Überleben! Über das Leben ... in Freiheit

Zusammenschau aus Berichten von Freundinnen, Bekannten und eigenen Erfahrungen

 

26.11.2022 Von Maxym Kozmenko aus Tscherniwzi erreichen mich Fotos von einem Soldatenbegräbnis. Der Leichnam  wurde im Beisein der Bevölkerung beigesetzt. Der Strom fällt immer wieder aus, wie in der gesamten Ukraine. Ein Freund aus Königstein, Deutschland, schreibt mir, dass sich die beiden ukrainischen Frauen mit ihren vier Kindern sich zwischenzeitlich gut eingelebt haben. Als ich so voll beschäftigt mit der Organisation des Umzugs für meine 84jährige Mutter in Zeltweg gewesen war, hatte ich kaum Zeit etwas niederzuschreiben. Doch meine Gedanken waren immer wieder in der Ukraine: wenn Menschen dort ihre Wohnung verlassen müssen, können sie kaum etwas mitnehmen und meist wissen sie nicht einmal, wo sie unterkommen können.

24.11.2022 Mychailo Wynnyckyj:Today, Ukrainians lived through their third mass rocket attack this month. According to official data 51 of the 70 missiles fired at us today were destroyed by air defenses. Sadly, 19 got through.The lights went out in Kyiv at around 2:20pm today. With the power off and with internet access sporadic at best, I was forced to reschedule my 3pm class - serious disappointment! This year, the students in my MA research seminar on Social Transformations are truly a wonderful group. I always look forward to Wednesdays at National University of "Kyiv-Mohyla Academy" (NaUKMA).When the sirens sounded I happened to be in the room next to the office of Serhiy Kvit. He invited us in for tea. The walls in Building 1 of Kyiv-Mohyla Academy are particularly thick, but we felt several explosions nevertheless. Yesterday, I took part in an online meeting of a special task force set up by the European University Association to explore how EU universities can assist Ukraine's higher education sector. We listened gratefully as our EU colleagues reported on the numbers of displaced Ukrainian students their institutions are hosting. Thank you!

But in Ukraine, life goes on! Generators power campuses. Starlinks provide internet... And so we postpone classes rather than cancelling them. Yesterday, our political science, sociology and international relations research group ran a wonderful online "work-in-progress" seminar with colleagues from the University of Toronto. The next one is scheduled for early December. My wife Marta Wynnycka and I have theater tickets next week! Life goes on!The thick walls of the ancient buildings of Kyiv protect us during rocket attacks, and the subway serves as an excellent shelter. And as several of my business school students have attested, even Tesla's can be charged with generators.Russian terrorism can't go on forever. When the missiles pause, and we've had our tea, we teach and learn, and work and live. We go on with life. Defiant. We joked today that less than a year ago, the prospect of living through a month with over 200 deadly missiles launched at us would probably have seemed quite scary. Now we have tea. We chat. We let each other know we're fine... Tomorrow I'll teach another class. Meanwhile, tonight we'll spend the evening by candlelight. Maybe I'll finally finish that damned chapter! Inconvenient? Yes. Frightening? Not particularly. Overwhelming? Nope! This nation is invincible!

 

4.11.2022 Igor Pomernantsev:My First Bomb Shelter,Kyiv

“Aha”, said the Ukrainian border guard as she checked my British passport. “Born in Saratov. Do you have dual nationality?” “Ni, no”, I replied. I checked into the hotel in Lviv around midnight. In the morning I was woken by the Chopin march, from a soldier’s funeral In the garrison cathedral of Peter and Paul next door. “ Well, that’s it. I’m home”, I thought. I asked the girl at reception whether there were often funerals. She said yes, one every day, sometimes several.

The train from Lviv to Kyiv arrived at six in the morning. The Kyiv Waltz was playing. Soldiers on crutches were waiting on the platform. Half an hour later I reached my hotel in Podil. At seven the air raid siren sounded. I went down into the bomb shelter. Some American colleagues were there before me. I tried an off-the-cuff translation of the Kyiv poet Semyon Gudzenko:

I think I am a magnet,
That I attract mines.
A shell bursts, the lieutenant wheezes.
And death once more passes us by.
(1942)

My effort was pretty lame, especially “wheezes”. The Americans were politely appreciative. Up above there was blood everywhere. I sat and wrote. I thought up two opening sentences: “Curfew. Night in Podil”.

23.10.2022 Serhij Zhadan in seiner Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: „Warum werden wir Ukrainer hellhörig, wenn europäische Intellektuelle und Politiker den Frieden zu einer Notwendigkeit erklären? Nicht etwa, weilSerhij Zhadan in seiner Rede zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels: „Warum werden wir Ukrainer hellhörig, wenn europäische Intellektuelle und Politiker den Frieden zu einer Notwendigkeit erklären? Nicht etwa, weilsie die Notwendigkeit des Friedens verneinen, sondern aus dem Wissen heraus, dass Frieden nicht eintritt, wenn das Opfer der Aggression die Waffen niederlegt. (…) Wir unterstützen unsere Armee nicht deshalb, weil wir Krieg wollen, sondern weil wir unbedingt Frieden wollen.“


22.10.2022 Petro Rychlo, der Anfang Oktober in Wien, Klagenfurt und Innsbruck das Projekt Bukowinisch-Galizische-Kulturstraße vorstellte, schreibt aus Czernowitz "Heute wurden ukrainische Kraftwerke wieder massiv beschossen. Russland ist der schlimmste Terrorstaat. Auch in Czernowitz gab es heute schon zwei Luftalarme."


22.10.2022 Frankfurter Buchmesse: Schon seit vielen Jahren unternimmt Karl Schlögel Reisen in die Ukraine, auch in jüngster Zeit war er dort unterwegs. Dabei besuchte er die verschiedensten Städte des Landes, von Odessa bis Kiew über Donezk, und zeichnet Städtebilder, die zeigen was nicht fern von uns auf dem Spiel steht. Darüber spricht er im taz Talk mit Klaus Hillenbrand, dem Leiter von taz eins. 

 

23.10.2022 Serhij Zhadan in seiner Rede zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels: „Warum werden wir Ukrainer hellhörig, wenn europäische Intellektuelle und Politiker den Frieden zu einer Notwendigkeit erklären? Nicht etwa, weil sie die Notwendigkeit des Friedens verneinen, sondern aus dem Wissen heraus, dass Frieden nicht eintritt, wenn das Opfer der Aggression die Waffen niederlegt. (…) Wir unterstützen unsere Armee nicht deshalb, weil wir Krieg wollen, sondern weil wir unbedingt Frieden wollen.“


10.10.2022  Morgens beim Hören der Nachrichten "Raketenangriffe auf Städte in der Ukraine". Ich schreibe Igor, der in Kyiv ist, eine Nachricht. Er antwortet umgehend: "well, I am in a bombshell in Kyiv".

Abends berichtet der ORF "Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums feuerte Russland insgesamt 83 Raketen ab. 52 dieser Raketen seien von der ukrainischen Luftabwehr abgefangen worden. Selenskyj sagte, Russland habe bei den Angriffen auch vom Iran hergestellte Drohnen eingesetzt. Nach Angaben der ukrainischen Armee wurden einige dieser Drohnen im Nachbarland Belarus und auf der Krim gestartet. Moldawien warf Russland die Verletzung seines Luftraums vor."  
Petro Rychlo ist von Tscherniwzi nach Wien gereist. Am 10.10. 19 Uhr präsentiert er in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur ›Die Bukowinisch-Galizische Literaturstraße‹.Deutschsprachige Autor*innen wie Karl Emil Franzos, Joseph Roth, Soma Morgenstern, Hermann Kesten, Manès Sperber, Rose Ausländer, Gregor von Rezzori, Paul Celan, Salcia Landmann u. a. stammen aus den einstigen östlichsten Kronländern der k. u. k. Monarchie Galizien und der Bukowina und avancierten zu Klassikern der deutschsprachigen Literatur. In ihren Geburtsorten waren sie noch vor kurzem kaum bekannt. Das 2016 gestartete deutsch-ukrainische Kulturprojekt ›Bukowinisch-Galizische Literaturstraße‹ sieht seine Aufgabe darin, die Namen dieser Dichter*innen in der Ukraine zu entdecken.


5.10.2022  Der Keller ist für Peter Pomerantsev zum Sinnbild des Kriegs gegen die Ukraine geworden: der Keller als Schutz- und Fluchtraum, aber auch der Folterkeller. Und der Keller als Metapher, den er in Time beschreibt: "Russland ist ein Land, das keine Anstrengungen unternimmt, um sein Erbe an Massenmord und institutionalisiertem Sadismus aufzuarbeiten, die Verantwortlichen zu benennen, um Vergebung zu bitten und sich von diesem Erbe zu lösen. Es gibt nicht einmal mehr ein Museum für die zig Millionen Toten in Stalins Gulags, geschweige denn für Russlands Kolonialverbrechen. Kurz vor der jetzigen Invasion wurde die NGO Memorial, die die sowjetischen Verbrechen zu dokumentieren versuchte, als 'ausländischer Agent' verboten. All dies Grauen bleibt im Keller des russischen Geistes eingeschlossen, eine Geschichte der Erniedrigung, die in einem sadomasochistischen Folterkeller ausgespielt wird. Und genau in diesen Keller wollen die Russen die Ukrainer sperren... Wenn wir es schon nicht geschafft haben, der Vergangenheit zu entkommen, so ist die Botschaft, dann müsst ihr sie mit uns erleiden." Perlentaucher


Maxym Kozmenko
Maxym Kozmenko, Fotograf, Journalist aus Tscherniwizi

Gemeinsam mit Jakobine Motz und Claus Löser geht es mit dem PKW am 30. August 2022 ab Prag, drei Tage lang durch Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien, an LKW-Warteschlangen vorbei zum ukrainischen-rumänischen Grenzort Siret; von der Stadt Tscherniwzi  35 Kilometer entfernt. Überrascht hat mich, dass einer der Grenzübergänge in Ungarn geschlossen war, am nächsten gab es genaue Kontrollen, um nach Rumänien einreisen zu können. Entlang der Theiß, sie bildet zum Teil den Grenzverlauf zwischen Rumänien und der Ukraine, fuhren wir in Serpentinen die Waldkarpaten rauf und runter. Auf der rumänischen Seite von Siret gab es bei der Einreise in die Ukraine eine Wartezeit von zwei Stunden, auf der ukrainischen Seite eine Stunde. Es gab eigene Grenzübergänge für FußgängerINNEN, PKWs und LKWs. Ich hörte, dass LKW-Fahrer sich daran gewöhnt haben bis zu vierzehn Tage an der Grenze zu warten, um abgefertigt zu werden. Dieses so andere Zeitgefühl, sorgt für Achterbahngefühle im eigenen Blutkreislauf. Hunde und Krähen sind nicht ausweispflichtig und wechseln die Grenze ohne Wartezeiten.
Die Bukowina (Buchenland) eine geschichtsträchtige Landschaft nordöstlich der Karpaten im Grenzraum zwischen Mittel-, Südost- und Osteuropa zeichnet sich u.a. durch ihre schwarze Erde aus. Die nördliche Hälfte gehört zur Ukraine und ist Teil des Vetwaltungsgebiets Tscherniwzi. Die südliche Hälfte gehört zu Rumänien und ist Teil des Kreises Suceava. Die Bukowina war, wie das östlich davon liegende Bessarabien, jahrhundertelang ein Teil des historischen Fürstentums Moldau, von 1775 bis 1918 gehörte das Gebiet mit seiner multiethnischen Bevölkerung zur Habsburgermonarchie.
Tschwerniwizi ist bis September 2022 von direkten Raketenangriffen verschont geblieben, es haben hier seit März 2022 mehr als 100.000 Flüchtende aus der gesamten Ukraine, Unterschlupf gefunden.  
Während den dreitägigen Lesungen, Gespräche im Rahmen von Meridian Czernowitz XIII, Menschen und Orten wieder begegnet. Den aus Tscherniwizi stammenden Journalisten, Fotografen Maxym Kozmenko kennengelernt. Er ist in der Ukraine für die ACC Medien Agentur unterwegs, dokumentiert das Kriegsgeschehen, berichtet von Einzelschicksalen.
In dem im Rahmen von Meridian Czernowitz XIII geführten Gespräch zwischen dem deutschen Autoren, Kritiker Helmut Böttiger und dem ukrainischen Schriftsteller, Übersetzer und Psychoanalytiker Jurko Prochasko tritt mit gegenseitiger Wertschätzung das Problem der Kommunikation in Kriegszeiten in den Vordergrund: wie miteinander reden, wenn der eine, ein vom Krieg direkt Betroffener und der andere Beobachter aus der Ferne ist. Das Zerbrechliche als Gegensatz zum Kriegsgeschehen, für Prochasko ist das Lied "Fragile" von Sting ein Bindefaden.
Die aus der Schweiz stammende Ukraine-Kennerin Judith Schifferle, ihr begegnete ich 2011 das erste Mal beim zweiten Meridian Czernowitz arbeitet an einem neuen Gedichtband, der 2023 unter dem Titel "«Kurze Geschichte der Unabhängigkeit 2003–2023» erscheinen soll: "Ich habe gelernt,/ meine Stimme über die Gräber zu tragen./ Ich habe gelernt,/ ohne Schatten unter der Sonne zu stehen./ Ich habe gelernt, wie Sprache sich im Angesicht des Kriegs in Reime zwingt./"
Es gab ein Wiedersehen mit dem Celan-Übersetzer und -Kenner Petro Rychlo, der u.a. das Paul Celan Zentrum in Tscherniwzi leitet und dem geistigen Vater von Meridian Czernowitz Igor Pomerantsev, der die Antwort einer Zuhörerin zu einem Essay verarbeitete: "Thank you for your tears".
Das Hineinfühlen in die Gegensätze, das Annehmen, dass nicht alles zu verstehen ist und dass es wärmende Nähe in kälter werdenden Zeiten gibt, nehme ich mit nach Prag. 

 

10.9.2022, Milena Findeis


12.8.2022 John Sweeney: Der Killer im Kreml / Catherine Belton: Putins Netz / Katja Gloger: Putins Welt / Manfred Quiring: Putins russische Welt / Oliver Stone: Die Putin-Interviews / Heinemann-Grüder/Crawford/Peters: Lehren aus dem Ukrainekonflikt. Das Regime Putin, Bemerkungen zu sechs Büchern von Gregor Keuschnig nachzulesen im Begleitschreiben. 


13.7. Aus Ralf Fücks Gastbeitrag im Spiegel 

Appeasement wird Putin nicht stoppen

Die Forderung, die Ukraine möge einem Ende des Krieges nicht länger im Wege stehen und Putin geben, was er fordert, gewinnt an Boden. Clausewitz hat diese Verkehrung von Täter und Opfer auf die ironische Formulierung gebracht, dass letztlich der Verteidiger schuld am Kriege sei, weil er sich dem Angreifer in den Weg stellt: Der Aggressor würde gern ganz friedlich einmarschieren. Unsere Unterwerfungspazifisten meinen das im vollen Ernst. Sie sind sich mit Lawrow einig, dass der Westen mit seinen Waffenlieferungen den Krieg unnötig verlängert. Die Ukraine habe eh keine Chance, den russischen Vormarsch aufzuhalten. Das spricht nicht nur der Entschlossenheit der Ukrainer – Männer wie Frauen – Hohn, um ihre Unabhängigkeit und Freiheit zu kämpfen. Der Ruf nach einem Kompromiss mit Putin verkennt auch den Charakter des russischen Feldzugs.


 

UkraineAm 6.7. antwortet Serhij Zhadan auf einen offenen Brief, der von deutschen Intellektuellen verfasst wurde "Wenn die Ukraine verliert, gehen die Opfer nicht in die Tausende, sondern in die Hunderttausende. Und das Blut dieser Toten haben jene auf dem Gewissen, die immer noch unbeirrt mit dem Bösen spielen und dabei allen Wohlergehen und Frieden wünschen."


Maryna Viazovska, 1984 geboren in Kyiv, ist seit  2018 ist Professorin an der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) erhält  im Juli die Fields-Medaille 2022 für den Beweis, dass das E8-Gitter die dichteste Packung identischer Kugeln in 8 Dimensionen darstellt, sowie für weitere Beiträge zu verwandten Extremproblemen und Interpolationsproblemen in der Fourier-Analyse. Das Video zeigt, wie verbunden sie sich mit der Ukraine fühlt und welche  Verluste der Krieg birgt.

 


Am 23.6.2022 lenkt Діана Клочко meine Aufmerksamkeit auf die mit Ton Dokumentation  WAR von Anton Baibakov, Fotos Olexandr Glyadyelov., Direktor Oleg Sosnov. Das Hinschauen fällt schwer. Es handelt von der Allgegenwärtigkeit des Krieges in der Ukraine, diesen auszublenden erlaube ich mir nicht - speziell an einem schönen Sommertag. 


Ukraine, Prager Buchmesse 2022
Ukraine Stand auf der Prager Buchmesse, 2022

Der kleine Stand der Ukraine auf der Prager Buchmesse (Svět knihy, Praha '22, 9.-12.6.), verglichen mit jenem der Frankfurter Buchmesse, die nach 14 Jahren wieder in Prag mit einem Stand vertreten ist, immer gut besucht. Anschließend an den Stand der Ukraine, ein Podium für Lesungen, Diskussionen "Literatur, die Stimme der Freiheit" (Literatur jako hlas svobody) immer gut besucht. Vor allem von jungen ukrainischen Frauen mit Kindern. Manche der zweisprachigen Bücher werden kostenlos an Kinder verteilt. Ich schaue den Kindern zu, wie sie malen, in etwas vertieft sind. Sie alle mussten fliehen. In einem Gespräch mit Radka Denemarková "Jetzt müssen wir der Ukraine helfen, dort entstehen Tag für Tag neue Massengräber und es ist die Aufgabe der zeitgenössischen Literatur, hin- und nicht wegzuschauen."


13.6.2022 "Das Dunkel des gelebten Augenblicks" Bloch zitierend blickt Karl Schlögel auf das zerstörte Mariupol, damit wurde etwas ausgelöscht, was so schwer zu fassen ist. "Ich habe keine Sprache hierfür". 


Frau aus dem Osten UkraineMit 29.4.hat sich die Spezialvisia für Flüchtende aus der Ukraine auf 310.00 erhöht. Ende April wieder in Österreich, bekomme von einer Freundin ein Armband geschenkt, dass in und für die Ukraine produziert wurde. Die Innenstadt von Wien ist voll von Touristen, ähnlich wie in Prag. In der Luft Sprachfetzen in Ukrainisch, die Züge voll besetzt.

Anfang Juni in einem Park in Prag Smíchov: Gespräch von der Nachbarbank, die Zeitung lesende Frau flüchtete aus einem Dorf im Osten der Ukraine nach Prag.  Gedankenflug: wenn ich alles zurücklassen müsste, hätte ich diese Gelassenheit?

Die Produzentin von Radio Liberty, Vera Girich, wurde getötet, als eine russische Rakete das Haus traf, in dem sie in Kyiv lebte. Der Beschuss fand am 28. April  2022 statt. Die Leiche der Verstorbenen wurde am Morgen des 29. April unter den Trümmern gefunden.

21.4.2022 Erhalte in der Nacht auf den 21.4. ein Mail von  Anna Schor-Tschudnowskaja, Assistenzprofessorin der Fakultät für Psychologie, Sigmund Freud Privat Universität Wien und Autorin: sie sendet mir einen Essay, der sich auf die Science-Fiction-Klassiker von Stanisław Lem und Ray Bradbury - im Hinblick auf die Gegenwart, Zukunft? bezieht. Beim recherchierenden Lesen finde ich einen Briefwechsel zwischen Anna Schor-Tschudnowskaja und Irena Brežná aus dem Jahre 2016FRAGILE EUROPÄISCHE KORRESPONDENZEN, der für mich widerspiegelt, wie der Hintergrund - jenseits des deutschen Sprachraums in dem frau lebt - die Wahrnehmung prägt.

10.4.2022: Tschechien hat seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine 276.657 Spezialvisa für ukrainische Flüchtende ausgestellt.

Nach dem Begräbnis eines Angehörigen am 31.3.2022 in der Steiermark, das bei strömenden Regen in Würde stattfand, die Nachrichten von immer weiteren Gräueltaten in der Ukraine begangen von den Angehörigen der Russischen Föderation und alles läuft weiter. Ich bekomme die Nachrichten von den Kriegsverbrechen nicht aus meinem Kopf.

Am 24.3. ein Aufruf aus der Ukraine für den Frieden auf die Straße zu gehen, seit einem Monat dauert der Krieg. Jeden Tag einen Sinn, einen Zweck finden. Am Nachmittag eine Nachricht von einem Todesfall in meiner Familie in Österreich. 

Am 18.3. feiert Moskau ein großes Event "8 Jahre Einverleibung der Krim", Putin redet, alle klatschen, während die Ukraine weiter bombardiert wird. In Lviv werden leere Kinderwagen aufgestellt, für die getöteten Kinder. Höre und lese Karl Schlögel, die Nachrichten meiner FreundInnen in der Ukraine, tschechischen Radio Stationen, Radio Free Europe - Radio Liberty, folge dem Liveticker von BBC und arbeite weiter an einem "put out".

Der tschechische Premier Petr Fiala ist am Dienstag, 15.3.2022 gemeinsam mit den Premierministern Polens und Sloweniens, Mateusz Morawiecki und Janez Janša, nach Kiew per Bahn gereist. Dies teilte Fiala auf Twitter mit. Mitgereist ist auch der polnische Vizepremier Jarosław Kaczyński. Die Reise finde nach Absprache mit dem Präsidenten des Europäischen Rates, Charles Michel, und der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, statt, so Fiala. Der tschechische Premier kehrt am 16.3. mittags wieder nach Prag zurück, laut einer Erhebung befinden sich zu diesem Zeitpunkt 270.000 Flüchtende in Tschechien. Das was der Migrationsforscher Gerald Knaus im österreichischen und deutschen TV fordert: Koordination, das geschieht in Tschechien durch den angerufenen Notstand. Menschen werden mit Zügen, teilweise an den Grenzen, teils direkt aus der Ukraine abgeholt und im ganzen Land gibt es Integrationszentren.

UkrainischAm 11.3. haben die tschechischen Abgeordneten die sogenannte „Lex Ukrajina“ gebilligt. Mit den drei Gesetzesvorlagen sollen die Flüchtlinge aus der Ukraine problemlos einen Duldungsstatus erhalten. Dieser stellt sie gleich mit EU-Ausländern, die hierzulande eine Daueraufenthaltsgenehmigung haben. Innenminister Vít Rakušan (Stan) erläuterte am Mittwoch:

„Wer diesen vorübergehenden Schutz erhält, der zunächst für ein Jahr gilt, hat in allen Ländern der EU die gleichen Rechte beim Zugang zum Arbeitsmarkt oder zum Gesundheitssystem.“ Radio Prag, Tschechischer Rundfunk

In Tschechien lebten vor dem Beginn des Krieges offiziell rund 120.000 Menschen mit ukrainischer Staatsbürgerschaft, sie stellen damit die größte Anzahl von Ausländern dar. Die tschechische Regierung unter Premierminister Petr Fiala koordiniert die Aufnahme von Menschen auf nasiukrajinci.cz (viersprachrig, tschechisch, ukrainisch, englisch, russisch). На dnasiukrajinci.cz довідка, прийом людей в Чехії публікуються та координуються чеською та українською мовами. In Tschechien werden unter https://www.mujrozhlas.cz/ukrajina ganztägig Informationen in ukrainischer Sprache ausgestrahlt. Ab 13.3. gibt es eine ukrainische Version der Nachrichten von CT24.

 

 

Milena Findeis, Zeitzug


 

Radie Free Europe Radio Liberty HUMANINTÄRER KORRIDOR

Ein Podcast- und Radiosendung der russischen Redaktion von Radio Free Europe, Radio Liberty in Prag. Seit Kriegsbeginn sprechen Ivan Tolstoi und Igor Pomerantsev  mit denen, die den Krieg mit eigenen Augen gesehen haben, geflüchtet sind.  Ausstrahlung von "Freedom" montags und freitags um 18.32 Uhr mit Wiederholungen um 23.32 Uhr, 5.32 Uhr, 10.05 Uhr und 15.32 Uhr - als Podcast jederzeit nachzuhören: 


"Spendenaufruf der  Kurt Wolff Stiftung, der Zusammenschluss unabhängiger Verlage in Deutschland, holt in Kooperation mit ukrainischen Verlagen Bücher aus der Ukraine nach Deutschland. Wir kaufen die Bücher von den Verlagen und verteilen sie unentgeltlich – an Schulen, an Hilfseinrichtungen, an Büchereien, an Buchläden. Das hilft den ukrainischen Verlagen, und es hilft den Kindern hier."


«Wenn die Ukraine nicht existiert, kann man alles mit ihr machen»

Putin ist gleichzeitig Symptom und Ursache all dessen. Er steht im Einklang mit einem grossen Teil der russischen Kultur und Gesellschaft. Aber er ist damit nicht ganz allein: Auch die deutsche Populär- und Politkultur nimmt die Ukraine nicht wirklich wahr. Die angelsächsischen Länder hatten lange Zeit ebenfalls ein schwammiges Bild der Ukraine. Das hat sich jetzt geändert. Die Vorstellung, dass die Ukraine nicht wirklich existiert, war aber sehr verbreitet, vor allem natürlich in Russland, aber auch in Europa und den USA. Peter Pomerantsev, SRF 22.4.2022


Mychailo Wynnyckyj, 1.5.2022 Finding Meaning in War

Thoughts from Kyiv - 2 May

Today's thoughts are pretty heavy - thank you to the Kyiv Post for agreeing to publish this text and for editing.

Excerpt:

We dream of victory. We dream of peace. We dream of healing. We dream of making Kyiv the Capital of Freedom and of Ukraine gaining membership in the EU (and NATO). But can we really plan anything?

As humans we are free to dream (always). Agency means being free to act on those dreams: to plan, to deliberate on the pros and cons of variants, to weigh choices against values, and then to adopt a course of action, and then to act without constraint.

Watching the daily press briefings about lost or liberated territory, about weapons shipments, and about the destruction caused by the Russians in Ukraine, it is easy to lose sight of what this war is really about. We are fighting for our freedom: for the ability to make deliberate choices and act upon them.

Amid the destruction, horror, death and constant bombardments we must not lose sight of our purpose. It is what makes us human. If we lose this purpose, the war will cease to be about us; we will lose our agency, our chance to gain real freedom. We may preserve our territory, but we will lose both our individual and collective “subyektnist.”

Link to full article Kyiv Post 

 


Ukraine Is Our Past and Our Future

As she lay dying in a North London hospital, my grandmother started to hallucinate scenes from her Ukrainian childhood. All around the ward she saw starving children, skeletal, collapsing in the long, white, strip-light corridors—lying, leaning, barely breathing by the hospital beds. At first my mother and I couldn’t understand what she was referring to. What children? 

Then we realised Galina Ivanovna was surrounded by suppressed memories from her childhood. She was back on Sumska, the elegant high street of her hometown of Kharkiv. She was back in 1932, the height of Stalin’s man-made famine meant to break the resistance of the Ukrainian peasantry to his rule. His victims were staggering from the countryside into the city in search of food, their dead bodies scattered across the dusty road.

Peter Pomerantsev, Time, 6.4.2022


 

Ukraine: Krieg auf der Schiene

 ARTE Reportage 1. 4.2022


Volunteers Rally to Archive Ukrainian Web Sites

Posted on March 22, 2022 by Caralee Adams

As the war intensifies in Ukraine, volunteers from around the world are working to archive digital content at risk of destruction or manipulation. The Internet Archive is supporting several preservation efforts including the Saving Ukrainian Cultural Heritage Online (SUCHO) initiative launched in early March. 


 Learn, Understand, Act ...

22.3.2022, Ukrainian and foreign intellectuals talk about the experience of the war and share their own observations.
Speakers of the 9th episode:
Oleksiy Panych, philosopher
Martin Pollack, author 

Oleksiy Panych How serious and durable is the current radical change of Western additude to Russia? What was mistaken in Western understanding of Russia until now? Is Russia a European country, and, if not, just what it is? Why Western liberalism is itself a deadly poison for Russian empire? In what sense and how deeply Ukrainians are not Russians? How a philosopher could help with understanding war in general and this Russian-Ukrainian war in particular?

 


Things Worth Fighting For

16.3.2022 What we can learn from President Zelensky, Bari Weiss, Common Sense

Zelensky knows what he is fighting for. “We are all at war,” he said in an address to Ukraine. “Everywhere people defend themselves, although they do not have weapons. But these are our people. They have courage. Dignity. And hence the ability to go out and say: I'm here, it's mine, and I won't give it away. My city. My community. My Ukraine.”


The Earth is Blue as an Orange"

When poet/filmmaker Iryna Tsilyk first visits the Trofymchuk-Gladky family home in the war-zone town of Krasnohorivka, Ukraine, she is surprised by what she finds: while the outside world is made up of bombings and chaos, single mother Anna and her four children are managing to keep their home as a safe haven, full of life and full of light.

Every member of the family has a passion for cinema, so it feels natural to shoot a film inspired by their own life during a time of war. The creative process raises the question of what kind of power the magical world of cinema might have during times of disaster, and how to picture war through the camera’s lens. For Anna and the children, transforming trauma into a work of art is the ultimate way to stay human.
Director and cast: Iryna Tsilyk


Overcome fear!

An appeal by the Ukrainian journal ‘Prostory’

9 March 2022 ‘We would prefer to talk about art and literature, but right now we are asking for solidarity. Overcome fear, close the skies above Ukraine, save those who may tomorrow join the ranks of the killed and wounded.’
Whole appeal published by Eurozine


 Andriy Kurkov

>With regard to Tolstoy, Pushkin and Dostoyevsky — nobody burns their books in Ukraine. In Ukraine books are not burnt at all. Instead, the Russian army burns and bombards Ukrainian museums, churches, memorial sites, including Babyn Yar, and the Kharkiv Slovo House, a house-monument to Ukrainian writers of 1920-1930s who were practically all executed by NKVD. This generation of Ukrainian writers is known as “Executed Renaissance”.<

White or Black – President of PEN Ukraine in reply to PEN Germany’s letter, Published: 08.03.2022


Serhii Plokhii and Timothy Snyder: The War in Ukraine and Universal Values

11.3.2022 Vienna: On 24 February, Russia invaded Ukraine, turning an eight-year conflict that started with the annexation of crimea in 2014, into a full-scale war. This public conversation with Serhii Plokhii and Timothy Snyder moderated by Philip Blom discussed where things stand and what’s at stake. An event hosted by Institute for Human Sciences (IWM). 

Redefining normality in Ukraine

Authors: Katherine YoungerTimothy SnyderMasha GessenNataliya GumenyukMykola BalabanAngelina KariakinaSerhii PlokhiiMarci ShoreSerhiy Zhadan

In his recent lecture for the Harvard Ukrainian Research Institute, co-sponsored by the IWM, Timothy Snyder argued that we should think of Ukraine as a normal country – a place that might be exceptional only for the intensity with which it has experienced major historical trends. Recasting Ukraine’s past in this light helps to cut through the historical myths propagated by the Kremlin and to understand present-day Ukraine in its own right. 
Continue reading: Demythologizing Ukraine’s Past


Yes, we are strong and grateful for your support and your admiration. The problem is that Putin’s bombs will not be stopped by the strength of our spirit. And babies born in bomb shelters die of sepsis caused by the dust raining down on them during attacks, Mary’s stable was much more hygienic. Oksana Zabuzhko, 8.3.2022, European Parliament


 

LETTER TO A RUSSIAN FRIEND

"We often talked about Russia. And we didn’t accept the ideology of Igor Ogurtsov, who was serving his sentence with us, blinded by the hope of the revival of Great Russia. And here he is, a strange dreamer who has long gone to another world, embodied in Putin, your president. An amazing embodiment of the victim of the KGB, an honest, impractical and very lonely dreamer in a cynical, deceitful, poorly educated man who believes in the thoroughness of the logic of the bad philosopher Ilyin. In the worst of the KGB officers, the destroyer of Russia, Vladimir Putin." Semyon Gluzman, Ukrainian psychiatrist and human rights activist

6.3.2022 
My friend Semyon Gluzman is in his apartment in Kyiv, waiting for the Russians to come. He is not leaving, because ten years of camp and exile in the Soviet Union was enough – he is free at his home and no Russian invaders can change that.
Yet he faces the terrible feeling of having been pulled into a war imposed by a madman, in which there are only losers. Even when Ukraine has won, it will have paid a huge price and have faced unimaginable human suffering.
The following he wrote several days ago, when the first Russian armor had entered his city and the sirens were calling citizens several times a day to hide in bomb shelters from attacks by the “brother nation”, Russia. Robert van Voren


 

Mychailo Wynnyckyj on the values that Ukraine can bring to the European Union

Mychailo Wynnyckyj

3.3.2022 Mychailo Wynnyckyj is Associate Professor of the Department of Sociology and Kyiv-Mohyla Business School, Director of the Doctoral School, National University of “Kyiv-Mohyla Academy”. He spoke to the Balie (De Balie is The Netherlands’ foremost venue for contemporary arts, politics and culture) on the occasion of the Russian invasion in February 2022. "Thoughts from Kyiv", FB 


Andrij Lubka (Uzhorod), Dichter, Schriftsteller

 "All diese wunderbaren Menschen verbergen ihre Tränen, wenn sie humanitäre Hilfe bringen, und laufen schnell zurück in ihre Autos, wo sie endlich ihre Emotionen frei austoben lassen. Wir erlauben uns keine Tränen, weil wir standhaft sein müssen und einander ermuntern. Aber weinen, vor Rührung oder vor Wut, wollen alle. Weinen nach dem vergangenen Leben, das noch vor sechs Tagen normal war, aber nie mehr so wird, wie es früher war." Wir sind mitten im Film AlienAuf dem Grabe des Achilles


Peter Pomerantsev, British author, journalist

"Language defines reality. Language defines who is a “real” person, and who isn’t. He who controls language controls life and death.

That was the conclusion of the literature professor Viktor Klemperer, as he tried to make sense of Nazi propaganda in the 1930s and 40s. As a German Jew in Dresden, Klemperer lost his home, his academic position, his health. But he kept his life, thanks to being married to a non-Jew. He spent the war doing odd jobs in factories, being interrogated and beaten by the Gestapo, and keeping a diary where he tried to figure out how ordinary, pleasant Germans became spellbound by Nazi propaganda.

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Putin, meanwhile, is attacking Ukrainian media infrastructure. Among his latest missiles attacks on densely populated urban areas was an attempt to bomb the Kyiv public broadcaster. His weapons hit next door Babyn Yar, the site of the Nazi genocide of Kyiv Jews, where 33, 771 were executed in two days in 1941. To that horrific figure we can now add, according to Ukrainian authorities, at least five more innocent civilians. Putin’s metaphorical “denazification” literally, lethally continues in the traditions of the Nazis." 4.3.2022


Gasan Gusejnov
Gasan Gusejnov,
Die Faschisierung des Antifaschismus

"Die Faschisierung der politischen Sprache geht in Russland mit erstaunlicher Geschwindigkeit vonstatten und  ist das größte Hindernis auf dem Weg  zu einer kritische Analyse der Lage in Russland. Trotz der offensichtlichen Verantwortung des  herrschenden russischen Regimes für die militärische Katastrophe in der Ostukraine und trotz des unvermeidlichen wirtschaftlichen Niedergangs im eigenen Land produziert die Propagandamaschine der Russischen Förderation ein virtuelles Sozialprodukt: die Bereitschaft, für vorgeblich von Nachbarländern, Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika ausgegangenen Kränkungen zu töten und zu sterben. Mit diesem Krieg um den "Lebensraum" und die sakrale "Einheit"  der "russischen Welt" zwingen Wladimir Putin und  sein Machtzirkel dem russischen Volk die Verachtung des Völkerrechts auf, und den Komplex, die russischen Bürger seien die benachteiligten Träger der höchsten Werte: ihn sei ihr politisches Eigentum, die Sowjetunion, weggenommen worden. Um diese Komplexe zu befriedigen, bieten sie Waffengewalt an. Und offenbar ist der bewaffnete Überfall auf die Ukraine der einzige Ausweg, den das heutige Regime sieht"

Gasan Gusejnov, Aus dem Russischen von Felix Eick, veröffentlicht  in Beton International, Zeitung für Literatur und Gesellschaft, 2015
Ins Deutsche übersetzten Beiträge von Gasan Gusejnov auf Dekoder


Timothy Snyder, American author and historian 
How to read perversion

Timothy SnyderKremlin nuclear propaganda and Russian war aims
"...
We are being invited to participate in the generation of nonsense.  When we repeat contradictory and perverse arguments, we commit part of our minds to them, and start to become less reasonable ourselves.
Nothing that the Kremlin has said about Russian war aims actually makes any sense.  But it does make nonsense.  The war on the ground in Ukraine is all too real.  But the Russian war is also fought in and for unreality, to extend its hold on our minds as far as possible.  When unreality spreads, reality becomes more murderous.
The senseless talk about nuclear weapons is an example of this.  But, as I will hope to keep showing, the creation of of nonsense is an essential element of Russian warfighting.  As such, it calls for analysis, and resistance."
4.3.2022


ALHIERD BACHAREVIČ, Schriftsteller aus Belarus

 Alhierd Bacharevič,

Der belarussische Schriftsteller Alhierd Bacharevič wendet sich in einem offenen Brief, der auf der Webseite der ukrainischen Zeitschrift Ukrajinsky Tyshden (dt. Die Ukrainische Woche) veröffentlicht wurde, an die Ukrainer. Darin erklärt er nicht nur seinen persönlichen Schmerz über den und seine persönliche Schuld an dem Krieg, sondern auch die seiner Landsleute, dazu die zahlreichen Beziehungen, die sich zwischen Ukrainern und Belarussen entwickelt haben und die Bedeutung der Proteste in Belarus. Er wendet sich gegen den Vorwurf, dass seine Heimat nun grundsätzlich als

„Fleck der Schande“ angesehen werden soll.

"...
Ihr, die Ukrainer, verteidigt Euer Land. Eure Armee, eure Territorialverteidigung, jeder Ukrainer und jede Ukrainerin widersetzen sich dem Aggressor. Euer Krieg ist ein Verteidigungskrieg, ein Krieg für die Freiheit. Ihr seid schon einen so langen Weg zur Freiheit gegangen, dass Putins Imperium Euch nie wieder in sein Gefängnis zurückholen kann. Die Ukraine hat sich für immer verändert. 

2020 haben wir, die Belarussen, uns davon überzeugt, dass wir keine belarussische Armee haben. Die Einheiten, die uns verteidigen sollten, führten Krieg gegen unbewaffnete Menschen. Die Belarussen haben gesehen, wie die, die dem Volk ihre Treue geschworen hatten, dieses Volk ohne mit der Wimper zu zucken verrieten, wie sie aktiv an Massenrepressionen gegen die eigenen Mitbürger teilnahmen. Seitdem hält niemand im Land die belarussische Armee mehr für wirklich belarussisch. Belarus hat keine Armee. Es hat nur Lukaschenkas Generäle, die von Putins Medaillen träumen. Es hat diejenigen, die deren verbrecherische Befehle ausführen. Und es hat Menschen – die jetzt als Kanonenfutter in einem verbrecherischen Krieg benutzt werden.
..." 


Der ganze Brief von Alhierd Bacharevič, lektoriert von Tina Wünschmann ist im dekoder nachzulesen, English version translated by Translated by Jim DingleyDear Ukrainians, we have a common enemy – dictatorship. Let’s not be divided, Voxeurop



Die Nobelpreisträgerin und Schriftstellerin Swetlana Aleksjewitsch bezeichnete in der Sendung Freedom Premium den Krieg Russlands gegen die Ukraine als ein schlimmeres Übel als den Zweiten Weltkrieg.


Діана Клочко, Kyjiw, Kunstkritikerin, Mitglied des ukrainischen PEN

Діана КлочкоDiana traf ich das erste Mal persönlich 2010 in Tscherniwzi.  Sie arbeite damals für einen großen ukrainischen Verlag und wenn sie Fotos brauchte, stelle ich ihr diese gerne zur Verfügung. Im Sommer 2015 folgte ein weiteres persönliches Treffen in Kyjiw anläßlich einer Veranstaltung der Böll Stiftung, zu der sie mich eingeladen hatte.
Als der Krieg begann, schaute ich täglich ich auf ihr FB Konto, sah, dass sie für 3.3.2021 eine Online-Veranstaltung über Bruno Schulz plant. Gespannt drückte ich abends auf den Link und tatsächlich über Zoom hielt sie auf Ukrainisch einen Vortrag über Bruno Schulz. Weitere Teilnehmerinnen meldeten sich um über Celan, Kafka zu sprechen. Der Krieg wurde mit keinem Wort erwähnt.
Diese unbeirrbare Motivation, das zu tun, was einem wichtig ist hat mich - die in Prag sitzt - aufgebaut. Danke Diana! Sie leben das, wofür ich die Ukraine liebe. Ich hoffe wir sehen uns wieder von Angesicht zu Angesicht.
Milena Findeis

Die Stellungnahme der Kunstkritikerin Diana Klochko (Діана Клочко) Thema Kunst und Propaganda in Zeiten des Kriegs


 An online conversation with Yuval Noah Harari and Timothy Snyder, moderated by Anne Applebaum 

Victor Pinchuk Foundation, 2.3.2022


Jurko ProchaskoJURKO PROCHASKO, ukrainischer Essayist, Germanist, Schriftsteller und Übersetzer, Lemberg

Der ukrainische Essayist, Germanist, Schriftsteller und Übersetzer, JURKO PROCHASKO, hat, vermittelt über seinen Verlag Edition Fototapeta, einen eindringlichen Brief und Lagebericht aus Lwiw geschrieben EIN BRIEF AUS LEMBERG: "...wir müssen stehen, es ausstehen, überstehen..."

"Ihr fragt natürlich vor allem, wie Ihr uns helfen könnt. Ihr könnt so viel für uns tun, weil Ihr grundsätzlich so viel und so gut könnt, jede(r) in ihrem, seinem Bereich, sei es mit Wort oder Tat. Derzeit möchte ich Euch alle darum ersuchen, eh das zu tun, was Ihr am besten könnt: erklären, aufklären, schreiben, publizieren, produzieren, nachdenken, zuhören, hinhören, zuschauen, wegschauen tut Ihr sowieso nie. (...) Liebe Freunde, es kann nun sehr unterschiedlich weitergehen und kommen. Und wir müssen stehen, es ausstehen, überstehen, um dann wieder aufzuerstehen. Uns bleibt nichts mehr übrig."

Jurko Prochasko über LEMBERG in: METROPOLEN DES OSTENS, Zehn Essays Herausgegeben von Angela Huber und Erik Martin, 2021, 1.3.2022


Steve Gutterman Radio Free Europe, Radio Liberty


Days after Russian President Vladimir Putin unleashed an unprovoked invasion of Ukraine, casualties are mounting and the prospects for productive negotiations are uncertain. Where might the war be headed, and what are the potential consequences for Russia? Kadri Liik, a senior policy fellow at the European Council on Foreign Relations, joins host Steve Gutterman to discuss in a special edition on Twitter Spaces. February 28, 2022 

 


 

Vater und SohnCLAUDIA DATHE: Große kleine Sprache Ukrainisch

Momentan in aller Munde und doch eine weitgehend unbekannte Größe: die Ukraine mit ihrer höchst lebendigen und eigenwilligen Kultur- und Literaturszene. 
Von 2000 bis 2005 habe ich in Kyjiw gelebt und an der dortigen Technischen Universität Übersetzen gelehrt. Zunächst arbeitete ich in meinen Lehrveranstaltungen ausschließlich mit dem Sprachenpaar Russisch-Deutsch. Im zweiten Jahr meines Aufenthalts begann ich – angeregt durch einen vom Goethe-Institut organisierten Workshop zur Dramen-Übersetzung – mit einer Privatlehrerin Ukrainisch zu lernen. Zu dieser Zeit wurde in Kyjiw noch überwiegend Russisch gesprochen, sodass ich, obwohl ich in der ukrainischen Hauptstadt lebte, paradoxerweise wenig Sprachpraxis hatte. In der Dissidenten- und Literaturszene, in die mich der Celan- und Herta-Müller-Übersetzer Mark Belorusez einführte, wurde eine unideologische Zweisprachigkeit gepflegt, die in angenehmer Weise an die Mehrsprachigkeit der Region im frühen 20. Jahrhundert erinnerte. 
Der ganze lesenswerte Essay über die literarische Szene in der Urkaine von Claudia Dathe 2 auf TraLaLit, 28.2.2022


 

Ivan Shvedoff was born in 1969 in St. Petersburg, he lives in Prague and works as an actor often in Germany.

 


Gedicht "Fluch"  von Claus Löser aus Berlin , 25.2.2022

Du kommst aus dem Nichts
nur das Nichts lebt in dir
und das Nichts wuchert
und weiß jenseits von
deinen schmalen Grenzen
nicht dass du tot bist
und immer schon warst.

Armer Mensch
kleiner Mensch
übergroße Metapher
aller Winzigkeit
in die du eingehst
aus der du kommst.

Nur das Nichts ist
dein Heim selbst das Mitleid
darüber bleibt ohne Krume
zu pflanzen die Saat.

Und nun hinweg mit dir
der Weg deines Namens
endet im Staub
und nun hinweg mit dir
Tölpel der du bist
möge die Spur
rasch verwehen
jede weitere Zeile
wäre zu viel selbst
der allerletzte Punkt
sei dir missgönnt


Tote Soldaten


Tote SoldatenSie fanden sie fern und doch nahe beim ort.

Erinnerung ruhte neben der beklommenheit dort,
o erde, sie waren dein.
Und düfte lagen in den blumen dort
wie frauen in kleidern.
Wie frauen in verrosteten kleidern.

Und wieder ging ein regen nieder hinterm ort
und reichte den toten wasser durch die blumen

Jan Skácel, Deutsch von Reiner Kunze
Gedichtband "Fährgold für Charon"


Am Morgen des 24.2.2022 greift Putin die  Ukraine an. Ich erhalte vom Verleger, Autor, Dichter Lojze Wieser aus Klagenfurt ein Mail mit der Bitte diese Zeilen ins Tschechische zu übersetzen. Alle Übersetzung sind auf dem Blog von Lojze Wieser nachzulesen.

Hier und Dort
Hier Sonne / Dort Bomben
Hier Frieden / Dort Tränen
Hier Zukunft? / Dort Graus!
Wohin gehen wir?

Tu in tam
Tu sonce / Tam bombe
Tu mir / Tam jok
Tu bodočnost? / Tam groza!
Kam gremo?

(c) Lojze Wieser, Slowenisch/Deutsch, 24.2.2022, um 7 Uhr)

Qui e là
Qui il sole / Là bombe
Qui pace / Là pianto
Qui il futuro? / Là orrore!
Dove stiamo andando?

(Italienisch Martina Kafol, Trieste)

Tu a tam
Tu Słónco / Tam bomby
Tu Měr / Tam Sylzy
Tu Přichod? / Tam Hrózba!
Dokal dźemy?

(Übersetzt in die obersorbische Sprache durch Milenka Rječcyna)

Hic et illic.
Hic sol / illic tela,
Hic pax / illic lacrimae,
Hic futurum? / illic miseria!
Quo eamus?

(Latein: Dr. Leo Tepper)

Hierzo en Daarzo 
Zonlicht versus Bomzicht 
Vreugd versus Verdriet 
Morgen versus Eergisteren
Overzicht? - Overleven!
Welke weg waarheen?

(Vertaling in Algemeen Aanvaard Nederlands von Jos Rietveld ao)

Tady a tam
Tady slunce / Tam bomby
Zde mír / Tam slzy
Tady budoucnost? / Tam hrůza!
Kam jdeme?

(Tschechisch: Milena Findeis, Prag)

Here and There
Here sun / There bombs
Here peace / There tears
Here future? / There horror!
Where are we going?

(Englisch: Renate Milena Findeus)

აქ და იქ.
აქ მზე/იქ ბომბები
აქ მშვიდობა/ იქ ცრემლი,
აქ  მომავალი? იქ ძრწოლა,
საით მივდივართ?

(Georgisch Diana Anthimiadou, Tbilissi, Tiflis)

Ovdje i tamo
Ovdje sunce / Tamo bombe
Ovdje mir / Tamo plač
Ovdje budućnost? / Tamo strava!
Kamo idemo?

(Kroatisch, Branko Čegec, Zagreb)

Tu i Tamo
Tu sunce, Tamo bombe
Tu mir, Tamo jad
Tu će biti sutra, tamo samo strah
Kamo ćemo mi?

(Bosnisch: Milenko Horanović. Sarajevo, Berlin)

Там і сям
Тут сонце / Там бомби
Мир тут / Сльози там
Тут майбутнє? / Жах там!
Куди ми йдемо?

(Ukrainisch: Alois Woldan, Wien)


Igor Pomerantsev, Station In Kyiv, 22.2.2022

Translated by Frank Williams Recited by John E. WordSlinger, Poetry Train

The station was, I think,
Kiev (Passenger).
We were sitting on suitcases, bags,
with a whole lot of others: families or singles.
Children were playing games on their mobiles,
the adults played grandmother’s footsteps, hide and seek, tag.
The ticket booths were open,
the clerks ready and waiting,
their lipstick fresh.
I knew their names already:
Katerina, Hanna, Oksana Mikolaivna.
But nobody was buying,
They were waiting for news.
That would decide where they would book to:
if Kharkov was the target, then the Carpathians,
if Kherson, then Chernigov,
and if Kiev was bombed, well, 
then it would be down into the caves and the catacombs,
the mole tunnels, the underground city of termites.