Lebensäufe Findeis Klinger 

 "... und ich muss jetzt wieder weiter, weil mein Herz aus Freilandhaltung stammt." Danke Wortfront für dieses Lied, es begleitet mich, 

- wenn eine Begegnung oder eine Reise zu Ende gegangen ist, ein weiteres Lebensjahr der Vergangenheit angehört. Es mehren sich Jahre, Reisen und Begegnungen in der Vergangenheit. Die Zukunft tritt kürzer ...


Edith Findeis, Herbert Leidlmayr mit EnkelIn manchen Augenblicken erschließt sich mir ein Sinn, ob der Veränderungen um mich herum und in mir. Vor zwanzig Jahren hat meine Mama zum zweiten Mal ihr Ja-Wort gegeben. Nach dem Tod ihres ersten Ehemannes, meines Vaters Johann Findeis im September 1995, hat sie im Mai 1999 Herbert Leidlmayr geheiratet, der mir ein liebevoller Stief-Vater wurde und meinem Sohn ein Impulsgeber fürs Selbermachen gewesen ist.

Im Innehalten verweile ich in den Lebensläufen meiner Eltern, Großeltern und der Text von Roger Stein, gesungen von Sandra Kreisler (Tochter von Georg Kreisler, der mit Tamar Radzyner 30 Jahre befreundet gewesen ist)  holt mich immer wieder ein "es ist nicht leicht, dass man 'nen Ort Zuhause nennt".

Hochzeit Edith und Johann Findeis, 1957Jahrzehnte, die eine Kette bilden, anders geformt als die meiner Großeltern und Eltern. Bis auf meine Mama ruhen sie in Gräbern auf dem Steinfeldfriehof, Graz, in Zeltweg und in Schöder. An keinem dieser Orte hat es mich gehalten, wenn ich diese wieder einmal besuche haben diese nichts mehr gemein mit den Erinnerungen. Die einstigen Häuser wurden abgerissen, die Gräber bestehen — noch.

 

Alfred WolfEin Begräbnis am letzten Dienstag im Juli 2019 in Schöder weckt Erinnerungen an die Kindheit. Um zehn Uhr beginnen die Kirchenglocken zu läuten für die Totenmesse meines Stief-Großvaters. Der Holzsarg an dem Angehörige die Totenwache halten wird von den Besuchern mit Weihwasser besprengt. Der Rosenkranz wird gebetet. Kurz vor elf kommen sechs Mann vom Kameradsschaftbund, die den Holzsarg auf ein Gestell mit Rädern hiefen. Ich lerne, dass  Männer, die Jäger sind, einen frischen Tannenzweig auf dem Hut tragen, den werfen sie nach der Andacht ins offene Grab hinein. Sie fahren den Sarg in Begleitung von zwei Priestern, den Angehörigen, den Freunden und Bekannten in die Kirche. Die Fürbitten werden von einer Angehörigen verlesen. Einer der Priester, der den Verstorbenen kannte, hält eine Ansprache, es folgen die Ansprache einer Angehörigen und eines Freundes. Ich lerne daraus, dass mein Stief-Großvater Alfred Wolf als Vierzehnjähriger einrücken musste. Das war 1942, er wurde nach Deutschland an die Front einberufen und geriet gegen Ende des Krieges in russische Gefangenschaft,  aus der gelang ihm die Flucht zurück nach Österreich, wo er als Postbeamte in Graz ein neues Leben begann. Nach dem Requiem, in Begleitung eines Trommlers, wird der Sarg aus der Kirche, durchs Dorf gefahren begleitet vom Rosenkranzgebet, den Priestern und Angehörigen, Freunden und Bekannten. Die Strasse ist von der Polizei gesperrt. Vorm Kriegerdenkmal hält der Leichenzug, es wird salutiert und gesungen. Weiter geht es zum Dorfrand zum Friedhof. Dort werden Böller abgeschossen, das Grab gesegnet, Grussworte gesprochen. Langsam wird der Sarg von Seilen und sechs Männern gehalten in die Erde versenkt. Erde, Blumen, Tannenzweige werden auf den Sarg geworfen, geweihtes Wasser versprengt. Die Angehörigen sind die letzten, die Abschied vom Verstorbenen nehmen. Die Strassensperre ist wieder aufgehoben, alles strömt zurück ins Dorf zum gemeinsamen Leichenschmaus. 

Johann Franz Findeis, Gedenkstein Hans FindeisMein Großvater, der Vater des Vaters - Hans Findeis,  geboren am 12.11.1906 -  fiel Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Lokomotive, die er auf der Murtalbahn lenkte, wurde am 20.2.1945 bei einem Luftangriff von Bomben getroffen. Mein Vater Johann Franz Findeis (20.1.1934 - 30.9.1995) errichtete für seinen Vater  - dem Lokführer - auf der Bahnstrecke Murtalbahn einen Gedenkstein, das war Anfang der 90er Jahre, nicht allzulang vor seinem eigenen Tod, der in unerwartet, als Folge eines Schlaganfalles, ereilte. Er hätte sich gefreut zu wissen, dass sein 1992 in Prag geborener Enkel, beruflich den Fußstapfen seines Vaters gefolgt ist.

Mit seiner Frau Edith (17. Juli 1949 Graz, geborene Klinger) - meiner Mama -  die er am 21. Juni 1957 in Graz heiratete hatte er vier Kinder: ich war 1957 die Erstgeborene, es folgten Johann (Tscho) 1958, Wolfgang  (Wolf) 1961, und Sonja (Sofi) 1967. Papa absolvierte eine Lehre als KFZ-Mechaniker in Murau und nach abgeschlossener Lehre versah er seinen Dienst bei der B-Gendarmerie in Graz Wetzelsdorf. Danach leitete er als Unteroffizier beim Österreichischen Bundesheer die KFZ-Werkstätte in der Kaserne Zeltweg Hinterstoisser, gefolgt von St. Michael, bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1994.

Vaters Mutter, Wilhelmine, 1916 in MäFamilie Findeis, Schöderhren geboren kam als Jugendliche nach Schöder (Eltern Franziska, 1893-1955, Bartholomäus Bischof 1896-1969) und war in erster Ehe mit Hans Findeis verheiratet. Aus dieser Ehe stammen die Kinder Johann Franz - mein Papa - und seine Schwestern Annemarie - verheiratet Marinschek, Grete verheiratet Fellner. Nach dem Tod von Hans Findeis heiratete  Wilhelmine am 21. Jänner 1962 den Postbeamten Alfred Wolf  (24.7.1928 Peggau bei Graz - 27.7.2019 Schöder) und lebte mit ihrem zweiten Ehemann bis zu ihrem Tod am 26. Jänner 1993 in Schöder.

Ich erinnere mich, als sie mich nach der Geburt meines Sohnes  (24.12.1992) in Prag angerufen hat und auf einmal, das hatte sie zuvor nie gemacht, aus dem Deutschen ins Tschechische wechselte. Sie hat mir nie von ihrem Leben in Mähren erzählt, da sie einem Monat nach der Geburt meines Sohnes starb, konnte ich sie nicht mehr fragen. Bewusst oder unbewusst, ich weiß es bis heute nicht, bin ich 1991 einem inneren Ruf folgend nach Prag gezogen. Dort wurde am Heiligen Abend 1992 mein Sohn geboren. Er fühlt sich als Tscheche, ich habe mit ihm immer Deutsch mit steirischem Akzent gesprochen. Er hat seinen Kindertraum in die Tat umgesetzt, in dem er Lokführer - wie sein Urgroßvater - geworden ist. Sein handwerkliches Talent hat er von seinem Großvater, er schraubt gerne an alten Autos und setzt diese wieder in Betrieb. Seine Kenntnisse Paragraphen betreffend hat er von seinem Vater,  Rechtsanwalt in Prag ist und dessen Großvater Dekan an der Juridischen Fakultät - am Ende der k.u.k Monarchie -  in Prag gewesen ist.

Margarete mit Tochter Edith Klinger, 1939Meine Großmutter mütterlichseits, Margarete Klinger (9.7.1908 - 15.11.2002, Graz) , erzählte mir oft aus ihrem Leben. Sie wurde von ihrer Mutter, einer ledigen Geschäftsfrau, kurz nach ihrer Geburt weggegeben, sie hat sie selten gesehen und redete ihre Mutter, die ihr nie gesagt hat, wer ihr Vater gewesen ist, ihr Leben lang per "Sie" an.

Sie war mir von Kindesbeinen an eine enge Vertraute. Vom März 1979, damals bin ich aus der Steiermark fortgegangen, habe ich bis zwei Jahre vor ihrem Tod mit ihr einen intensiven Briefwechsel geführt. Mehr als 500 von ihr geschriebene Briefe, einer der wenigen Dinge, die ich bei allen Umzügen mitgenommen habe, begleiten mich heute noch. Als ihr das Schreiben schwer fiel wurden die Briefe durch Telefonate ersetzt. Von Kindesbeinen an habe ich sie regelmäßig besucht. Von ihr, die vier Jahre lang eine Schule besuchte, danach als Dienstmädchen in diversen Haushalten - bis zu ihrer Heirat - arbeitete, habe ich viel mitgenommen. Ich kann mich nicht erinnern, von ihr je ein böses Wort gehört zu haben auch finde ich dieses nicht in ihren Briefen.


Fotoaufschrift Adolf Klinger, 2. September 1939Dem Kalender meines Großvaters Adolf Klinger (15.5.1908 - 30.11.1980 Graz) entnehme ich, dass meine Großeltern am 24. September 1938 geheiratet haben. Am 18. Juni 1939 wurde Tochter Edith, am 16. August 1940 Sohn Adi geboren. Die Rückseite eines von meinem Großvater am 2.9. 1939 beschrifteten Fotos, das er während des ganzen Krieges bei sich trug, bat den Finder, für den Fall, dass er im Krieg fallen würde,  seine Frau zu benachrichtigen. Er hat den zweiten Weltkrieg überlebt und ist - nach dem er als russischer Kriegsgefangener entlassen worden war - 1948 nach Graz zurückgekehrt. 

Adolf Klinger, Schuster Mir, der im August 1957 Geborenen, ist mein Großvater als Schuster in Erinnerung. Gerne besuchte ich ihn in seiner Schusterwerkstatt und erinnere mich an das Paar roter Halbschuhe, das er mir zu meinem Schulbeginn angefertigt hatte. Von meiner Geburt an bis zu meinem vierten Lebensjahr wohnten wir  bei meinen Großeltern, in einem Dachausbau einer Lagerhalle, bestehend aus einer Küche mit einem mit festen Brennstoff zu heizenden Herd, einem Schlafzimmer,  - ohne Wasseranschluss. Ein Plumpsklo befand sich im Hof, detto ein Brunnen.

Die Wohnung meiner Großeltern Klinger in Pirka war als Interimslösung nach dem Krieg gedacht war. Von 1957 wohnte dort auch mein Vater, meine Mutter, ihr Bruder und ich - 1958 kam mein Bruder hinzu. 1961 zog ich mit meinen Eltern und Geschwister in ein kleines Haus am Waldrand von Windorf und im November 1968 nach Zeltweg, wo meinem Vater vom Österreichischen Bundesheer eine Dienstwohnung in der Flughafensiedlung zugeteilt worden war.

Meine Großeltern blieben in dieser "Interimswohung" bis 1975 - damals war ihnen eine Gemeindewohnung zugewiesen  worden. Sie hatten zum ersten Mal in ihrem Leben eine Wohnung mit WC, fließendem Warm- und Kaltwasser, einen Elektroherd und eine Zentralheizung. Ich habe sie in beiden Wohnungen oft und regelmäßig besucht, verbrachte dort meine Ferien und als ich arbeitete verbrachte ich einen Teil meines Urlaubs bei ihnen in Pirka. Es gehörte dort zu den Gewohnheiten abends gemeinsam einen Dorfspaziergang zu mFamilienbaum Findeis Klingerachen. Manchmal wurde wir von Bekannten, auf einen Most, ein Glas Wein eingeladen. Mittags und abends wurden im Radio die Nachrichten gehört, morgens die Kleine Zeitung gelesen. Mit besonderer Aufmerksamkeit die Patezetteln .... warum gerade diese, verstehe ich heute um vieles besser als damals.

Vieles hat sich geändert, die eine oder andere Gewohnheit habe ich übernommen, es bleibt die Frage "Warum, gerade das?" Darin eine Antwort zu finden, füllt mich aus. An manchen Tagen fühlt es sich gut an, an manchen Tagen überwiegt die Trauer, die Melancholie und dann erinnere ich mich an den Lebensmut meiner Oma und das hilft mir, Mut für das Heute, die Zukunft zu schöpfen. Mich an sie zu erinnern, für die Jammern ein Fremdwort geblieben ist wie auch für meine Mama, die sich mit ihren 80 Jahren noch täglich auf das Fahrrad schwingt, ihre Besorgungen macht, kocht unterstützt von ihrem zweiten Ehemann Herbert, der so lange ich ihn kenne, immer ein aufmunterndes Lächeln bereit hält. 

 

"Ich weiß es bleibt von jeder Sicherheit am Ende nur Ballast."
Wortfront

 

August 2019, Milena Findeis