Im Sterben bruderseelenallein
Dr. Barbara Einhauer, 16. März 2026
Josef Winkler: Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht.
Wieder ist die dörfliche Kindheitsstätte Kamering im Kärntner Drautal Bühne für zahlreiche Erinnerungen und deren Verklausulierung bei Josef Winkler. Der Leserin, dem Leser grauenhaft vertraut.

ins Tschechische, im Gespräch mit Josef Winkler,
Buchmesse Prag 2021
Wie auch der jüngere Bruder Josef „Seppl“ ist seine fünf Jahre ältere Schwester Maria „Mitzale“ im bäuerlichen Elternhaus und Anwesen einer langen Gebetsschnur von Demütigungen ausgesetzt. Ihr, ihrem arbeitsreichen und zuletzt „damischen“ Leben und Ableben in einer psychiatrischen Pflegeanstalt widmet der 2008 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnete Josef Winkler seine ganze, wie bisher oft von repetitiven mantraartigen Gebeten oder Abwertungen und Zuschreibungen durchzogene, konzentrierte und zitatengespickt geballte Schreibkraft.
Wollte Winkler mit „geisternder Buchstabenkraft“ (Nelly Sachs) seine mittlerweile verstorbene und ihm zugetane Schwester ins Bewusstsein zurückschreiben, so ist es ihm packend, einmal zum Weinen, einmal wegen der bissigen Satire zum Lachen anregend gelungen.
Viel Raum gibt der Autor der Wirkmächtigkeit des Vaters: Wortkarg schleppt dieser sich durch sein bäuerliches Leben. Wenn er aber ein für alle in der Umgebung geltendes und bindendes Wort findet, eine Bezeichnung und Zuschreibung, dann sitzt das. So wird der »zu nichts zu gebrauchende« Seppl fürderhin der weiblichen Arbeitswelt zugeordnet. Darf den nachgeborenen Bruder als Baby im Kinderwagen und in der Doppelfunktion als Viehhüter und Bruderhüter über die Felder schieben. Die beiden mit viel Loyalität sich am entwerteten Leben erhaltenden Geschwister sind ein Gespann. Die anderen Brüder entwickeln innerhalb der bäuerlichen Möglichkeiten entsprechende Lebensentwürfe.
Worte, die Wunden schlagen.
Sie, die Worte schlagen Wunden, die, weil so sitzend, wiederholt werden oder in kleinen Variationen eindringlich ins Gedächtnis gezwungen werden.
Mitzale, zuerst lediges Kind, nach der Heirat der Eltern im Familienverband nur gering aufgewertet, leistet tagaus, tagein unbezahlte Arbeit. Die Entwertung gipfelt in angedeuteten sexuellen Übergriffen im Stall. Dieses Trauma und dessen Erinnerungsvariationen prägen die folgenden Lebensjahre der Frau, die Antidepressiva bekommt, später in psychiatrische Behandlung und nach einigen Jahren im Pflegeheim „bruderseelenallein“ stirbt. Diese Szene stellt einen Wendepunkt dar.
Danach holt Winkler seine ganze satirische Wortgewalt hervor und rechnet mit Verwandten und Lebensumständen ab. Die Überzeichnung dieses Personals ist grotesk, nährt sich bisweilen aus der Katholischen Bilderwelt, wenn sich etwa eine Frau in karfreitagslila die Nägel streicht. Neben der familiären Tragödie verwebt Winkler auch die Geschichte seines Heimatortes in die Handlung.
Nahe Winklers Elternhaus wurde der SS-Täter Odilo Globocnik* verscharrt. Dieser war ab 1942 Leiter der „Aktion Reinhardt“ und für unzählige Morde an Juden sowie für die Errichtung von Vernichtungs-Infrastruktur wie Konzentrationslager verantwortlich. Wie auch im 2017 vom Burgtheater beauftragten Stück „Lass dich heimgeigen, Vater oder den Tod ins Herz mir schreibe“ nimmt Winkler in Buch „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ oftmals Bezug auf die Bestattung Globocniks nach seinem Selbstmord mit Zyankali auf der nahen „Sautrattn“, einem Acker in Kamering. Von dort lässt er den Täter aus dem Moder hervorrufen und sich seiner Taten rühmen.
Für seine Schwester findet Winkler sehnsuchtsvolle und wertschätzende Worte. Er verwebt die Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit mit dem schmerzhaften Abschied. Marias Beruf als Konditorin dient als Bogen zum Gemälde ‚Le Petit Pâtissier‘ von Chaïm Soutine.
Gemeinsam sind die Geschwister in der Ausgrenzung vereint. Jetzt ist die Klammer geschlossen.
*Odilo Globocnik (1904–1945) war ein österreichischer Nationalsozialist slowenischer Herkunft und ein hochrangiger SS-Offizier, der zu den Hauptverantwortlichen des Holocaust zählte.
Dr. Barbara Einhauer wurde 1959 in Villach in eine kinderreiche Familie hineingeboren. Aufgewachsen in einem musikalischen Elternhaus, frühe Ausbildung von sozialen Kompetenzen durch Betreuung des schwerst behinderten Bruders.
Nach der Matura Buchhändlerlehre, erst mit 42 Jahren Beginn des Germanistik-Studiums, Diplom- und Doktoratsstudium mit Auszeichnung abgeschlossen. 15 Jahre „fixe freie“ Journalistin für die Kleine Zeitung.
Zurzeit Tätigkeit als Deutsch-als-Fremdsprache-Trainerin für die Volkshochschule.
Barbara Einhauer ist geschieden und Mutter von zwei Kindern.

Eingeeiste Blut- und Wasserlachen werde ich für meine verstorbene Schwester Maria auf meinem Rücken tragen – immer noch ohne schwarze Teufelsflügel –, zur Schau nämlich! Ich trage ihren toten Engel auf meiner Schulter, schlaff hängen seine Flügel über meine Brust, denn Gottes Engel laden dich ein, öffnen die Tür und rufen: Komm herein! Ich hab nur ein einziges Herz, mit und ohne Mördergrube, für deine vielen, ach so warmen und salzigen Tränen jenseits der Bitternis, unser bedauernswertes, nach zerriebenen Mandeln duftendes, in der Fettecke aus Butterschmalz der Patisserie Chaim Soutine verloren gegangenes Ich und Du! Ich bei Tag und du bei Nacht!
Denk dran, wir waren die schwarzpelzigen Maulwürfe des Unterirdischen mit den rosaroten Händen und rochen nach frisch aufgeworfener Friedhofserde, besonders einmal, als die blaurosa Vergißmeinnicht den gelben Sumpfdotterblumen im Frühjahr am »rauschenden Bach« in die Arme liefen nach einem schauerlichen Unfall, als ein Kind von einer schlampig verankerten hundert Kilo schweren Holzstatue erschlagen wurde, die keine Heiligenstatue mit oder ohne Heiligenschein war, sondern ein in der Gestalt eines Bären zurechtgeschnitzter Holzstamm, der das Kind nicht »unter sich begraben«, aber plattgedrückt und getötet hat! »Mach dir, ohne mit der Wimper zu zucken, eine mögliche Vorstellung von den Schwalben!«
Josef Winkler: „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ Schröder, Christoph | 15. März 2026, 16:10 Uhr, Deutschlandfunk
Josef Winkler über sein Schreiben und die Notwendigkeit eines Bibliotheksgesetzes.
Autor: Josef Winkler Moderation: Günter Kaindlstorfer
Kamera/Schnitt/Ton: Andreas Lochmatter (BVÖ) Gedreht in der AK-Bibliothek, Klagenfurt
Eine Produktion des Büchereiverbandes Österreichs 2014

