Die Struktur, die maßgeblich das eigene Leben bestimmt, hinterfragend: Was wirkt wie und wo ineinander, wo sind die Hebeln, die Einsicht bewirken und eine Umkehr einleiten?

Beim Ordnen von Briefen, Notizen und Randbemerkungen merke ich wie löchrig das Erinnern ist. Ich treffe Anfang Mai Erich A. Richter  in Wien, mit dem ich mich seit Jahrzehnten, von Zeit zu Zeit, treffe – dieses Mal an einer Hotelbar. Er bringt seinen neuen Gedichtband mit. Ich spüre das Leuchten in seinen Augen, wenn er vom jüngsten Enkelkind erzählt. Die Wärme in seiner Stimme. Zurück in Prag suche ich in jenen Kartons, die die vielen Umzüge mitmachten, nach seinen Briefen und beim Wiederlesen, fällt mir die Lücke zwischen Erinnern und Vergessen auf. Sie ist in mir.

Die Handschrift der Schwester, wie sie sich entwickelt hat, über vier Jahrzehnte hinweg. Die Briefe der Großmütter, die Ansichtskarten des Vaters, die Briefe der Mutter, dazwischen das eine oder andere Telegram. Das Wiedererkennen vertrauter Handschriften, kein technisches Programm ist erforderlich, um den Inhalt zu lesen. Der Maler Richard Hirschbäck verwendete Kurrent, nach kurzem Einlesen, geht es flüssig - das Lesen. Rupert Riedls handgeschriebene Briefe haben einen anderen Klang als jene, die er seiner Mitarbeiterin diktierte. Das dünne Papier, auf dem Telexe versandt wurden und das Papier, das für Faxe verwendet wurde - der Druck beinahe verblasst. Die Resonanz, die die Buchstaben in mir hervorrufen, alleine beim Anblick des Schriftbildes, das verwundet und verwundert mich.

In anderen Schachteln finde ich Negative und Positive, in Streifen geschnitten, gerollt und gerahmt. Das eine oder andere Foto war den Briefen beigelegt. Lässt sich für all diese verschiedene Techniken eine Struktur der Ordnung finden? Kassetten in verschiedenen Formaten, Langspielplatten, CDs ...Aufnahme und Wiedergabe. Technik und Inhalt. So viele Schubladen, die zu bedienen sind. Welche funktionieren noch?

Die Minolta Dynax 7000i, ein Geschenk im Jahre 1990, mit ihr habe ich Anfang der 90er Jahre viel fotografiert. Ich nehme sie in die Hand, gehe in ein Fotogeschäft, kaufe Batterien und Schwarz-Weiß-Filme, lege beides ein. Sie macht nach wie vor Fotos.

Meine Mama wird im Juni achtzig. Sie hat oftmals gesagt, dass sie sich weder ein Fest noch Geschenke wünscht. Mit was ihr eine Freude machen? Ich denke an den Dichterfreund in Wien und seine Freude über den jüngsten Enkelsohn. Für einander dasein, zuhören, Zeit schenken, um nicht in der Erinnerung verloren zu gehen. 

30. Mai 2019, Milena Findeis, Augnerin

 PS: In der Nacht von gestern auf heute Wim Wenders Film über den Fotografen Sebastião Salgado inhaliert. "Die Erkenntnis, wie ansteckend Hass sein kann", diesen Kreislauf zu durchbrechen, darauf kommt es an.