"MEIN PRAG" PETER DEMETZ

Eine Buchbesprechung von Peter Stephan Jungk

"Die Wirklichkeit aber war oft viel erstaunlicher"
Peter Demetz erinnert sich

mein pragWäre ich Romancier, hätte ich geschrieben…”, vermerkt der Germanist und vergleichende Literaturwissenschafter Peter Demetz an mehreren Stellen seiner Erinnerungen - und schildert dann einige Begebenheiten so, wie Romanautoren dies seiner Meinung nach tun sollten. Gut, daß aus Professor Demetz kein Romancier wurde: Seine Beispiele für literarische Gestaltung wirken jedes Mal erstaunlich deplaciert. Umso überraschender wenn man bedenkt, daß er zehn Jahre lang als Jury-Mitglied für den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis fungierte.

 

‘Mein Prag’ ist ein Doppelbuch: In zwei verschiedenen Schriftsätzen gedruckt, erzählt der heute Fünfundachtzigjährige, Sohn einer jüdischen Mutter und eines katholisch-ladinischen Vaters, seine persönlichsten Eindrücke aus den Jahren 1937 bis 1945 einerseits, anderseits die politischen und historischen Umstände, die seine ab März 1939 unter deutscher Okkupation stehende Heimat prägten, den damaligen Vielvölkerstaat Tschechoslowakei. Die dramatischen Ereignisse jener Zeit seien selten ausführlich beschrieben worden, betont Demetz, “weil der Blick auf sie häufig von ausschließlich nationalen – tschechischen oder deutschen – Sympathien getrübt” gewesen sei. Umso detaillierter holt er das Versäumte nach – mit solcher Verve, daß man als Leser mitunter zu stöhnen beginnt.

Aber ‘Mein Prag’ besteht eben auch aus den privaten Erinnerungen, und jene Stellen, in denen Demetz seine Familiengeschichte aufblättert, Liebesabenteuer und –enttäuschungen nachzeichnet, die Erlebnisse als Lagerinsaße kundtut, zählen zum Schönsten, Ergreifendsten, was man sich als neugieriger Memoiren-Rezipient nur erhoffen kann. Seine Kunst besteht in der unterkühlt-witzigen Pointierung. Es gelingt ihm, die komplexen Herkunftslinien seiner so unterschiedlichen Eltern ebenso überzeugend darzustellen wie ihre ehelichen Glücks- und Katastrophenmomente. Demetz’ Vater war ein multitalentierter Tunichtgut, zeitweise Theaterdramaturg, zeitweise Poet, ein ladies’ man, der Frau und Kind zwar im Stich ließ, dann aber alles tat, um in Krisenzeiten wieder ganz für sie da zu sein. Die Deportation von Peter Demetz’ Mutter konnte allerdings auch er nicht verhindern. Der Abschnitt ‘Meine Mutter geht’ ist nur sechs Seiten lang – ein kleines, dezent-trauriges Meisterwerk.

Wohltuend unverkrampft geht der Autor mit seiner Sexualität um, deutet frühe und spätere Eskapaden an, sei es im Umgang mit Prostituierten, sei es in jener unvergeßlichen Szene, in der eine Halbjüdin ihren Transportbefehl für Theresienstadt erhalten hat – sie nimmt Abschied von ihren drei engsten Freunden, indem sie mit jedem von ihnen schläft. Die drei Aufgerufenen betreten ihr Zimmer in rascher Folge: “Es war (…) eine seltsam schickliche Sache..” Im letzten Kriegsjahr, glaubt Demetz zu wissen, kam Eva L. im KZ Bergen-Belsen um. “Wir sahen sie nie wieder.”

Allein das private Kapitel ‘Das Mädchen mit dem Samthaarband’ gäbe ein Buch für sich ab: Demetz verliebte sich unsterblich in eine Deutsche, er nennt sie schlicht W. Das platonische Liebesverhältnis erreicht einen bizarren Höhepunkt als ihn die junge Frau zum ersten Mal um Hilfe bittet: Sie hat vom Tod ihres Verlobten an der Ostfront erfahren – und der Jude tröstet sie, trauert mit ihr um seinen gefallenen Feind. Nach dem Krieg will er sie heiraten – der erste Anruf, den er tätigt, gilt ihr. “Sie kam in Prag bei dem Luftangriff der Alliierten vom 14.Februar 1945 auf dem Karlsplatz (…) durch eine Fliegerbombe ums Leben.” W.’s Vater aber, der nach Kriegsende als Deutscher aus der Tschechoslowakei ausgewiesen wurde, tötete noch vor Beginn der Umsiedlung seine Frau und anschließend sich selbst.

Dieser Leser wünschte sich, ‘Mein Prag’ hätte die historischen Realitäten zwar nicht verschwiegen, aber doch um vieles weniger ausführlich beschrieben. Denn jene Passagen, die dem geschichtlichen Ablauf verpflichtet sind, und in denen Demetz seine Privatsphäre verläßt, bleiben trotz oder gerade wegen ihrer Akribie weit hinter der Dichte, Prägnanz und Faszination der persönlichen Teile zurück. Wie schade. Welcher noch so geneigte Leser, der nicht zufällg an einer Doktor- arbeit über das Musik-, Theater- und Filmwesen, über die Literaturszene der tschechoslowakischen Republik in den Okkupationsjahren arbeitet, wird denn unbedingt wissen wollen, wer, wann, wo und warum in Prag und Umgebung Rang und Namen hatte. Weit über hundert heute gänzlich Unbekannte werden in Demetz’ Genauigkeitskompendium aufgezählt, ihre Biographien näher dargestellt, mitsamt Geburts- und Todesdaten. Man fragt sich, warum die Lektoren des ehrwürdigen New Yorker Verlagshauses Farrar, Straus & Giroux, wo ‘Prague In Danger’ im nächsten Frühjahr im Original erscheinen wird, und jene im Hause Zsolnay, welches die deutsche Übersetzung herausgebracht hat, Peter Demetz nicht zart einzuschränken, ihn nicht zu beeinflußen versuchten, seine Wissensflut ein wenig einzudämmen.

Natürlich birgt auch der historisch-unpersönliche Teil Überraschungen und Seltsamkeiten, so erfährt man von der Bedeutung des Vaters und des Onkels des späteren Dissidenten und Staatspräsidenten Václav Havel für die tschechische Filmindustrie und deren Bemühungen, der deutschen Okkupation zu trotzen. Bemerkenswert auch das Kurzporträt des in Vergessenheit geratenen Dichters Jirí Orten, oder die packende Darstellung des geglückten Attentats auf den Reichsprotektor Reinhard Heydrich. Kafkas Freundin Milena Jesenská ist ein Kapitel gewidmet, laut Demetz “die berühmteste Tschechin des zwanzigsten Jahrhunderts.”

Peter Demetz, der sich auch sechzig Jahre nach dem Ende des Krieges als Halbjuden bezeichnet, obwohl er nach jüdischem Recht, als Sohn einer jüdischen Mutter, Volljude ist, mußte sich Ende September 1944 einem Transport anschließen – er dachte zunächst, er werde nach Auschwitz deportiert, doch das Ziel solllte eine “endlose, bleiche Ebene” in Schlesien sein, “die vom einen Horizont zum anderen leer war.” Absurderweise mußten die Häftlinge hier ihr Lager selbst errichten, und “von der berühmten deutschen Organisation war zum Glück nichts zu spüren, es ging alles ein bißchen planlos zu.” An Schwejks Frechheit geschult, gelingt es Demetz, die Terrormonate bis Kriegsende unversehrt, wenn auch oft in Todesangst durchzustehen. Die Erinnerungen enden mit der Rückkehr nach Prag, wenige Tage nach dem Waffenstillstand – seine Mutter ist in den Gaskammern umgekommen. Sein Leben beginnt neu. Und man schließt das Buch mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

‘Mein Prag’, von Peter Demetz, erschienen im Zsolnay Verlag, Wien, 2007; aus dem Englischen von Barbara Schaden.

 

Peter Stephan Jungk ist Autor von Romanen, Essays und Drehbüchern, bei deren Verfilmung er teilweise selbst Regie führte.

 

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