Im Wandel liegt Dauer — nach dem Beginnen, vor dem Ende.
Das Auge macht das Bild, die Kamera ist das Werkzeug.
Das Leben wirkt - Buchstaben, Wörter, Sätze erzählen davon im nachhinein.
Sie reihen sich aneinander: Tage mit und ohne Rand.

Milena Findeis, Augnerin

22.3.2020 Nachtfrost, ein sonnig-kalter Sonntagmorgen. Balkonbesucher und die Gedanken wandern zu jenen, die ohne Obdach sind und ihre Zeitung "Nový Prostor" auf der Straße zur Zeit nicht verkaufen können.

Coronafrühjahr

20.3.2020 Im Garten steigt mittags das Thermometer auf 20 Grad Celsius. Die Nachbarin wirft den Rasenmäher an, mich beruhigt das Graben in der Erde. Der Traum vom Einsiedlerleben von der Wirklichkeit eingeholt.

19.3.2020 Seit heute versendet die Tschechische Post Pakete, die mit "roušky" gekennzeichet sind kostenfrei. Die Organisation "Dáme roušky" koordiniert landesweit. Geprüfte Informationen von Ärztinnen, Anweisungen von Ministerien, in tschechischer Sprache betreffend Covid19 übersichtlich zusammengefasst unter okoronaviru.

17.3.2020 Seit Mitternacht muss in Prag bei Benützung der Öffis ein Mundschutz getragen werden. Diese sind seit Wochen nirgends mehr zu kaufen. Zur Nadel greifen und nähen, waschbar (60 Grad), wiederverwenbar damit der Lokführer zum Dienst antreten kann.

15.3.2020 "Die großen Ereignisse, wie gehen sie vor sich? Unerwartet und schlagartig" Milena Jesenská skizziert Prag, am Morgen des 15. März 1939. Seit dem 14. März 2020 sind die Grenzen geschlossen und die Menschen werden aufgefordert, auf Distanz zu gehen.  

13.3.2020 Um Mitternacht werden die Grenzen geschlossen. Eine Folge des am 12.3.2020 um 14 Uhr von der tschechischen Regierung ausgerufenen Notstands: Covid-19. Züge und Busse verkehren innerhalb der Tschechischen Republik. Seit 11.3. sind die Schulen geschlossen.

6.3.2020 Eine Kette durchkreuzt den Zwischenraum von Distanz und Nähe: durchwirkt vom Zufall, der an einer Stelle andockt als Welle, an einer anderen weiterfließt als Licht. Die vermessenen Möglichkeiten, alles auszuleuchten, verdirbt die in der Schlange stehende Hoffnung.

26.2.2020 Aschermittwoch. Twitter Pause. Wissensfundierte Informationen suchen, die nicht von Echokammern zugemüllt werden. Dem Durchschnitt den Rücken drehen und das ausmisten, was nicht in die Gegenwart passt: Fastenzeit.

18.2.2020 Ein Standpunkt, gehend bewegt er sich. Von orkanartigen Böen getrieben, wird Haltloses in der Luft verwirbelt. Die Wortfetzen aus Nachrichtendiensten bilden ein Geflecht. Wer webt daran, mit welcher Motivation?

13.2.2020 Die Wellen von außen das Innere neu schichten. Der Sturm - nahe am Orkan - hat sich gelegt: seine Spuren aufräumen. 

Tagesrandbild

Kreuzung

10.8.2020 Wandernd in mich hineingehen, der Weg findet sich. Einen Blumenstrauß für Milena Jesenská pflücken, in ihrer Essaysammlung "Křižovatky" (Kreuzung) fand und finde ich immer noch - die Impulse um in die eigene Spur zu kommen. Die Bilder von Ana Schönsteiner, wegweisend.

Zwischen (W) Orte

Wer ist der Zensor?

Zensor 

Milena Jesenska
Veröffentlicht in Svět práce, 1. Dezember 1933, ins Deutsche übersetzt von Eva Hoffmann