Der Schatten und die Kunst

 

Gedichtband „Prager Motive in Fotos und Poesie“

 Maria Hammerich-Maier


prager-motiveDer Schatten eines Gegenstandes ist das, was der Gegenstand von sich offenbart. Das, was eine Lichtquelle, die auf ihn trifft, über ihn aussagt. Der Schatten ist die Aussage, die über einen Gegenstand aus der Perspektive einer Lichtquelle getroffen wird.

Der Schatten ist einmal kurz und zusammengedrängt, ein ander Mal gedehnt und in die Länge gezogen, er ist schräg oder gerade, breit oder schmal, von sattem Dunkelgrau oder blass und durchscheinend, gerade so, wie die Lichtquelle den Gegenstand darstellt. Er ist eine Darstellung des Gegenstands aus der Sicht der Lichtquelle.

Dabei ist der Schatten allerdings keine wirklichkeitsgetreue Abbildung der äußeren Form des Gegenstandes, von dessen Umrissen oder Konturen; er gibt diese lediglich unscharf, verzerrt und verschwommen wieder. Der Schatten enthält auch nichts von der Materie, aus welcher der Gegenstand besteht, denn er ist seiner Natur nach unstofflich. Da sich der Schatten also weder auf die Form, noch die Materie des Gegenstandes bezieht, so bleibt nur noch der Inhalt, der Gehalt. Ja, der Schatten betrifft das Wesen des Gegenstandes. Er ist eine Aussage über das Eigentliche des Gegenstandes, darüber, womit wir es bei einem Gegenstand, mit wem wir es bei einem Menschen letztendlich zu tun haben.

Um das Wesen des Seins aber bemühen sich die Philosophie, die Religion, die Psychologie und auch die Kunst, jede Disziplin auf ihre Weise. Wer den Schatten der Gegenstände mit ästhetischen Mitteln zu erfassen sucht, nähert sich den Dingen aus der Position des Künstlers. Der Schatten, aufs Foto gebannt, aus einem sorgfältig ausgesuchten Blickwinkel, mit einer geübten Einstellung der Linse, zu einem gezielt gewählten Zeitpunkt, vor einem bewusst auf eine ganzheitliche Komposition des Bildes abgestimmten Hintergrund, offenbart das Alter Ego des abgebildeten Objekts, wie es der Künstler mit seinen Sinnen und seiner Empfindung erkennt und wahrnimmt.

Der Schatten weist je nach Lichtquelle und Raum verschiedene Helligkeitsgrade zwischen Weiß und Schwarz auf; zwischen der geballten Summe der über einander gelagerten und sich gegenseitig durchdringenden Farben und deren gänzlicher Abwesenheit; zwischen dem Alles und dem Nichts, der stumpfen Unwissenheit und dem Streben nach Erkenntnis.

Doch wie unterschiedlich sich der Schatten auch im Hinblick auf die Intensität seiner Spielarten präsentieren kann, ist und bleibt er doch immer grau. Immer lässt er sich an einem Punkt auf der Nuancenskala zwischen den Polen Schwarz und Weiß festmachen. Er bewegt sich stets entlang der Linie, die diese Pole miteinander verbindet. Im Althochdeutschen bedeutete „grao“ soviel wie „schimmernd“, „strahlend“. Der Schatten schmückt sich nicht mit den verschiedenen Farben, in welche die Gegenstände ihre körperlichen Hüllen kleiden. Er folgt getreu der Achse zwischen Finsternis und Licht, Tod und Geburt. Er bleibt der Achse des Wesenhaften verbunden. Der Schatten schweift nicht von seiner Bahn ab. Er ist geradlinig. Er tut das Wesen der Dinge ungeschminkt kund. Der Schatten ist wahrhaftig.

Der Künstler, der bei der schöpferischen Gestaltung nicht nur den Gegenstand, sondern zugleich auch dessen Schatten abzubilden sucht, ist auf das Wesen der Dinge, ihre innere Wahrheit, aus. Ihn interessiert das Sein, nicht das Haben. Er ist weit davon entfernt, von den Dingen Besitz ergreifen und sie beherrschen zu wollen. Streng genommen interessieren ihn die Dinge gar nicht. Mögen sie nur bleiben, wo sie sind und in wessen Hand sie sind!

Worauf der Fotograf, der den Schatten abbildet, hinaus will, ist die nach innen zu gekehrte Seite der Dinge, ihr Innenleben. Er betreibt Introspektion. Er liest in der Seele der Dinge. Er stülpt von den Dingen nach außen, was in ihnen drinnen ist. Er versenkt sich in ihre Eigenschaften und labt sich an ihnen. Er erfasst die Schatten der Dinge mit seinen optischen Geräten. Nun hat er sie, und es ist Zeit, sich mit ihnen anzufreunden. Er beginnt sie zu entdecken, zu drehen und wenden, zurechtzurücken und zu stutzen, zu trimmen und polieren. Er verfährt mit den Dingen und deren Schatten wie Eltern, wenn sie ihre Kinder erziehen. Damit schafft der Künstler jene Art von Schönheit, die wir nicht nur sehen, sondern zugleich empfinden. Keine bloß optische Schönheit, sondern eine, die auch ein Ethos in sich trägt, und zwar das künstlerische Ethos des Erschaffens und Mitteilens des Wahrhaftigen.

Das Wahre aber ist wie das Wesen ganzheitlich, holistisch. Es ermangelt einer sichtbaren Gliederung und Struktur, so wie eben auch die Flächen der Schattenfiguren. Das Wahre ist das Resultat einer Reduktion von Einzelerscheinungen auf ihren gemeinsamen Gehalt. Daher ist es auch nicht abstrakt, sondern reduktiv. Es gibt nur einige wenige Wahrheiten, und die sind alt, sehr alt, und liegen für den Fotografen der Kleinseite auf den granitenen Kopfsteinpflastern des historischen Prag, auf welche die gelben Kandelaber ihre dünnen spitzen Schatten werfen, liegen geduldig da, um von den Künstlern und den vorüberkommenden Passanten aufgehoben zu werden.

Der dünne Schatten eines Gegenstandes, der über viel begangenes und abgetretenes Kopfsteinpflaster geworfen ist, er verhüllt die Fläche, auf der er sich ausdehnt, legt sie jedoch anderseits auch bloß, da er die Aufmerksamkeit des Betrachters darauf lenkt. Ähnlich verhält es sich auch mit meinem Traktat über den Schatten und die Kunst. Es sagt etwas Wahres über Stanislav Tumas fotografisches Werk aus, doch es gäbe weitere Wahrheiten zu entdecken.

Stanislav Tůmas Fotografien sind weder konkret noch abstrakt, sondern wesenhaft.

Oft finden wir die Schatten auf seinen Fotografien über Steine und Mauerwerk gebreitet, und es wirkt, wie wenn Dinge insgeheim einen Dialog führen. Oder als ob das Ding, das den Schatten wirft, der leblosen kalten Materie, auf die dieser fällt, Leben und eine Seele einhauchen wollte.

Denn der Schatten weist mehrerlei Bezugspunkte auf. Einerseits gehört er zu dem Ding, das ihn wirft, und gibt es in seinem Wesen zu erkennen. Ohne den Schatten wären die Gegenstände wie Männer ohne Eigenschaften. Anderseits wirkt der Schatten auch auf den Gegenstand, auf den er fällt und den er beschattet, und flößt diesem das Innenleben seines Urhebers ein. Drittens ist der Schatten aber auch untrennbar mit der Lichtquelle verbunden, die ihn vermittels des Gegenstandes, zu dem er gehört, hervorbringt.

Also wären wir bei dreierlei Entitäten angelangt, die beim Schattenwerfen eine Rolle spielen. Die Lichtquelle, das Ding und das Schattenbild selbst. Oder mit anderen Worten: der Künstler, der von ihm betrachtete Weltausschnitt und dessen gestalterische Deutung. Folglich ist der Schatten der Dinge eine Botschaft, die schöpferisch entdeckte und kreierte zweite Ebene der Wirklichkeit hinter der vordergründig sichtbaren Realität, eine künstlerische Wahrheit. Vielleicht ist der Schatten manchmal auch ein Lächeln der Welt über sich selbst.

Zweimal ist Stanislav Tůma aus der Stadt und dem Stadtteil geflüchtet, zu dem sein fotografisches Werk innigste Verbundenheit ausdrückt. Einmal noch vor seiner Geburt, im Mutterleib, als seine Eltern versuchten, über den Eisernen Vorhang in den Westen zu flüchten. Das zweite Mal als erwachsener junger Mann, als er diesen vereitelten Versuch aus eigenem Entschluss selbst umsetzte. Beide Male ist er zurückgekehrt. Vielleicht liegt es an dieser schwierigen, von Zäsuren und Schwellen geprägten Beziehung zum Ort seiner Kindheit, dass ihn weniger das Beeindruckende und Großartige, das die Prager Kleinseite auch vorzuweisen hätte, sondern das scheinbar Unscheinbare, die baufälligen alten Gemäuer und ausgetretenen Wege, nicht die namhaften Persönlichkeiten und viel gerühmten Sehenswürdigkeiten, sondern die unauffälligen Details - und deren Schatten - angezogen und zu künstlerisch kreativem Schaffen angeregt haben.

Wer so oft den Ort gewechselt hat, an dem er ansässig war, das Land, innnerhalb dessen Grenzen er gelebt hat, wie Stanislav Tůma, der findet ein Zuhause am ehesten im Kontinuum seiner Biografie, im Bogen seiner ununterbrochen gewachsenen Künstlerpersönlichkeit, und in dem, was diese Persönlichkeit für die Mitwelt preisgab, in ihren Aussagen, ihren Schatten.

 Maria Hammerich-Maier

Hans Kragh-Jacobsen produzierte dieses Film Portät über Stanislav Tůma  (11. Juli 1950, Cheb – 14. September 2005 Prag, Fotografan einem Wintertag im Jahre 1969, als er an der FAMU Prag studierte. Ich begegnete Hans Kragh-Jacobsen, einen aus Kopenhagen stammenden Journalisten, Autor und Filmemacher 2010 , während meiner Tätigkeit für das Hotel Josef und Maria Hammerich-Maier in den 90er Jahren als ich für die Österreich Werbung Prag arbeitete. Milena Findeis

 

Hans Kragh-Jacobsen - Stanislav Tůma (1969) from zeitzug on Vimeo.

 

Gedicht aus dem Buch "Prager Motive" in Fotos und Poesie
(Fotos Stanislav Tůma, Gedichte Maria Hammerich-Maier)

Die Unvollendete
Die Moldau in Prag

Sie hat die Samenfrucht
all der Jahrhunderte
die wogend sie durchflossen
gütig gewährend
Tag und Nacht empfangen

Sie lag bloß lächelnd
still empfindend da.
Und breitete das bronzene
offne, nasse Haar
auf ihren aufgewühlten Schoß.

Und ohne irgend sinnlich
selbst nach einem
zu verlangen
forderte schöpferische Sehnsucht
zur Vollendung sie heraus

Stets üppig ungebändigt
launisch wallend in der Fülle
zwanglos sich räkelnd, frei
gezähmt nicht im Korsett
und nicht gebunden

Doch keiner hat
bei dem erregten Mühn
um jenen Spiegel seiner selbst
um ihren rauschenden Gesang
zum Ewigen gefunden.

© Maria Hammerich-Maier