Kyjiw weint nicht laut

 

Jurij Andrejew

 

Kyiw weint nicht laut

Winter 2026

Übesetzung Bohdana Labinska



Kyjiw wird nirgendwohin verschwinden,
und die Kyjiwer werden sich auch nicht in Luft auflösen./
Haben sie das in den russischen Sümpfen immer noch nicht begriffen?

Wir Patienten sind hier einfach alle
an dieselbe районна Poliklinik „gebunden“.
Und wir wollen Vitalij Wolodymyrowytsch
auch nicht allein lassen.

Wir haben gelernt,
zwischen „Einschlag“ und Kaffee zu leben.
Wir halten die Stadt
mit Verlängerungskabeln und Sturheit am Laufen./
Mit Spenden, Generatoren
und Witzen unterhalb der Gürtellinie.

Statt Panik haben wir Memes.
Und Alarmrucksäcke mit Charakter.
Kyjiw ist kein Filmheld –
es weiß einfach nicht, wie man aufgibt.
Hier gehen sogar menschliche Schatten
mit Zuversicht.

Kyjiw weint nicht laut.
Es hat keine Zeit dafür.
Hier verschiebt man das Weinen „auf später“,/
wie das Leben, wie den Schlaf,
wie die Normalität.

Unsere Kinder rennen heute schneller in
den Schutzraum,/
als sie früher zu den Schaukeln liefen.


Und die Erwachsenen haben gelernt zu lächeln/
so,
dass niemand sieht,
wie innen etwas zerbricht.

Wir gehen zwischen Trümmern und Cafés.
Wir setzen die Stadt Stück für Stück zusammen,/
wie ein Puzzle.
Unsere Medizin ist Lachen
in der Schlange nach Brot.
Und wenn der Strom ausfällt,
fangen wir an, selbst zu leuchten.

Wir fragen nicht, wann das alles endet.
Wir fragen, wo wir uns heute treffen.
Denn Kyjiw ist keine Stadt auf der Karte.
Es ist etwas unendlich Wertvolleres.

Kyjiw stand schon,
als dort, wo Moskau heute ist, Frösche quakten./
Eine uralte Stadt von Menschen mit stählernen Nerven./
Die Zeitpläne der Raketenangriffe
sind präziser geworden
als die Zeitpläne der Stromversorgung.
Hat eigentlich schon jemand
Zeitpläne der „Partys der Unbeugsamen“
in den Wohnanlagen erstellt?
Teilt sie bitte!

Und wenn wieder jemand sagt:
„Jetzt ist es Zeit, dass ihr brecht“,
wird Kyjiw einfach Kaffee aufbrühen,
seine Krone aus Hochhäusern richten
und der russischen Dunkelheit
stolz zulächeln.

Denn Kyjiw ist eine Stadt,
die alle überlebt hat,
die gekommen sind, um sie zu zerstören.
Und sie wird noch weiter überleben.

Und der Frühling wird kommen.
Er kommt immer.
Noch nie haben wir hier
so sehr auf diesen Frühling gewartet.


 

Andreev Yurii Ivanovych, geboren am 17.08.1988, verheiratet, Vater von drei Kindern.
Juristische Ausbildung, Unternehmer, zivilgesellschaftlicher Aktivist, Dichter und Freiwilliger. Seit 2022, nach der großangelegten russischen Invasion, leistet die Andreev Family Foundation mit Unterstützung internationaler Partner Hilfe für Ukrainerinnen und Ukrainer, die unter sexueller Gewalt durch russische Soldaten während der Besatzung und nach der Gefangenschaft gelitten haben.

Jurij Andrejew, 28.01.2026
Aus der Kyjiwer Abteilung für hochdosierte Chemotherapie

P.S.: Ich werde mich nicht kampflos ergeben. Und ihr dort – gebt auch nicht auf!
Meine Erkrankung heißt aplastische Anämie, Rezidiv; derzeit befinde ich mich in Behandlung und liege seit dem 7. Januar stationär im onkologischen Dispensar.
Erstmals erkrankte ich im Jahr 2016; seitdem habe ich eine Behinderung. Nach der erfolgreichen Behandlung gründeten meine Frau und ich noch im selben Jahr eine Wohltätigkeitsstiftung, die die Abteilung, in der ich behandelt wurde, sowie Patientinnen und Patienten mit ähnlichen Erkrankungen unterstützte und sich für die Förderung der Transplantationsmedizin sowie die Entwicklung des Spenderwesens in der Ukraine einsetzte.


Der Beitrag wurde von Christian Hinderer übermittelt. Das Gedicht erschien am 10.2.2026 in der Süddeutschen Zeitung.

Aktuelle Textbeiträge

Tagesrandbilder

Verkopft

Verkopft

10.3.2026 Den geneigten Kopf zum Wiederblühen aufrichten/ mit dem Körper in Resonanz treten/ dem eigenen und dem der anderen/ die Auferstehung der Natur im Blick

Zwischen (W)Orte

Spuren im Netz

Spuren im Netz

Der pochende Innenimpuls folgt einem Stichwort. Eingetippt, gesprochen antwortet das digitalisierte Netz prompt.