Sieben

Vor sieben Jahr wählte ich Freitag, den 13. Jänner, 13 Uhr, als Termin für ein Gespräch. Es ging um die Verlängerung meines Arbeitsvertrages.

Viele Jahre lief es gut, danach stockte ich. Die eigene Motivation war mir abhanden gekommen. Damals im Jahre 2012 war ich fünfundfünzig und auf einmal war es da, das Gefühl alt und verbraucht zu sein. Wo war die Lust, Neugierde auf etwas Neues, voll Begeisterung in einer Tätigkeit, dem Tun, dem Sein aufzugehen? Verschwunden! Das Aufstehen fiel mir von Tag zu Tag schwerer. Das Gehirn war geflutet mit Stimmen “du musst”, die Konzentration auf Wesentliches war mir abhanden gekommen. Ich verlor mich in eine Vielzahl von Ideen, doch - einst war es meine Stärke gewesen - es fehlte mir damals die Kraft zur Umsetzung. Das Gespräch am 13. Jänner 2012 dauerte drei Minuten, bevor ich mein Konzept ausbreiten konnte, wurde mir gesagt, “der Vertrag wird nicht verlängert”.

 

Im nachhinein betrachtet, ärgerte mich am meisten, dass nicht ich den Schritt - von mir aus - vollzogen hatte. In meinem bisherigen Berufsweg war ich diejenige gewesen, die den entscheidenden Schritt gesetzt hatte, gekündigt hatte um zu neuen Ufern aufzubrechen. Alle fünf bis acht Jahre hatte ich mir in der Vergangenheit, neue Ziele gesetzt, um nicht in der Routine abzustumpfen. Diesen Mut verloren zu haben, ängstigte mich am meisten - wo war die Kämpferin geblieben? Die Frau, die seit vierzig Jahren ununterbrochen gearbeitet hatte, selten mehr als eine Woche Urlaub gemacht hatte, die keinen Unterschied zwischen Frei- und Arbeitszeit machte, weil ein Leben ohne interessanter Betätigung unvorstellbar war. Ein Teil war immer ehrenamtliche Arbeit gewesen. Titel und Gehalt waren nebensächlich, das Interesse Ideen zum Leben zu erwecken, etwas Eigenes umzusetzen — das hatte mich motiviert. All das verschwand in einem tiefen Loch, bedeckt von einem Gefühl der Lähmung.

Der Verstand machte eine Aufstellung: Ersparnisse wurde den Aufwendungen gegenübergestellt. Es gab die Verantwortung für einen damals siebzehnjährigen Sohn, zwei Jahre vor der Matura. Das Ergebnis war: wenn ich meinen Lebensstil radikal ändern würde, reichten die Ersparnisse für sieben Jahre. Ich kündigte die große Wohnung, all die Abos und verschenkte Auto, Bücher, Kleidung, Einrichtung und nahm das mit, was in einem Zimmer Platz hatte. Übernahm, entgeltlos, die Pflege einer 90jährigen Dame, die für den Jungen eine wichtige Bezugsperson gewesen war und die sich wünschte, zu Hause zu sterben. Der Sohn wurde zum Erbe ihrer Wohnung eingesetzt, ich erhielt in der Wohnung der alten Dame ein Zimmer zur Untermiete. Umgeben von ihrem Hineindämmern in den Tod, dem Lernen des Sohnes für die Matura, begann ich das Fotografieren wieder aufzunehmen. Die Kamera wurde zum Gesprächspartner. Sie war geduldig, aufmerksam. Die Kluft zwischen den Bekannten, Kollegen aus früheren Zeiten wurde tiefer. Der gemeinsame Gesprächstoff verdünnte sich. Der Sohn maturierte, drei Monate danach verstarb die alte Dame. Nach dem das Notwendige getan war, packte ich den Koffer und folgte einer Einladung nach Czernowitz.

Nach der Rückkehr aus Czernowitz informierte mich der zum Erwachsenen gewandelte Sohn, dass er ab 1.1.2014 in das Berufsleben wechseln wird und von nun an nicht mehr meiner finanziellen Fürsorge bedarf. Ich begann mit dem Unterwegssein. Im Herbst 2017 zog ich wieder in eine eigene, für mich leistbare Mietwohnung. Mit der neuen Wohnung erwachte langsam die Neugierde wieder, das Staunen und der Mut, eigene Wege zu gehen. Jetzt im 62. Jahr beginne ich die Fühler auszustrecken nach neuen Ufer — indem ich besser auf die eigene innere Stimme höre, ihr folge. Leben fürderhin mit dem Sein und Tun so verknüpfen, dass es für mich stimmig ist in einer Welt, im speziellen der deutschsprachigen, wo die Identität des Einzelnen eng mit dem Begriff "Arbeit" - "Erwerbstätigkeit" verknüpft ist. Als Bezieherin einer Pension benötige ich keine Arbeit zum Broterwerb. Die Struktur eines Tages, einer Woche ist frei von Erwerbsarbeit ...

Dreizehn

Diesen freien Raum zu fühlen und nicht mit leeren Tätigkeiten aufzufüllen, darin sehe ich für mich die Herausforderung.

13. Jänner 2019, Milena Findeis, Augnerin

Tagesrandbild

Kopf-Klimm-Züge

Kopfklimmzüge

15.11.2019 Freude unmittelbar: Das Kind erklimmt den Kopf der Skulptur und lauscht den Geschichten der Bäume. Sein inneres Strahlen hat mich gewärmt - mitten im November.

Zwischen (W) Orte

Peter Handke

Peter Handke

Peter Handke und der Literatur-Nobelpreis

Erklärung deutschsprachiger AutorInnen, LiteraturwissenschaftlerInnen, PublizistInnen, ÜbersetzerInnen u.a.