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Nach dem Festival

 

Autoren Prague Writers' Festival 2016An dem Tag, an dem die Frankfurter Buchmesse eröffnet wird, Dienstag 18. Oktober 2016, geht mit einer Lesung von JM Coetzee das 26. Prague Writers’ Festival zu Ende - in den atmosphärisch ansprechenden Räumen des Agnes Kloster, heute ein Teil der National Galerie.

Das von Michael March, Präsident des Festivals seit dessen Beginn im Jahre 1991, vorgegebene Leitmotiv “Schuld und Sühne” oder in einer andern Übersetzung von Dostojewkis Roman “Verbrechen und Strafe” wurde von den teilnehmenden Autoren nicht diskutiert. Der Senat des Tschechischen Parlaments, einer der Hauptsponsoren des Festivals, wiederum hatte Einwärde gegen den ersten Plakatentwurf, Hitler und Stalin als spielende Barockengel gezeichnet, wurde ersetzt von einem Foto einer jungen Schauspielerin aus Kairo, ihre rote Lippen umrahmt von arabischen Schriftzügen schmückten die Veranstaltungsankündigungen.

Die Podiumsdiskussion zur Eröffnung des Festivals, moderiert von Tomáš Sedláček entwickelte sich zu einem launigen Gespräch, eingeleitet mit der Frage “mögen Sie Bier, tschechisches Bier?”. Lachen und gute Stimmung im Waldstein Palais, dem Sitz des Senats des Tschechischen Parlaments. Die Diskussion wurde zu einem Geplauder mit Showcharakter: Religion und Sex wurde von den teilnehmenden Autoren Chuck Palahniuk, Kamel Daud und Mohamed Metwalli besprochen. Nach der Diskussion wurde bei Bier und Wein locker Small Talk betrieben.

Am folgenden Tag, las die in Prag lebende, in Kiew geborene Dichter Marie Iljašenko drei ihrer Gedichte. Dem Moderator Petr Vizina versicherte sie, dass sie nichts zum Thema des Festivals zu sagen hat, zumal sie Dostojewski als einen destruktiven Autor betrachtet. Diese Lesung fand in tschechischer Sprache statt. Es folgte der aus Kairo stammende Dichter Mohamed Metwalli, der mit Mohamed El-Baaly in arabischer Sprache ein Gespräch führte, das in tschechische Sprache übersetzt worden ist. Ich hörte die tschechische Fassung dieses Gespräches. Metwalli erklärte “als Dichter interessiert mich der menschliche, nicht der politische Standpunkt”, dies wurde untermauert von den zwei Gedichten, die er dem Publikum vortrug.

Die tschechische Fassung der darauf folgenden Gespräche und Lesungen mit dem chinesischen Autor Yan Lianke und der auf französisch geführten mit dem aus Algerien stammenden Kamel Daud liegt mir nicht vor, doch was ich mitbekam, gingen die auf ihre eigene Bücher, eigene Erfahrungen ein - keine Stellungnahme in bezug auf “Verbrechen und Strafe”. Am Abend eine Show des Autors mit Popstar Qualitäten: Chuck Palahniuk. Er las und lief dabei zu Spitzenform auf, angeturnt vom Lachen der Zuschauer. Die aus dem Publikum gestellten Fragen versuchten seine provokanten Aussagen über Sex zu übertreffen. Auf manche der Fragen ging Chuck Palahniuk nicht ein, im Anschluß daran ein Happening mit den Fans. Geduldig ließ er sich fotografierten, signierte.

 

JM CoetzeeDer Abschlußabend mit dem Literatur Nobelpreisträger aus dem Jahre 2003 JM Coetzee dezent, elegant. Er wollte während des Lesens nicht fotografiert werden und las zwanzig Minuten aus seinem neuesten Roman "The Schooldays of Jesus". Mit ihm gab es kein Gespräch, keine Diskussion. Er will  alleindurch sein Schreiben sprechen - nicht mehr, nicht weniger.

Auf dem Nachhauseweg leichter Regen. In Gedanken bin ich bei den Büchern, die zu lesen ich mich freue. Ich bin ganz beim Lesen angekommen - die gezückten Handys, die Selfies mit den Autoren, die Show - das ist nicht meine Welt. Reden, ja Reden wurden gehalten - jeder sprach für sich, zu einem Dialog ist es nicht gekommen on stage während des Festivals. Sie entwickeln sich in mir, beim Lesen in der Stille. Das nicht Diskutierte hat auf den Spalt verwiesen, das unsere Gesellschaft an den Rändern auseinandertreibt.

Milena Findeis

 

Link zum Prague Writers' Festival, Programm 2018

Lesungen 

bieten in Prag ganzjährig unter anderem folgende Institutionen an:

Literaturlesungen in Prag

DOX - Zentrum für zeitgenössische Kunst und Kultur: Im Luftschiff Gulliver finden regelmäßig Lesungen statt. Der Autor liest in seiner Landessprache, Übersetzung ins Tschechische wird angeboten
Goethe Institut: der größte Teil der angebotenen Lesungen in deutscher Sprache, die zum Teil ins Tschechische übersetzt werden
Havel Bibliothek: wochentags beinahe täglich Lesungen, die AutorInnen lesen in ihrer Landessprache, die Lesungen und die anschließenden Diskussionen werden ins Tschechische übersetzt. Im November jeden Jahres: die Havel Menschenrechtskonferenz
Österreichisches Kulturforum: Lesungen finden meist in deutscher bzw. tschechischer Sprache statt, die zum Teil in die andere Sprache übersetzt werden
Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren: Lesungen finden meist in deutscher bzw. tschechischer Sprache statt, die zum Teil in die andere Sprache übersetzt werden
Link zum Fotoalbum vom Prague Writers' Festival 2016
Reflexion über das PWF: Der Übergang von Standpunkten in Schritten
Lyrikfestival Stranau: das Gedicht -mehrsprachig- in den Mittelpunkt gestellt, jährlich im Juni an verschiedenen Orten in Tschechien statt, organisiert von Lenka Daňhelová und Peter Kuhar

 

 

 

Tagesrandbild

Lichtstreifen

17.9.2019 Die Erinnerung, 30 Jahre nach Beginn der Samtenen Revoltuion auf einer Prager Wiese am 17. November 2019. "Und nochmals die Liebe" Jan Skácel "inwendig zu schauen und die Augen zu schließen und dennoch zu sehen"

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Peter Handke

Peter Handke

Peter Handke und der Literatur-Nobelpreis

Erklärung deutschsprachiger AutorInnen, LiteraturwissenschaftlerInnen, PublizistInnen, ÜbersetzerInnen u.a.