finde ich jetzt mein Auslangen mit dem öffentlichen Verkehrsnetz.

Ein einziges Mal, habe ich zu einem Fest eingeladen - es war rund um meinen fünfunddreißigsten Geburtstag. Die Eingeladenen wussten weder etwas von meinem Geburtstag, noch von meiner Schwangerschaft. Ich wollte meiner Freude und meinem Dank Ausdruck geben. Mit fünfundreißig Bekannten, kurzfristig eingeladen wurde gegessen, getrunken, Gitarre gespielt und gesungen. Niemand hielt Reden und Ansprachen, ein zwangloses Beisammensein. 

sechzigWenn die Handwerker ihre Leitungen verlegt haben werden, die Wände verputzt worden sind, werde ich mit dem Aufräumen beginnen. Zeit, den Rest von verbliebenen Erwartungen, abzulegen.  Mit einem Glas Schilcher in der Hand umgeben von Bruchstücken zufrieden im Alleinsein. In Gedanken bei jenen die mir lieb sind, fern und nah. Ich sehe jede einzelne, jeden einzeln vor mir - halte inne, ich weiß, wer mit wem kann,  und an welchen Fronten sofort hitzige Auseinandersetzungen ausbrechen. Je größer die Ansammlung, umso verdünnter der Inhalt jedes Gesprächs. Gerne setze ich mich mit jeder/m einzeln zusammen. Angehörige der Fraktion Biertrinker, die strikten Rotwein-Liebhaber, die Gspritzten Anhänger, die Raucher und die Nichtraucher. Jene die eine Curry, Knoblauch oder sonstige Allergie haben und jene die nichts ohne diese Beigaben essen wollen. Teetrinker-, Kaffee- und Milchkaffe-Fraktionsmitglieder. Die religiös oder sonstwie Geerdeten, jene mit Familienanschluss, die Freigeister, denen jede Form von Bindung fernliegt. Die Handke Leser und jene, die schon beim ersten zitierten Handke Satz gegen diese Sprachform laut loslegen. Anläßlich der Hochzeit einer Freundin erlebte ich, wie zwei Männer - mit beiden bin ich befreundet - handgreiflich wurden, aufeinander mit Fäusten losgingen. Das ist mir eine Lehre gewesen. Ein Freund schrieb mir, nach dem ein großer Geburtstagsreigen rund um seinen 70er stattgefunden hat “jeder hat sich selber gefeiert, zu einem wirklichen Gespräch ist es mit niemandem gekommen.”

SechzigSechzig Jahre. Ab fünfundfünzig hat sich vieles verlangsamt. Eine Nacht durcharbeiten - gelingt ausnahmsweise, die Folgen sind am nächsten Tag spürbar. Früher habe ich das leicht weggesteckt. Ich schau die Wände um mich an und die ausgehängten Fensterflügel, sie sind älter als ich.  Sie werden renoviert. Löcher, Risse ausgebessert. Neu gestrichen und verleimt. Ein Mietvertrag ist unterschrieben - auf unbestimmte Zeit.

Die Falten mit einem Lachen nach oben richten, das geht. Das Aussehen tritt dezent in den Hintergrund, macht einem einfachen Stil Platz. Im Sommer Leinen, im Winter Wollenes. Reduziert. An die Uhr am rechten Handgelenk habe ich mich gewöhnt. Sie macht alles mit, zieht sich durch Bewegung selber auf. Wenn es still ist, vernehme ich manchmal diesen leicht sirrenden, schwingenden Ton. Wenn ich mich unrund fühle, geht sie nach oder vor. So sind wir miteinander verwoben. Sechzig Sekunden. Sechzig Minuten. Sechzig Jahre. Wie mein Bruder zu mitternächtlicher Stunde schrieb: 525.960 Stunden.  Der Rahmen, in dem ich eingebettet bin. Den langsamen Abbau akzeptieren, abrücken vom Perfektionswillen, dem selten etwas gut genug gewesen ist. Mich einordnen, das ausbauen, was im Bereich des Möglichen ist: den Geist und die Seele nähren, die Gefühle nicht einbetonieren. Die Menschen umarmen, die das gerne zulassen, im nahen und fernen.

 

Milena Findeis

Tagesrandbild

Kopf-Klimm-Züge

Kopfklimmzüge

15.11.2019 Freude unmittelbar: Das Kind erklimmt den Kopf der Skulptur und lauscht den Geschichten der Bäume. Sein inneres Strahlen hat mich gewärmt - mitten im November.

Zwischen (W) Orte

Peter Handke

Peter Handke

Peter Handke und der Literatur-Nobelpreis

Erklärung deutschsprachiger AutorInnen, LiteraturwissenschaftlerInnen, PublizistInnen, ÜbersetzerInnen u.a.