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Ins Programm geschaut: Prague Writers' Festival 2016

Prague Writers' Festival

Das Festival startet mit einer vom tschechischen Hochschullehrer, Autor, Kommentator Tomáš Sedláček - international bekannt geworden durch sein Buch “Die Ökonomie von Gut und Böse” - moderierten Diskussion. An dieser nimmt der aus Ägypten stammende Dichter Mohamed Metwelli und der amerikanische Autor Chuck Palahniuk, der aus Algerien stammende Kamel Daoud teil. *1993 erschien Dostojewskis “Schuld und Sühne” in einer neuen Übersetzung von Swetlana Geier mit dem Titel “Verbrechen und Strafe”. Ulrich Busch schlug in einem Artikel der Zeit vom 7.1.1994 vor, diesen Roman mit “Übertretung und Zurechtweisung” zu betiteln. Das zeigt auf, wie schwierig die Arbeit des Übersetzens ist und welche Rolle der Bedeutungswandel - Zeitläuften entlang - in der Gesellschaft spielt. Kurz nach Erscheinen im Jahre 1886 lautete der Titel der deutschen Übersetzung noch “Raskolinow” - Der Gespaltene.

Was spaltet unsere Gesellschaft? Es geht nicht um die eine Antwort sondern um das Aufzeigen der Möglichkeiten, das Verstehen zu vertiefen, neue Perspektiven zu öffnen um dadurch das eigene Weltbild zu weiten. Zuhören und lesen, miteineinander reden mit und ohne Übersetzer.

Auf dem Schreibtisch u.a. drei Bücher in tschechischer Sprache, die vor dem Festival, erschienen sind. “Mersault, přešetření” von dem algerischen Journalist und Autor Kamel Daoudübersetzt von Alexandra Pflimpflová. Es ist eine intensive Auseinandersetzung und Fortsetzung mit dem im Jahre 1942 erschienen Roman von Albert Camus “Der Fremde”. Dem namenlosen Opfer “einem Araber” wird im “Der Fall Mersault” ein Name “Moussa” zugeteilt, von Haroun - dem Erzähler und Bruder: “Es ist ganz einfach: Diese Geschichte müsste neu geschrieben werden, in der gleichen Sprache, aber dieses Mal, wie das Arabische von links nach rechts.” “Wenn er im Buch meinen Bruder den Araber nennt, dann macht er das, um ihn zu töten, so, wie man die Zeit totschlägt, wenn man sich ohne Sinn und Zeit herumtreibt.” Die Gleichgültigkeit, die in Gewalttätigkeit mündet, das ist die Annäherung der Charaktere aus Camus “Der Fremde” und Daouds “Der Fall Mersault”. Kamel Daoud, der in einem Zeit Interview im Frühjahr 2016 sagte “Ich lebe in der arabischen Welt. - Frankreich ist heute ein von Eliten blockiertes Land, das auf seine Probleme keine Antwort findet. - Was machen wir mit dem anderen anderen”.

Aus Peking wird der chinesische Autor Yan Lianke anreisen, ihm wurde 2009, als China Partnerland der Frankfurter Buchmesse gewesen ist, die Teilnahme an dieser verweigert. Die Zensur in China hat einige der Bücher, des aus Henan stammenden Bauernsohns, verboten. Nach einigen Jahren als Wanderarbeiter trat er in die Volkbefreiungsarmee ein, und begann - zuerst im Einklang mit dem Regime - zu schreiben. Bis zu seinem 33. Lebensjahr schrieb er, wie er es in einem Gespräch mit Iris Radisch ausdrückt “völlig systemkonform”. Nach einem Bandscheibenvorfall, beschliesst er ein richtiger Schriftsteller zu werden. Unter vielen anderen Preisen erhält er im Jahre 2014 in Prag den Franz Kafka Preis. Sein zuletzt erschienener Roman “Vier Bücher” (in China verboten) wurde von Zuzanne Li 2013 ins Tschechische übersetzt und ist bei Verzone erschienen. Zwanzig Jahre hat Lianke dieses Buch entworfen, an ihm geschrieben - ohne an die Zensur zu denken. Es wurde von zwanzig chinesischen Verlagen abgelehnt, vor allem wegen der beschriebenen Ereignisse zwischen 1958 und 1962 als 40 Millionen Menschen verhungerten. Für all die Opfer will Lianke mit diesem Buch ein Zeichen setzen.

Klub rváčů (im Original Fight Club) des amerikanischen Autors Chuck Palahniuk wurde zuerst im Jahre 1996 von Jindřich Mand’ák übersetzt, danach von Richard Podaný und erschien im Verlag Volvox Globatour. Der Roman wurde 1999 vom Regisseur David Finch verfilmt und das Studio Činhoherni hat es erstmals im Jahre 2007 auf eine tschechische Bühne gebracht. Neben Lesungen mit Chuck Palahniuk wird im Theater Celetné in Zusammenarbeit mit dem Studio Činhoherni die tschechische Theaterufführung im Rahmen des Festivals zu sehen sein. “Hör auf perfekt zu sein. Entwickeln wir uns, lassen wir die Dinge einfach laufen” ein Zitat aus Fight Club, dem Palahniuk folgt. Im Mai 2016 startete er erfolgreich eine Kickstarter Campaign um “Lullaby” basierend auf seinem Roman (2002) zu verfilmen, dazu hat er das Filmskript selber verfasst. Chuck Palahniuk, ein Autor, der mit seiner Webseite, in den sozialen Medien seinen eigenen Weg geht.

Von der Öffenlichkeit zurückgezogen schreibt der aus Südafrika stammende, seit 2002 in Adelaide lebende Literaturnobelpreisträger des Jahres 2003 J.M. Coetze an seinen Büchern. Schuld und Scham haben Coetzees Kindheit begleitet. Über Kafkas Erzählung “Der Bau” schrieb er einen Essay; die klare, nüchterne Art des Schreibens verbindet die beiden Schriftsuchenden. Erfahrungen einer in sich gespaltenen Welt transzendiert durch Literatur. Coetzee ist der Abschlußabend im Agneskloster gewidmet.

Jüngste Teilnehmerin ist die aus Kiew stammende Dichterin Marie Iljašenko, die in Prag lebt. Mit ihr habe ich mich vor dem Festival für ein Gespräch verabredet, ihre in tschechischer Sprache verfassten Gedichte haben mich berührt.

Tagesrandbild

Fensterblick

12.12.2019 In welchen Fenstern brennt Licht? Den Lauf der Sonne betrachten, ihr Gang, morgens und abends - ein Trugbild der sich drehenden Erdkugel. Welche Wahrnehmung wird schneller weggedrückt: das Erinnern oder das Vergessen?

Zwischen (W) Orte

Abfallen - Jan Skácel

Abfallen_Jan_Skacel

Am 7. November 2019 jährt sich der Todestag von Jan Skácel, er starb vor dreißig Jahren in Brno. Der Dichter Skácel weckte in mir den Wunsch, Tschechisch zu lernen.