Türkei: Hotel Heimat

Mehmet Said Aydın
Mehmet Said Aydın mit seiner Ehefrau Selin, 2017 in Prag

Mehmet Said Aydın stellte mir Ende März 2017, als er mit seiner Frau Selin in Prag weilte, eine Leseliste zusammen, an erster Stelle setzte mir der türkische Dichter, dessen eigene Wortschöpfungen, ich  in deutscher Übersetzung zu lesen wünsche, den Roman “Hotel Heimat” von Yusuf Atılgan.

 

Ich lerne, dass dieser Roman von der in Wien lebenden Journalistin, Autorin, Übersetzerin Hanne Egghardt ins Deutsche übersetzt wurde und 1985 im Verlag  Galgenberg, Hamburg erschien, jetzt vergriffen ist. Im digitalen Netz erwerbe ich ein gebrauchtes Buch. Es wird mir per Post aus Hamburg geliefert, ich beginne mit der Lektüre und wünsche diesem Buch eine Neuauflage. Gut würde es in das Repertoire des Grenzverlegers Lojze Wieser passen.

Die Routine eines Hotel Leben, das Tag für Tag rund um das Jahr sich wiederholt. Im Äußeren die Rituale, die mit jeder Ausführung den eigenen Willen auslöschen, sich dem vorgegebenen Takt anpassen bis das Mechanische jede innere Regung ausgelöscht hat.  Lese es am Ostersonntag, 16. April 2017, zu Ende — als in der Türkei eine Abstimmung aller Wahlberechtigten stattfindet, um den herrschenden Führer - mit demokratischen Mitteln - zu noch mehr Machtfülle zu verhelfen. Von der Wirklichkeit des Wahlsonntags hinein in den Roman, in ein heruntergekommenes Viertel in Izmir in Bahnhofsnähe, zum dreiunddreißigjährigen Zebercet, der das «Hotel Heimat» führt. Ein Wechselbad in Zeit, Wort und Geschichte.

Seite 1

Er betrachtete das Handtuch auf dem Eisengestell, die Decke am Fußende des Betts, das zerknitterte Leintuch, die Pantoffeln, den Stuhl, die Lampe auf dem Nachttischchen, die beiden vorzeitig ausgedrückten Zigaretten in dem kupfernen Aschenbecher, die Teekanne auf dem Tablett, das Sieb, das Teeglas, die Zuckerstücke auf dem kleinen Teller.

Seite 28

Zebercet blieb nicht stehen. Er ging unter den Bäumen durch, an der Mittelschule vorbei die Straße hinauf. Die  großen, freien Grundstücke waren im Lauf der Jahre mit hohen Gebäuden verbaut worden. …
“Schneiden Sei mir den Schnurrbart ab.”

Der Friseur lachte. “Sie machen aber Witze”, sagte er.

Er faßte die Nase mit zwei Fingern an und rasiert seine Oberlippe. Zebercet öffnet die Augen. Sein Schnurrbart war weg.

Seite 131

Von hinten rangehen und dann einen Tritt ins Kreuz

Einen Schlag ins Genick

Schneidet man den Kopf vom Genick her ab

Zuerst einen Tritt ins Wadenbein

Die Füße zuerst die Füße mit den schwarzen Sohlen

wasch sie doch vor dem Schlafengehen wer weiß wie viele Stücke es gibt bis zur Hüfte

 

Hotel HeimatDer 167 Seiten starke Roman des 1989 verstorbenen Atılgan betäubt mich, wie der Ausgang der Volksabstimmung. An den Rändern der Erzählung, die nicht analysiert, Einzelheiten auflistet sehe ich auf dem Rechner die Wahlergebnisse ticken. Was hat wer entschieden, ausgezählt? Die Folgen des Befundes? - darüber richtet die Zeit, in denen der einzelne Mensch tickt wie eine aufgezogene Uhr. Aufgehängt. Abgehängt. Ergeben all die Einzelheiten einen Zusammenhang?

Der Führer mit Schnurrbart winkt lächelnd, angestrengt.  Die amtlichen Nachrichtensender künden vom Sieg.  Ostermontag 2017.

Ich bin niemand, der den Leuten wichtige Botschaften vermitteln will, und schreibe, wenn mir danach ist. So wie in Briefen: »Hört mal zu, ich erzähle euch hier mal was von ein paar Leuten, vielleicht interessiert euch das auch.« Manche nehmen Anteil daran, wieder andere werfen das Buch weg.” sagte Yusuf Atılgan in einem, seinem letzten? Gespräch mit Mahir Ünlü, erschienen in: Milliyet Sanat Dergisi (Kunst- und Literaturbeilage der Zeitung Milliyet), Nr. 227/1. November 1989. Aus dem Türkischen von Monika Carbe übersetzt.

 

Milena Findeis

 

 

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